Das Bedingungslose Grundeinkommen … — IG Kultur

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INHALT 03/2010

 

Das Bedingungslose Grundeinkommen …

Karl Reitter

Boris Buden schrieb in seinem unlängst veröffentlichten Essay Zonen des Übergangs: Vom Ende des Postkommunismus folgende interessante und zugleich interpretationsbedürftige Worte: „Wir leben nicht in einer Gesellschaft mit oder ohne Hoffnung, sondern vielmehr mit einer Hoffnung ohne Gesellschaft. Es ist die Gesellschaftslosigkeit der Hoffnung und nicht die Hoffnungslosigkeit der Gesellschaft, die heute unser Leben prägt.“ (Buden 2009: 169) Damit meint der Autor, Hoffnungen und Erwartungen, die früher mit gesellschaftlichen Perspektiven verbunden waren, würden sich aktuell in die Sphäre der Kultur verlagern. Nun sei Kultur der Ort, in dem sich Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen bündeln würden. Die Gesellschaft selbst tauge für diesen Zweck nicht mehr. Ich halte diese These für falsch, aber Buden hat trotzdem etwas getroffen, was er vielleicht nicht direkt im Blick hatte. Ich würde sagen: Wir sind der gesellschaftlichen Perspektive unserer Arbeit verlustig gegangen. Gesellschaft ist nicht zuletzt ein Arbeitszusammenhang, eine je spezifisch historische Form der Produktion und Reproduktion. Die Frage ist: Wie tritt die Arbeit dem Individuum gegenüber, was kann und muss mit Arbeit verbunden und verknüpft werden? Oder anders gesagt, wie stellt sich die gesellschaftliche Bedeutung der Arbeit historisch dar? Soweit ich sehe, gab es im letzten Jahrhundert auf diese Frage drei höchst unterschiedliche Antworten, die jedoch alle gegenwärtig als obsolet anzusehen sind. Unsere Gesellschaften können gegenwärtig keine Antwort imaginieren, sie können kein Selbstbildnis entwickeln, in dem Arbeit sinnvoll positioniert ist. In diesem Sinne interpretiere ich die oben zitierte Aussage von Boris Buden. Wir sind der Gesellschaft verlustig gegangen, weil wir keine gesellschaftliche Bedeutung der Arbeit denken und leben können.

Drei gesellschaftliche Bedeutungen der Arbeit im 20. Jahrhundert
Welche drei gesellschaftlichen Bedeutungen der Arbeit gab es? Erstens: In der heroischen Phase des Realen Sozialismus wurde die Arbeit mit dem Aufbau des Sozialismus und der Schaffung des neuen Menschen verbunden. Als historisches Ziel der Arbeit erleuchtete der Kommunismus selbst noch die banalste Tätigkeit. Wenn du arbeitetest, so lautete die Botschaft, baust du mit all den anderen eine neue Welt auf. Deine Arbeit hat historische, ja weltgeschichtliche Bedeutung. Auch du lieferst einen Beitrag zur Entwicklung des Landes, zur Hebung des zivilisatorischen Niveaus, und damit schaffst du die Grundlagen für eine kommende, bessere Gesellschaft. Dieses Selbstbildnis wurde im realen Sozialismus lange vor seinem Implodieren im Jahre 1989 aufgegeben. Der ungarische Philosoph, Aktivist und Autor Gáspár Miklós Tamás hat in einem leider nur mündlich gehaltenen Vortrag genau belegt, dass diese Perspektive im Osteuropa des Realen Sozialismus bereits Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre fallen gelassen wurde. Schon damals sei der Zusammenhang von Arbeit und Aufbau des Sozialismus/Kommunismus offiziell aufgegeben worden. Am längsten hat sich diese Rede wohl in der VR China gehalten. Aber wodurch wurde diese Bestimmung der gesellschaftlichen Bedeutung von Arbeit ersetzt?

