SOS – Schicksale deutscher Museen. Hamburg leistet sich ein umstrittenes Privatmuseum für Schifffahrt.
Seit August läuft in Hamburg die künstlerische Protestaktion „TAMM TAMM –
Künstler informieren Politiker“. Anlass ist ein Beschluss, den das Hamburger
Parlament, die „Bürgerschaft“, gefasst hat: die Errichtung des „Internationalen
Schifffahrts- und Meeresmuseums Peter Tamm“. Für die „maritime“ Privatsammlung
von Herrn Tamm stellt die Stadt in der neuen HafenCity den historischen
Kaispeicher B mit ca. 12.000qm Ausstellungsfläche mietfrei zur Verfügung und
verpflichtete sich darüber hinaus, 30 Millionen Euro für den Ausbau des privaten
Museums und die Aufbereitung der Sammlung zu bezahlen. Da Peter Tamm und
seine Sammlung nicht unumstritten sind, und er zudem von der Stadt für seine
Stiftung ungewöhnlich großzügige Bedingungen eingeräumt bekommt, fragen
die Künstler/-innen, wie eine solche Entscheidung zustande kommen konnte.
Im Rahmen der Protestaktion bekommt jede/r der 121 Abgeordneten der Bürgerschaft
einen Künstler oder eine Künstlerin als Paten. Im persönlichen Kontakt
soll dann die Auseinandersetzung über das geplante Museum intensiviert werden.
Die Ergebnisse sind auf der Website www.tamm-tamm.info dokumentiert.
Die Sammlung
Grundlage des neuen Museums soll die Privatsammlung von Peter Tamm sein.
Diese umfasst ca. 25.000 Einzelstücke, überwiegend Schiffsmodelle, davon ca.
900 größere (Kriegs-)Schiffe – einige davon kunstgewerblich bemerkenswert –
bis hin zu richtigen Schiffen und Booten. Die 5000 Gemälde und Zeichnungen,
die ebenfalls zur Sammlung gehören, kann man vorwiegend der Kategorie
„Heroischer Realismus” zuordnen. Es handelt sich dabei um Darstellungen von
Schiffen, Herrschern und Seeschlachten, die nicht selten propagandistische
Zwecke erfüllten oder dem Selbstdarstellungsbedürfnis von Herrschenden zu
dienen hatten. Weitere wesentliche Bestandteile der Sammlung sind Originalwaffen
aller Art, über 1000 Uniformen sowie unzählige Orden. Besonders erwähnenswert
sind die Deutschen Kreuze, fünf Spanienkreuze, die die Legion Condor
für die Zerstörung Guernicas erhalten hatte, sowie drei Großadmiralsstäbe,
davon die beiden der nach dem zweiten Weltkrieg verurteilten Kriegsverbrecher
Raeder und Dönitz. Nach Vereinbarung kann die im „Institut Peter Tamm”
untergebrachte Sammlung besichtigt werden, und die Besucher bekommen eine
Führung, die den Geist, in dem die Sammlung zusammengetragen wurde, nochmals
verdeutlicht. Alle Exponate sind ohne Kontextualisierung ausgestellt,
sodass man sich des Eindrucks eines Sammelsuriums nicht erwehren kann.
Unbestreitbar ist die Fülle der Sammlung, die in
einer privaten Villa Tamms an der vornehmen Elbchaussee untergebracht ist.
Nicht wenige Besucher neigen dazu, deren Quantität mit Qualität zu verwechseln. Doch Sammlerleidenschaft ist nicht notwendigerweise mit Kennerschaft zu
verwechseln – wie man aus dem Kunstbetrieb weiß. Jedenfalls gibt es kein ernst
zu nehmendes Gutachten über Qualität und Wert der Sammlung. Dass diese
Tamms Weltbild vortrefflich widerspiegelt ist hingegen unbestritten.
Der verhinderte Admiral
Dass es notwendig ist, neben der Sammlung auch den Sammler genauer zu beleuchten,
hängt damit zusammen, dass er allein für die Inhalte des neuen Museums
verantwortlich sein wird. In der „Peter Tamm sen. Stiftung“, die Trägerin
des Museums und Vertragspartnerin der Stadt Hamburg ist, hat er das alleinige
Sagen. Der Mann, der von sich selbst behauptet, er habe eine „Marinemeise“,
bekommt oft auch das weniger wohlwollende Label „verhinderter Admiral“
angeheftet. Allzu gern hätte Tamm selbst eine Laufbahn bei der Marine eingeschlagen,
doch das Ende des zweiten Weltkrieges machte ihm einen Strich durch
die Rechnung, und er musste sich damit begnügen, über Maritimes zu schreiben
(Hamburger Abendblatt) und seine Leidenschaft durch Sammeln zu befriedigen.
