Räume möglicher Anerkennung — IG Kultur

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INHALT 03/2009

 

Räume möglicher Anerkennung

Werner Titelbach

Das System der Lohn- und Erwerbsarbeit ist in der Krise. Eine Krise, die seit 25 Jahren in Österreich, Deutschland, Frankreich, Italien und vielen anderen westlichen Industrieländern unter anderem zu andauernder hoher Erwerbsarbeitslosigkeit und einer zunehmenden Prekarisierung geführt hat, und die durch die momentane Finanzkrise noch verschärft wird.

Wenn in der öffentlichen Diskussion über Arbeit gesprochen wird, dann ist damit fast immer nur die Erwerbs- und Lohnarbeit gemeint. Dieser auf die Industrialisierung zurückgehende Arbeitsbegriff setzte sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Zusammenhang mit dem immer bedeutender werdenden Übergang von Agrargesellschaften zu Industriegesellschaften weiter durch. Die mit dem System der Lohnarbeit verbundenen sozialen Kämpfe haben seit ihren Anfängen bis zirka Ende der 1970er Jahre zu massiven Verbesserungen für die Lohnabhängigen geführt, gleichzeitig aber dazu beigetragen, das System der Lohn-Erwerbsarbeit fundamental in unserer Gesellschaft zu etablieren, die wirtschaftlich und sozial von der Lohn- und Erwerbsarbeit abhängig wurde. Der größte Anteil der staatlichen Einnahmen wird aus Lohnsteuern bezogen, die persönliche Existenz und die soziale Absicherung der BürgerInnen sind an Erwerbsarbeit geknüpft. Auch individuelles Selbstwertgefühl und soziale Anerkennung werden weitgehend über Erwerbsarbeit bezogen. In vielen Fällen ist sie die alleinige Sinnstifterin für Identität und sozialen Status, und Erwerbsarbeitslosigkeit führt somit vielfach zum Einbruch des Selbstbewusstseins oder zu massiveren psychischen Problemen[1].

Seit mehr als 25 Jahren befindet sich die Industriegesellschaft in den westlichen Ländern in einem weiteren, tief greifenden Übergang: hin zu einer Produktionsweise, die oft als Postfordismus bezeichnet wird, die ein ausschließliches Festhalten am traditionell industriellem Lohn- Erwerbsarbeits-System nicht möglich macht.

Die unbezahlte Arbeit, oder wer sind die „LeistungsträgerInnen“?

Das deutsche statistische Bundesamt hat vor einigen Jahren die Summe volkswirtschaftlicher Arbeitsleistung für die Bundesrepublik Deutschland berechnet und kam auf ein Jahresvolumen bezahlter und unbezahlter Arbeit der Bevölkerung ab zwölf Jahren von insgesamt 152 Milliarden Arbeitsstunden. Nur 56 Milliarden Stunden waren davon bezahlte Arbeitsstunden, also Erwerbsarbeit (Normalarbeitsverhältnisse, Prekäre Arbeitsverhältnisse usw.), und der größere Anteil von 96 Milliarden Stunden waren unbezahlt. Es entfallen also 63 % der volkswirtschaftlichen Arbeitsleistung auf reproduktive Arbeit, Pflegearbeit, freiwilliges Engagement, ehrenamtliche Arbeit usw. Im Lohn-Erwerbsarbeitssystem wird diese nicht mit Geld abgegoltene Arbeit meist minder bewertet und muss großteils immer noch von Frauen geleistet werden (vgl. Statistisches Bundesamt 2003). Erst durch diese nicht geldvermittelte Arbeit ist unsere kapitalistische Gesellschaft möglich und daher sind auch jene, die diese Arbeit leisten (weil sie die Grundlage jeglicher Produktion bilden), die eigentlichen „LeistungsträgerInnen“ unserer Gesellschaft.

