10 Jahre Dayton: eine Ostfantasie.
Ja, was ist das? Da zappe ich bei diesem Sender vorbei,
bei dem die Balken allerhand kleingedruckte Ziffern
enthalten – ja, genau, der bei dem man ein Börsenlexikon
benötigt, um zu verstehen, worum es überhaupt
geht. Und höre das Wort: Ostfantasie.
Was soll ich mir darunter
vorstellen? Eine kaum verhüllte Bajadere? Eine Oase
im Mondschein? Eine Kosakenhorde, die Wodka aus
einem Kessel säuft? Kafkas Schakale? Tatlins Turm?
Einen Rotlichtdistrikt in Patpong? Weit gefehlt: Es
geht um die österreichische Börse und deren eindrucksvolle
Hausse. Der Grund dafür ist – so
behauptet jedenfalls Bloomberg TV – eben jene Ostfantasie.
Die Ostfantasie, so der Experte, sei die
besondere Story dieses Markts. Ohne Story kein
Umsatz. Und ohne Fantasie kein Gewinn.
Während er eindrucksvolle
Kurven hervorzaubert, fällt es mir wie Schuppen
von den Augen. Denn wir sind hier keineswegs
auf dem harten Boden der materiellen, also ökonomischen
Basis, sondern haben uns in die Kulissen
des Überbaus verirrt. Der Typ macht nicht etwa eine
Bestandsaufnahme des im Osten Vorhandenen, sondern
analysiert im Gegenteil die darüber kursierende
Ost-Fantasie. Und zwar genau als sei sie ein Film.
Der Plotpoint ist das Börsenhoch und der Kurs-Chart
der Spannungsbogen. Der Inhalt der Story: kein
Eastern sondern ein Western. Jungfräuliches Land zu
erobern. Tüchtige Austria-Unternehmer gehen auf
den Treck. Paar Indianer machen Probleme. Sozialpartnerschaftserprobte
Sektionschefs rauchen
Friedenspfeifen. Und beim Happy End klingeln die
Kassen.
Was aber belegt diese
Anekdote? Eine glückliche Liaison zwischen Kino
und Cashflow? Eine kulturindustrielle Verblendungsmaschine?
Handelt es sich hier um wildgewordene
Ideologie? Nichts weniger als das. Denn was wir hier
sehen, ist schon deren nüchterne und rationale
Kritik. Der Experte ist nicht Autor dieser Story sondern
ihr schonungsloser Rezensent. Er analysiert die
Fantasie anhand ihrer Verfallsdauer und kommentiert
ihre Qualität. Demokratisierung, Privatisierung,
Normalisierung – für den Analysten gleich Exposition,
Plotpoint, Auflösung. Der Osten ist also ein Film.
Und im Abspann laufen – was sonst – die Credits.
Nur eine Frage bleibt
noch offen: Wer hat diese Ostfantasie denn erfunden?
Und hier folgt wohl die größte Überraschung.
Denn was der Experte treffend Story nennt, ist nichts
anderes als das, was wir als Realität Osteuropas verstehen.
Eine Realität, die durch Nachrichten, Berichte,
ja sogar massenweise engagiert-realistische Kunstprojekte
kolportiert wird. Was wir für Fakten halten,
ist also nichts als Fantasie. Und erfreulich real wird
die erst an der Wiener Börse. Dass diese Realität
nicht nur ideologisch ist, sondern auch starken
Kursschwankungen unterliegt, hat uns noch niemand
so präzis demonstriert. Danke Bloomberg TV!
Hier noch ein Tipp für Anleger: Bald verkaufen.
