Migrationsräume auspegeln — IG Kultur

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INHALT 04/2010

 

Migrationsräume auspegeln

Lisa Bolyos

Teil Eins: Living Across

Nur die Silhouette eines Mannes scheint an der Reling zu stehen. Generation Lesbos denkt an die Überfahrt über die Ägäis. Oder den Ärmelkanal. Das Bild wird schwarz-weiß, verschwindet dann ganz. Aus der Vogelperspektive sieht mensch, wie das Seil einer Fähre gleich einem überdimensionalen Bandwurm aus dem Wasser gezogen wird. Anlegen, abfahren, schäumendes Bugwasser, Großaufnahmen vom Daumendrehen. Middle Sea von Zineb Sedira zeigt in relativ simplen Bildfolgen die Materialität (Wasser, Schiff, Passagier, Arbeit) einer Fährfahrt. Wohin, woher, zu welchem Zweck bleibt unausgesprochen und lässt sich in erster Linie im Kontext der Ausstellung lesen: Living Across. Spaces of Migration, kuratiert von Christian Kravagna, will sich laut Ausstellungsfolder „über ein Spektrum von Bildtypen (...) einer Typologie migrantischer Räume“ nähern. Der Anspruch, Arbeiten zu zeigen, „die weniger einem direkten Zugriff auf die ,Wirklichkeit‘ oder der ästhetischen Illustration politischer Statements verpflichtet sind, als dass sie sich mit assoziativen, performativen und poetischen Mitteln an die Visualisierung von unterbelichteten Zonen migrantischer Räume herantasten“, bleibt in der direkt beim Eingang platzierten Arbeit nicht nachvollziehbar. Was durchaus kein Manko ist: Die detailgetreue Nachformung des langatmigen Transits ist eine brauchbare Erzählung von Migration, die trotz Abwesenheit physischer Gewalt nicht gewaltlos ist. Die Selbstbestimmung der Reise steht außer Zweifel, und dennoch wirkt, bedingt durch Langweile und Ungeduld des Passagiers, ein Widerspruch nach. Problematisch bleibt hingegen, wieso die Arbeit so bedenkenlos als eine „über Migration“ interpretiert wird – die beliebte Fangfrage „Tourist oder Migrant“ lässt sich nicht mehr stellen, wenn die mitteleuropäischen Ausstellungsbesucher_innen per racial profiling längst erkannt haben, dass es sich hier um keine Urlaubsreise handeln soll.

Das ist auch die grundlegende Kritik, die sich die Ausstellung gefallen lassen muss: Welche und wessen Arbeiten „über Migration“ können in einem österreichischen Kunstkontext zusammen- und ausgestellt werden, und welches Verstehen muss vorausgesetzt werden? Erschwert wird Letzteres durch die relative Textarmut der Exponate, die sich teils zwar sehr praktisch erschließen lassen, andernteils aber für Diskursoutsider_innen in völliger Abstraktion verharren. Zwar sind die Öle auf Leinwand von Hurvin Anderson wohl wirklich (mensch möchte sich beinahe dazu versteigen zu sagen: objektiv) schön, aber zugänglich gemacht werden sie nicht. Und auch die proper gerahmten fotografischen Überformate von Yto Barrada (die angebrachten Hinweise „Leihgaben aus dem MUMOK“ hätten sich fast erraten lassen) verschreiben sich mehr der dokumentarischen Ästhetik als der Diskussion. Da ist Kilim Filim von Deniz Sözen und Sara Hossein über das Knüpfen, Kaufen und Pflegen von Teppichen schon weniger abstrakt in seinen Aussagen, wenn etwa der Teppichkenner in der Analyse seiner Käufer_innen zum Schluss kommt: „Man kann orientalische Muster auch net abschaffen, des läuft immer.“ Unvermittelter noch bezieht Vicens Cassassas’ Barça ou Barzakh Stellung: rüberkommen oder sterben, dazugehören oder tot sein als die einzigen zwei möglichen Ausgänge einer Reise im Boot vom Senegal zu den Kanarischen Inseln. Eine so grundlegende Frage betrifft kein unbestimmtes, körperloses Irgendwo, sie schreit nach Antworten, und die findet Cassassas ansatzweise in der massenmedialen und der Blogger_innen-Darstellung von Migration aus einer nicht-eurozentristischen Perspektive, die wahr- und ernst zunehmen – nicht zuletzt hier – mehr als nötig ist.

