Budenzauber mit Karl Marx — IG Kultur

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Anmelden

INHALT 02/2011

 

Budenzauber mit Karl Marx

Barbara Eder

Ein Aufwind des Marxismus ist derzeit nicht nur im Kunstfeld zu bemerken, sondern auch in artverwandten akademischen Landschaften – „Re-thinking Marx“ in academia und anderswo.

Wer nach 1989 noch geglaubt haben mag, jenem zentralen Denker der Entfremdung, der Ausbeutung, der Ware und der Arbeit nur deshalb ein Grab schaufeln zu müssen, weil seine Lehren vormals staatssozialistisch eingeebnet wurden, wird spätestens mit der Eskamotage, die ein derartiger Akt der frühzeitigen Einsargung zur Folge haben muss, sein blaues Wunder erleben. Wie man mit Blick auf die Entwicklungen eines global operierenden Kapitalismus, dessen zollfreies Handelssystem in post/kolonialer Tradition zur Mehrung des im „Mutterland“ der „ersten“ Welt ohnedies im Übermaß vorhandenen Wohlstandes führt; wie man angesichts der Paradoxie einer nationalen Anrufung der neoliberal abgeschlankten Staatsmaschine im Moment des Bankrotts von Banken; und wie man in Anbetracht der von Marx konstatierten – und in modernen Migrationsregimen sich inkarnierenden – „ursprünglichen Akkumulation“ ungebundener Arbeitskräfte zum Zweck ihrer Zernierung in den rechtlichen Grauzonen von internationalen Billiglohnsektoren die Erkenntnisse einer traditionsreichen marxistischen Epistemologie unerwähnt lassen kann, scheint dieser Tage wenigstens einer Legitimation zu bedürfen. Was also tun mit den Marx’schen Gespenstern? Wie also ist die Bürde eines „Alb[s] der toten Geschlechter“ (Marx), jener unaufhebbare Rest der zu ihren Lebzeiten noch uneingelösten Forderungen, in die Gegenwart zu überführen? Wie ist ein Erbe zu behandeln, das im politischen Erfahrungsraum der Gegenwart seine eingehende Berücksichtigung (noch) nicht ausreichend erfahren hat?

Ist man eine Institution, dann verfügt man zumeist auch über ausreichend finanzielle Mittel, um den internationalen Symposions-Tourismus zum Zweck der Veranstaltung einer einschlägigen Konferenz zu forcieren. Verfügt man über diese Mittel indes nur bedingt, dann empfiehlt es sich, über den Umweg der Publikation in entsprechenden Organen das jeweilige gesellschaftliche Subsystem marxistisch zu infiltrieren. Beide Strategien kommen derzeit beredt zur Anwendung. Marxens Erbe ist zugleich Gegenstand von internationalen Konferenzen wie etwa jener mit dem Titel „Re-thinking Marx“, die vom 20.-22.5. 2011 an der Humboldt Universität zu Berlin stattfand; ebenso stellen dessen Ausführungen hidden signifiers in Kunstkatalogen dar, die in einem gesellschaftlichen Feld kursieren, das zur Kaschierung der eigenen markförmigen Mechanismen gerne auf allzu explizite Rekurse auf die politische Ökonomie verzichtet. Dennoch bleibt jedwede Form der Zeichenproduktion an ideologische Faktoren gebunden, die ohne Marx nur bedingt als solche lesbar werden.

