Kretas alternative Ökonomien — IG Kultur

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INHALT 03/2012

 

Kretas alternative Ökonomien

Eva Simmler

Impressionen einer griechischen Insel in Krisenzeiten.

Nun bin ich seit einigen Monaten auf Kreta, ein Frühling, ein Sommer, ein Bergdorf, dann ein Küstenort, touristische Flaute und Hochsaison, zwei Parlamentswahlen, viele Eindrücke und Begegnungen. Familiäre und berufliche Gründe haben mich motiviert, diese größte aller griechischen Inseln mit ihren drei Städten, beeindruckenden Gebirgszügen, Schluchten und Bergen, fruchtbarem Grünland und unzähligen Stränden und Buchten intensiver kennenzulernen. Mit und ohne Familienanschluss zu erfahren, was es bedeutet, in einem europäischen Land im Ausnahmezustand, in permanenter Improvisation, mit omnipräsenten Diskussionen über gescheiterte Politik und kollabierender Wirtschaft zu leben, zu überleben.

Was passiert, wenn der Sozialstaat respektive der Staatshaushalt zusammenbricht, Erwerbsarbeitslosigkeit europäische Rekordwerte erreicht – etwa 25 Prozent und mehr als 50 Prozent bei Jugendlichen –, die konventionellen Einnahmen zu großen Teilen wegfallen und im Gegenzug die Lebenserhaltungskosten kontinuierlich steigen? Wie organisiert sich eine Gesellschaft, die sozusagen „zum Handeln verdammt“ ist? Gilt der Mythos von „Krise als Chance“, und können andere Sozietäten aus diesen Prozessen etwas lernen?

Vergleichbar mit anderen Weltgegenden mit bewegter und widerständiger Geschichte, nicht zufällig fast alles Berglandschaften, hat sich auf Kreta ein starkes – kollektives und individuelles – Selbstbewusstsein entwickelt. Dieser „Stolz“ auf Land und Tradition gemeinsam mit teilweise archaisch anmutenden, patriarchalen Familienstrukturen bilden hier das Fundament für eine Existenz. Es sind dies also nicht unbedingt die Grundwerte einer linken, feministischen Großstadtbewohnerin, die als Ausgangspunkte für Solidarität und autonomes, alternatives Handeln jenseits hegemonialer Produktions- und Verwertungsprozesse berücksichtigt werden müssen.

Geschichte und Aktualität des Tauschhandels auf Kreta

Immer schon war in Griechenland die Tauschwirtschaft ein wesentlicher Faktor des Alltags. Es wurde und wird in großem Umfang getauscht, vorrangig innerhalb der Großfamilie, Produkte (wie zum Beispiel Olivenöl, Gemüse, Fleisch, Wein oder auch Möbel), Dienstleistungen (zum Beispiel handwerkliche Arbeiten) und nicht-monetäre Handlungen. Letztere sind kulturelle Vermittlungstätigkeiten oder auch Kindererziehung und Altenpflege, die sich zu großen Teilen der kommerziellen Professionalisierung entzogen haben. Alte kretische Frauen und Männer berichten mir, dass es vor ein paar Jahrzehnten in den ländlichen Gebieten gar keine Alternativen zu diesem System gegeben hätte und sie mit Erstaunen feststellen, dass es in den letzten Jahren zu einer Renaissance dieser Lebensweise gekommen sei. Dieser Tauschhandel funktioniert vor allem deshalb, weil es innerhalb des Familienverbands und in der Nachbarschaft intensive Kommunikation, landwirtschaftliche Nutzflächen und über (und mit) mehrere(n) Generationen bewohnte Häuser gibt. Frauen leisten hierbei – meiner Beobachtung nach – den größten Anteil, denn auf Kreta sind es zu großen Teilen sie, die einer geregelten Erwerbsarbeit nachgehen und somit klassisch zwei- oder dreifach belastet sind.