Insgesamt arbeitet die Ausstellung erfolgreich an einem transnationalen (Kunst-)Begriff von Migration und ihren Räumen (auch wenn sich immer wieder die profane Frage aufdrängt: Was ist denn eigentlich kein Raum?). Im Konkreten, wenn das Wohnzimmer, die DVDs, die VHS-Kassetten, die Sitzgarnitur in Ghazels Videoarbeit HOME (stories) zur Visualisierung der Zukunft gehören („Ça, c’est future projet, le salon“, erklärt da eine maskierte Frau ihre Zeichnung). Und im Übertragenen, wenn Haiders Tod in der Arbeit von Nadja Prlja in den Kontext von möglichen Räumen der Migration gesetzt wird – fürwahr ein Gustostückerl.

Teil Zwei: Grenzpegel

In einem zweiten Teil des Gesamtprojekts Viel Glück. Migration heute erstellen die Kurator_innen Ruby Sircar und Fatih Aydoğdu eine Zusammenschau migrantischer Musikszenen, die in Wien aufeinander treffen. Entlang einer Timeline, die Petja Dimitrovas Arbeit entnommen ist, werden antirassistischen Bewegungsmomenten, dem Verlauf der österreichischen Fremdengesetzgebung und internationalen, grenzrelevanten Politiken Ereignisse der musical Homezone hinzugefügt: Labelgründungen, Lokaleröffnungen, große Bandauftritte, Meilensteine musikalischer Tschusch_innenpower. Räumlich gegenüber stehen der historischen Einführung Regale mit Musikdevotionalien – Flyer von WUK-Konzerten, wild durcheinander geworfene LP-Hüllen diverser schlagkräftiger Namen, CD-Cover von – etwas banal kategorisiert – Musikerinnen, großen Vordenkern und -spielern und schließlich jenen, die dem Balkan Fever anheim gefallen sind oder an seiner Verbreitung beteiligt waren. Hier scheint dann auch eine angebrachte (solidarische) Kritik ein wenig der unbedingten Lust an stringenter Geschichtserzählung zum Opfer gefallen zu sein – ansonsten könnten sich Shantel und auch der Wiener ost klub kaum als widerspruchsbefreite Beispiele der Discoisierung von Balkanbeat im Angebot finden.

Mit viel mehr Wissen gefüllt sind hingegen Datenbank und Videointerviews, die einen Überblick über auch-migrantische Musikproduktionen und Partyszenen in Wien und ihre Entwicklung der letzten Jahrzehnte schaffen. Da erfährt mensch etwa von Sabine Schwaighofer, aufgrund welcher Bedürfnisse der Club Homoriental vor mittlerweile elf Jahren nach einer Regenbogenparade gegründet wurde, was dort passieren sollte und wie es warum so gut läuft. Coup de Bam erzählt kollektive Bandgeschichte, dZihan & Kamien räsonieren übers Labelgeschäft. Ursula Hemetek spricht als Musikethnologin über die Funktionen der Ethnisierung von „Migrantischem“ in der Musik. Die Gespräche sind in einer der Information verschriebenen Ausführlichkeit geführt und geschnitten, die angenehm Zeit lässt und von editorischem Schnickschnack absieht. Und vor allem wird eine der zentralen Fragen gestellt und ausgiebig mit Antwortmöglichkeiten bedacht: Was soll das eigentlich sein, migrantische Musik? Musik von Migrant_innen? Für Migrant_innen? Musik über, während, trotz Migration? In diesem kompakten Archiv finden sich Versatzstücke einer Lokalgeschichte im doppelten Wortsinn; die Wienbibliothek wird zu einem gern benutzten Raum, einer Mediathek gemacht, in der sich Wissen aneignen lässt, das sonst nicht - oder nicht so kompakt und schon gar nicht für Szene-Outsider_innen - zur Verfügung steht. Und außerdem erfahren wir nebenbei auch noch, was Fatima Spar für Eltern hat und was Marcus Westenberger vom ost klub so in den Tag hinein denkt - was gut ist, weil: unterhaltsam.

Dass in der Ausstellung aufgrund massiver Budgetkürzungen nur ein Bruchteil dessen thematisiert werden kann, was sich in den Wiener Musikszenen abspielt und was Musikszenen aus, gegen und mit dem migrantisch-Label machen, was einerseits über das geographische Spektrum von Mittel- und Südosteuropa hinaus, andererseits außerhalb der Szenegrenzen in Wien an musikalischer Auseinandersetzung geschieht, ist mehr als schade. Den Kurator_innen bleibt hoch anzurechnen, was sie aus den abgemagerten Rahmenbedingungen gemacht haben – und zu wünschen, dass die Ausstellung wie geplant nach Istanbul weiterreisen kann.