Zweitens: Spätestens ab den 1960er Jahren vertrat das offizielle Sozialistische Lager eine ähnliche Sichtweise wie der europäische Nachkriegsfordismus; kurzum Arbeit wurde mit dem Sozialstaat verknüpft. Diese zweite Bestimmung kennt keine heroische, geschichtliche Dimension, sondern sie stellt Arbeit in den Zusammenhang der sozialen Sicherheit und des gestiegenen Wohlstandes. Dazu trat das Versprechen der Chancengleichheit und der sozialen Aufstiegsmöglichkeit. Nun lautete die Botschaft: Wenn du diszipliniert arbeitetest, kannst du Wohlstand und soziale Absicherung erreichen. Das mit der Arbeit verbundene Versprechen war verglichen mit der heroischen Darstellung im Gefolge der Russischen Revolution nüchterner, bescheidener und zugleich realer. Tatsächlich entwickelten sich Parameter der Arbeitswelt, also Arbeitszeit, Einkommen und soziale Absicherung, eine ganze Phase lang zugunsten der Lohnabhängigen. Wohl galt diese Entwicklung nicht für alle, MigrantInnen waren davon zum Teil ausgeschlossen, und Frauen wurden als Zuverdienerinnen betrachtet, die das Gehalt des Gatten aufbessern konnten. Trotzdem meine ich, dass im imaginierten Selbstbild diese gesellschaftliche Bedeutung von Arbeit nicht grundlos enthalten war. Insbesondere der Vergleich des Lebensstandards mit den vorhergehenden Generationen musste dieses Bild festigen. Arbeit war so mit individuellem und allgemeinem Fortschritt verbunden.

Auch der Neoliberalismus, der die fordistischen Verhältnisse aggressiv attackierte und je nach Lage auch mehr oder minder zerschlagen konnte, ging mit einer gesellschaftlichen Perspektive auf die Arbeit einher. Freilich unterschieden sich seine Parameter gewaltig von der fordistischen Variante. An die Stelle der ruhigen, unspektakulären Karriere trat der Appell zur Selbstaktivierung: Du kannst Erfolg haben, wenn du all deine Fähigkeiten einsetzt und optimierst. Um den individuellen Erfolg zu garantieren, versprach der Neoliberalismus die Schaffung entsprechender gesellschaftlicher Rahmenbedingungen: Der mit staatlicher Bürokratie demagogisch identifizierte „Sozialismus“ sollte abgebaut, alle Bevormundungen, Hemmnisse und Auflagen minimiert werden. Vor allem sollte der Ertrag der Arbeit dem Arbeitenden verbleiben, das hieß Versprechen auf Steuersenkung und nicht zuletzt das Durchlöchern des gesellschaftlichen Solidarprinzips. Wozu die Faulen, Unfähigen und die Nichtsnutze mitfinanzieren? Also weg mit den Hängematten! Als das wesentlichste Versprechen schätze ich die Freiheit und Selbstbestimmung in der Arbeit ein. Kein Chef, keine bürokratischen Vorschriften, keine Gängelung und kaum Hierarchien; Arbeit sollte das Eldorado der Selbstverwirklichung werden, die Autonomie der immaterielle und das entsprechend satte Einkommen der materielle Lohn für das Engagement darstellen.

Bei allen drei Formen der gesellschaftlichen Bedeutung der Arbeit haben wir es mit einer Mischung aus imaginären und realen Anteilen zu tun. Die realistischste Variante stellte wohl das fordistische Arbeitsversprechen dar, die tragischste und später zynischste das Versprechen der neuen Gesellschaft. Die von Haus aus verlogenste und irrationalste war jedoch das neoliberale Bild der Arbeit. Und keine zerstob so rasch wie diese Variante. Sie hat nicht einmal zwei Jahrzehnte überlebt. Egal ob Menschen als Scheinselbständige UnternehmerInnen mimen müssen, prekär oder nicht prekär arbeiten, von all diesen Versprechen ist nichts geblieben. Im Gegenteil, der Druck und die Fremdbestimmung steigt, ein nie da gewesener Evaluationswahn durchflutet alle Bereiche der Arbeitswelt, die Angst um den Arbeitsplatz produziert soziale Anpassung. Da sich auch sonst gesellschaftliche Freiräume schließen – die Universitäten werden zu quasi fordistischen Bereichen umorganisiert –, schlägt dies auch auf die Arbeitswelt zurück. Aber was wurde aus den gesellschaftlichen Perspektiven?

