Die Ambivalenz des Erfolgs. Zum 25. Geburtstag des WUK — IG Kultur

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INHALT 04/2006

 

Die Ambivalenz des Erfolgs. Zum 25. Geburtstag des WUK

Isolde Charmin

Am Beginn eines Textes zum 25-jährigen Bestehen des WUK steht die Frage: War die Gründung dieses „Werkstätten- und Kulturhauses“ nun ein Sieg oder ein Scheitern? Allein der paradoxe Umstand, dass ein Jubiläum vorwiegend um diese Fragestellung kreist, zeigt bereits, dass wir es hier mit einer sehr spezifischen Institution zu tun haben. Deren Hauptmerkmal ist eine unhintergehbare Ambivalenz, die wie ein Geburtsfehler gehandelt wird. Wurde die Gründung des WUK nun ertrotzt – oder war sie nichts anderes als eine Zähmung rebellischer Kräfte? Diese Frage zieht sich auf die eine oder andere Art durch sämtliche Debatten in all den Jahren (die ich nachlesen konnte). Jeder Erfolg wurde und wird weiterhin heimgesucht durch das Gespenst der Zähmung. Der Text wird ihrem Gegenstand entsprechend sein: ambivalent. Und deshalb beginne ich damit, diese „dark side of the moon“, diese dunkle Seite des Erfolgs zu beleuchten: das permanent schlechte Gewissen des WUK. Dazu ist es notwendig, nicht mit der Antwort auf die Eingangsfrage, sondern mit der Fragestellung selbst anzufangen: Was bedeutet der Gegensatz „ertrotzt – gezähmt“? Was steckt dahinter?

25 Jahre WUK: Erfolgsstory oder Verfallsgeschichte?

Die Geschichte dieses Hauses als Erfolgsstory lautet: Damals, 1981, hat sich etwas Neues, Wildes, Aufbegehrendes gegen das Bestehende, gegen die Macht durchgesetzt und hat ihr – symbolisch ebenso wie real – Raum abgerungen. In diesem Sinne war es ein Sieg. Aber diese Variante wird getrübt durch jene Sicht, die die selben Ereignisse genau gegenteilig beurteilt. Hier habe sich nichts durchgesetzt, hier wurde vielmehr etwas integriert, eingebunden – eine Strategie zur Befriedung sozialer Unruhen, der man in die Falle gegangen sei. Beiden Darstellungen, beiden Bewertungen liegt aber das selbe Phantasma zugrunde: Die Vorstellung von reinen Praktiken, von puren politischen oder kulturellen Energien. Ein Text über das WUK muss damit beginnen, dieses grundlegende Phantasma zurückzuweisen. Er muss damit beginnen, diesen Gründungsmythos zu hinterfragen. Er muss damit beginnen, diesen Diskurs der Echtheit, der Authentizität zu dekonstruieren.

Ein Diskurs, der sich all die Jahre wie ein roter Faden durch die Auseinandersetzungen, die zwischen Selbstzweifel und Euphorie oszillieren, zieht – namentlich in Form des Begriffs „Verrat“. Der Vorwurf des Verrats an der ursprünglichen Idee, das ist die Gestalt, in der das WUK-Über-Ich, sein schlechtes Gewissen auftritt. Hier treffen wir auf einen genuinen Zug der orthodoxen ebenso wie der unorthodoxen Linken: die Selbstkritik. Die Rede vom Verrat unterstellt eine ursprüngliche Echtheit, Reinheit, die dann eben verfälscht, verraten werden konnte. Diesen gilt es zu geißeln. Worin besteht nun aber der Verrat? Was ist es, das sich zwischen Hoffnung und Realisierung geschoben hat? Das zentrale Moment lautet: Institutionalisierung. Und diese wird als Verfallsgeschichte verstanden. Als das, was den ursprünglichen Schatz vergeudet hat, was Stagnation, Kompromiss – kurz Verwirklichung bedeutet.
Man muss also den Begriff der Institutionalisierung hinterfragen, um zu einer realistischen Einschätzung dessen zu kommen, was das WUK war und vor allem, was es heute ist. Dazu muss man festhalten, in der Linken überwiegt ein negativer Institutionenbegriff, der sich vor allem an Bürokratisierung, Planung, Funktionärswesen festmacht und als solcher den wunden Punkt der gesamten linken Geschichte ausmacht (auch hierin trifft sich die die Dogmatik mit den undogmatischen Formen). Hier aber soll, gerade anhand des WUK, ein positiver Institutionenbegriff stark gemacht werden.

