Windschiefe Paralleluniversen — IG Kultur

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INHALT 02/2007

 

Windschiefe Paralleluniversen

Marty Huber

Als Sputnika bin ich des öfteren mit den diversen Umlaufbahnen beschäftigt und oftmals höre ich den Vorwurf, dass die sich in diesen Kreisen Bewegenden eine Parallelgesellschaft formen. Das Schreckgespenst der Parallelgesellschaft geistert seit geraumer Zeit durch die Medien und die Satelliten schicken die Nachricht von der Bedrohung durch diese in den letzten Winkel der Erde. Im Zuge meiner Reisen also treffe ich so manche, die an einem eigenen Verständnis von Community arbeiten, manche nennen es Grätzl oder Kleingartensiedlung, Wohngemeinschaft und Kollektiv, Arbeitsgruppe oder Kreis, aber nur wenigen wird das Prädikat „ParallelgesellschafterIn“ zugewiesen. Das Auftreten des Phänomens von Parallelgesellschaften hat zu jeder Zeit verschiedene Bedeutungen und Ursachen, welche dann wiederum hegemonial eingesetzt werden und es stellt sich bei näherer Betrachtung die Frage, warum dem so ist:

Was ist das Verhältnis von Staat als Gesellschaft und dem suggerierten Bestehen von Parallelgesellschaften? Welche Idee liegt dieser Vorstellung zu Grunde? Die einer einheitlichen Nation, einer einfachen, überschaubaren Welt klarer Identitäten? Wo sind die Grenzen der Gesellschaft und wer fährt im Parallelschwung nebenher mit? Sollen wir alle synchronschwimmen mit Nasenklips, wasserfester Schminke und einem eingefrorenem Lächeln? Wann wird ein Grätzl zum Ghetto und wer darf das dann feststellen? Wenn ich so zum Thema „Freiräume“ nachdenke, dann bleibt in einer Gesellschaft, die das synchronisieren von Individuen zum Credo erhoben hat, das Paralleluniversum die einzige Möglichkeit, eine andere Welt zu erdenken, zu erarbeiten und zu erleben. Dabei erfüllen diese Orte, diese kleinen Anhäufungen oftmals Aufgaben, die der Staat verabsäumt zu übernehmen, oder die er im Zuge von „weniger Staat mehr privat“ einfach abgeschoben hat. Der „Freiraum“, der so frei nicht ist, wird dabei gleichzeitig gesellschaftliche Pufferzone der Differenz und manchmal gar Bedrohung, aber auch Erfüllungs- und Erhaltungsgehilfe sog. sozialer Kohäsion zum Preis der Prekarisierung und Selbstorganisation.

So gesehen ist es einfach gemein, von Parallelgesellschaften zu reden, aber war Gemeinheit jemals eine politische Kategorie? Wohl nicht, stattdessen nützt es jedoch manchmal, die Perspektive eines der vielen Sputniks/as einzunehmen und mit erhöhter Aufmerksamkeit und – für die, die es brauchen – einem gewissen Vertrauen auf das synaptische Netzwerk von Gesellschaften zu blicken, die einem politischen Kollaps Vorschub leisten.

Die Frage der Autonomie, die diesen Netzwerken zugestanden wird, ist eine virulente, denn da hüpft bekanntlicherweise der Affe ins Wasser, wenn hegemoniale Machtstrukturen ihre Felle davon schwimmen sehen, ob im Parallelschwumm oder nicht, ist ihnen dann meist egal. Erst mit der Einforderung nach Aufhebung z.B. bürokratischer oder etwa polizeilicher Kontrolle wird laut aufgeschrieen, dass das so nicht ginge, obwohl die positiven Effekte des Do-it-yourself gerne in Anspruch genommen werden.

 
 

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