Protest 2.0 – Don't believe the Hype! — IG Kultur

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INHALT 02/2010

 

Protest 2.0 – Don't believe the Hype!

Clemens Apprich

Am 31. Mai kündigten rund 30.000 Facebook-Nutzer/innen an, das soziale Netzwerk aus Protest gegen die fortdauernde Nicht-Beachtung ihrer Rechte ein für allemal zu verlassen. Bei geschätzten 250.000 Neuanmeldungen pro Tag dürfte der Quit Facebook Day aber wohl keinen nachhaltigen Effekt zeitigen. Und doch stellt sich in Bezug auf die sozialen Netzwerke die Frage, inwieweit diese nicht nur politische Probleme rund um Privatsphäre, Kontrolle und computergestützte Überwachung aufwerfen, sondern selbst schon als Orte politischer Auseinandersetzungen gelten können. Der Wunsch, Teil einer Bewegung zu sein oder selbst eine kleine Bewegung zu starten, scheint mit dem Aufkommen neuer Medientechnologien jedenfalls neu entbrannt. So träumte bereits die Electronic Frontier Foundation Anfang der 1990er Jahre von einer Erweiterung bürgerlicher Freiheiten durch das Internet, zumal sich in deren Vorstellung der politische Kampf zunehmend von der Straße ins Netz verlagern würde. Der gegenwärtige Hype um Facebook-Aktivismus ist daher nicht gerade neu. Dabei geht es aber weniger um spezifische Inhalte als vielmehr um die Struktur, den Rahmen und die jeweilige Strategie, welche diese Inhalte überhaupt erst hervorbringen. Im Folgenden bedarf es daher zunächst einer Begriffsbestimmung computerbasierter Netzwerke, deren Diskurs seit den 1990er Jahren um Demokratie, Partizipation und aktive Mitgestaltung gruppiert ist. Insbesondere das als „Web 2.0“ gefeierte Medium soll in seiner Neuartigkeit hinterfragt und von hier aus nach den Möglichkeiten eines alten wie neuen Netzaktivismus gefragt werden.

Genealogie sozialer Netzwerke
Soziale Netzwerke gibt es, seit Menschen Gemeinschaften bilden. Jedoch entwickelte sich mit den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien die Grundlage eines neuen Sozialitätsmusters, welches mit der Verbreitung des Internets zur dominanten Form der westlichen Gesellschaftsstruktur geworden ist. Die Gemeinschaft als Netzwerk interpersonaler Beziehungen löst damit die räumliche Dimension als bisher bestimmendes Kriterium sozialer Interaktion ab. Für Manuel Castells (1996) verdichten sich daher Raum und Zeit in einer digitalen Umgebung zu einer neuen materiellen Basis, auf welcher die dominanten Sozialprozesse durch Informationsströme reorganisiert werden. Vieles von dem, was heute unter dem Begriff der social media als das vermeintlich Neue verkauft wird, ist somit so alt wie das Internet selbst. So waren es vor allem die digitalen Städte und virtuellen Gemeinschaften der frühen 1990er Jahre, welche die Idee des sozialen Netzwerks mittels computervermittelter Kommunikation vorwegnahmen und damit auch einen ersten Boom des gerade erst implementierten WorldWideWeb auslösten. Ähnlich der aktuellen Diskussion galten die technologischen Errungenschaften dabei als unzweifelhaft gut, versprachen sie doch, der Netzgemeinschaft Demokratie und Wohlstand zu bringen. Das „neue attische Zeitalter“ (Al Gore) sollte die passive Zuschauerdemokratie in eine aktive Mitwirkungsdemokratie verwandeln und eine bürgerliche Öffentlichkeit auf globaler Ebene erschaffen.