Eine aus der Dissidenz hervorgegangene Form der Institution

Es war in letzter Zeit Peter Sloterdijk, der einen positiven Institutionenbegriff entwickelt hat, an dem ich mich hier orientieren möchte. Dieser sieht vor, eine „linke“ Institution, eine Institution also, die aus einem Rebellentum, einer Dissidenz, einem Aufbegehren hervorgegangen ist, als einen Produktionsort zu verstehen. Einen Produktionsort, an dem individuelle Energien des Einspruchs transformiert werden, verwandelt in überindividuelle und damit erst politische Projekte. Sloterdijk hat dafür das schöne Wort „Zornbank“ erfunden.

Eine Zornbank wäre also eine Form, Leidenschaften zu organisieren, ihnen eine kollektive Gestalt zu verleihen. Diese, die Leidenschaften, sind dabei also das Rohmaterial, die Organisation – die Institution im engeren Sinne – das Produktionsmittel, das Produkt aber ist äußerst komplex. Nach außen hin entsteht ein neuer Player, denn die Sammlung vieler Unbehagen entspricht deren Metamorphose in ein politisches Subjekt. Nach innen erhalten die „Kunden“ (Sloterdijk), die ihren emotionalen Schatz investiert haben, diesen verzinst als Identitätssicherung zurück.
Der Effekt dieser Verwandlung ist: die Affekte wie auch der Moment ihres Zusammentreffens wurden auf Dauer gestellt. Was wäre aus der Aufbruchsstimmung, aus den Träumen und Vorstellungen geworden, wenn man sie – wie die Vertreter des Diskurses der Authentizität meinen – nicht gebündelt hätte, wenn man sie nicht institutionalisiert hätte? „Aber ist das, was hier existiert, tatsächlich unsere Rebellion als Gestalt?“, fragt die Selbstkritik. Und sie fügt hinzu: Dies sei keine wirkliche Subkultur mehr und unterstellt damit die Existenz einer falschen Subkultur. Deren Falschheit belege „schon die Tatsache, daß dieses Haus überhaupt existiert“, wie man in der 10-Jahres Festschrift lesen kann, dass sie also überhaupt eine Gestalt angenommen hat. In dieser Logik wäre die authentische Subkultur also jene, die sich nicht vergegenständlicht, die nur eine immaterielle, geisterhafte Existenz hat.

Agieren im den paradoxen Räumen der Gegenwart

Was ist nun das Nicht-Benannte, der gemeinsame Nenner all der verschiedenen Aktivitäten in diesem Haus? Bislang wurde diese Gemeinsamkeit vor allem in dem Begriff „alternativ“ verortet, der die Schnittmenge von Frauen-, Theater-, Musik-, Kinder- und Seniorengruppen bezeichnen sollte. Ein heute schwierig gewordener Begriff. Mit alter-nativ, bezeichnete man das Andere, das Andere des Bestehenden, dessen Gegen, dessen Außen. Die Liste dieser topologischen Standortbestimmungen lässt sich noch verlängern um jene des Subkulturellen gegen die Hochkultur.

Das gemeinsame Defizit all dieser Bestimmungen besteht darin, dass sie auf ein Raumkonzept der Macht rekurrieren, das längst obsolet geworden ist. Gerade in der Gründungsphase des WUK dachte man sich „das System“, die „Macht“ – also das, wogegen man vorgehen wollte – als Festung, als ein einheitliches Gebäude, das Widersprüche nur an seinen Rändern kannte. Tatsächlich aber hat sich das, wogegen man war, längst kapitalisiert: Die Kunst, die Kultur, die Macht, sie alle haben längst die Festung verlassen, die Festung der eindeutigen Begriffe und klaren Zuordnungen und haben sich in einem „paradoxen Raum“ angesiedelt. Einem Raum also, der keine fixen Grenzen kennt, kein eindeutiges Innen-Außen, denn er schließt seine Widersprüche nicht aus, sondern integriert sie. Eben das macht ihn ja paradox. Ja, mehr noch – gerade Widerstände werden besonders honoriert. Sie sind heute die kapitalistische Antriebsenergie schlechthin. Das Paradoxeste daran ist aber, dass dies nicht zuletzt ein „Verdienst“ der unorthodoxen Linken ist. Sie haben so viele gesellschaftliche Differenzen eingeführt, ihnen ist es gelungen, die Grenzen permanent zu verschieben – ohne jedoch den von ihnen ersehnten grundlegenden Wandel durchzusetzen. Darin besteht ihr erfolgreiches Scheitern: Gerade indem sie erfolgreich waren, sind sie gescheitert, gerade indem sie gescheitert sind, waren sie erfolgreich. Nun sind sie es, die als letzte Bewohner die Festung verlassen müssen.

