Zur Ausblendung in und rund um "Die Fälscher"
Seit seiner Premiere bei der Berlinale 2007, v.a. im Anschluss an die
Verleihung des „Auslands-Oscars“ 2008 wird Die Fälscher, Stefan
Ruzowitzkys Film über die von der SS betriebene Geldfälscherwerkstatt
im Konzentrationslager Sachsenhausen, im Rahmen öffentlicher Diskurse evaluiert, die im Wesentlichen auf zwei Bahnen verlaufen:
Zum eine ist die Rede von der Förderung des Filmwirtschaftsstandorts
Österreich und den Chancen seiner international vergleichsfähigen
Produkte auf dem Weltmarkt. Zum anderen wird Ruzowitzkys Film als
geglückte Form von Wissensvermittlung in delikaten Angelegenheiten
erörtert. An dieser Stelle auch der Verweis auf die Aktion „Kino macht Schule“, die im April 2008 Outsourcing von Zeitgeschichteunterricht durch Kinovorführungen von Die Fälscher für Schulklassen anbot.
Während der auf der Fälscher-DVD und auf www.kinomachtschule.at
angebotene Lehrbehelf den Holocaust breitgefächert thematisiert,
erweckt die televisuelle Diskursivierung des Films im ORF folgenden
Eindruck: Wer nur von Kino als wissensökonomischem
Kapitalverwertungsstandort spricht, will offenbar vom NS-Massenmord
schweigen.
Heraus kommen Redeweisen, die Verbrechen durch
Versprechen, durch mitunter an Schlussstrich-Rhetorik gemahnende
„Versprecher“, zur Sprache bringen. Aus dem Fundus einschlägiger
Sendungen sei eine Treffpunkt Kultur-Moderatorin zitiert, die vor der
Berlinale-Premiere den Produzenten von Die Fälscher nach seinem
„Kalkül“ fragte: ob es „einfacher ist, für solche Themen eine
Förderung zu bekommen“, und, da es „einen Teil unserer Geschichte“
gebe, der „übererzählt“ sei, ob es „jetzt irgendwann auch gut sein“
werde.
Ein Wien Heute Beitrag zum Schuleinsatz von Die Fälscher
hingegen zeichnete ein Bild geglückter Disziplinierung, mit durch den
„Oscar-Film“ pflichtgemäß ruhig gestellten und emotionalisierten
Teenagern, denen der im Kino anwesende Ruzowitzky, so legte die
ORF-Montage nahe, vor allem die Frohbotschaft mitgab, dass „die alle
überlebt“ hätten (wo diese „übererzählte“ Geschichte doch sonst meist
davon kündet, dass allzu viele nicht überlebt haben).
Das Thema von Die Fälscher – nationalsozialistischer Vernichtungsrassismus, dessen Praxis und (Un-)Möglichkeiten von
Widerstand - wird gerade in der Nobilitierung des Films in einer
Weise ausgewertet, die dessen Ausblendung nahe kommt. Wobei spannend ist, wie Ruzowitzkys Film in der Deutungshegemonie von
Kulturpatriotismus und Wissensmarketing nicht aufgeht, vielmehr
diesen Zugriffsformen zuwiderläuft, indem er diese selbst in die
Perspektivik seiner Geschichtsvermittlung einarbeitet: Geht es doch
anhand der Fälscherwerkstatt, als „Goldener Käfig“ im KZ, und des
satirisch forcierten Teamwork-Jargons, mit dem der SS-Projektleiter
seinen „Mitarbeitern“ (vorwiegend jüdischen Häftlingen mit
Spezial-Skills als Grafiker, Fotograf, Künstler, Fälscher) den Höchstleistungszwang verkauft, eben um einen wissensökonomischen, kreativindustriellen Produktionsstandort. Dessen motivationspsychologischer Kontrolle steht der Transfer von Wissen als Problem entgegen: Wieviel wollen/können die „Fachkräfte“ mitbekommen vom Schicksal der Unqualifizierten hinter Zäunen und Sichtblenden um sie herum.
Ruzowitzkys Inszenierung visiert den Holocaust über eine Allegorie vom Schengen-Europa und (wie sein Referenzfilm Schindler´s List) über eine Satire allseitiger "Käuflichkeit" an; damit verfehlt sie die antisemitische Intention im Mord- und Bereicherungsprojekt der Nazis. Indem sie aber die „Fälschung“ historischer Erfahrung als Problem setzt (nicht als Rettung qua Virtualisierung wie La vita e bella) und die Frage der Ausblendung der NS-Verbrechen zum Um und Auf von Bild und Erzählung macht, trifft sie vorweg jene Diskursmuster, die den Film heute zum Sprechen bringen wollen.
