Sichtbar machen — IG Kultur

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INHALT 04/2011

 

Sichtbar machen. Theorie als Aktivität – Safe European Home? und Roma Protokoll.

Gayatri Chakravorty Spivak

Der Titel meines heutigen Beitrags ist „Sichtbar machen“. Was bedeutet es, sichtbar zu machen? Und in welcher Form macht Roma Protokoll (1) sichtbar? Das griechische Wort theorein, das im Englischen und in den entsprechenden Begriffen der großen europäischen Sprachen als „Theorie“ transkribiert wird, weist auf das Phänomen des „richtig Sehens“ oder „Sichtbar-Machens“ hin; das Wort hängt mit dem Theater zusammen, mit dem In-Szene-Setzen und Sichtbarmachen wie in einem Theater.

Ich selbst sehe das Sichtbar-Machen der hartnäckigen Vereitelung legitimierter Gewalt durch meine langjährige Freundin Suzana Milevska und die Inszenierung des Fragezeichens in Safe European Home? (2) durch Delaine und Damian Le Bas vielmehr auf einem Raster der Theoretisierung als gefangen im Dualismus von Theorie und Praxis oder Theorie und Material. Ich hoffe, dass dies – nämlich, dass Theorieproduktion eine Aktivität ist – klar wird durch das, was ich in der verbleibenden Zeit zu sagen habe. Wie wir Theorie oder das Produzieren von Theorie betrachten, ist somit gewissermaßen Sabotage am überhöhten klassischen griechisch-europäischen Modell.

Hier jedoch möchte ich einfach auf der Bedeutung der Aufgabe der Theorie bestehen, sichtbar zu machen – so korrekt und mit dem weitesten Feld von Verknüpfungen wie nur möglich. Sehen Sie sich beispielsweise die Veränderung der unpersönlichen Legitimität der Beschilderung in Alfred Ullrichs Zwei-Kanal-Videoinstallation Crazy Water Wheel an. (3) Die Umkehrung der eigentlich unpersönlichen und allgegenwärtigen Verbote und Gebote, die in Wirklichkeit ein spezifisches rassifiziertes, klassiziertes und gegendertes ideologisches Subjekt festlegen hinsichtlich dessen, wer den Raum benützen kann und wer nicht, ist eine zutiefst theoretische Geste. Sie wird sich überall im Kapitalismus hinbewegen, um zu zeigen, wie der Welt ein „Globus“ aufgezwungen wird. Ullrich macht sichtbar. Der Video-Screen wird trotzdem ebenso wenig die existenzielle Spezifität der Geste und jedes einzelnen Zeichens aufgeben wie ein Text. Worin besteht hier die Verantwortung des Bezeugens? (Wie sehen Sie sich die Ausstellung an?) Hier zu bezeugen bedeutet, sichtbar zu machen, dass im Herzen des Singulären eine Tendenz zum Universellen liegt. Wir produzieren Theorie, wenn wir diese Tendenz ständig zu einer Krise werden lassen, die nicht in der Gewalt eines selbst-erklärten Universellen erstarrt.

Das Singuläre ist das Universalisierbare, niemals das Universale

Die Subalternität wird selbst zur Krise durch das Bezeugen und das Verbleiben in der Transformation einer Tendenz im Singulären. Das Singuläre ist das Universalisierbare, niemals das Universale. Das ist Spinozas Lehre, die Vision eines gerechten Staates, der heute degradiert wird zum falschen Versprechen einer Ready-made Multitude, die sich sicher wiegt in einem unhinterfragten digitalen Idealismus. Im Gegensatz dazu gilt es für Suzana Milveska und Delian Le Bas immer, das Fragezeichen hervorzuheben, das jene, nur vom Gesetzesvollzug aufgezwungene, Sicherheit stört und eine theoretische Arbeit darstellt, die das Risiko des Bezeugens für immer zur Beweiskraft macht. Wir müssen lernen, wie wir die Arbeiten von Milutin Jovanović, Alfred Ullich, Marika Schmiedt ansehen, wie wir ihnen zuhören und in sie hineingehen.

