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NSU Terror. Ermittlungen am rechten Abgrund

Marty Huber

Es gibt vieles an diesem Buch, das dieses Gefühl der Unheimlichkeit aufkeimen lässt, dies alles nicht zum ersten mal gehört zu haben, denn was das Buch NSU Terror trefflich zusammenfasst, sind die diversen Strategien politischer Einheiten, rechtsextreme Gewalt nicht als solche zu sehen. Im Gegenteil werden Opfer zu Täter_innen gemacht oder wird ihnen jedenfalls eine Mitschuld an den Verbrechen zugeschrieben.

Die Herausgeber_innen versammeln verschiedene Analysen im Vorfeld des derzeit laufenden Verfahrens, in dem es um die Aufklärung des systematischen Mordes von zehn Menschen geht. Im ersten Kapitel werden nicht nur die Ereignisse zusammengefasst, sondern wird auch noch einmal insbesondere auf das strukturelle Versagen und Vertuschen der Sicherheitsbehörden, respektive des Verfassungsschutzes hingewiesen. Dieser beschränkte bekanntlich seine Ermittlungen auf organisiertes Verbrechen und versuchte, die Mordserie als inner-ethnischen Konflikt darzustellen. Die Möglichkeit, dass es sich um eine rassistische und rechtsextreme Tötungsserie handeln konnte, wurde erst gar nicht in Betracht gezogen. In diesem Sinne ist die Analyse des Kontextes, den das Buch bietet, eine wichtige Wiederholung des für manche schmerzlich Bekannten. Die Opfer werden zu Täter_innen, ein kultureller Konflikt wird beschworen, das ganze als „Döner-Morde“ für die Abendnachrichten aufbereitet. In Österreich erinnert dies fatal an das Rohrbomben-Attentat 1995, das vier Roma in Oberwart das Leben kostete. In diesem Sinne versucht das Buch, bisherig geltende Extremismusmodelle und ihre Widersprüche zu bearbeiten und fordert einen kritischen Rechtsextremismusbegriff, der auch eine politische Aufarbeitung des Versagens des Verfassungsschutzes beinhaltet.

Im Kapitel Diskurse werden die mediale Aufbereitung und die damit verbundenen, teilweise implizierten Vorverurteilungen näher einer kritischen Betrachtung unterzogen. Gesellschaftliche Platzzuweisungen, wie die des „Braunen Ostens“, die Zurückweisung von strukturellem Rassismus als etwas, das diese Gesellschaft durchzieht und etwa die Berichterstattung zur Rolle von Beate Zschäpe, die als einzige Überlebende des Trios und als Frau vor dem Gericht zur Verantwortung gezogen wird, sind Aspekte, die in diesem Kapitel herausgearbeitet werden. Im letzten Kapitel zu Reflexionen und Analysen wird die Disziplin der Gesellschaftstheorie und ihr Verhältnis zu wissenschaftlicher Aufarbeitung und politischem Engagement kritischer Forschung beleuchtet und die dringende Frage aufgeworfen, wie bisherige methodische Ansätze zwar beobachten, aber nicht darauf ausgerichtet sind, Gesellschaft auch zu verändern. Hat die Soziologie vielmehr Anteil an der Fortsetzung der Gewaltförmigkeit, in dem sie Inklusion und Zusammenhalt als Maxime propagiert, jedoch gleichzeitig die Brüche und gesellschaftlichen Abgründe de-thematisiert? Wie kann dieser Immunisierung zahlreicher wissenschaftlicher Bereiche entgegen getreten werden und Gesellschaft nicht nur beschrieben, sondern auch verändert werden? Das Buch NSU Terror gibt darauf keine Antwort, jedoch vermag es mit seiner grundsätzlichen Problematisierung einem_r die Tür aus dem Elfenturm weisen.

Imke Schmincke und Jasmin Siri: NSU Terror. Ermittlungen am rechten Abgrund. Ereignis, Kontexte, Diskurse. Bielefeld: transcript, 2013

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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