Shaking the (Stone-)Wall — IG Kultur

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Shaking the (Stone-)Wall

Marty Huber

Es gibt wohl selten ein Buch, von dem man sagen könnte, man habe darauf gefühlsmäßig zehn Jahre gewartet. Noch seltener trifft dies auf eine wissenschaftliche Publikation zu. Dieses Moment der Begeisterung resultiert aus der Verbindung geopolitischer, zeitlicher und aktivistischer Kritikfähigkeit im Buch „De-Centring Western Sexualities“, herausgegeben von Robert Kulpa und Joanna Mizielińska.

Das Buch nimmt die Frage nach dem Verhältnis von west-europäischen und sogenannten post-kommunistischen Ländern in Bezug auf Sexualpolitiken auf. Während es im westlichen Europa eine kontinuierliche, emanzipatorische Entwicklung in LGBTIQ-Belangen gegeben haben mag, scheint mit dem Fall der Mauer jede aktivistische Strategie, jeder theoretische Ansatz gleichzeitig auf die diversen Communities des Ostens eingewirkt und sich ausgewirkt zu haben. Robert Kulpa und Joanna Mizielińska sprechen buchstäblich von einem Knoten geo-temporaler Zu-Fälle, die über die Mauer schwappten. Homophile Bewegungen, identitäre Lesben- und Schwulenorganisationen, die vorrangig an einer rechtlichen Gleichstellung und dem Eintreten in eine (Hetero-)Norm interessiert waren und sind sowie queere Ansätze und Gruppen, die sich weniger für Assimilierung als für Erschütterung weiterer gesellschaftlicher Mauern interessierten.

„Go West – Life is peaceful there“ (Pet Shop Boys, 1993)

Vielen der westlichen, insbesondere anglo-amerikanischen LGBTIQ-Bewegungen dienen die Stonewall-Riots als Referenz, eine tagelang anhaltende Straßenschlacht in der New Yorker Christopher Street, um sich gegen die Polizei-Razzien zur Wehr zu setzen. Aus diesem Ereignis entstand im darauffolgenden Jahr der erste Gay Pride March und in der Folge der sogenannte CSD (Christopher Street Day Parades). Diese Referenz erscheint in post-kommunistischen Ländern doppelgesichtig, denn es gibt keine 40jährige Geschichte der LGBTIQ-Bewegungen. Welche Referenzen sind legitimierend genug, um aus der Peripherie aufzutauchen? Das post-kommunistische Zeitalter, das doch endlich als das benannt werden soll, was es ist, nämlich ein neo-liberales (vgl. Shannon Woodcock), hat seine Spuren auch in den diversen LGBTIQ-Communities hinterlassen. Das Buch zeigt dabei die Rolle auf, die westliche NGOs in diesem hegemonialen Verhältnis spielen. Seit den 1990er Jahren pumpen westliche Organisationen, wie die Open Society Foundation, Human Rights Watch, OSZE und viele andere mehr Geld und Ressourcen in LGBTIQ-Organisationen des früheren Ostblocks, und sie tun dies natürlich nie, ohne bestimmte Vorstellungen von Lobbystrategien, Ansätze zum Community-Building, Implementierungen von Rechten etc. zu forcieren.

Gerade der Bereich der Anti-Diskriminierung wurde insbesondere in Bezug auf die Anwärterschaft zum EU-Beitritt zum Lakmustest demokratischer Reife. Durch den Großteil der Artikel zieht sich diese Frage nach den Spielregeln der rechtlichen wie symbolischen Ordnung, die dann ein „Im- Westen-angekommen-Sein“ signalisiert. Der Westen schiebt dabei die Notwendigkeit der rechtlichen Anerkennung von Lesben, Schwulen und Transgenders dem Osten zu und verschleiert allzu gern die eigenen Mängel bei Fragen der Bekämpfung von Homo- und Transphobie. So sind im Rainbow Europe Country Index der IGLA Europe, der die legislative Umsetzung der europäischen Nationen vergleicht, die Länder Ungarn, Kroatien und Slowenien vor Österreich gereiht. (1)
Auf der Ebene des Symbolischen nehmen die Gay Pride Paraden die Legitimierungsfunktion ein, die massiv aus dem Westen promotet wurde.

„If they don’t dance, well they no friends of mine“
(Men Without Hats, 1982)


Die Durchführbarkeit der Paraden rückte immer mehr in den Mittelpunkt des Interesses der (medialen) Öffentlichkeit, und sie wurden teilweise zum Spielfeld von Inszenierung potenter Staatsapparate wie der Polizei, die mit massivem Aufwand zeigt, dass sie diese Veranstaltungen beschützen (siehe Budapest Pride (2)) oder verbieten kann (vgl. Jelisaveta Blagojević zu Belgrade Pride). Die Vernetzungsarbeit von Aktivist_innen aus den verschiedenen Kontexten spinnt aber längst schon an „multiplen Solidaritäten“, die abseits von westlichen Hegemonien eigene Strategien der Arbeit an der Öffentlichkeit entwickeln (vgl. Jon Binnie und Christian Klesse).
Neben den Fragen der rechtlichen Anerkennung spielt der öffentliche Raum eine nicht unbedeutende Rolle in den Überlegungen der Autor_innen. Dürfen queere Lebensweisen sichtbar werden, oder müssen sie sich trotz Gleichstellungsbestrebungen weiterhin unsichtbar stellen? Was passiert nach dem Beitritt zur EU (vgl. Mizielińska zur Situation in Polen)? Was passiert mit der heiligen Familie, wenn lesbische und schwule Familien Anerkennung finden (vgl. Kateřina Nedbálková zu Tschechien)?

Das Wissen um die Funktionsweisen des „Closets“, des Versteckens sexueller Präferenzen und Lebensweisen, ist ein kollektives Wissen der Dissident_innen. Diese Schnittmenge des (vormaligen) Privaten, des aus feministischer Sicht immer schon Politischen, wird in der ansonsten sehr weitreichenden Sammlung von Texten ausgelassen. Dennoch stellt Roman Kuhar den „transparent Closet“ im öffentlichen Raum zur Diskussion. Jedenfalls ein notwendiges Buch, das es schafft, komplexe Zusammenhänge hegemonialer Strukturen zusammenzutragen, die die Vorstellungen von „innen und außen“ zu erschüttern vermögen.


Fußnoten
(1) Siehe u.a. ILGA Europe Report (16. März 2011)
(2) Siehe u.a. „Queer Prides Under Attack". Radiosendung Bauch, Bein, Po auf Radio Orange (16.März 2011)

Literatur
Kulpa, Robert/Mizielińska, Joanna (2011): De-Centring Sexualities. Central and Eastern European Perspectives. Farnham: Ashgate.

Marty Huber
ist Aktivistin im Lila Tipp, der Lesbenberatung in der Rosa Lila Villa, Radiomacherin und Sprecherin der IG Kultur Österreich.  



Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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