„Ein Archiv kann ein lebendiger Ort sein“ — IG Kultur

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INHALT 04/2013

 

„Ein Archiv kann ein lebendiger Ort sein“

Interview: Gerd Valchars

Österreich ist eine Migrationsgesellschaft. Mit der Anerkennung dieser banalen Tatsache sollte sich auch die Geschichtsschreibung des Landes verändern. Migration sollte in ihr ebenso sichtbar werden wie MigrantInnen als Subjekte und AkteurInnen. Das fordert der Arbeitskreis „Archiv der Migration“. Ein lebendiger Ort der Auseinandersetzung, des Austausches und der Vermittlung der österreichischen Migrationsgeschichte soll das möglich machen. Gerd Valchars sprach mit Vida Bakondy, Dirk Rupnow und Arif Akkılıç vom Arbeitskreis „Archiv der Migration“.

Kulturrisse: Warum braucht es ein Archiv der Migration in Österreich?

Dirk Rupnow: Wir gehen davon aus, dass Sichtbarkeit in der Geschichte eine notwendige Bedingung für Gleichheit in der Gesellschaft ist. Diese Sichtbarkeit ist bisher nicht gegeben. Wenn es aber Geschichtsschreibung geben soll, dann wird man zunächst einmal Dokumente und Objekte dieser Geschichte sammeln müssen. Ansonsten kann man diese Geschichte nicht schreiben. Dass diese Dokumente und Objekte in Österreich bisher nicht gesammelt wurden, ist ein Problem.

Bei Ämtern und Behörden und in bestehenden Archiven wurden viele Dokumente vernichtet. Ist das schlichtweg Ignoranz dem Thema gegenüber oder steckt da auch eine politische Intention dahinter?

Rupnow: Dass in Archiven Bestände weggeschmissen werden, gehört zum Alltag eines Archivs, weil eben nicht alles aufbewahrt werden kann. Dahinter steckt aber natürlich eine gesellschaftliche Konvention, was als wertvolle erachtet wird und was nicht. Und wie wir nicht nur daran erkennen, ist das etwas, von dem bisher alle dachten, das brauchen wir eigentlich nicht. Die gehen ja eh wieder und gehören nicht so richtig zur österreichischen Geschichte.

Vida Bakondy: Das zeigt sich zum Beispiel an der Geschichte der Arbeitsgemeinschaft für die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte. Die Arbeitsgemeinschaft wurde 1962 als eine Institution der Bundeswirtschaftskammer gegründet und war damit beauftragt, die Anwerbung von ArbeiterInnen aus Jugoslawien und der Türkei zu organisieren. Nach ihrer Auflösung 1993 wurden sämtliche Archivbestände aus 30 Jahren weggeschmissen. Auch ZeitzeugInnen stehen oft als Auskunftspersonen nicht zur Verfügung. Der Leiter der Anwerbeorganisation in Wien war über 20 Jahre im Amt, aber er ist nicht bereit, ein Interview zu geben. Dokumente wurden also einerseits einfach weggeworfen. Und andererseits gibt es eine fehlende Bereitschaft zu erzählen. Man wird mit einem Schweigen konfrontiert, hinter dem ich schon auch einen politischen Willen sehe.

Arif Akkılıç: Eigentlich hätten ja auch die Wien Bibliothek oder das Wiener Stadt- und Landesarchiv ein Archiv einfordern können. Von dieser Seite ist aber wenig gekommen. Das zeigt – ob wir eine Absicht unterstellen wollen oder nicht –, dass dieser Bereich nicht thematisiert wird.

Bakondy: Wobei das Wiener Stadt- und Landesarchiv und die Wien Bibliothek dem Projekt sehr wohlwollend gegenüber stehen. Beide finden so ein Archiv wichtig und notwendig. Aber gleichzeitig meinen sie auch, dass es eine eigenständige Institution und nicht Teil einer bestehenden Einrichtung sein sollte. Einerseits, weil es ja nicht nur um Wien gehen soll, vor allem aber auch, weil einem eigenen Archiv der Migration eine größere symbolische Bedeutung zukäme.