Freiwilliges Engagement

Immer wieder ist das Argument zu hören, dass nur ein kapitalistisch-marktwirtschaftliches System – das extreme Einkommensunterschiede zulässt – die Anreize für Leistungen von Individuen schaffen kann. Tatsächlich handelt es sich aber für die Mehrheit nicht um „Anreize“, sondern um den Zwang zu einer Erwerbsarbeit, die oft von Fremdbestimmung gekennzeichnet ist und kaum Entfaltungsmöglichkeiten zulässt. Dieses Argument spiegelt ein Wertesystem und ein zu Grunde liegendes Menschenbild wider, das andere als asozial annimmt und das von Manipulation und instrumenteller Vernunft gekennzeichnet ist. Es steht unter dem un- menschlichen Credo, die anderen als Mittel für den eigenen Profit zu gebrauchen. Ganz im Gegenteil spielt für die meisten Menschen nicht finanzielle Entlohnung (die muss schon ausreichend vorhanden sein, solange keine anderen Möglichkeiten der Existenzsicherung vorhanden sind) die wichtigste Rolle in der Zufriedenheit und Motivation in der Arbeit, sondern das soziale Umfeld (MitarbeiterInnen, Arbeitsklima usw.), die Möglichkeiten zur Selbstbestimmung und Entfaltung.

Allein das Vorhandensein und Ausmaß des freiwilligen Engagements (ehrenamtliche Arbeit) beweist, dass Menschen gerne tätig sind, sobald Bedingungen und Sinn der Tätigkeiten stimmen. Das Menschenbild des prinzipiell „tätigkeits-unwilligen“ Menschen, der mit sozialstaatlichen Druckmitteln zur Arbeit gedrängt werden muss, ist eine ideologische Figur. Tatsächlich engagiert sich rund die Hälfte (51 %) der österreichischen Bevölkerung ab 15 Jahren in irgendeiner Form freiwillig (vgl. Badelt / Hollweger 2001: 8ff ). Als Hauptmotiv dafür wird das Bedürfnis zur gesellschaftlichen Mitgestaltung angegeben, weiters wichtig sind soziale Kontakte und soziale Einbindung (vgl. Heinze / Olk 2001).

Was ist selbstbestimmte Arbeit?

Von selbstbestimmter Arbeit können wir sprechen, wenn die Möglichkeit zur Aufgaben-Vielfalt und -Wahl, ein entsprechender Entscheidungsspielraum, Transparenz und demokratische Mitbestimmung der Arbeitsabläufe, der Positionen und der Hierarchien im jeweiligen Betrieb oder in der jeweiligen Organisation vorhanden sind. Weiters spielt das Verhältnis zum Produkt oder Ergebnis, die Beziehung der Arbeitenden zu sich selbst und zum eigenen Lebensrhythmus und die Beziehung zu den anderen MitarbeiterInnen eine entscheidende Rolle. Das Selbst entsteht nur durch Anerkennung, denn es kann kein Selbst geben, das übrig bleibt, würden Familie, Freundschaften, Beruf, gesellschaftliche Beziehungen und politische Verhältnisse der Menschen abgezogen. In unserer Arbeitsgesellschaft spielt die Anerkennung über die Erwerbsarbeit eine sehr wichtige Rolle: weil die meisten von uns Selbstdefinitionen und auch Fremdzuschreibungen über aktuelle Erwerbsarbeit, über bereits zurückliegende Erwerbsarbeit (PensionistInnen) oder über einmal angestrebte Erwerbsarbeit (Auszubildende) erlangen. Wenn das Selbst ursächlich mit Anerkennung zusammenhängt, dann kann Selbstbestimmung auch nur in einem entsprechenden sozialen Umfeld stattfinden. Viele Freiheiten, die wir mit Selbstbestimmung assoziieren, wie Gestaltung des Lebens- und Arbeitsumfeldes, Redefreiheit, Freiheit der Kunst, Versammlungsfreiheit usw., haben nur einen Sinn in einem zwischenmenschlichen Bereich (vgl. Arendt 1994: 248). Gerade Personen, die vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, haben oft zu Räumen möglicher Anerkennung und Selbstbestimmung keinen Zugang mehr und geraten in eine Isolation, die zusehends handlungsunfähig macht.