Reiner Identitarismus verhindert dieses Lernen und verwendet Vergeschlechtlichung für reproduktive Heteronormativität. Er verbündet sich mit den Rassist_innen, legitimiert sie sogar noch, und propagiert, dass du so bist, weil du so geboren wurdest. Er konstruiert ein kulturelles Gedächtnis, statt es zu singularisieren, er privatisiert das Historische und disqualifiziert sich selbst durch den missbräuchlichen Einsatz des blinden Förderbands des Gesetzes, indem er ständig das Bezeugen in der Singularität aufhebt.

Das Supplement, eine gefährliche Beifügung

Die unablässige Arbeit des Lehrens, wie uns auch diese Installationen und Mixed-Media Initiativen vermitteln, ist es, den Avantgardismus zu ergänzen. Wenn ich Derridas schwierige Beschreibung des Supplements zitiere, sehen Sie, wie es die Prekarität der vergeschlechtlichten Fragilität unserer Ausstellung beschreibt: Das Supplement „kann immer nicht statthaben“, […] „es ist niemals präsent, hier, jetzt“ […], „weniger als nichts“ – fragile Außenstrukturen, einige Dokumente, ein paar Videos hier – „und dennoch, nach ihren Auswirkungen zu urteilen, viel mehr als nichts“. (Derrida 1974: 537) Das Supplement ist gefährlich, weil es den Avantgardismus für das Unkalkulierbare öffnet.

Wie John Drabinski korrekterweise anmerkt, ist das Supplement „eine Hinzufügung zu dem, das vorgibt, eigenständig zu sein (das Gesetz, Identität, das wohlwollende Europäische Universelle, das den Subalternen ‚eine Stimme gibt‘), was sich dann als Selbstgenügsamkeit mit konstitutiven Kontingenz entpuppt“.  (Drabinski  2011: 101) Das Singuläre ist universalisierbar und deshalb kontingent (aber nicht notwendig, wie uns das Universelle in der europäischen Teleologie wieder und wieder erklärt) – aber es wohnt als Lücke, das immerfort gefüllt werden muss, im selbsterklärten Universellen. Diese Lektion gilt es zu lernen. Eine schwere Lektion, aber sie kann erlernt werden.

Die Repräsentationsmittel in die Hand nehmen

Ich bin überwältigt von der Arbeit Miraculous Water von Małgorzata Mirga-Tas und Marta Kotlarska, die im Workshop Romani Click gemeinsam mit 15 Romakindern einer Wiener Schule einen Klassenraum in eine große Camera Obscura verwandelten. „Das Projekt reagiert auf die dringende Notwendigkeit der Anwendung unterschiedlicher Methoden, um die bestehende, verordnete Bildungspolitik und die Regeln gegenüber jungen Roma zu bekämpfen, zum Beispiel das in (Ost-)Europa weit verbreitete Phänomen, Romakinder in Sonderschulen zu stecken.“ (Into the City / Wiener Festwochen 2011: 12)

Es gibt keine direkte Linie zwischen dem Besitz der Produktionsmittel und dem Begehren nach sozialer Gerechtigkeit, zwischen Eigeninteresse und allgemeiner sozialer Gerechtigkeit. Wir können die Schuld nicht jenen geben, die ausgebeutet werden und sagen, sie hätten sich durchsetzen müssen. In diesem Sinne sage ich gemeinsam mit Suzana: Es gibt keine direkte Linien zwischen dem „Zugang zu den Repräsentationsmitteln“, wie sie es ausdrückt, und dem Ende der Subalternisierung der Roma in der ganzen Welt.

Romani Click muss die allgemeine kognitive Bildung ergänzen, statt sich nur als „Gegensatz“ zu verstehen. Kunstgeschichte zu Kunstgeografie zu Geografie zu Umwelt zu Technologie zu Ökonomie durch Wissenschaft zu Mathematik – auf ihrem Weg in die Welt, während sie als Kinder aufwachsen, aufgehalten, wie man hofft, von einem tiefen Lernen von Sprachen, einem Lernen, das die Poesie nicht ausweichen kann. Die Globalisierung wird immer eine Insel des Sprachgebrauchs sein in einem Meer von Spuren. Lassen wir unsere Romakinder sich hier als Subjekte bewegen.