So haben sich nicht nur für Migration, sondern auch für Projekte über Migration die institutionellen Rahmenbedingungen verändert: Gastarbejteri war zumindest in der Außenwahrnehmung noch ein vom Wien Museum gehostetes, ansonsten aber unabhängiges Ausstellungs- und Forschungsprojekt. Im Zusammenhang von Viel Glück! hingegen will und will die Erste Foundation, Osteuropaspezialistin für Kunst und Sonstiges, einfach nicht mehr von der Bildfläche verschwinden. Das nervt nicht nur im Sinne der Repräsentationspolitik, sondern auch, weil sich daran so viele Fragen von Involviertheiten und Abhängigkeiten anschließen. Und schließlich spricht es Bände über die österreichische Kunst- und Forschungsförderung.

Teil 3: Viel Glück!

Umso beachtenswerter ist die vieljährige Arbeit, die in das Buch, zweisprachig (englisch/deutsch) und mit über 400 Seiten beim Wiener Mandelbaum Verlag erschienen, als zentraler Bestandteil des Projekts eingeflossen ist. Hier wird schließlich der erwartete Rückbezug auf das Erstprojekt Gastarbejteri. 40 Jahre Arbeitsmigration und seine Verräumlichung in Belgrad, Zagreb und Istanbul hergestellt. Auf Initiative der Historikerinnen Vida Bakondy und Renée Winter wurde die Arbeit fortgesetzt, die mit der Ausstellung im Wien Museum 2004 begonnen worden war: Konsequenterweise weitet sich der Blick in der Weiterführung über ein dokumentarisches Beschreiben vom Gastarbejteri-Sein aus und prüft nach, wie das Migrationsregime der Europäischen Union in den Jahrzehnten seither ausformuliert und praktiziert wurde. Anhand der Beispielländer Kroatien, Österreich, Serbien und Türkei wird ausgehend von der staatlichen Anwerbepolitik Österreichs in den 1960er Jahren, vor allem aber von dem, was die so Angeworbenen daraus gemacht haben, historisch gewachsenen Verbindungen nachgegangen und gefragt, was sich auf institutioneller und bewegungspolitischer Ebene getan hat. Dem liegt nicht zuletzt die Erkenntnis zugrunde, dass sich klassische Herkunftsländer der 1960er Jahre im Verständnis europäischer Migrationspolitiken selbst in Orte der Transitmigration und der Ankunft gewandelt haben. Aus Wegen, die vorher nur in eine Richtung (Herkunftsland – Anwerbeland) zu führen schienen, sind über die Bewegungen, das Bleiben und Handeln Räume entstanden. Das Living Across der Ausstellung bildender Künstler_innen wird im Lesen der Texte erst eigentlich manifest.

Die Leistung der Herausgeber_innen ist es aber vor allem, im Buch nicht just another who is who der österreichischen Migrationsexpert_innen versammelt zu haben, sondern den transnationalen Anspruch der vier exemplarischen Länder in Namen und vor allem in Debatten widerzuspiegeln. In fünf Kapiteln werden Utopien der Migration, historische Entwicklungen der Arbeitsmigration, aktuelle Migrationsregime und Asylpolitiken anhand konkreter Bezugnahmen von Autor_innen mit unterschiedlichen professionellen Backgrounds besprochen. Und schließlich kommt die Publikation zum notwendigen Punkt: Migration ist – permanent neu erkämpfte – Normalität.

Anmerkungen
Viel Glück! Migration heute. Wien, Belgrad, Zagreb, Istanbul. Ein Projekt der Initiative Minderheiten:

Living Across. Spaces of Migration
kuratiert von Christian Kravagna
xhibit, Akademie der Bildenden Künste Wien
bis 05.12.2010

Grenzpegel. Kreativität und Kontroversen migrantischer Musikszenen.
kuratiert von Ruby Sircar und Fatih Aydoğdu
Wienbibliothek im Rathaus
bis 14.01.2011

Viel Glück! Migration heute. Wien, Belgrad, Zagreb, Istanbul
hg. von Vida Bakondy, Simonetta Ferfoglia, Jasmina Janković, Cornelia Kogoj, Gamze Ongan, Heinrich Pichler, Ruby Sircar und Renée Winter
Mandelbaum Verlag

Lisa Bolyos ist antirassistische und feministische Aktivistin in Wien und instrumentalisiert Konzeptkunst am liebsten gegen Integrationsdebatten.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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