Frauen-Fragen — IG Kultur

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INHALT 01/2013

 

Frauen-Fragen

Sabine Sölkner

Eine bereichernde Versammlung von Texten zu feministischer Diversität liegt mit dem 2012 erschienenen Buch vor, das anlässlich der ersten Frauendemonstration 1911von zwei Aktivistinnen der Plattform 20.000 Frauen herausgegeben wurde. Neben Texten von Autorinnen, die als „junge Klassikerinnen“ der Frauenbewegung bereits mehreren Generationen von Feministinnen etwas lehr(t)en, wie etwa Gerburg Treusch-Dieter, Frederika Giardini, Tove Soiland oder Barbara Duden, arrangiert das Buch (mitunter sehr bekannte) vor allem österreichische und deutschsprachige Feministinnen mit ausgewählten politischen Analysen und Einschätzungen.
Die Beiträge des Buches liefern eine fundierte Zusammenschau unterschiedlicher Zugänge und ein lebendiges und abwechslungsreiches Wissen über emanzipatorische Entwicklungen oder konkreter: über die Geschichte der österreichischen Frauenbewegungen und feministische Arbeit. Auch Techniken des Gender-Mainstreaming und damit die Frage der aktiven Mitwirkung oder Instrumentalisierung feministischer Perspektiven und erfolgreiche Widerstandstaktiken gegen (neoliberalen) Gesellschaftsumbau und kognitiven Kapitalismus werden verhandelt.
Grafisch hervorgehoben, in grau gehalten, sind fünf Texte über das Buch gestreut, die gemeinsam mit einem Fototeil Artefakte und Figurationen der Plattform 20.000 Frauen und Hintergründe zum Frauentag 2011 liefern. Diese punktuelle Dokumention des Aktivismus der Plattform im öffentlichen Raum bleibt fragmentarisch, was aktuelle feministische politische Praxen für die Leserin zum Spuren-Lesen macht.

Das Buch ist Zeuge, dass die (De-)konstruktion von „Wir-Frauen“ als politische Subjekt-Strategie nicht obsolet geworden ist, und dass die Infragestellung dieser Chiffre zu mehr Klarheit und Selbstbewusstsein führt, weil es möglich ist, eine Kultur der Sensibilisierung für die Auslotung der konkreten Tausch- und Kooperationsbeziehungen vorzustellen, über eine Kultur der „Awareness“ zu berichten. Die Herausgeberinnen bemühen sich um eine Verbindung vielfältiger Ausdrucksformen und Statements, um die Stärke der Frauen-Bewegung einzufangen: ihren Umgang mit Macht, Differenz(en), Widersprüchen und Begehren und die vielfältigen kreativen Praktiken, den Alltag politisch zu leben. Diese diskursiven Verankerungen erlauben Fluchtpunkte, die Feministin-Werden als Begehren aufblitzen lassen, als Interesse an einem anti-normativen, solidarischen und freien Leben.

Die Stärke des Sammelbandes „Frauen-Fragen. 100 Jahre Bewegung, Reflexion, Vision“ ist es, gesellschaftspolitische Fragen anzustupsen und diese um Ereignisse der aktuellen Plattform 20.000 Frauen zu verbinden. Als kritische Leserin hatte ich an der einen oder anderen Stelle den Eindruck, dass eine Othering-Praxis einen „post- und elitefeministischen“ (sic!) Komplex buchstabiert, was den eigenen blinden Fleck – zum Beispiel die fehlenden anderen Frauen oder die eigene generative politische Sozialisation – gut bedient, aber gleichzeitig sind das meine Übertragungen auf ein lehrreiches und vielfältiges Buch in Bezug auf feministische Geschichte und Bewegungen. Jede Autorin bringt ihre eigene Sprache und einen spezifischen Fokus ein, sodass eine widerspenstige Artikulation, ein subkulturelles Universum entsteht.
Ein Motor des Buches sind die Sehnsucht und Möglichkeiten, eine andere Welt mit anderen Ordnungen zu beleben. „Reflexion und ,Widerstreit’ sind nötig, um alte Brücken zu festigen oder neue zu bauen und damit den gemeinsamen Widerstand gegen die Zumutungen der Institutionen weiter oder neu zu entwickeln.“ (Elisabeth Klaus, S. 377). Ein aktueller Forschungsstand für diese Aufgabe liegt mit diesem Buch vor.

Birge Krondorfer, Hilde Grammel (Hg.innen): Frauen-Fragen. 100 Jahre Bewegung, Reflexion, Vision. Wien: Promedia 2012

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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