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Kulturrisse Ausgaben 04/2004 Kulturpolitiken subtitle: Kulturproduktion von Minderheiten zwischen Ethnisierung und Politik
 

subtitle: Kulturproduktion von Minderheiten zwischen Ethnisierung und Politik

Kien Nghi Ha

Am 29. und 30. Oktober organisierte die Initiative Minderheiten in der Wiener Hauptbücherei am Gürtel (Wien) eine Veranstaltung zur "Kulturproduktion von Minderheiten". Nach Konzepten von Martina Böse, Petja Dimitrova, Ursula Hemetek und Cornelia Kogoj wurden auf vier Panels Artikulationen von Migrations- und Minderheitenerfahrungen in Film, Literatur, Musik und Kunst verhandelt.


Während kulturelle Selbstinszenierungen von People of Color in den USA, Großbritannien und Frankreich schon seit längerer Zeit medial vermittelt werden, haben migrantische Gruppen erst in den letzten Jahren einen etwas größeren Zugang in das Kulturleben deutschsprachiger Einwanderungsgesellschaften erhalten. Die Produktionsbedingungen, Inhalte, Strategien und Zielsetzungen wie die Darstellungs- und Darreichungsformen dieser erweiterten, wenn auch nach wie vor beschränkten Visibilität sind extrem diversifiziert. Das Spektrum reicht dabei von der profitträchtigen Mainstream-Vermarktung schwarzer Stimmen im Popbusiness globaler Medienkonzerne bis hin zu künstlerischen Praktiken von AktivistInnen, die sich in halblegalen oder illegalisierten Räumen abspielen. Um dieses Spannungsverhältnis zwischen konsumorientierter Ethnisierung und künstlerischer Politisierung auszuloten, versuchten KulturproduzentInnen und TheoretikerInnen im Rahmen der Tagung subtitle ins Gespräch zu kommen. Die Felder der Literatur, der bildenden Kunst, der Populärmusik und des Films wurden einerseits als Reflexionsgrundlage genommen; andererseits fand sich auch der Raum, künstlerische Arbeiten durch ganz praktische Eindrücke anhand von Lesungen (Viktorij Kocmann,Tarek Eltayeb), Musikaufführungen (Aleksandra Tehovnik, Sandy Lopicic) und Filmausschnitten (Nina Kusturica, Kenan Kiliç, inter>face) kennen zu lernen.

Im Panel "Übersetzte Räume" kam sowohl die Rolle der Literatur als Ort der gesellschaftlichen wie auch der subjektiven Artikulation von Migrations- und Minderheitenerfahrungen zur Sprache. Wie die Literaturwissenschaftlerin Katja Gasser am Beispiel der slowenischen Minderheitenliteratur in der österreichischen Mehrheitsgesellschaft aufzeigte, machen vor allem jüngere SchriftstellerInnen es sich zur Aufgabe, innere Differenzen in der eigenen Community offen zu legen. Um der politischen Instrumentalisierung zu entgehen, versuchen sie mit Konzepten zu arbeiten, die die künstlerische Autonomie zu verteidigen suchen. Gasser plädierte dafür, das Haus der Literatur weder den minoritären noch den dominanten Nationalprojekten zu verschreiben, da solche politische Rahmensetzungen immer die Vielfalt individueller Erfahrungen überschreiben. Diese Position dominierte auch bei den Kulturschaffenden auf den Panels, wo niemand seine bzw. ihre künstlerischen Arbeiten explizit als politische Projekte auffasste. Unter diesen Umständen war es nicht immer leicht, das politische Interesse in der Kulturproduktion auf direktem Wege anzusprechen, so dass die Diskussionen sich stärker auf die Produktions- und Zugangsbedingungen und auf das jeweilige persönliche Interesse der Kulturschaffenden an ihrem Medium und ihrer Arbeit konzentrierten.

