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Was bleibt? Einige Überlegungen zum Medienereignis WikiLeaks.

Clemens Apprich

Das Ereignis selbst kennt keinen Ursprung, der sich in einem spezifischen Moment, einem besonderen Geschehnis verorten ließe. Vielmehr handelt es sich um ein Geschehen, das in besagtem Moment erst ersichtlich, d. h. erfahrbar und damit diskutierbar wird. So stellt auch das Medienereignis WikiLeaks kein gänzlich neues Phänomen dar, sondern steht als Symptom für eine neuartige Situation, der wir erst nach und nach auf die Schliche kommen können. Im Folgenden soll daher ein Blick auf diesen Transformationsprozess geworfen und die damit verbundenen Implikationen für eine zunehmend auf Informationsnetzwerken beruhende Gesellschaft untersucht werden. Als Ausgangspunkt dient ein kürzlich erschienener Beitrag des Zürcher Mediensoziologen Felix Stalder, der sich mit der Herausbildung einer neuen „Nachrichtenökologie“ am Beispiel von WikiLeaks beschäftigt.

Undichte Datensätze

So haben wir es laut Stalder heute mit der paradoxen Situation zu tun, dass Organisationen, seien es nun staatliche Geheimdienste oder klassische Medienindustrien, einerseits mit einer großen Menge an Datensätzen operieren, andererseits eben diese Daten unter Verschluss halten müssen. Die Digitalisierung der Daten führt nunmehr dazu, dass eben diese exklusiven Datensätze undicht werden und das Bedürfnis nach Geheimhaltung selbst zu einem Problem werden kann: „The more an organisation has to protect against leaks, the more the internal contradiction between the requirement to share information (to operate efficiently) and that of controlling information (to keep it secret) will become prevalent and negatively affect its capacity to carry out its mission“ (Stalder 2010). Dies ist freilich umso relevanter, als wir es heute zunehmend mit Institutionen zu tun haben, die ihren Akteur/innen selbst keine Sicherheit mehr bieten können oder wollen: SoldatInnen im Irak mit Zugang zu geheimen Militärnetzwerken, eine ständig wechselnde Belegschaft in Botschaften oder jene Angestellten Schweizer Banken, die „Steuerdaten-CDs“ an europäische Regierungen verkaufen – sie alle sind austauschbar, unterliegen nicht mehr dem bisherigen Loyalitätszwang und werden eben dadurch zur Gefahr für die jeweilige Institution.

Technisch gesehen handelt es sich bei WikiLeaks um nichts anderes als eine moderne Form des toten Briefkastens: Absender/in und Empfänger/in treten nicht in direkten Kontakt und wissen im besten Fall auch gar nichts von ihrem Gegenüber. Dabei wird allerdings oft die qualitative Beschaffenheit der darin hinterlegten Materialien übersehen: Es handelt sich zunächst einmal um Datensätze, die erst in der medialen Berichterstattung zu Informationen, d. h. zu In-Form-gesetzten-Daten werden. Nicht von ungefähr ging WikiLeaks bei seinen spektakulären Enthüllungen Medienkooperationen mit den sogenannten „Fantastischen Fünf“ – bestehend aus dem Spiegel, dem Guardian, der New York Times, Le Monde und El Pais – ein. Dieser Exklusivitätskreis stellt erst den kontextuellen Rahmen für jene Daten bereit und schreibt somit eine auf Medienkonzentration basierende Deutungshoheit unseres medialen Alltags fort. Und doch verweist die potenzielle Verfügbarkeit der Rohdaten auf eine signifikante Machtverschiebung, indem die Informationsflüsse der Mainstreammedien überprüfbar werden. Darin könnte nunmehr auch das eigentliche Ereignis von WikiLeaks liegen: Es übernimmt eine Kontrollfunktion gegenüber medialen Herrschaftsmechanismen.