Die Technologie ist dabei aber selbst nur Ausdruck der jeweiligen Sozialstruktur und der damit verknüpften sozialen, aber auch individuellen Vorstellungen und Wünsche. Wenn heute in beinahe ungebremster Euphorie vom subversiven und demokratischen Charakter des „Web 2.0“ die Rede ist, verbirgt sich dahinter die Inszenierung von Lebensweisen, kulturellen Mustern, Wissen, Macht und Herrschaft. Dies ist umso offensichtlicher, als die schillernde Welt der zweiten Generation aus den Trümmern des alten Webs hervorgegangen ist. Das Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende bildet dabei einen Wendepunkt: Von ihrer kommerziellen Altlast befreit sollten die sozialen Computernetzwerke nunmehr in neuem Glanz erscheinen und ihr wahres emanzipatorisches Potenzial entfalten. Doch wie Geert Lovink (2007) in diesem Zusammenhang feststellt, ermöglicht gerade die „Tyrannei des Neuen“ eine Wiederauflage des alten Geschäftsmodells mit seiner aus den 1990er Jahren stammenden Ideologie eines libertären Technokapitalismus. Der einzige Erkenntnisgewinn liege demnach darin, „dass die Leute nicht wegen E-Commerce ins Netz strömen, sondern zur Unterhaltung“. An die Stelle nervender Pop-Ups und bildschirmfüllender Werbebanner trat nunmehr die Strategie des intrusive advertising mit dem Versprechen, aus user-generated content selbst schon Kapital zu schlagen.

Die Rückbesinnung auf die Prä-Web-2.0-Ära zeigt sich auch darin, dass für die vermeintlich neuen Angebote rund um Weblogs, Wikis und Lesezeichensammlungen bereits zuvor bestehende Technologien wie Ajax (Asynchronous JavaScript and XML) oder RSS (Rich Site Summary) ganz einfach „neu entdeckt“ wurden. So erinnert etwa die „Blogosphäre“ nicht zufällig an die dezentrale und verteilte Netzwerkarchitektur des Usenets, und viele der integrierten Web- Anwendungen sozialer Netzwerke waren bereits fixer Bestandteil der digitalen Städte in Amsterdam (1994 bis 2001) oder Berlin (1995 bis 1998). Bereits in diesen frühen Versuchen einer urbanen Repräsentation von elektronischen Netzwerken sollte das WorldWideWeb als Plattform dienen und damit den privaten wie sozialen Austausch vorantreiben. Dabei ist freilich nicht zu übersehen, dass mit zunehmend sinkenden Kosten für Computertechnologie und Internetzugang, sowie einer einfacheren Handhabung der Webtools, eine Öffnung des elektronischen Raums stattgefunden hat. Ob dies aber wirklich zu einer Demokratisierung des Netzes führt, mag angesichts aktueller Zahlen zur Nutzung von Web-2.0-Angeboten bezweifelt werden: Laut einer Onlinestudie im Auftrag von ARD und ZDF (vgl. Fisch/Gscheidle 2008) ist die Nachfrage nach den neuen Anwendungen zwar enorm gestiegen, doch ist für zwei Drittel der Nutzer/innen das Erstellen von eigenem Content, sei dies in Form von Blogeinträgen, Videos oder Fotos, schlicht uninteressant. Die große Mehrheit der Onlinecommunity bleibt damit passiv, und das vermeintliche Mitmachnetz entpuppt sich als schlichtes Abrufmedium.

Aus alt wird neu
Die Dezentralisierung der Produktionsmittel geht mit einer Zentralisierung der Produktionsverhältnisse einher, zumal der Kapitalismus in der Kommodifizierung von user-generated content eine Antwort auf die Herausforderung durch neue Online-Medien gefunden zu haben scheint. Insbesondere das Geschäftsmodell von Facebook kann darin als kapitalistischer Versuch verstanden werden, aus zwischenmenschlicher Kommunikation selbst schon Gewinn zu machen: Gratis zur Verfügung gestellte Tools, unlimitierter Speicherplatz und die Möglichkeit der Gestaltung eigener Web-Applikationen dienen dabei weniger dem philanthropisch anmutenden Firmenmotto, möglichst viele Menschen miteinander zu vernetzen, als vielmehr dem Ziel, möglichst viele Details über das Leben der User/innen zu erhalten. An die Stelle eines rein quantitativen Zuwachses an Daten tritt nunmehr das qualitative Vermögen, die Kombination und Ausnutzung eben dieser Daten auf Grundlage des sozialen Netzwerkes zu optimieren. Die Fabrik als Symbol der industriellen Verwertungslogik von menschlicher Arbeitskraft wird in diesem Prozess gleichsam internalisiert: Die Nutzer/innen sozialer Netzwerke verrichten unbezahlte Arbeit, deren Wert von den Unternehmen abgeschöpft und an interessierte Dritte weiterverkauft wird. Der Mythos von der „freien“ Kommunikation erweist sich einmal mehr als subtiles Machtinstrument und die computergestützte Kontrolle als Kehrseite eben dieser Freiheit.

