Aufmerksamkeitslandschaften in Oberösterreich — IG Kultur

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Anmelden

INHALT 01/2012

 

Aufmerksamkeitslandschaften in Oberösterreich

Pamela Neuwirth

Eine neue Studie untersucht Reichweiten und Potenziale des dritten Mediensektors in Oberösterreich.

Die Geschichte der Freien Radios ist jung und bewegt. Nach den Hubschrauberfahndungen nach PiratensenderInnen in den späten 1990er Jahren und den gesetzlichen Forderungen nach Rahmenbedingungen für Freie Radios in den Folgejahren konnten RadiopionierInnen im zähen Diskurs mit dem Gesetzgeber die Forderungen nach einem dritten Mediensektor nach und nach realisieren. Bald wurden die Freien Radios zum Mittel, abseits des Medienmainstreams Widerstand und Kritik in der Öffentlichkeit zu lancieren und eine gesellschaftspolitische Programmierung zu formulieren. Die Spitzen von Ereignissen mit großer Öffentlichkeit waren beispielsweise der medial unterstützte Protest gegen die Blau/Schwarze-Regierungskoalition vor allem auf Wiens Straßen durch Radio Orange. Wenige Jahre später engagierten sich die Freien Radios für Uni-brennt-Berichterstattungen, die im Freien Radio in Wien weniger stark präsent waren als in Linz, wo es anlässlich der Linzer „Kunst-Uni-Spätzünderin“ notwendig war, kurzerhand das Radiostudio für dringliche Sondersendungen zu besetzen. Im Salzkammergut reagierte das Freie Radio auf Verschiebungen am Mediensektor rasch und professionell. Als die Moser Holding die OÖ Rundschau übernahm, gab es durch die folgenden Einsparungen für zwei Jahre keine RedakteurInnen für das innere Salzkammergut. Radio FRS (Freies Radio Salzkammergut) versuchte, sich in dieser Situation redaktionell zu positionieren und die Lücke im Zeitungsbereich zu schließen. So unterschiedlich die Gewichtung und Anlassgebung von Themen bei den Freien Radios sind, so unterscheidet sich auch eine Charta von Radio zu Radio graduell, ebenso wie die Ausrichtungen der einzelnen Freien Radios untereinander differieren, da sich die räumlichen und sozialen Bedingungen in den Regionen konkret voneinander unterscheiden.

Einen Grundtenor hat das politische Programm. Man muss es zwangsläufig derart metaphorisch formulieren: Ein Freies Radio versteht sich als Spiegel der Gesellschaft, indem eine Medieninfrastruktur bereitgestellt wird, die ein selbstermächtigtes Medienschaffen aller unterstützt. Diese kontinuierliche Arbeit an einer medialen Infrastruktur wirkt im Hintergrund, und wenn ein Schlaglicht auf diese gesetzte Infrastruktur fällt, erscheint das Unterfangen auf Außenstehende oftmals mehr als kontrollierte Unkontrolliertheit. Es schwingen die üblichen Klischees mit: DilettantInnen, IdealistInnen, Randgrüppchen etc. Wenngleich es in Freien Radios Diskussionen darüber gibt, ob und wie die Vor- und Nachteile von Freien Kollektiven versus Institutionalisierung oszillieren und behandelt werden müssen, ist eines gewiss: Die Charta der Freien Radios hat die Gesellschaft erreicht. Das anfängliche Experiment Freies Radio ist geglückt.

