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INHALT 02/2011

 

Figuren des Immunen

Ruth Sonderegger

Isabell Lorey: Figuren des Immunen. Elemente einer politischen Theorie
Zürich: Diaphanes 2011

Von den drei „Figuren des Immunen“ und den damit korrespondierenden Konzeptionen des Politischen, die Isabell Lorey untersucht, sind zwei herrschaftsförmig und eine widerständig. Die erste herrschaftssichernde Form des Immunen ist die juridische Immunität. Sie stützt sich auf die politiktheoretische Annahme, dass nur das auf absolute Souveränität gegründete Recht den einzelnen Rechtssubjekten Schutz vor Übergriffen durch andere Subjekte und Sicherheit gegenüber chaotischen (Natur-)Zuständen garantieren kann. Gerade weil absolute Rechtssouveränität aber eine Fiktion ist, tendieren die darauf basierten politischen Systeme dazu, das nur vermeintlich souveräne Recht um seiner selbst willen zu schützen. Letztlich schützt und immunisiert das Recht dann vor allem sich selbst und fordert eine immer unerbittlichere Unterordnung der Rechtssubjekte.

Das zweite Modell herrschaftsförmiger Immunität ist die biopolitische Immunisierung. Die entsprechenden Politiken haben – hier folgt Lorey Foucault – aus dem wunden Punkt der juridischen Immunität gewissermaßen gelernt: nämlich, dass absolute Souveränität und hundertprozentiger Schutz Phantasmen sind, zumindest im Zeitalter unüberschaubarer Waren- und Menschenströme, wie Foucault sie schon in Bezug auf das 18. Jahrhundert analysiert hat. Unter diesen Umständen muss die nie ganz auszuschließende Bedrohung von außen – sei es in der Form der Fremden, der Revoltierenden, der Anormalen oder Kranken – zum Instrument einer Politik des Gefahrenmanagements gemacht werden: Manche Aspekte des Fremden werden durch Integration unschädlich gemacht; andere hingegen gilt es zu hegen und zu pflegen, damit sie als abschreckender Horror an die Wand gemalt werden können, um unter dem Vorwand der Sicherheit die unterschiedlichsten Herrschaftsformen zu legitimieren. Angst ist hier das Kapital der Kontrolle.

Die dritte Figur des Immunen ist – wie gesagt – eine widerständige. Lorey geht es dabei um die Bewegung eines Instituierens, das sich weder affirmativ noch negierend auf vorgängige Konstitutionen oder Institutionen beruft; vor allem aber ist es ihr um ein kreatives Konstituieren derjenigen zu tun, die aus der Perspektive eines bestehenden Gemeinwesens als Fremde und als Bedrohung abgewehrt werden. Wenn diese Anderen sich konstituieren, dann tun sie es – zumindest vorläufig – unter Anerkennung ihrer Bedrohtheit und Verletzbarkeit und also jenseits der Phantasmen juristischen oder biopolitischen Sicherheitsdenkens.

Lorey zufolge hängen die drei genannten Politikkonzeptionen über die lateinische Wortwurzel munus für „Schutz“ und „Abgabe“ miteinander zusammen, wobei sie vom für die dritte Figur bestimmenden immunio (wörtlich: „hineinbauen“), was als „errichten“ übersetzt werden kann, den Konstitutionsgedanken ableitet. Viel wichtiger als der zufällige, etymologische scheint mir aber ein Zusammenhang ganz anderer Art:

Theoretiker jener juridischen Souveränität, die auch noch der biopolitischen Transformation der Politik zu Grunde liegt, berufen sich immer wieder auf die sogenannten plebejischen Ordnungskämpfe in der frühen römischen Republik (5.-3. Jahrhundert v.u.Z.) als einer Art Ursprungsszene des rechtlichen Souveränitätsgedankens. Lorey hingegen zeigt, dass man diese Kämpfe ganz anders lesen kann, ja muss: nämlich als einen Prozess widerständiger Konstitutionen seitens der Plebejer. Damit erweist sich das Paradigma immunisierender juristischer Souveränität, das von Machiavelli bis Agamben als Scharnier okzidentaler politischer Theorie gilt, als begrenzt und keinesfalls alternativlos; nicht zuletzt zeigt es sich als Ausdruck eines Willens zur Souveränität um Willen der Herrschaft der Souveränität.

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