Dabei ist das Schicksal von WikiLeaks als Organisation oder jenes der mit ihr verbundenen Person eines Julian Assange weitgehend uninteressant. Wie in vergleichbaren Fällen zuvor – etwa im Kampf der Medienindustrie gegen das Online-Portal Napster – lässt sich die Entwicklung nicht mehr so einfach umdrehen: Das Prinzip WikiLeaks ist, unabhängig von der jeweiligen Organisation, nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Wir werden es künftig wohl mit einer zunehmend vernetzten Öffentlichkeit zu tun haben, an der Plattformen wie WikiLeaks ebenso beteiligt sind wie etablierte Medien und neue AkteurInnen. So geht mit der zuvor beschriebenen Prekarisierung der klassischen Institutionen eine Ermächtigung einzelner Individuen bzw. kleiner Gruppen einher. Die „super-empowered individuals“ (John Robb) verfügen über das nötige Wissen und die technologischen Werkzeuge, um kritische Systempunkte innerhalb des (bspw. militärischen) Netzwerks ausfindig zu machen und mit vergleichsweise geringen Mitteln soziodynamische Prozesse – wie im Fall von WikiLeaks eindrucksvoll dargelegt – auszulösen. Darin enthalten ist auch ein verspätetes Echo auf die Figur des Hackers, welche sich ja gerade dadurch auszeichnet, die institutionell auferlegten Grenzen zwischen Mensch und Maschine zu durchkreuzen und anschließend neu zu ziehen.

Vernetzte Öffentlichkeit

In den Medienwissenschaften gilt schon länger die Einsicht, dass die „alten“ Medien von den „neuen“ nicht einfach verdrängt, sondern durch diese weiterentwickelt und damit in ihnen aufgehoben werden. So haben wir es auch heute mit einer Neustrukturierung öffentlicher Kommunikation zu tun, indem etablierte Medienformate durch internetbasierte Dienste ergänzt werden. Dabei geht es allerdings weniger um die Verwertung bestehender Inhalte durch Online-Medien – wenn etwa in der Blogosphäre lediglich auf bereits erschienene Artikel verlinkt wird – als um die Transformation der Berichterstattung selbst. Ein Beispiel hierfür bietet der bis vor kurzem noch exotisch anmutende Datenjournalismus, welcher Werkzeuge zur Navigation, Analyse und Visualisierung von Rohdaten zur Verfügung stellt und somit den Einstieg in große Datenmengen erlaubt. Der Praxis naturwissenschaftlicher Publikationen folgend, könnten JournalistInnen das Quellenmaterial ihrer editierten Berichte online stellen und somit eine Überprüfbarkeit derselben gewährleisten. Neben der bereits angesprochenen Kontrollfunktion wären damit auch gänzlich neue Formen der Partizipation und Zusammenarbeit denkbar, indem die Informationen „professionalisierter“ Netzwerke einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Jedoch sollte nicht vergessen werden, dass der „gut informierte Bürger“ (Claus Leggewie) immer schon eine Illusion der informationellen Gesellschaft darstellte. Demnach müssen die relevanten Informationen bzw. die dahinter liegenden Datenbestände zunächst einmal nur versammelt und in ein übersichtliches Ordnungsregime gebracht werden, um letztlich für den/die digital aufgeklärte/n Bürger/in lesbar zu sein. Dabei wird die Frage nach der Programmierung der hierfür nötigen Werkzeuge ebenso ausgeblendet, wie jene nach der Bereitstellung des sozialen Wissens, welches zur Interpretation der gefilterten Information notwendig ist. Während nämlich große Datensätze zunehmend von automatisierter Software aufgearbeitet und somit in Informationen verwandelt werden, bedarf es zur Einordnung dieser Informationen spezifischer Interpretationsrahmen, die letztlich nur in sozialen Auseinandersetzungen entstehen können. Ohne eine öffentliche Debatte, wie die jeweiligen Daten generiert und in weiterer Folge interpretiert werden, führt der Ruf nach „open data“ lediglich zu einer weiteren Informationsüberflutung, welche den Prozess einer kollektiven Wissensfindung blockiert und damit erst recht wieder der Deutungshoheit von Massen-Medien in die Hände spielt.