Aber auch in vielen Organisationen und Betrieben herrscht ein kurzfristiges Denken vor, das gemäß dem postfordistischen Produktionssystem volles Engagement von jedem/r Einzelnen fordert, in vielen Fällen aber letztendlich keine wirkliche Möglichkeit zur Entfaltung und Selbstbestimmung in Arbeitsprozessen erlaubt. Es führt zu einem raschen „Verbrauch“ von MitarbeiterInnen oder zu „innerlichen Kündigungen“. An den Krankenstandstagen kann teilweise der Zusammenhang von Arbeitszufriedenheit und Selbstbestimmung abgelesen werden. In Berufsstrukturen, die kaum selbstbestimmte Arbeit zulassen, werden die Menschen öfter krank: In Deutschland haben etwa Nieter (metallverarbeitende Industrie) durchschnittlich fast 30 Fehltage im Jahr, NaturwissenschaftlerInnen nur vier[2].

Selbstbestimmt tätig sein – wo ist Platz dafür?

Das Online-Lexikon Wikipedia ist ein viel zitiertes Beispiel für ein Produkt des freiwilligen Engagements. Obwohl im „virtuellen Raum“ beheimatet, benötigte es doch für seine Entstehung verschiedenste „Infrastrukturen“ und „Produktionsmittel“: ein breites Bildungssystem, frei verfügbare Zeit, das Internet, Zugang zu Computern usw. Um jene Bereiche außerhalb der Lohn-Erwerbsarbeit zu stärken, die sinnvolle Tätigkeitsfelder und Projekte ermöglichen, braucht es ebenfalls entsprechende Strukturen, die durch massive staatliche Investitionen unterstützt werden müssen. Die wichtigste Grundlage dafür ist eine ausreichende Existenzsicherung, die auch eine kulturelle Teilnahme ermöglicht. „Bürgerschaftliches Engagement setzt öffentliche, nicht vom Markt- bzw. Staat besetzte ,Räume‘ und Infrastrukturen voraus, auch im Markt- und Staatsbereich. ,Räume‘ und Infrastrukturen können Institutionen, Vereine, Initiativen ... inkl. ihrer technischen und personellen Infrastruktur bzw. öffentlich zugängliche Orte und Plätze sein.“ (Blaschke 2006) Wichtig ist, dass interessierte Personen entsprechende Anknüpfungspunkte und Räume vorfinden können. Das seit Frühjahr 2008 in Wien laufende Projekt sinnvoll tätig sein – Netzwerk für gemeinsame selbstbestimmte Arbeit versucht besonders für Erwerbsarbeitslose eine Plattform zu bieten, die eine Vernetzung von Personen untereinander sowie zu anderen Organisationen und Initiativen ermöglicht und eine entsprechende Infrastruktur aber auch fachliche und soziale Unterstützung bietet[3]. In der Tretmühle der Erwerbs-Arbeitsgesellschaft werden selbstbestimmte Entscheidungen oft durch starre hierarchische Strukturen, Zeit- und Profitdruck in den Hintergrund gedrängt. Selbst für die kleinste selbstbestimmte Entscheidung sind aber Zeiträume des Innehaltens notwendig. Mit sinnvoll tätig sein wurde ein Raum geschaffen, in dem Menschen herausgehoben aus gesellschaftlichen und ökonomischen Zwängen frei tätig sein können. Es entstehen Anreize zur Selbstorganisation, zum Entdecken und Schaffen neuer Tätigkeitsfelder und zum Verwirklichen von Ideen. Besonders wichtig dabei ist der Aspekt der sozialen Kontakte, der Vernetzung, des direkten Austausches und der Zusammenarbeit unter selbstbestimmten Bedingungen. Im Rahmen der bei sinnvoll tätig sein realisierten Projekte (Kunstmarkt, Sendung für Okto-TV Survival-Club etc.) konnten viele ProjektteilnehmerInnen Ressourcen entwickeln, die sie auch in anderen Arbeitszusammenhängen nutzen konnten und können.