Nun würde die verpatzte Karriere bzw. unkontrollierte
Sammelleidenschaft eines Herrn Tamm allenfalls Mitleid bzw. verständnisloses
Kopfschütteln erregen, wäre sie nicht gepaart mit einer äußerst problematischen
Weltanschauung sowie der uneingeschränkten Machtposition im Hinblick
auf das neue Museum. Über 40 Jahre lang (bis 1991) war Peter Tamm für den
Axel Springer Konzern tätig gewesen, davon 23 Jahre an der Konzernspitze. Der
Journalismus-Profi pflegte bei Springer nicht nur militärischen Jargon, sondern
auch einen entsprechend autoritären Führungsstil sowie eine national-konservativ
bis menschenverachtende inhaltliche Ausrichtung, die ihm den Vorwurf bescherte,
„Anti-Demokrat“ zu sein. Bei den 68er StudentInnenunruhen gegen Springer
leitete Tamm persönlich den Abwehrkampf, half mit, das Boulevardblatt „Bild“-
Zeitung zu dem Hetzblatt zu machen, als das es zweifelhafte Berühmtheit erlangte
und vervielfachte den Umsatz des Konzerns. Tamm gehörte in Deutschland lange
Zeit zu den best verdienenden Managern, was wiederum dazu beitrug, seine
navalistische Sammelleidenschaft zu finanzieren.
Der sogar von Axel Springer als „Deutschbulle“ und
„Rechtsradikaler“ bezeichnete Tamm begann gleichzeitig Kleinverlage bzw.
Anteile daran zu erwerben und ist heute Haupteigner der Verlagsgruppe Köhler-
Mittler, die spezialisiert ist auf Militärisches verschiedener Couleur. Die Verlage
entstammen einer kriegsverherrlichenden, teilweise nationalen/rechten Tradition
und bedienen ihre Klientel weiter mit entsprechenden Produkten. Nicht unterschätzen
sollte man auch das knappe Dutzend Beteiligungen von Tamm in Vorständen
und Aufsichtsräten von z.B. Medienkonzernen, Reedereien und Stiftungen.
Im Jahre 2002 verlieh die Stadt Hamburg auf Antrag seiner ehemaligen
Springer-Mitarbeiterin und damaligen Kultursenatorin Dana Horákowa dem
selbst ernannten „Historiker“ den Titel des Ehrenprofessors. Mit diesem Titel
und der Bezeichnung seiner Wirkungsstätte als „Institut“ beansprucht Tamm
nun (geschichts-)wissenschaftliche Kompetenz. Doch die spärliche Forschungsund
Publikationstätigkeit seines Institutes kann differenzierte historische Arbeit,
reflektierten Methodeneinsatz oder Teilhabe an einem wissenschaftlichen Diskurs
nicht belegen.
Die Aktion
Die öffentliche Berichterstattung vor und nach der Beschlussfassung der Bürgerschaft
war überwiegend Tamm-freundlich (Hamburg ist fast ausschließlich auf
die Berichterstattung der Springer-Blätter angewiesen). Schwache Polemiken
richteten sich gegen ein, den wahren Hintergrund verharmlosendes „Buddelschiffmuseum“.
Diese Situation änderte sich schlagartig im Frühjahr dieses
Jahres mit der Veröffentlichung des Readers „Tamm Tamm“, herausgegeben
vom Informationskreis Rüstungsgeschäfte in Hamburg. Erstmals legte die unter
dem Pseudonym „Friedrich Möwe“ agierende Autorengruppe wichtige Hintergrundinformationen
offen, die auch Ausgangspunkt der Aktion „Tamm Tamm-
Künstler informieren Politiker“ sind.
Die Aktion setzt bei den politisch Verantwortlichen
des Museumsprojektes, den Abgeordneten der Bürgerschaft an. Diese hatten im
Februar 2004 ohne Gegenstimmen das Projekt bewilligt, ohne dass eine fundierte
inhaltliche oder finanzielle Konzeption vorgelegen hätte. Zwar gab es ein
wenige Seiten umfassendes „Konzept“ der Stiftung, worin militärische Begriffe
sorgsam vermieden worden waren, doch Kapitelüberschriften wie „Romantik
und Härte, Handel und Macht“ konnten nicht auf eine wissenschaftliche Aufarbeitung
des Themas schließen lassen.