Ein Archiv der Migration soll die notwendige Basis liefern, um in einem zweiten Schritt beispielsweise der Forderung nach einer angemessenen Repräsentation von Migration in Schulbüchern nachkommen zu können?

Rupnow: Wenn man sich darüber einig ist, dass das Thema Migration in Schulbüchern gar nicht oder nur schlecht repräsentiert ist, und wenn man das ändern möchte, muss man auch Forschung dazu betreiben. Das kann ich aber nicht, wenn mir die Grundlagen, die Dokumente und das Material, fehlen. Das gleiche gilt für ein Museum. Angenommen man wollte ein Migrationsmuseum, dann wird man vorher gesammelt haben müssen, sonst gibts im Museum nichts zu zeigen und keine Geschichte zu erzählen. Das Archiv ist die Institution, die am grundlegendsten arbeitet und eine Basis für alles weitere sein kann.

Wir merken aber auch, dass die Forderung nach einem Archiv etwas spröde ist. Archiv wird mit verstaubten Akten und weißbärtigen Historikern assoziiert, die langweilige Dinge produzieren. Das ist natürlich ein Missverständnis. Ein Archiv kann ein lebendiger Ort sein. Im Grunde geht es um einen Ort, an dem gesellschaftlich sichtbar über marginalisierte Geschichten gesprochen werden kann. Einen solchen Ort gibt es in Österreich bisher nicht. Es muss ein Ort der Forschung sein, der Sammlung, der Dokumentation und der Vermittlung auf unterschiedlichen Ebenen – ein Ort des öffentlichen Diskurses über Gegenwart und Zukunft dieses Landes.

Beim Archiv geht es also darum, die Forderung nach einem solchen Ort artikulieren zu können?

Rupnow: Genau. Man könnte es auch anders nennen, aber in unserem Verständnis ist es im Kern ein Archiv. Es geht uns nicht darum, gleich ein Museum einzurichten. Das kann, wenn überhaupt, ein späterer Schritt sein. Mir scheint vorerst aber die Forderung nach einem Archiv seriöser zu sein, weil das nicht der übernächste Schritt vor dem nächsten ist.

Politisch ließe sich ein Museum vielleicht aber besser verkaufen. Und wenn es ein Museum gibt, braucht es natürlich auch ein Archiv.

Rupnow: Jetzt ist die Sache mit den Museen in Österreich speziell. Museumsdebatten sind hier zum Scheitern verdammt. Siehe das Haus der Geschichte. In einem Land aber, in dem es kein Museum gibt, das die Geschichte des 20. Jahrhunderts und der 1. und 2. Republik erzählt, wird es vorher kein Migrationsmuseum geben. Das halte ich für einen Irrglauben.

Was sollte der riesige Begriff „Migration“ inhaltlich umfassen?

Rupnow: Der Begriff soll breit und offen verstanden werden und soll Unterschiedlichstes beinhalten. Der Fokus liegt dabei auf marginalisierter Geschichte und soll Fluchtmigration genauso wie Arbeitsmigration umfassen. Es geht uns auch nicht nur um eine Geschichte der Migration im engeren Sinne, sondern auch darum, wie sich die Gesellschaft langfristig durch Migration verändert hat.

Bakondy: Es geht um transnationale Bewegungen und das Überschreiten von nationalstaatlich gezogenen Grenzen. Daher sind Binnenmigration und die Migration vom Land in die Stadt hier nicht inkludiert. BinnenmigrantInnen werden auch nicht als Nicht-Teil der österreichischen Gesellschaft betrachtet, sondern sind selbstverständlicher Teil Österreichs.

Rupnow: Diese erstarrte Vorstellung von Nationalstaat, die unsere Geschichtsschreibung so dominiert, soll infrage gestellt werden. Dieses nationalstaatliche Korsett der Geschichtsschreibung zu sprengen, ist die Aufgabe eines Archivs der Migration.