Marx und die rassifizierende Taxonomie nicht-europäischer Arbeitskraft

Betrachtet man Marx primär als Theoretiker der Arbeit und der dazugehörigen Ausbeutungsverhältnisse, dann muss das von Immanuel Wallerstein nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus als „Epoche der tausend Marxismen“ bezeichnete Zeitalter der Gegenwart vor allem im Hinblick auf die Genese eurozentrischer Rassismen in der Marx’schen Theorie selbst kritisch gegengelesen werden. Der jeweilige Stand der Produktionsverhältnisse in einem Land wird bei diesem zumeist in Abgrenzung von einer europäischen Vorreiterschaft definiert, die die Norm der anzustrebenden Entwicklung von Produktionsverhältnissen und Produktivkräften vorgibt. Weder hat Marx die Eigenständigkeiten nicht-europäischer Produktionsweisen erkannt, noch die koloniale Expansion, die er aufgrund der Notwendigkeit einer unterstellten Unterwerfung unter die „gemeinsame Kontrolle der am weitesten fortgeschrittenen Völker“ (Marx [1853] 1950b: 332) partiell goutierte, in zureichendem Maße verurteilt. Was beim eurozentrischen Blick Marxens auf Nicht-Europa vor allem frappiert – darauf hat Manuela Boatcă in ihren Ausführungen mit dem Titel „The Many Non-Wests. Marx’s Global Modernity and the Coloniality of Labor“ mehrfach hingewiesen –, sind die fadenscheinigen Kriterien, durch die dieser die als archaisch dargestellten Produktionsverhältnisse in Indien, Asien und Afrika von jenen in Europa unterscheidet. . Produktive Arbeitskraft erhält in diesem Zusammenhang die explizite Konnotation von „weiß“ und „europäisch“; infolgedessen gelten nicht-weiße Formen des Wirtschaftens als „rückständig“. Auf der fiktiven Karte einer dazumal unter dem Begriff des Orients subsummierten Ansammlung von Regionen außerhalb Europas kann ein Eisenbahnsystem nicht ohne Zutun der Briten entstehen, weil das indische Kastensystem die dahingehende „Entwicklung“ nachhaltig hemme. Dennoch – „feiner und geschickter“ als etwa die Italiener – werden die InderInnen das Joch der britischen Herrschaft Marx zufolge brechen können, weil einer nationalen Charaktertypologie zufolge „sogar noch die Unterwürfigkeit durch eine gewisse ruhige Vornehmheit“ (ebd.: 331) aufgewogen werde.

Obgleich von Marx als „invasiv“ bezeichnete „Völker“ wie etwa „Araber, Türken, Tartaren, Monguln“ (ebd.: 327) in Indien ihre Herrschaft zu errichten versuchten, zeigten sich lediglich die Angehörigen einer Nation, die von Marx nicht selten als Synonym für die Hegemonie im Bereich der politischen Ökonomie verwendet wird, gegenüber dem dortigen Klassensystem indifferent. Dass die britischen Invasoren „dem Hindueinfluß unzugänglich waren“ (ebd.) führt dieser auf die Ehernheit eines Naturgesetzes zurück, das besagt, dass lediglich „barbarische Eroberer selbst stets durch die höhere Kultur derer erobert [werden], der sie sich unterworfen [haben]“ (ebd.). Wenngleich der barbarische Charakter des Kolonialsystems auf indirektem Wege antikolonial motivierte Aufstände provozieren musste, wird dessen Grausamkeit geradezu verharmlost, wenn Marx davon spricht, dass Indien seine Unabhängigkeit der von Engländern gegründeten indischen Armee zu verdanken habe. Obgleich die „von britischen Unteroffizieren aufgestellte und gedrillte Eingeborenenarmee“ (ebd.) unerlässlich für die später erfolgende Befreiung vom kolonialen Joch sein sollte, bleibt Indien Marxens Ausführungen zufolge ein Land ohne Geschichte. Die daraus resultierende Subalternität sei die Folge von unterschiedlichen Okkupationen, deren AkteurInnen „ ihre Reiche auf der passiven Grundlage dieser widerstandslosen, sich nicht verändernden Gesellschaft errichteten“ (Marx [1853] 1950: 327). Die daraus gezogenen Schlüsse sind frappierend: „Die Frage ist daher nicht, ob die Engländer ein Recht hatten, Indien zu erobern, sondern ob ein von den Türken, Persern, den Russen erobertes Indien dem von den Briten eroberten vorzuziehen wäre.“ (ebd.) Bei gleichbleibender kulturalistischer Argumentation musste im Rahmen dieses Kapitels der marxistischen Theoriegeschichte die englische Produktionsweise aufgrund ihrer „natürlichen“ Überlegenheit zum notwendig „unbewußte[n] Werkzeug der Geschichte“ (ebd.: 325) werden.

Marx und die Arbeit am Seemannsgarn des Kunstfeldes

Wenngleich Marxens Ausführungen vor der Folie eines Post-Development-Diskurses unabwendbar eurozentristisch erscheinen mögen, bietet dessen Theorie derzeit auch Ansätze zum Neudenken jenes gesellschaftlichen Feldes, dessen SprecherInnen mit dem Einfordern der Materialität von Körpern ebenso die durch deren Subjekte geleistete Arbeit an der – die Möglichkeit der Dekonstruktion stets einschließenden – Reproduktion von Geschlechterverhältnissen moniert haben. Kunstproduktion, die spätestens mit Guy Debords „Die Gesellschaft des Spektakels“ als ein fortschreitender Verblendungszusammenhang beschrieben worden ist, der die Existenz einer Klassengesellschaft infolge der Warenförmigkeit des Kunstwerks selbst zu spektakularisieren vermag, rückt die Frage nach der Materialität des dazugehörigen Referenten erneut ins Zentrum. Die Unsichtbarkeit subalternisierter Arbeit, die von zumeist „unsichtbar“ gebliebenen Proletariaten abseits der „ersten“ Welt ausgeführt wird, verlangt – nach der zunehmenden Infragestellung der Realismus-Konventionen der Darstellung nach 1968 – erneut nach einer dokumentarischen Praxis, die gerade vermöge der Mittel der Fiktion eine verlorengegangene Geteiltheit von Ausbeutungserfahrungen aufzuzeigen vermag. Der von Georg Lukács monierte Abgesang auf den verlorengegangenen Realismus einer marxistischen Ästhetik, der in der Klage über die Inkommensurabilität des durch Individualisierung zerschossenen kollektiven Lebenszusammenhangs kulminiert, lässt eine „realistische“ Betrachtungsweise indes nur mehr über den Umweg der Ausklammerung empirischer Wahrnehmungssubjekte zu.