So schöpfen migrantische Literaturen wie Filme ihre Geschichten in einem hohem Maß aus dem Prozess der Grenzüberschreitung und der Dynamik transnationaler Lebenswelten. In ihnen werden die Motive des Reisens bzw. der Flucht mit den Bildern von Verlust, Trauer, Fremdheit und Entfremdung vermischt. Viele künstlerische Positionen äußerten das Interesse, die Erfahrungen des Unterwegsseins, das sehr unterschiedliche Ursachen haben kann, vor dem Hintergrund des eigenen Erlebens zu schildern und gesellschaftlich zu kommunizieren. Die künstlerische Praxis wird so vor allem zu einem Projekt der inneren Selbstbespiegelung und des Dialogangebots, ist aber nicht notwendigerweise mit einer politischen Kritik oder Forderung verknüpft. Über den Weg des Gesprächs und nicht des Widersprechens soll Verständnis gestiftet werden. Beispielsweise sucht Tarek Eltayeb in seiner Literatur nach Metaphern wie "Dattelbäume" und "Palmenhaus", die das Moment der gesellschaftlichen Ankunft, die Kälte in der Einwanderungsgesellschaft oder das Glück, eine Heimat in der Fremde zu finden, zum Ausdruck bringen.

Im Unterschied zur ersten MigrantInnengeneration, die diese klassisch zu nennende Themenpalette der Migrationsliteratur bearbeitet, sind migrantische Intellektuelle der zweiten und dritten Generation oftmals an anderen, verstörenderen Erzählweisen und Perspektiven interessiert. Statt Fremdheitskonstruktionen oder Mitleid erregende Ausstellung migrantischen Lebens setzen sich diese Ansätze stärker mit der unumkehrbaren Eingebundenheit migrantischen Lebens in der Einwanderungsgesellschaft wie auch mit der Wut gegen ihre rassistischen Strukturen auseinander.

Wie diese widersprechende Literatur in Aktion aussehen kann, ist exemplarisch anhand einer politischen TV-Talkshow mit dem deutsch-türkischen Schriftsteller Feridun Zaimoglu zu erkennen. Obwohl die Möglichkeit, durch literarische Selbststilisierungen einen politischen Handlungsraum innerhalb dominanter Kontexte zu konstruieren, beschränkt sind, gibt es auch seltene Momente der geglückten Subversion. Indem Zaimoglu mit seiner offensiven Sprache und kanakischen Selbstinszenierungen provozierte, rief er eine diskursive Gewalt hervor, die die rassistischen Einschreibungen der deutschen Integrationsdebatte sichtbar machte. Der Kampf um kulturelle Repräsentationsräume wird in solchen Situationen zum Ausgangs- und Kulminationspunkt gesellschaftlicher Konflikte um Zugehörigkeit und Ausschließung. Wenn literarische Mittel nach wie vor umkämpfte politische Diskursräume erschaffen können, stellt sich als nächste Frage, ob wir die Kreativität, den Mut und die Kraft haben, diese Möglichkeiten auch auszuschöpfen.

Die Fragen nach Mainstreamverwertung, Exotismus und antirassistischen Effekten kultureller Praktiken standen vor allem im Panel über "multikulturelle Normalisierungen" in der bildenden Kunst im Mittelpunkt. Statt Werks- und Rezeptionsanalysen zu erstellen, wurden diese Fragen anhand der Produktions- und Arbeitsbedingungen migrantischer KünstlerInnen problematisiert. Eingeleitet wurde die Diskussion von der Künstlerin Carla Bobadilla, die von ihrem schwierigen Weg berichtete, in Wien einen Raum zu finden, um künstlerisch arbeiten zu können. Sie wies u.a. darauf hin, wie stark der Kunstmarkt darauf ausgerichtet ist, multikulturelle Stereotypen zu bedienen und Modetrends zu folgen. Allerdings wollte sie weder die beliebten Klischees über feurige und exotische Latinas erfüllen, noch konnte sie das starke Interesse für junge Kunst aus Osteuropa bedienen. Letztlich musste sie sich ihren eigenen Kunstraum erschaffen, da die offiziellen Strukturen junge migrantische KünstlerInnen weniger fördern als diskriminieren.