Die Transformation von Medien zu sozialen Medien erlaubt somit die Konstitution neuer Wissensformen, die wiederum eigene und der Formation sozialer Netzwerke entsprechende Kontrollregimes hervorbringen. Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage nach dem effektiven Einsatz von taktischen Medien, um damit die beschriebenen Unternehmensstrategien zu durchkreuzen. So behauptete das Critical Art Ensemble bereits Mitte der 1990er Jahre, „dass die Straße, soweit es um Macht geht, totes Kapital ist“ (CAE 1997). Eine handlungsrelevante Strategie müsse die Machtzentren dagegen dort angreifen, wo es für sie von Bedeutung ist: auf der Ebene elektronischer Netzwerke. Jedoch existiert das Internet nicht als virtueller Parallelraum, da die Bedingungen seiner Möglichkeit die Offline-Welt eben immer schon voraussetzt. Die Auseinandersetzung „Straße vs. Netz“ müsste also in plurale und sich gegenseitig ergänzende Aktionsformen überführt werden, um somit das Potenzial neuer Medientechnologien ausnutzen zu können. Die organisatorische Restrukturierung von ökonomischen, sozialen und institutionellen Verhältnissen, wie sie heute etwa in der Debatte um das geistige Eigentum stattfindet, bietet dabei eine Gelegenheit, aktiv in die Gestaltung digitaler Medienlandschaften einzugreifen.

Dabei zeigt sich aber gerade in fortgeschrittenen Kapitalverhältnissen, dass die Abweichung nicht mehr unbedingt als Angriff auf das System, sondern zunehmend als dessen notwendiges Korrektiv angesehen werden kann. Die Affirmation von Widerstand bildet eine der wesentlichen Strategien der Medienindustrie, welche seit den 1980er Jahren subkulturelle Elemente zu integrieren wusste. Andererseits bestand mit dem Internet schon immer die Möglichkeit, eigene Informationskanäle zu graben, die Kommunikation innerhalb politischer Gruppen zu fördern oder selbst in den elektronischen Datenraum zu intervenieren. Der Zusammenhalt neuer Widerstandsformen beruht dabei auf der Fähigkeit zur zeitlichen Koordination auf Distanz sowie zur Herstellung eines gemeinsamen Vorstellungs- und Referenzrahmens. Brian Holmes (2008) sieht daher in den aktivistischen Medien einen kontinuierlichen Prozess der „Welterzeugung“, welcher letztlich einer kulturellen Befreiungsstrategie bedarf. Angesichts der zunehmenden Ausdifferenzierung von Lebensstilen und deren Repräsentation in sozialen Netzwerken müsste eine solche Strategie nach Alternativen zur gegenwärtigen Medienpraxis fragen und dabei deren mediale, aber auch ökonomische Voraussetzungen in Rechnung stellen. Die Möglichkeiten des Netzaktivismus sollten in diesem Zusammenhang nicht überschätzt, aufgrund der zunehmenden Bedeutung des digitalen Raums in der Auseinandersetzung um soziale wie individuelle Identitäten aber auch nicht unterschätzt werden.

Literatur
Castells, Manuel (1996): „The Rise of the Network Society“. In: Ders.: The Information Age: Economy, Society and Culture, Band I, Oxford/Malden (Blackwell).

Critical Art Ensemble (1997): „Elektronischer ziviler Ungehorsam“. In: nettime (Hrsg.): Netzkritik. Materialien zur Internet-Debatte, Berlin (Edition ID-Archiv), S. 37-47.

Holmes, Brian (2008): „Swarmachine, Activist Media Tomorrow“. In: C´urcˇic´, Branka/ Pantelic´, Zoran/kuda.org (Hrsg.): Public Netbase: Non Stop Future. New Practices in Art and Media, Frankfurt a. M. (Revolver), S. 214-221.

Lovink, Geert (2007): Zero Comments: Elemente einer kritischen Internetkultur, Bielefeld (transcript).

Fisch, Martin/Gscheidle, Christoph (2008): „Mitmachnetz Web 2.0: Rege Beteiligung nur in Communitys“. In: Mediale Perspektiven, 7/2008, S. 356-364.

Clemens Apprich ist Promotionsstudent der Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sein Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit Netzkulturen der frühen 1990er Jahre.

 
 

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