Bekanntlich musste ebenso ein Karl Marx bei seinem Versuch, die unvorhersehbare Automatik eines von Menschenhand erzeugten Gebrauchsgegenstandes auf das (Nicht-)Verhältnis des Gebrauchswerts der Ware und ihrer Transsubstantiation zurückzuführen, vorerst „in die Nebelregionen der religiösen Welt“ (Marx 1972: 86) flüchten. Dies prädestiniert zur noch leinwandfreien Wahrnehmung von Animationsfilmen, die sich beim Passieren der Schaufensterauslagen vorerst nur dem Bewusstsein aufdrängen. Zweifelsohne mag es sich bei jenem vor Marxens Augen sich bewegenden Tisch, der sich von selbst auf die Füße gestellt hat, um ein dem Comic entsprungenes Tischlein-Deck-Dich gehandelt haben; auch er bezeichnete jene Marktkräfte, die ein sprödes Stück Holz zum Gebären von „Grillen“ zwingen, als „viel wunderlicher, als wenn er [der Tisch] aus freien Stücken zu tanzen begänne“ (ebd.). Mit dem Wachsen der hölzernen Stelzen, durch die der zum autonomen Akteur mutierte Tisch sich nunmehr fortbewegt, beginnt die ideengeschichtliche Geburt des Animationsfilms, die vielleicht gerade deshalb als „realistisch“ zu bezeichnen ist, weil gesellschaftliche „Wirklichkeit“ ohne Umweg über die Fiktion nicht mehr zugänglich ist.

Wo also kommen wir an, wenn wir die Zentralität des Westens im Rahmen einer bei Marx stets rudimentär gebliebenen Genese nicht-weißer Arbeitskraft ebenso zu denken versuchen wie jene Umkehrung der insbesondere durch das Medium der Fotografie – vermöge der ihr innewohnenden Realitätseffekte – generierten Erfahrung der Materialität in Zeiten einer Gesellschaft des Spektakels? Selbst wenn das vorläufige Ziel einer derartigen Reise noch nicht fixierbar ist, findet man die Waffe gegen die Zumutungen verkehrter Verhältnisse vielleicht auf dem Weg selbst.

 

Literatur
Debord, Guy ([1967] 1996): Die Gesellschaft des Spektakels, Hamburg: Edition Nautilus.

Marx, Karl ([1867] 1972): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Band 1. Berlin: Dietz Verlag.

Ders. ([1853] 1950): „Die Britische Herrschaft in Indien“. In: Marx, Karl/Engels, Friedrich (1950): Ausgewählte Schriften. Band I. Moskau: Verlag für fremdsprachige Literatur, S. 319-325.

Ders. ([1853] 1950b): „Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien“. In: Marx, Karl/Engels, Friedrich (1950): Ausgewählte Schriften. Band I. Moskau: Verlag für fremdsprachige Literatur, S. 326-332.

Link zu Manuela Boatcăs Vortrag „The Many Non-Wests. Marx’s Global Modernity and the Coloniality of Labor“

 

Barbara Eder studierte Soziologie, Philosophie, Theater-, Film- und Medienwissenschaft und Gender Studies. Derzeit lebt sie als Autorin in Berlin.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

Kulturrisse -

Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik

 

seit 1996

Oppositionen
gegenhegemoniale Konzepte und Unternehmen im zivilgesellschaftlichen Bereich

Kulturpolitiken
kritische Kommentare zu neuesten Entwicklungen der Kulturarbeit, Kulturpolitik, Kulturfinanzierung und der Kulturverwaltung

Kunstpraxen
Schlaglichter auf gelungene künstlerische Interventionen

Kosmopolitiken
Andocken an Diskurse jenseits der Grenzen des Nationalismus

IG KULTUR Österreich
Gumpendorfer Straße 63b
A-1060 Wien