Nichtsdestotrotz tragen diese Prozesse, besonders in Zeiten mit zunehmender Verarmung der Bevölkerung, wesentlich dazu bei, dass mehr als nur überleben, nämlich auch „leben“ möglich wird, auch oder gerade weil der Job nicht im Mittelpunkt steht. Existenzielle Bedürfnisse in den Bereichen Ernährung, Wohnen und Soziales können mit einem relativ geringen finanziellen Aufwand befriedigt werden und entziehen sich dabei einer Kontrolle oder Steuerung. Fraglich ist, ob diese Transaktionen abseits von dokumentierten (und besteuerbaren) Leistungen wirklich, wie von manchen ökonomischen Schulen gerne behauptet wird, der Volkswirtschaft einen großen ökonomischen Schaden zuführen. Da offensichtlich zu viele Institutionen des Staates mangelhaft bis gar nicht funktionieren, infrastrukturelle und soziale Aufgaben vernachlässigt werden, ist gut nachvollziehbar, dass als gemeinschaftliche, solidarische Einheit eben nicht das Konstrukt des Nationalstaates, sondern die Großfamilie, im idealen Fall darüber hinaus das Dorf, der Bezirk oder die Region angesehen werden. Wenn ich dem staatlichen Schulsystem nicht vertrauen kann und meinen Kindern private Nachhilfe und Unterricht organisiere, wenn ich die Schlaglöcher auf der Straße zusammen mit meinen NachbarInnen selber repariere, wenn ich meine und deren Post vom Hauptplatz abhole, darf mich niemand ermahnen, dass ich unsolidarisch leben würde – so wie immer wieder in europäischen Medien das asoziale Verhalten in Griechenland behauptet wird.

Steuerboykott und von Geld entkoppelte „Tauschkreise“

Korrupte, kriminelle Firmen und Personen, die wissen, wie sie sich „im großen Stil“ der Steuerabgabe entziehen können, gibt es überall und demnach auch in Griechenland. Deutlich von diesen unterscheidet sich eine (ständig wachsende) Gruppe von AktivistInnen mit dem (schwer zu übersetzenden) Namen „Wir zahlen keine (zusätzlichen) Steuern!“. Es handelt sich bei den ProtagonistInnen um aktive, politische Subjekte, die Korruption, Miss- und Klientelwirtschaft der Regierung(en) anklagen, und nicht um die mehr oder weniger versteckten SteuerbetrügerInnen des Großkapitals. Die konsequenten Aktionen machen deutlich, dass es sich um die Umsetzung einer radikaldemokratischen Ideologie handelt. Neben Denkanstößen für die öffentliche Diskussion zur Sinnhaftigkeit von Steuern und der Ausweitung des Themas auf Verteilungs- und Gerechtigkeitsfragen hat die Initiative vor Kurzem auch einen Erfolg beim Obersten Gerichtshof erlangt: Ein Boykott der neu eingeführten und zusammen mit der Stromrechnung (perfide) eingehobenen Haussteuer ist nun möglich, ohne dass der Strom abgedreht wird. Autobahngebühren werden durch einfaches Schrankenhochheben umgangen, geraucht wird nach Möglichkeit selbst angebauter Tabak. AktivistInnen auf Kreta sammeln diverse „ersparte“ Steuern und finanzieren so zum Beispiel Volxküchen oder unterstützen Projekte von und für illegalisierte MigrantInnen.

Seit einiger Zeit gibt es auch in Griechenland – und auf Kreta – von Geld entkoppelte „Tauschkreise“, und erstaunlich viele Menschen sind daran beteiligt. Bei näherer Recherche stellt sich heraus, dass davon ein hoher Anteil MigrantInnen sind, in diesem Fall ZuwandererInnen aus dem Norden, Personen aus England, Deutschland und anderen europäischen Ländern, die von den familieninternen Tauschstrukturen ausgeschlossen sind. Diese primär über das Internet organisierten Tauschringe unterscheiden sich von den mir bekannten (österreichischen) durch den ausdrücklichen Wunsch nach Aktivität und die regelmäßig stattfindenden Märkte. Der Austausch und die Weiterentwicklung dieser Projekte werden also nicht ausschließlich dem Internet überlassen, mit Wissen über Exklusionsmechanismen und mit dem Bedürfnis nach Kommunikationsplätzen und Freiräumen. Neben diesen Tauschmärkten gibt es auf Kreta unzählige Straßen- und Flohmärkte, die ebenfalls von den zugewanderten EuropäerInnen (mit)organisiert werden. Die Tischmieten oder Umsatzbeteiligungen werden an diverse Organisationen gespendet, manchmal an Privatinitiativen, manchmal an kirchliche Einrichtungen. Etwas skurril, aber leider auch symptomatisch ist die Geschichte einer „betroffenen“, griechischen Familie, die erst bei Zustellung eines Lebensmittelpakets von einem solchen Markt in ihrer unmittelbaren Umgebung erfahren hat. In Folge nahmen die Familienmitglieder selbst daran teil und verkaufen dort ihre Oliven und Wein. Das Verkaufen, aber auch das Kaufen von verschiedensten Produkten, Lebensmitteln und klassischer Flohmarktware bedeutet für nicht wenige Menschen eine lebenswichtige Einnahmen- und Bezugsquelle.