Ein nationales Archiv der Migration – ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Rupnow: In bestimmter Hinsicht schon. Aber im Grunde geht es darum, eine transnationale Geschichte zu erzählen, die klar macht, dass diese nationalen Geschichten, an denen wir immer noch hängen, nicht mehr funktionieren. Gleichzeitig haben diese nationalstaatlichen Rahmen weiterhin Bedeutung. Von daher hat es eine bestimmte Logik, dass man sich an diesem nationalstaatlichen Rahmen abarbeitet und zeigt, dass der nicht mehr so funktioniert, wie man sich das idealiter seit dem 19. Jahrhundert vorstellt. Diese Homogenität, die mit dem Nationalstaatsbegriff suggeriert wird, die gabs natürlich nie. Es ist immer nur ein Phantasma gewesen, das – wie wir wissen – mit gewalthaften Politiken zu realisieren versucht wurde.

Ein Archiv ist ein Machtinstrument. Würdet ihr dieser Aussage so zustimmen?

Rupnow: Ja. Unbedingt.

Wenn ihr ein Archiv der Migration fordert, wie geht ihr mit dem Umstand um, dass ihr fordert, ein Machtinstrument einzurichten?

Akkılıç: Wir wollen zur gängigen Erzählung eine andere Erzählung hinzufügen. Dadurch kommt eine neue Kraft ins Spiel. Es geht um die Verschiebung der Kräfteverhältnisse, und mir persönlich geht es auch darum, dass eine Stelle entsteht, die auch die Perspektive der MigrantInnen widerspiegelt.

Rupnow: Man könnte natürlich sagen, dass ein Archiv, die Geschichtsschreibung, ein Museum so eng mit Nationalstaat, mit Macht und mit Exklusion verknüpft sind, dass es Formate sind, die sich eigentlich verbieten. Ich befürchte allerdings, dass wir nichts anderes haben. Auswahl und damit Ausschluss finden immer statt, weil die Welt anders nicht denkbar ist. Die Herausforderung ist aber, und das ist keine banale, den Ausschluss zu reflektieren.

Wie ist das möglich?

Rupnow: Es braucht ein Bewusstsein dafür, dass es fragmentierte Geschichten sind, die erzählt werden. Damit nicht der Eindruck entsteht, man würde eine homogene Geschichte erzählen, die bei A beginnt und bei B endet. Ich glaube schon, dass es Möglichkeiten gibt, das zu tun. Die Herausforderung ist es, Inklusion zu schaffen ohne wieder Exklusion hervorzubringen.

Wie kann sichergestellt werden, dass das Archiv, wenn es eingerichtet wird, selbstbestimmte Sichtbarkeit produziert?

Akkılıç: Wichtig ist natürlich, dass die Unabhängigkeit von den Geldgebern gewahrt bleibt. Dazu muss sich die Einrichtung entsprechende Strukturen geben. Strukturen, die auch die Selbstrepräsentation der Vereine und Communitys garantieren können. Dabei geht es um gleichberechtigte Mitsprache, aber auch um Rotation. Wir müssen uns flüchtigere Formen überlegen, die Unabhängigkeit und Ausgewogenheit gewährleisten.

Ihr habt Gespräche mit der Stadt Wien geführt. Wie groß ist der politische Wille, eure Forderung aufzugreifen und umzusetzen?

Bakondy: Nach der erfolgreichen Kampagne für ein Archiv der Migration im Rahmen der WIENWOCHE letztes Jahr hat sich die Stadt Wien verpflichtet gesehen, darauf zu reagieren. Trotzdem hat es monatelang gedauert, bis es zu einem Treffen mit VertreterInnen der Stadtregierung gekommen ist. Die weitere Entwicklung ist offen, es geht leider nur sehr schleppend voran.

Rupnow: Österreich ist ein geschichtsversessenes Land, aber das ist trügerisch, weil es immer nur um Sisi und Franz Joseph geht. Aber eigentlich kann man in diesem Land über Geschichte nicht reden. Und wenn du dann auch noch das Migrationsthema mit hinein nimmst, das für sich alleine schon als so heikel gilt, dann denken alle, das tu ich mir öffentlich nicht an. Darum würde ich meinen, für uns wird nächstes Jahr ein wichtiger Punkt sein, dass wir uns noch stärker mit den Vereinen kurzschließen, um eine Dynamik von unten her zu erzeugen. Wir müssen einfach nach Verbündeten suchen.

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