Die Verpflichtung

Welches Motiv aber hat Radio FRO (Freier Rundfunk Oberösterreich), eine Studie über Sendereichweiten an der Johannes Kepler Universität in Auftrag zu geben? In der Frage der Quoten findet sich das Motiv wohl nicht. Die Auftraggeberin versteht die Studie als eine Verpflichtung gegenüber den Hörerinnen und Hörern. Die Reichweiten und Potenziale der vier Freien Radios in Oberösterreich (OÖ) und des Community-TV-Projekts dorftv mit Sitz in Linz wurden von MitarbeiterInnen des KUWI (Institut für Kulturwirtschaft und Kulturforschung) ermittelt. Der dritte Mediensektor schließt die Radios FRS, B138 in Kirchdorf, die Freien Radios Freistadt und Linz sowie dorftv mit ein. Die leitenden Fragen sind: Wer hört und sieht Freie Medien und warum? Wo liegen die Potenziale, und welche Hör- und Sehgewohnheiten verbinden die Befragten damit? Die Studie wurde konzipiert, um die RezipientInnen selbst in den Mittelpunkt zu stellen; sie sind der Korpus der Studie. Nicht endlose Zahlenreihen, sondern bloß eine Ziffer soll die allgemeine Beurteilung der HörerInnen verdeutlichen: die Zwei. Nach Schulnoten befragt, ergab sich für die Freien Medien in OÖ von den 1000 via Telefon befragten Personen eine Beurteilung der Note Gut. Die Umfrage besagt weiters, dass etwa 400.000 Menschen in OÖ (60 Prozent) annähernd wissen, nach welchen Prinzipien sich Freie Radios organisieren. Eine Viertelmillion Menschen kennt zumindest ein Radio dem Namen nach. 150.000 Personen haben bereits Programme gehört und ca. 50.000 Menschen zählen sich zum HörerInnenkreis eines Freien Radios. Im Empfangsgebiet von dorftv, das seit 2010 über DVB-T sendet, kennen 13 Prozent der Befragten das Freie TV-Medium.

Katalysatoren

Ein aussagekräftiges Detail der Studie besagt im Übrigen, dass jede Person, die ein Freies Medium kennt und nutzt, wie ein Katalysator für die Verbreitung Freier Medienagenden in ihrem eigenen sozialen Umfeld wirkt. Die Studie befasst sich neben den Hör- und Sehgewohnheiten sowie Reichweitenerhebungen mit einer weiteren Dimension. Der Fokus liegt hier auf jenen Personen, die bisher noch keine Angebote des dritten Mediensektors in Anspruch genommen haben, jedoch mit der Programmatik der Freien Radios grundsätzlich konform gehen. Ein eigens dafür entwickeltes Rechenmodell ermittelte, für wen zwar die Grundsätze der Freien Medien wie Meinungsvielfalt, unabhängige Berichterstattung und Freie Musik als netzpolitische Agenda zentrale Anliegen sind, wer diese jedoch in den Angeboten des ORF und den privat-kommerziellen Anbietern vermisst. In Zahlen sind das beispielsweise im Sendegebiet des FRS rund 38 Prozent und in der Region Freistadt 43 Prozent. Ein weiterer Katalysator ist die hohe Beteiligungs- und Schulungsbereitschaft, durch die fast 30 Prozent ein mehr an Medienkompetenz anstreben. Die Studie zeigt: Den Menschen ist die Chance der Beteiligung wichtiger als bisher angenommen.

In den Untiefen des Radio FRO Büros findet sich das Credo: „Die Freien Radios und Fernsehprojekte reißen sich den Arsch auf für Meinungsfreiheit, Demokratie und Zivilgesellschaft. (Und haben eine Mordsgaudi dabei).“ Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Pamela Neuwirth lebt als Freie Radiojournalistin in Linz.

Anmerkungen

Oberösterreich (OÖ) ist das „Land der Freien Radios“. In keinem anderen Bundesland gibt es eine derartige Dichte an nichtkommerziellen Radios, und es ist kein Ende abzusehen. Neben dorftv und den vier Radios entwickeln sich in OÖ bereits weitere Freie Radioprojekte in Vöcklabruck und Ottensheim.

Eine pdf-Version der Studie steht auf www.fro.at frei zum Download bereit.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

Kulturrisse -

Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik

 

seit 1996

Oppositionen
gegenhegemoniale Konzepte und Unternehmen im zivilgesellschaftlichen Bereich

Kulturpolitiken
kritische Kommentare zu neuesten Entwicklungen der Kulturarbeit, Kulturpolitik, Kulturfinanzierung und der Kulturverwaltung

Kunstpraxen
Schlaglichter auf gelungene künstlerische Interventionen

Kosmopolitiken
Andocken an Diskurse jenseits der Grenzen des Nationalismus

IG KULTUR Österreich
Gumpendorfer Straße 63b
A-1060 Wien