Egal ob WikiLeaks als Organisation bestehen bleibt oder nicht, die Flut an veröffentlichten Daten wird in Zukunft wohl eher zu- als abnehmen – und mit ihr auch die Herausforderung, diese Daten zu organisieren und zu interpretieren. So sind es gerade die widersprüchlichen Auslegungen und Interpretationen, welche das Feld zur Aushandlung einer auf Informationsnetzwerken beruhenden Gesellschaftsstruktur schaffen. Die informationelle Gesellschaft benötigt daher zum einen eine technologische Infrastruktur zur Aufrechterhaltung ihrer Kommunikationsmuster, zum anderen einen transformierbaren Sinnhorizont zur Produktion und Reproduktion symbolischer Interaktion: „Technologie als materielles Werkzeug und Sinn als symbolische Konstruktion sind […] die fundamentalen Bestandteile menschlichen Handelns, das letzten Endes die Gesellschaftsstruktur produziert und verändert“ (Castells 2001: 426). Und wie Manuel Castells in diesem Zusammenhang feststellt, wird Wissen gerade in turbulenten Zeiten „zur einzigen Quelle, aus der sich erneut Sinn schöpfen läßt und die daher ein sinnvolles Handeln ermöglicht“ (Castells 1997: 102). Nicht die bloße Offenlegung von Daten und Informationen, sondern das in sozialer Auseinandersetzung generierte Wissen wird damit zur Grundlage einer vernetzten Öffentlichkeit.

Was bleibt also vom Ereignis WikiLeaks? Zunächst ist einmal festzuhalten, dass die sich ereignenden Dinge nicht ein für alle mal gegeben sind, sondern erst im Zusammenspiel der diskursiven Beziehungen ihre spezifische Bedeutung erhalten. Interessanter als die geleakten Dokumente selbst ist daher das Wahrheitsspiel um WikiLeaks, in dem die Positionen unterschiedlicher sozialer Gruppen und Individuen – von der um ihren Berufsethos bangenden Journalistin bis hin zum eben diese journalistische Verantwortung von sich weisenden Cyber-Desperado – zum Vorschein kommen. Erst die diskursiven Praxen bilden also den Gegenstand, von dem sie sprechen. Analog zu den auf Informationsflüssen angewiesenen Netzwerken ist das Ereignis WikiLeaks in seiner Bedeutung von einer inhärenten Instabilität geprägt. Diese hält es offen gegenüber sich widersprechenden Interpretationen, die letztlich notwendig sind, um die aktuellen Transformationsprozesse in unserer informationellen Gesellschaft zu verstehen und mitzugestalten.

 

Literatur

Castells, Manuel: „Die Städte Europas, die Informationsgesellschaft und die globale Wirtschaft“. In: Maar/Rötzer (1997): Virtual Cities, S. 101-116.

Castells, Manuel: „Bausteine einer Theorie der Netzwerkgesellschaft“. In: Berliner Journal für Soziologie, Heft 4/2001, S. 423-439.

Stalder, Felix: „Contain this! Leaks, whistle-blowers and the networked news ecology“. In: www.eurozine.com/articles/2010-11-29-stalder-en.html (Stand: 21. März 2011).

 

Link

Im Rahmen ihres Themenschwerpunktes „WAS BLEIBT?“ hat die Berliner Gazette ein eigenes Dossier zu WikiLeaks eingerichtet. Eine kürzere Version dieses Beitrages sowie weitere Überlegungen zum Thema finden sich unter: Wikileaks Berliner Gazette

 

Clemens Apprich

ist Promotionsstudent der Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sein Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit Netzkulturen der frühen 1990er Jahre.

 
 

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