Verborgene Geschichte des Roma-Holocaust

Hier komme ich zu Marika Schmiedts Arbeit What Remains …: Listen von Gefangenen, Transportlisten, Häftlingspersonalkarten, Todesanzeigen, Effektenkarten, Geldverwaltungskarten, Berichte über medizinische Experimente (Auschwitz, Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen, Mauthausen, Ravensbrück), „Zugangslisten“, Tabellen über Körpervermessungen, Fotografien von Gefangenen, Polizeiprotokolle, Geburtenmeldungen, Todesmeldungen, u. v. m. Das ist die Materialität der Beweiskraft, die der Staat, oder wie in diesem Fall, das Nazi-Regime zusammenfügt.

Marika Schmiedt hat die Subalterne nachdrücklich zum Sprechen gebracht, gewiss in einem eigenen Sinne, durch Repräsentation. Wenn die Subalternen jene Gruppe sind, die keinen Staat errichten kann – Antonio Gramscis klassische Definition –, so schaffte es der Holocaust an den Roma nicht einmal in Hannah Arendts Insistieren darauf, dass die Banalität des Bösen von den Voraussetzungen des Staates ausgeht. Der Holocaust an den Roma hat keinen Platz in dieser weithin anerkannten Generalisierung. Das ist Subalternität, nicht nur keinen Staat zu erreichen, sondern nicht einmal den Bericht über die Banalität des bösen Staates.

Um zusammenzufassen: Theorie zu produzieren im Sinne von Sichtbarmachen und In-Szene-setzen ist nicht getrennt von künstlerischer Praxis. Ich versuche, dies zu zeigen, indem ich vorschlage, Damian und Delaine Le Bas’ fragile Inszenierung der Geschichte und des Lebens der Roma als genau das zu lesen: Theorie als Theater. In meiner Auseinandersetzung mit Suzana Milevskas Roma Protokoll ging es mir darum zu zeigen, wie die Ausstellung die Singularität der Roma als das Universalisierbare sichtbar macht, und zwar mittels der Ethik des Körpers und Vergeschlechtlichung als Instrument der Theoretisierung. Ich habe vorgeschlagen, dass Romakindern der Weg zu einer Neuverortung ihrer kognitiven Bildung ermöglicht werden muss. Ich habe vorgeschlagen, dass der Unterricht den Avantgardismus ergänzt. Zusammenfassend entwickelte ich die Gemeinsamkeit mit Marika Schmiedt und unseren Vormüttern, um die Subalterne zum Sprechen zu bringen, auch wenn nur durch Repräsentation. Danke für diese Lehre.

Anmerkung

Dieser Text entstand anlässlich eines Symposiums, das im Rahmen der Wiener Festwochen Produktion Safe European Home? am 28. Mai 2011 im Architekturzentrum Wien stattfand. Die Ausstellung Roma Protokoll wurde von Suzana Milevska und das Symposium von Birgit Lurz und Wolfgang Schlag kuratiert. Die deutschsprachige Langfassung erscheint in springerin – Hefte für Gegenwartskunst.

Gayatri Chakravorty Spivak ist Literaturwissenschafterin und Professorin an der Columbia University New York.

Übersetzung aus dem Englischen: Therese Kaufmann und Marty Huber

Fußnoten

(1) Die Ausstellung Roma Protokoll wurde von Suzana Milevska kuratiert und von 26. Mai bis 8. Juni im Presseraum des Österreichischen Parlaments gezeigt. Alle Beiträge zählen zu dieser Ausstellung.

(2) Safe European Home? war eine Installation von Delaine und Damian Le Bas auf dem Vorplatz des Österreichischen Parlaments sowie die Ausstellung Roma Protokoll.

(3) Alfred Ullrich, Crazy Water Wheel, 2009-2011, Two-channel video installation, 18’ 38”.

Literatur

Derrida, Jacques (1974): Grammatologie. Übers. Von Hans-Jörg Rheinsberger und Hanns Zischler, Frankfurt/Main.

Drabinski, John E. (2011): Levinas and the Postcolonial: Race, Nation, Other. Edinburgh.

Into the City / Wiener Festwochen (2011): Safe European Home? Magazin zum Projekt. Wiener Festwochen: Wien.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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