Will man heute etwas Anderes, etwas Alter-natives benennen, so muss man sich in erster Linie von dem einen Widerstandsmodell, von der einen Oppositionsfront – kurz, von einer Vorstellung von Rebellion verabschieden, die eindeutige Positionen und eindeutige Frontverläufe kennt, denn diese taugt nicht mehr für eine ambivalente Welt. Aber man muss sich klar machen, dass gerade die Paradoxie, die Ambivalenz, einer Institution wie dem WUK entgegenkommt – wenn es gelingt, sich von den alten Begrifflichkeiten zu befreien. Das WUK ist ein Kulturhaus und nicht etwa eine Partei. Hier gibt es also eine andere, spezifische Art, verschiedene rebellische Energien zu sammeln: nicht zentralistisch, ohne Zwang zur Homogenisierung. Hier geht es nicht um die Einheit, sondern um die Bündelung der Kräfte.

Das WUK als „gebundene Gesellschaft“

Damit stehen wir vor der Frage: „Sind wir eine Gemeinschaft oder eine Gesellschaft?“. Also: Sind wir eine organische Einheit oder sind wir eine Verbindung atomisierter Individuen? Wobei eine Gemeinschaft sich alleine durch ihr Bestehen als solche als Alterum, als Einspruch gegen die vorherrschende Gesellschaft versteht, während eine gesellschaftliche Verbindung sich operativ versteht, d.h. dass nicht bereits die Form des Zusammenschlusses das Andere bildet, sondern Inhalte, Aktionen. Hier muss man festhalten, dass bereits die Diskussion selbst jene Spaltung eingeführt hat, über die hier gestritten wurde: Schon durch die Diskussion wurde das Gemeinschaftskonzept unterlaufen.

Das eigentliche Problem liegt jedoch darin, hier eine Ausschließlichkeit zu postulieren. Anders gesagt: Die tatsächliche Besonderheit des WUK besteht doch gerade darin, der vorherrschenden Ambivalenz keine Eindeutigkeit entgegenzuhalten, sondern vielmehr eine eigene Form der Ambivalenz: Das WUK ist das, was man eine „gebundene Gesellschaft“ nennen könnte. Das heißt, eine Gruppierung, die lose wie eine Gesellschaft, dennoch verbunden ist durch eine „Gemeinsamkeit“. Diese steht unter Anführungszeichen, weil diese Gemeinsamkeit nur der gemeinsame Bezug auf ein leeres Zentrum ist, auf eine Nicht-Bestimmbarkeit, eine Nicht-Fixierung, worin das „Gegen“ besteht. Diese radikale Offenheit macht das WUK zu einer demokratischen Zornbank im emphatischen Sinne. In Zeiten der „Nicht-Sammelbarkeit und Nicht-Organisierbarkeit der aktuellen Dissidenzquanten“, wie das bei Sloterdijk heißt, ist es besonders wertvoll, eine Institution zu haben, die sammelt, ohne zu vereinen. Noch dazu im öffentlichen Raum. Somit sind die Subventionen durch die öffentliche Hand doppelt wertvoll. Jenseits ihres Nominalwerts bedeuten diese auch eine Situierung als öffentlicher Raum, als öffentliche Institution – eine unumgängliche Positionierung für eine Gemeinschaft-Gesellschaft.

Abschließende Frage nach der Bedeutung eines erfolgreichen Scheiterns

Abschließend möchte ich noch festhalten, dass das Sammeln der deponierten Emotionen sich nicht in einer Archivierung erschöpft, sondern deren Reproduktion auf erweiterter Basis dient. Sie werden „re-investiert“, wie Sloterdijk das nennt. Etwa in den Sozialprogrammen des WUK. Diese erscheinen mir doppelt bedeutsam. Zum einen, weil es nicht dasselbe ist, ob Sozialarbeiter oder ein Kulturhaus arbeitslose Jugendliche zu integrieren versuchen. Wenn eine Kulturinstitution ins genuine Feld des Politischen interveniert, so bedeutet das einen realen Eingriff, einen performativen Kulturbegriff, der sich in seiner Behauptung vollzieht. Es bedeutet, die politische Realität des reinen Sachzwangs auf eine Wirklichkeit jenseits des Utilitarismus zu verweisen. Zum anderen aber sind diese Programme bedeutsam, weil das Soziale heute – im Unterschied zu der Identitätspolitik der 1990er Jahre – das Terrain ist, auf dem die gegenwärtigen politischen Kämpfe auszutragen sind.

In diesem Zusammenhang lautet die entscheidende Frage heute: Ist das WUK nach wie vor eine „Zornbank“ oder ist es ein Lifestyle unter anderen? Jenseits der Frage nach dem Verrat, steht die Frage, was erfolgreiches Scheitern bedeutet: Wohlfühlen mit gutem Gewissen – oder Anschluss an neuralgische Punkte? So gestellt, beinhaltet die Frage bereits ihre Antwort.

Isolde Charim ist Publizistin und Philosophin, lebt in Wien.

Der vorliegende Beitrag ist eine gekürzte Version des Festvortrags, den die Autorin am 4.10.2006 zum 25. Geburtstag des WUK gehalten hat.

 
 

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