Das BGE als emanzipatorische Alternative
Manche werden sich nun fragen, was das bisher Gesagte denn mit dem Konzept des Bedingungslosen Garantierten Grundeinkommens (BGE) zu tun hat. Ich meine, sehr vieles. Wir müssen uns vor Augen halten, was es bedeutet, dass mit Arbeit keinerlei gesellschaftlichen Perspektiven mehr verbunden werden können. Niemand wagt es mehr, irgendetwas Positives an Lohn- und Erwerbsarbeit zu binden. Mehr Einkommen, soziale Sicherheit, Selbstverwirklichung, immaterieller und materieller Reichtum durch Arbeit? Abschminken lautet die Devise. Nicht einmal die armseligste und banalste Perspektive kann entwickelt werden, nämlich Erwerbsarbeit für alle, wie übel und schlecht bezahlt sie auch sein mag. Schon das Halten des Lebensstandards, ja schon die bloße Tatsache einer Bezahlung für Arbeit (Praktikum!) gilt als Erfolg. Alle drei hier genannten gesellschaftlichen Perspektiven sind historisch gescheitert, und ihre Reaktivierung halte ich gegenwärtig weder für realistisch noch für wünschenswert. (Allerdings müssen wir in Klammer hinzufügen, dass dank der neoliberalen Ideologiehegemonie die neoliberale Variante offiziell noch auf Kurs ist.) Der Verlust ist dramatisch. Paolo Virno (2005) hält den Zynismus für ein Wesensmerkmal der heutigen Verhältnisse. Wohl argumentiert er nicht mit dem Verlust der gesellschaftlichen Perspektive der Arbeit, aber Zynismus ist die andere Seite der individuellen und kollektiven Perspektivenlosigkeit. Wir können wohl sagen, alle drei Varianten der gesellschaftlichen Bedeutung der Arbeit waren (auch vielen und höchst unterschiedlichen Gründen) illusionäre und ideologische Fehlkonzeptionen. Zweifellos. Aber es waren zumindest Perspektiven, wie fragwürdig auch immer. Und welche emanzipatorische Alternative ist möglich und realistisch? Ich meine, es ist das BGE. Das BGE eröffnet die Möglichkeit, selbstbestimmt ohne Zwänge der Erwerbsarbeit tätig zu sein. Das ist seine eigentliche Bestimmung. Es ermöglicht allen, so zu arbeiten, wie sie es wünschen. Zweifellos ist das BGE nur in Symbiose mit der kapitalistischen Ökonomie denkbar. Es setzt Geld ebenso voraus wie eine staatliche Funktion der Steuereinhebung und der Ausbezahlung. Es stellt sich aber die Frage, ob diese Voraussetzungen einen Mangel oder einen Vorteil darstellen. Ich halte den schwebenden Charakter dieser Konzeption irgendwo zwischen Akzeptanz der gegenwärtigen Verhältnisse und der ihr doch innewohnenden Überschreitung eben dieser Verhältnisse für einen großen Vorteil und keinen Nachteil. In jedem Falle zeigt sich die Dümmlichkeit jener Kritik am Grundeinkommen, die behauptet, es knüpfe am Konsum an oder sei nur in der Sphäre des Marktgeschehens beheimatet. Derartige Einwände beweisen bloß die Unfähigkeit, die gegenwärtige Krise der Arbeit zu verstehen.

Ich halte, mit Marx, Arbeit für das erste Lebensbedürfnis. Aber wenn Arbeit das erste Lebensbedürfnis ist, hat Boris Buden in gewisser Weise recht. Wenn Gesellschaft keine Perspektive mit Arbeit verbinden kann, sondern sie, wie gegenwärtig, nur als nackten Zwang und als reines Übel realisiert, als ein Übel, das oft nicht einmal das materielle Leben gewährleistet, geschweige denn es den Individuen ermöglicht, sich in Freiheit zu verbinden, dann verliert Gesellschaft ihren Grund und ihre Basis. Sie verschwindet metaphorisch. Wenn wir mit der Hoffnung auch die Gesellschaft zurückgewinnen wollen, dann ist das BGE jene gesellschaftliche Institution, die die Perspektive auf Arbeit als Möglichkeit für alle, in Freiheit tätig zu sein, eröffnet.

Literatur
Buden, Boris (2009): Zonen des Übergangs: Vom Ende des Postkommunismus. Frankfurt/M.
Virno, Paolo (2005): Grammatik der Multitude. Übersetzt von Klaus Neundlinger. Wien.

Karl Reitter
ist Redakteur der Zeitschrift grundrisse und Lektor für Philosophie in Wien und Klagenfurt.

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