Einvernehmliche Vereinnahmung? — IG Kultur

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INHALT 03/2006

 

Einvernehmliche Vereinnahmung?

Radostina Patulova

Kritische Masse: in der Kernphysik eine Mindestmasse von spaltbaren Stoffen, die für eine Kettenreaktion nötig sind.

„Glück, Haltung und Zufriedenheit – bei uns käuflich“, spricht die Werbung offen aus, was sie angeblich nur suggerieren dürfte. Weniger der Gaumen als vielmehr die Höhe des Scheins entscheidet darüber, so die Botschaft, ob Sie Pralinen oder Genuss erworben haben. Die gewünschte Menge an gültiger Währung verdienen Sie legalisiert, sobald Sie mehrere Qualifikationen aufweisen können: z.B. weiß, männlich, heterosexuell, mehrheitsangehörig, angepasst oder metropol; und solange die Norm bestätigt wird, sind auch kleine Abweichungen möglich. „So ist die Realität“, flüstern die Wahlplakate und sie bleibt (besser) ohne Alternativen. Ist dies nicht ein Dilemma?

Offensichtlich nicht, denn Sackgassen scheinen hoch im Kurs zu stehen – profitabel wie rentabel. Dafür wird unermüdlich Demokratie dekliniert, bis das Wort keine andere Assoziation mehr zulässt, außer die des automatisierten Spaziergangs zur Wahlkabine. Gern wird dabei vergessen, wer diesen überhaupt machen darf. Statistisch erfasste zehn Prozent der dauerhaft hier lebenden Menschen dürfen keine Meinung äußern.

Was kann diesem zu elastisch gewordenen Begriff Demokratie wieder Spannungskraft verleihen? Welche Fragen wären an der Tagesordnung? „Soziale Gerechtigkeit – ausnahmslos und für alle!“? Die Möglichkeiten zur Einflussnahme? Das Recht zur Mitentscheidung und Mitgestaltung?

Und wieso sind überhaupt die vielen unterschiedlichen AkteurInnen, die sich den Fragen stellen, so schlecht hörbar? Wie wurde der öffentlichen Raum so schalldicht gemacht? Ist der Glaube an die Repräsentation, der Wunsch wie der Ruf nach Identifikation mit majoritären Positionen so laut? Die Realität so klirrend starr?

Wie der Name enthüllt, wird die Realität eng zusammen mit Dingen gedacht, die, so die immanente Logik, ständig erworben, verwaltet und genützt werden müssen. Alternativen kommen hier zu kurz. Nicht weil sie utopisch oder gar unverwirklichbar sind – nein, sie sind denkbar wie umsetzbar. Um aber in Alternativen zu denken wird ein Tun, Be- und Mitwirken benötigt. Was in der Realität unmöglich erscheint, wird in der Wirklichkeit, abseits der Spaziergänge zu den Urnen, immer wieder und von Neuem verwirklicht. Weil das Wirken ein An-sich-Heranlassen impliziert: die Fähigkeit, Felder aufzumachen, in Frage zu stellen, zu konfrontieren, zu verlangen, zu spalten.
Wenn uns nicht danach ist, bleibt nicht viel mehr, als nach dem Wahlspaziergang die Schachtel Zufriedenheit zu Hause auszupacken und die süße, etwas klebrige, vorgefertigte Masse mit der Aufschrift „demokratisch, aufgeklärt und progressiv“ in den Mund zu nehmen, während sich am Schirm stets Einzelschicksale mit Naturkatastrophen abwechseln. So kann uns die Realität als unberechenbar und vor allem als nicht beeinflussbar erhalten bleiben...

Und bevor mich der Nihilismus überfällt, sage ich mir laut vor: „Spaltbar machen!“ Täglich, in grammatikalischer Reihenfolge – mich, dich,...

Weil kritische Masse be-wirkt, auch ohne Mehrheit.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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