Hilfsprojekte zwischen Solidarität und Kuriosität

Ein weiteres Projekt im Bereich der solidarischen Hilfe auf Kreta, welches hoffentlich auch den „normalen“ Urlaubenden auffällt, ist die Privatinitiative helping hands. Fast jeder Supermarkt, jeder Greißler, manche Apotheken, diverse Geschäfte und viele Hotels haben neben der Kassa oder im Empfangsbereich einen Korb für Lebensmittel- und andere Sachspenden stehen. Einmal wöchentlich werden diese Körbe in der Region gesammelt und in Kooperation mit dem Sozialamt der Gemeinde, die Meldungen über bedürftige Personen oder Familien hat, Hilfspakete zusammengestellt und ausgeliefert. In einer Region mit etwa 12.000 EinwohnerInnen (in der Hauptsaison mit zigfach so vielen Menschen) kommen so jede Woche an die 250 Pakete zustande. Zusätzlich werden von den InitiatorInnen von helping hands regelmäßig Produkte mit Geldmitteln zugekauft, die auf verschiedenen Fundraising Events wie Konzerten, Essen oder Freiluftkino gesammelt werden. Die staatlichen sozialen Institutionen sind schon seit längerer Zeit nahezu handlungsunfähig, und das (manchmal berechtigte) Argument, dass Privatinitiativen nicht staatliche Aufgaben übernehmen sollten, ist angesichts der akuten Not vieler Menschen hier hinfällig.

Es gibt viele, teilweise kuriose oder zu hinterfragende Initiativen, die sich der Rettung des krisengeschüttelten griechischen Bevölkerung verschrieben haben: Olakala! (Alles ist gut!) nennt sich ein Projekt eines Medienkonzerns, das Hilfesuchende und HelferInnen bzw. NGOs vermittelt, dazu ein Internetportal betreibt und eine „Oase der Positivität“ sein will. Auch über das Internet abgewickelt werden Sammelbestellungen landwirtschaftlicher Produkte von BewohnerInnen eines Dorfes oder Bezirks und ermöglichen zu günstigsten Preisen den Direktbezug von Erdäpfeln oder Orangen. Die allerhässlichste „Initiative“ präsentierte sich diesen August in Athen: Die faschistische Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgendämmerung) verschenkte Lebensmittel an zentralen Plätzen, allerdings nur an Griechen und GriechInnen, die ihre nationale Identität nachweisen konnten. Und obwohl diese Aktion von der Stadtregierung verboten wurde, setzten sich die im Parlament vertretenen FaschistInnen durch.

Auch das ist leider griechische Realität. Die beiden (ehemaligen) Großparteien wurden bei den Wahlen massiv abgestraft, Wahlgewinner war ein links-radikales Wahlbündnis, aber eben auch mit sieben Prozent die faschistische Partei. Die derzeitige (August 2012) schwache, fremdbestimmte Regierung zählt ihre Tage und es werden erneut große Streiks und Massendemonstrationen auf der Tagesordnung stehen. Auch die extreme, unhaltbare Situation für papierlosen MigrantInnen dürfte sich weiter verschärfen. Die demokratische, ökonomische und soziale Krise hier als „Chance“ zu begreifen, verfehlt das Ziel einer gerechten, würdevollen und friedlichen Gesellschaft. Die in diesem Text vorgestellten Strukturen und Initiativen, sich Existenz und Alltag zu organisieren, sind nur kleine, alternative Modelle, die vor allem die Ideen von Solidarität und Selbstermächtigung am Leben halten.

Eva Simmler ist Kulturarbeiterin und Deutschtrainerin, lebt in Wien und auf Kreta.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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