In Einzelgesprächen versuchen die Künstler/-innen
seit August die Beweggründe der Abgeordneten zu erfahren bzw. diese über den
Gehalt der Sammlung und die Person Peter Tamm aufzuklären. Tatsächlich
brachte die Aktion ans Licht, dass ein Großteil der Abgeordneten sich erst
anlässlich der Künstler/-innenproteste inhaltlich genauer mit dem 30-Millionen-
Projekt befasste. Politiker/-innen aller Fraktionen gemeinsam war dabei, dass sie
sich sehr haben bitten lassen und mit dem anscheinend ungewöhnlichen
Ansinnen, über ein von ihnen beschlossenes, aber umstrittenes Kulturprojekt zu
sprechen, nicht umgehen konnten oder mochten. Es bedurfte der Aufmerksamkeit
überregionaler Medien, um die Gesprächsbereitschaft zu fördern.
Oftmals mussten sich die Künstler/-innen fragen lassen,
warum sie ihre Kritik erst jetzt äußern würden. Aber diese Frage lässt außer
acht, dass es zum Zeitpunkt der parlamentarischen Entscheidung keinerlei öffentlich
zugängliche Informationen und deshalb auch keine öffentliche Diskussion
des Projektes hatte geben können. Diese wird nun nachgeholt. Zahlreiche Politiker/-innen haben inzwischen eingeräumt, dass auch sie zu wenig gewusst und bei
der Abstimmung allein ihren Kollegen/-innen vom Fachausschuss vertraut hatten.
Außerdem sorgt der Fraktionszwang dafür, dass selbst kritische Abgeordnete
gezwungen waren, für ein Projekt zu stimmen, das sie möglicherweise ablehnten.
Die Art der Gesprächsführung und der Dokumentation
bestimmen die Künstler/-innen selbst. Unter den bisher über 70 Beiträgen
befinden sich Malerei, Fotografien, Audio- und Videomaterial, Zeichnungen,
Collagen und sehr viele Texte. Ob sich durch die Aktion eine Politisierung der
Künstler/-innen entwickelt hat, ist schwer abzuschätzen, aber in jedem Fall hat
sich eine große Anzahl einzelner Künstler/-innen, die sich ansonsten nicht kulturpolitisch
organisieren würde, in dieser Aktion engagiert und erfahren, dass
ihre Stimme öffentlich gehört wird und Einfluss nimmt. Die Aktion hat nicht nur
öffentliche Aufmerksamkeit geweckt für das Museums-Projekt, sondern vor
allem auch die Abgeordneten sensibilisiert, denen im Januar 2006 die endgültige
Museumskonzeption vorgelegt werden wird.
Das Museum
Was sich nach den bisherigen Protesten deutlich abzeichnet, ist, dass eine Nicht-
Kontextualisierung besonders der Exponate aus der NS-Zeit im künftigen Museum
unmöglich sein wird. Damit ist hoffentlich eine Hauptsorge, nämlich dass
sich das Museum zu einer Kultstätte für Neonazis entwickelt, unbegründet
geworden. In welcher Weise aber Herr Tamm und seine Mitarbeiter/-innen in der
Lage sind, Aufarbeitung von Geschichte zu betreiben, die wissenschaftlichen
und museumspädagogischen Standards genügt, bleibt sehr fraglich. Nach wie
vor werden kritische Fragen nach Präsentation und Repräsentation vom Institut
Tamm per se als ideologisch vom Tisch gewischt. Dazu kommt, dass die inhaltliche
Einseitigkeit der Sammlung einem anspruchsvollen Museumskonzept kaum
genügen kann. Somit scheint der größte Irrtum des „maritimen Museums”
darin zu bestehen, sich überhaupt Museum nennen zu wollen – und damit Mittel
aus der Kulturförderung zu beanspruchen.
Denkt man folgerichtig an einen Tamm’schen maritimen
Themen- oder Erlebnispark, der zusätzlich den stadtentwicklungspolitischen
Vorgaben, Publikumsmagnet in der neuen HafenCity werden zu sollen,
gerecht werden könnte, drängen sich auch hier wieder Bilder von facettenreicher
Kriegsverherrlichung auf. Die Kulturpolitik hat versagt, weil sie sich selbst – via
Vertrag – aus der Verantwortung für eine Museumsgestaltung entlassen hat. So
kann sie nur noch fordern, dem verhinderten Admiral blind zu vertrauen. Doch
dies würde bedeuten, das Tamm’sche Prinzip, Geschichte als eine Geschichte
der großen Männer zu verstehen und sie von diesen schreiben zu lassen, einfach
fort zu setzen. Wie man es dreht und wendet, scheint es keine gute Lösung
geben zu können, so lange dieser Kapitän das Sagen hat an Bord.
Cornelia Sollfrank
ist Künstlerin, Autorin
und Netzwerkerin und
lebt in Hamburg. Sie
ist Koordinatorin des
Projektes „Tamm Tamm
– Künstler informieren
Politiker“.
Tamm Tamm