Hin zur Demokratisierung von Arbeit

In Österreich und vielen anderen europäischen Ländern, die sich ihrer demokratischen Strukturen rühmen, gibt es massive Demokratie-Defizite. Denn der Bereich der Lohnerwerbs-Arbeit ist nahezu aus der Demokratie ausgeklammert. Statt der leeren Rhetorik über Vollbeschäftigung, die seit 20 Jahren versprochen wird, sollte daher eine Demokratisierung der Arbeit (in öffentlichen Institutionen und den Bereichen der Privatwirtschaft[4]) ein vordringliches Ziel sein. Dabei ist zu bedenken, dass die betriebliche und institutionelle Arbeitsorganisation implizit auch über die außerbetriebliche Strukturen, Tätigkeitsmöglichkeiten und auch die Arbeitsteilung der unbezahlten Arbeit mitentscheidet. Zu demokratisierter Arbeit gehört auch eine Neuverteilung von Einkommen und von Tätigkeiten, die individuell und gesellschaftlich sinnvoll und erfüllend sind und eine selbstbestimmte Entfaltung ermöglichen. Die monetäre Lohn-Erwerbsarbeit darf nicht Selbstzweck sein: Wenn wir nicht anfangen, die Bedingungen der Arbeit und die Vorstellungen darüber grundlegend zu verändern, wird eine positive Entwicklung unserer Gesellschaft drastisch gehemmt, denn sinnvolle und selbstbestimmte Tätigkeit in demokratischen Arbeitszusammenhängen ist eine wichtige Basis, um die Herausforderungen der Zukunft konstruktiv zu bewältigen.

1 Das Risiko, psychisch zu erkranken, liegt bei Erwerbsarbeitslosen fast fünfmal so hoch wie bei Erwerbstätigen (vgl. BKK 2008).
2 Vgl. Badura u.a. 2005; Selbstverständlich sind auch andere Faktoren wie Unfallgefahr, Gesundheitsschädigung usw. des jeweiligen Berufs maßgeblich.
3 Vgl. www.sinnvolltaetigsein.at
4 Das Beispiel der weltgrößten Kooperative Mondragón Corporación Cooperativa könnte dafür Ansatzpunkte liefern.

Literatur

Arendt, Hannah (1994): Zwischen Vergangenheit und Zukunft. München (Piper).
Badelt, Christoph / Hollweger, Eva (2001): Das Volumen ehrenamtlicher Arbeit in Österreich, WU Wien Abt. Sozialpolitik Working Paper Nr. 6; Wien.
Badura, Bernhard / Schellschmidt, Henner / Vetter, Christian (Hg.) (2005): Fehlzeiten-Report 2004. Berlin/Heidelberg/New York (Springer).
BKK (2008): Faktenspiegel Schwerpunktthema Krankenstand. Unter: PDF Download
Blaschke, Ronald (2006): „Das Ende der notwendenden Arbeit und bürgerschaftliches Engagement. Plädoyer für eine moderne Sozialpolitik“. In: Mühlpfordt, Susann (Hg.): Ehrenamt und Erwerbsarbeit. München und Mering (Rainer Hampp Verlag), S. 82-92.
Heinze, Rolf. G. / Olk, Thomas (Hg.) (2001): Bürgerengagement in Deutschland. Bestandsaufnahmen und Perspektiven. Opladen (Leske und Budrich).
Statistisches Bundesamt (2003): Wo bleibt die Zeit? Unter: PDF Download

Werner Titelbach ist Philosoph und Sozialwissenschaftler, beschäftigte sich in den letzten Jahren mit dem Thema Arbeit und Selbstorganisation. Initiierte das Projekt sinnvoll tätig sein.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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