Die übertragene Revolution — IG Kultur

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INHALT 04/2011

 

Die übertragene Revolution

Clemens Apprich

Anfang des Jahres wurde Hosni Mubarak in nur 18 Tagen aus dem Amt des ägyptischen Staatspräsidenten vertrieben. Dem vorausgegangen war eine 30-jährige Herrschaft, die vor allem gegen Ende hin von einer Vielzahl an Protesten begleitet wurde. Denn entgegen der weit verbreiteten Meinung eines spontanen Aufstandes ereignete sich auch die ägyptische Revolution in mehreren Etappen. Einen vorläufigen Höhepunkt bildete dabei der Streikaufruf der TextilarbeiterInnen in Mahalla al-Kubra am 6. April 2008. Im Zuge der Demonstrationen wurde das Portrait des Präsidenten am zentralen Platz heruntergerissen und zerstört. Die Bilder hiervon verbreiteten sich im Internet wie ein Lauffeuer und ließen erstmals die vielbeschworene „Barriere der Angst“ bröckeln. Infolgedessen gründete sich die Jugendbewegung des 6. Aprils, die in den Folgemonaten fast täglich Aktionen gegen das Regime organisierte. Vor allem die willkürliche Polizeigewalt, grausam exemplifiziert durch die Ermordung Khaled Saids im Juni 2010, ließ die Forderung nach zivilen Grund- und Menschenrechten immer lauter werden. Sie war dann auch der gemeinsame Nenner eines Aufrufes zum „Tag des Zorns“ am 25. Januar 2011, der letztlich zur Besetzung des Tahrir-Platzes und zum Sturz von Mubarak führte.

Wie der Medienkünstler Aalam Wassef betont, galt das Internet in Ägypten lange Zeit als einziger Ort, an dem sich AktivistInnen treffen und austauschen konnten. Das in diesem Zusammenhang oft gebrauchte Wort der „Facebook-Revolution“ führt allerdings in die Irre, da ein Großteil der Kommunikation über unabhängige Blogs und eine eigenständige Infrastruktur lief. Erst die jüngsten Ereignisse ließen den Gebrauch „sozialer Mediennetzwerke“ regelrecht explodieren und neue Strategien in der Vernetzung, Mobilisierung und Koordination der Protestbewegung entstehen. Dabei sollte jedoch nicht die tragende Rolle des Fernsehens als Informationsquelle übersehen werden, zumal in Ägypten ein Großteil der Bevölkerung noch immer keinen Zugang zum Internet hat. Insbesondere die Bilder von der tunesischen „Jasmin-Revolution“ fanden ihren Weg in beinahe jeden ägyptischen Haushalt und lösten eine neue Dynamik im Widerstand gegen das Regime aus. Es ist daher umso bezeichnender, dass die staatliche Fernsehanstalt heute, beinahe ein Jahr nach dem Sturz Mubaraks, zu den bestbewachten Gebäuden in Kairo zählt.

Die ägyptische Armee benutzt die staatlichen Medien, um bewusst Chaos zu stiften und die Protestbewegung zu diskreditieren. Die Konterrevolution des Militärrates wird also gleichsam im Fernsehen übertragen. Insofern sieht Aalam Wassef einen entscheidenden Fehler der letzten Monate darin, dass das staatliche Fernsehgebäude Maspero nicht besetzt und so vor dem Zugriff des Militärs geschützt wurde. Es ließe sich aus Baudrillard’scher Sicht allerdings auch fragen, ob die bloße „Befreiung der Medien“ etwas an ihrer Funktionsweise geändert hätte. Denn gerade die zunehmende Mediatisierung des „Arabischen Frühlings“ führte letztlich zu einer Simulation der Ereignisse, sodass der Tahrir-Platz selbst zu einer Ikone, einem Abbild des Realen wurde und dadurch seine widerständige Kraft verlor. Dem entspricht die Einschätzung Wassefs, wonach die Bewegung gerade zu jenem Zeitpunkt an absoluter Größe gewinnen konnte, als Internet und Telefon für sechs Tage abgeschaltet wurden. Die Menschen trafen sich daraufhin auf der Straße, und es entstand eine Situation gegenseitiger Verantwortung. Darin mag auch die Hoffnung der Tahrir-Jugend liegen, da sie den Moment des Aufstandes selbst schon als Prozess größerer Freiheit erfahren haben. Eine Hoffnung, die ihr dabei helfen kann, zu vollenden, was vor einem Jahr begonnen wurde.

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