Auf die staatlich gesetzten Rahmenbedingungen ging anschließend die kulturpolitische Sprecherin der IG Bildende Kunst, Daniela Koweindl, besonders ein. Neben den kommerziell begründeten Ausschlüssen aus dem Kunstmarkt müssen nicht etablierte bzw. in Ausbildung befindliche KünstlerInnen mit Migrationshintergrund in besonderer Weise um ihre Anerkennung und ihren Status als KünstlerInnen kämpfen. Sie sind in einer Situation, in der sie sich mit bürokratischen Stolpersteinen, finanziellen Belastungen etwa in Form von doppelten Studiengebühren und formalen Hürden wie Galerievertrag und Einkommensnachweis als Bedingungen für Aufenthaltstitel und Beschäftigungsbewilligung auseinander setzen müssen. Diskriminierend wirken sich auch viele Programme in der Kunstförderung aus, etwa weil sie sich ausschließlich an österreichische oder EU-BürgerInnen richten. Die Kunstvermittlerin Nora Sternfeld (trafo k) fand für diesen Sachverhalt den Ausdruck des "einschließenden Ausschlusses". Sie wies damit auf einen widersprüchlichen Prozess hin, der sich auch in den anderen Bereichen wie etwa der Migrations- oder der Zollpolitik wiederfindet: Das Andere, seine Körperlichkeit wie kulturellen und ökonomischen Produkte werden von Europa einverleibt. Dabei wird das Andere gleichzeitig zum Ornament reduziert bzw. zur Eventkultur deformiert und durch Selektion wie einseitige Forderungen ausgegrenzt. Diese Gleichzeitigkeit von Ein- und Ausschluss veranlasste Nora Sternfeld zu einer Kritik an der Sichtbarmachung des Anderen etwa im Rahmen multikultureller Repräsentationen. Daher wird es immer wichtiger, nach den Voraussetzungen, Kosten und Begrenzungen dieser Sichtbarkeit zu fragen. Im Rahmen des Panels wurde angeregt, die unsichtbare Position der Aneignungs- und Definitionsmacht und die politischen wie ökonomischen Rahmenbedingungen der Kunstproduktion zu problematisieren sowie zur Reflexion von Widerstandsgeschichten, inneren Hierarchien und äußeren Dominanzverhältnissen beizutragen. Das Interesse sollte von der Frage, ob die Anderen repräsentiert werden hin zu der Frage verlagert werden, wie sie repräsentiert werden. Daran schloss sich eine Diskussion über die Forderung nach antirassistischer Kunst und Quotenregelung an. Allerdings können diese Fragen nur dann sinnvoll behandelt werden, wenn migrantische Subjekte nicht im Namen eines besserwissenden Antirassismus erneut zu Objekten degradiert werden.

Angesichts der Vielfalt der Themen und Perspektiven ist es schwierig, ein Fazit zu ziehen. Wie es scheint, ist der Dialog zwischen Theorie und Praxis ein Anfang, der lohnt öfter eingeübt zu werden, auch um eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Über die gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen minoritärer Kulturproduktionen und Repräsentationen nachzudenken ist eine Aufgabe, die auch zukünftig ansteht. Das kulturelle Feld ist durch die zunehmende Sichtbarkeit des gesellschaftlich hergestellten Anderen zweifellos bunter und bereichernder geworden. Gerade deshalb wird es weiterhin für die Dominanzgesellschaft eine Projektionsfläche für begierige Konsumwünsche bleiben. Sich diesen Verlockungen zu entziehen und marginalisierte Subjekte und ihre tabuisierten Geschichten zu privilegieren, bedeutet Kultur als Ort von Praktiken politischer Selbst-Repräsentationen ernst zu nehmen. Nur auf diese Art können wir herausfinden, ob das Subalterne auch deutsch spricht.


Kien Nghi Ha ist Politikwissenschafter, lebt in Berlin, Autor von "Ethnizität und Migration Reloaded. Kulturelle Identität, Differenz und Hybridität im postkolonialen Diskurs" (2004).

 
 

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  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
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