Neues aus der Kleingartensiedlung: Gerechter Zorn? — IG Kultur

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INHALT 04/2010

 

Neues aus der Kleingartensiedlung: Gerechter Zorn?

Andi Wahl

Die Zeit vor dem Jahreswechsel ist für den Kleingärtner eine Zeit der Ruhe und der Pflege. Die Rasenflächen werden vom Laub gesäubert, letzte Schnitte an den Obstbäumen gesetzt und Komposthaufen abgedeckt. Diese Zeit der Ruhe genießt mein Nachbar Franz immer ganz besonders. Franz nun ist ein Mensch, den wohl viele als „Original“ bezeichnen würden. Groß, breitschultrig und mit einem Rauschebart wie Rübezahl. Er zeichnet sich durch sehr entschiedene Bewegungen und unglaubliche Körperkraft aus. Der Prototyp eines Hacklers, für den aber die Hacklerregelung niemals gelten wird. Schon weil er im Winter immer arbeitslos ist, also „stempeln“ geht. Die gewonnene Zeit vertreibt er sich gerne mit dem Lesen historischer Bücher.

Franz ist an sich ein ruhiger Mensch, der aber, wenn er in Fahrt kommt, ganz schön auf den Putz hauen kann. So auch gestern. Ich war gerade beim Laubrechen, als ich Franz plötzlich fürchterlich fluchen hörte. „Scheiß Integrationspolitik!“, brüllte er weithin vernehmbar durch die Kleingartensiedlung und: „Denen haben sie doch allen ins Hirn geschissen!“. Gleich bin ich zum Gartenzaun geeilt und habe versucht, Franz zu beruhigen. Ist doch peinlich, wenn da einer so herumschreit. Was er denn plötzlich gegen Integrationspolitik hätte, habe ich ihn gefragt. Bisher hätte ich immer angenommen, dass er sich für ein Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen aussprechen würde. „Jetzt fängst du auch noch an“, hat er mich angefahren, und ich fürchtete schon, er würde einen Zaunpfosten ausreißen und mir damit auf den Kopf klopfen. „Das ist doch alles rassistisches Gefasel von den unterschiedlichen Kulturen. Menschen unterscheiden sich durch vielfältige Dinge voneinander. Auf welchen Flecken dieser Welt sie geboren wurden, oder welche Muttersprache sie sprechen sind nur zwei von hunderten Unterscheidungsmerkmalen. Aber immer mehr wird so getan, als ob diese zwei Kriterien die einzig entscheidenden wären.“ Inzwischen wurde Franz schon etwas ruhiger, und um ihn noch mehr zu beruhigen, stellte ich eine offene Verständnisfrage: „Wie meinst du das Franz“, habe ich daher gesagt, „ich kann dir nicht folgen“. „Schau“, hat er nun in schon fast sanftem Ton gesagt, „die ganze Sache mit Nationalstaaten und gemeinsamer Sprache und Kultur war doch nur eine Erfindung, damit man nach den Zusammenbrüchen der großen Dynastien etwas hatte, das den Menschen gemeinsam war. Das darf man alles nicht zu ernst nehmen.“ „Ja Franz“, entgegnete ich, „aber was hat das jetzt mit der Integrationspolitik zu tun?“. „Weil diese vertrottelte Integrationspolitik immer mehr davon ausgeht, dass alle, die nach Österreich kommen, möglichst schnell so werden müssen wie wir“, ereiferte sich Franz wieder und bekam einen roten Kopf. „Dabei war doch schon vor Jahren klar, dass Integration ein doppelseitiger Prozess sein muss. Die Gesellschaft muss sich durch die Aufnahme weiterer Individuen verändern! Das fordert natürlich auch von den Einheimischen Anstrengung und Lernbereitschaft. Aber nein. Die wollen alle in ihrem Sumpertum verharren. Und wenn die Einwanderer dieselben Sumper sind wie sie, dann betrachten sie das als erfolgreiche Integration.“

Ich habe noch lange mit Franz gesprochen, er hat sich dabei sogar zu der Forderung verstiegen, dass man alle Integrationsmaßnahmen einstellen sollte, weil sie ohnehin nichts brächten, wenn die Aufnahmegesellschaft sich weigere, auch ihren Teil zu leisten. Zuzug sollte einfach stattfinden, und die ÖsterreicherInnen, denen das nicht passe, die sollten eben eine Jodel-und-Schweinsbraten-Parallelgesellschaft machen. Manchmal fürchte ich mich richtig vor meinem Nachbarn.

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  • Leporello, 1010 Wien
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