Fernsehen ohne Unterwerfung — IG Kultur

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INHALT 03/2010

 

Fernsehen ohne Unterwerfung

Franz Fend

Fernsehen, so lautet eine gängige, aber nichts desto trotz stimmige These, habe alleine den Zweck, das Publikum an die Werbeindustrie zu verkaufen, oder, wie der Hacker Matt in „Die Hard 4.0“ meinte, die Menschen in ständiger Angst zu halten, damit diese besser beherrschbar seien. Thesen, die täglich aufs Neue verifiziert werden, die sich aufs Bestürzendste immer wieder bestätigen, obwohl sie nicht ganz neu sind. Hatten Adorno und Horkheimer in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ die Kulturindustrie, deren wichtigster Bestandteil heute zweifelsohne das Fernsehen ist, als „Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis“ beschrieben, das sich nur nach einem Prinzip, nämlich dem des maximalen Profits sich selber bewerbe und befördere, können wir heute Fernsehen als Dispositiv der Macht sehen, das Menschen und Subjektivitäten konstruiert. Es geht nicht mehr um den verlorenen Blick auf die Welt, wie es Günter Anders beklagte, weil das Fernsehen Wirklichkeitshäppchen in Wohnzimmer liefere, die doch nur Phantome von Wirklichkeit seien. Die Wirklichkeit gehe durch die Bilder von ihr verloren, diagnostiziert Anders. Fernsehen wurde immer als außen stehende Macht aufgefasst, die Menschen manipuliere. Neuere Theorien zeigen die Menschen als Bestandteil der Kommunikationsmaschine Fernsehen, und wie sie durch sie konstruiert werden. „Es gelingt dem Fernsehen, die mit der herrschenden Wirklichkeit des Kapitalismus konforme Aussagen als Aussagen der Individuen gelten zu lassen.“ Wenn man im Fernsehen spricht, egal ob in einer Literatursendung, in einer Talkshow oder in einer Reality-Show, fügt man sich einer Maschine ein, die interpretiert, auswählt und normalisiert, noch bevor man zu sprechen begonnen hat, so der italienische Theoretiker Maurizio Lazzarato. Die Rede ist hier selbstverständlich vom kommerziellen und vom so genannten öffentlich rechtlichen Fernsehen, das ja immer ein Fernsehen der jeweils Herrschenden ist.

DORF, der erste freie Fernsehsender Oberösterreichs
Diesen Teufelskreis der Unterwerfung und der Indienstnahme durch die soziale, politische und Kommunikationsmaschine Fernsehen zu durchbrechen oder zumindest zu neutralisieren, wäre eines der großen Experimente, das die freien Medien in Angriff nehmen könnten. In Linz ist nun DORF, der erste freie, terrestrische Fernsehsender in Betrieb gegangen. Mit dem ehrgeizigen Anspruch, selbstbestimmtes, partizipatives Fernsehen zu gestalten, welches die Maßgaben des vorherrschenden Fernsehens durchbricht.

Wer von der Gisela-Warte auf dem Lichtenberg nächst Linz übers Land blickt, sieht weit. Und dort auf dem Lichtenberg soll auch die Sendeantenne des Freien Fernsehkanals mit dem Namen DORF stehen. Er soll den Großteil Oberösterreichs mit freiem Fernsehen, Fernsehen das abseits kommerzieller Interessen und den Bedürfnissen von Regierungen produziert wird, versorgen. Notwendig dafür ist nur eine Zimmerantenne und eine DVBT-Box oder ein DVBT-USB Stick. Denn DORF wird terrestrisch gesendet, nicht via Kabel oder Satellit. Die terrestrische Sendeweise habe es erforderlich gemacht, um eine Sendelizenz anzusuchen, berichtet Gabi Kepplinger, eine der Geschäftsführerinnen von DORF. Ein Kampf, der nach vielen Jahren nun erfolgreich beendet wurde. Vor zwei Monaten kam das grüne Licht von der Kommunikationsbehörde. „Durch die Digitalisierung ist das Fernsehen gewissermaßen erleichtert, vielleicht sogar demokratischer geworden. Nicht was die behördlichen Regelungen oder die politischen Rahmenbedingungen betrifft, aber zumindest was die technische Machbarkeit von Content betrifft“, so Gabi Kepplinger. „Es ist für jedermann möglich, Fernsehbeiträge kostengünstig herzustellen. Und diese Chance wollten wir nutzen.“

DORF-Fernsehen als Versuchsanordnung
DORF ist nun ein weiteres großes freies Medienprojekt in Oberösterreich, das nun on air ist. Vor mehr als zehn Jahren war Radio FRO auf Sendung gegangen. FRO hat sich in der Zwischenzeit einen beachtlichen Namen als alternatives, kommerzfreies, kritisches Medium gemacht. Verwandtschaften zum neuen Fernsehsender sind evident und durchaus gewollt. „DORF steht für Der-Offene-Rund-Funk. In DORF kommt zwar auch das Kürzel ORF vor, und das steht schlechthin für Fernsehen“, sagt die Geschäftsführerin Gabi Kepplinger, „aber das ist es nicht, worauf wir verweisen wollen. DORF soll vor allem auf den lokalen und regionalen Bezug verweisen. Es geht um die konkreten Lebenszusammenhänge vor Ort. Jene Lebenszusammenhänge, die weder in den öffentlich rechtlichen Sendern und schon gar nicht bei den Kommerzsendern, wahrgenommen werden“, beschreibt Gabi Kepplinger die Programmphilosophie des Senders. Die Betreiber von DORF haben eine GmbH gegründet, in der unter anderem die freien Radios, Kultur- und Medieninstitutionen aus dem Oberösterreichischen Zentralraum, die KUPF und das Filmfestival Crossing Europe vertreten sind. Kooperationen gibt es mit der Kunstuni und mit deren Hochschülerschaft. In deren Lokal im ehemaligen Schirmmacher am Linzer Hauptplatz soll das Studio als offene Begegnungsstätte eingerichtet werden.

Seite Mitte Juni ist DORF auf Sendung. Das Programm ist in groben Zügen skizziert. DORF ist auf jeden Fall ein Sender für Organisationen, Einzelpersonen, NGO’s, die im vorherrschenden Fernsehen keinen Platz haben. „Die können diesen Sender nutzen, um ihre Inhalte zu präsentieren“, so Gabi Kepplinger. Ein weiterer wichtiger Aspekt sei jener des Experimentierens, des künstlerischen Zugangs zum Fernsehen. Also ist DORF-Fernsehen auch eine Versuchsanordnung, über die Nutzung des Mediums auf eine andere Weise, wie man es ohnehin täglich sieht.

Franz Fend lebt und arbeitet in Linz.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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