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Kulturrisse Ausgaben 02/2007 Oppositionen Raum artikulieren. Einige Vorbemerkungen zum Verhältnis von Sozialität und Spatialität
 

Raum artikulieren. Einige Vorbemerkungen zum Verhältnis von Sozialität und Spatialität

Stefan Nowotny und Gerald Raunig

„[…] und da die Monaden ohne Eigenschaften voneinander ununterscheidbar wären, […] so würde folglich – unter der Voraussetzung, dass der Raum erfüllt ist – in der Bewegung jeder Ort immer nur einen Inhalt erhalten, der dem gleichwertig ist, den er schon gehabt hat, und ein Zustand der Dinge wäre von dem anderen nicht zu unterscheiden.“ (G. W. F. Leibniz 1996: 441)

Das Bild, das uns diese Passage aus Leibniz’ Monadologie vor Augen führt, ist an Traurigkeit schwerlich zu überbieten: eine vollkommene Unterschiedslosigkeit aller Zustände, die nicht daher rührt, dass es keine Bewegung gäbe, sondern aus dem dieser Bewegung eignenden Unvermögen, irgendeine Differenz zu aktualisieren; daher, dass alle Bewegung immer nur Gleiches an die Stelle des Gleichen rückt. Die Tristesse einer solchen Unterschiedslosigkeit fordert einen anderen Gedanken heraus. Soll nämlich umgekehrt Bewegung als verändernde möglich sein, so muss es ein „Differentsein“ oder vielmehr eine Differenz geben, die in den Monaden (jenen einfachen und unteilbaren Substanzen also, aus denen sich für Leibniz die Welt zusammensetzt) selbst aktual ist oder sich aktualisieren kann. Es muss, so Leibniz, ein „inneres Prinzip“ der Monaden geben, das man, wie es in einer ersten Abschrift der Monadologie noch heißt, „tätige Kraft nennen kann“ und durch das die Möglichkeit der Veränderung – als das Vermögen einer inneren Veränderung verstanden (vgl. Neundlinger 2005: 59f.) – verbürgt wird.

Nehmen wir Leibniz ernst, so wäre davon auszugehen, dass so etwas wie Raum nur „ist“, indem er artikuliert wird, und zwar ausgehend von der Mannigfaltigkeit der Monaden, der von ihnen unterhaltenen Beziehungen bzw. der vielfältigen Perspektiven, die, indem sie einander überkreuzen und überlagern, Raum konstituieren. Die Vorstellung einer „Realität des Raumes an sich selbst“, die von den Newtonianern seiner Zeit vertreten wird und die Leibniz der „chimärischen Einbildung“ (Leibniz 1990: 373) zuweist, führt dagegen letztlich zurück zur Tristesse, die das zitierte Bild beschwört: der Unterschiedslosigkeit aller Zustände.

Sozialer Raum

Leibniz’ Philosophie gibt uns mit ihrer beharrlichen Zurückweisung der Idee eines absoluten Raums eine Reihe von Mitteln an die Hand, die den Begriff eines sozialen Raums zu entwerfen erlauben. Um einen solchen Raum zu denken, gilt es die Vorstellung eines leeren, neutralen Raums hinter sich zu lassen. Raum als sozialen Raum zu denken läuft aber auch nicht allein darauf hinaus, die Aufteilungen, Funktionsbestimmungen oder symbolischen Besetzungen des Raums hervorzuheben, durch die sich soziale Strukturen ausgestalten; es verweist – mit einem auf den ersten Blick etwas missverständlichen Begriff von Gilles Deleuze – zunächst auf eine „Verteilung im Raum“ (vgl. Deleuze 1997: 59 f.).

Der Ausdruck Raum ermöglicht Deleuze zufolge zwei grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten der begrifflichen Entwicklung. Entweder er beschreibt den Raum als vorgegebene Dimension der Verteilung, Unterteilung und – gemäß der von der deutschen Übersetzung getroffenen Entscheidung – Aufteilung (répartition); oder er bezieht sich auf den immanenten Effekt einer Bewegung des Verteilens oder Sich-Ausbreitens (distribution), dessen Aktualität in nie restlos veräußerbarer Weise an die verwirklichte Potenz, die potentia in actu, der Vollzüge dieser Bewegung gebunden bleibt. Sozialität und Spatialität korrelieren hier: soziale Strukturalisierung und räumliche Hierarchie oder, im anderen Fall, sozialer Austausch und Verteilung im Raum. Wenn wir ein weiteres Mal auf die Begrifflichkeiten Deleuze’ und seines Kollegen Guattari zurückgreifen wollen, sind also zwei Paradigmen des Verhältnisses von Raum und Sozialität zu unterscheiden: eines der Molarität und eines der Molekularität.

„Polizei“ und „Politik“

Jacques Rancière hat in Aufnahme der Deleuze’schen Differenzierung der molaren Aufteilung des Raums und der molekularen Verteilung im Raum diese beiden Seiten der Aufteilung mit den Begriffen „Polizei“ und „Politik“ benannt. „Das Wort ‚Aufteilung‘ ist dabei im doppelten Sinn des Wortes zu verstehen: auf der einen Seite als das, was trennt und ausschließt, auf der anderen Seite als das, was teilnehmen lässt.“ (Rancière 2000: 97; vgl. auch Ranciére 2002: 33 ff.)

Die Entgegensetzungen der „polizeilichen“ Auf- und Unterteilung des Raums und der „politischen“ Verteilung im Raum sind nicht allein theoretischer, sondern auch ganz konkreter Art, und das über die verschiedenen historischen Formationen hinweg. Um die begriffliche Genealogie zu verdeutlichen, lässt sich auf eine jener Zäsuren hinweisen, die für das Zeitalter Leibniz’ prägend sind und in denen sich zugleich die politische Moderne vorbereitet: die Errichtung des modernen Polizeiinstituts. 1667 per Edikt Ludwigs XIV. zunächst für Paris eingeführt und einen der wesentlichen Schritte in der Entwicklung des absolutistischen Herrschaftstyps bildend, löst die direkt dem Thron unterstellte Polizei, deren Aufgabe in der homogenisierenden Kontrolle des öffentlichen Stadtraums besteht, bewegliche und disparate Systeme sozialer Regulierungsformen ab, die an unterschiedliche, teils formelle, teils informelle, jedenfalls aber nicht streng hierarchisch angeordnete Instanzen geknüpft sind (vgl. Sälter 2004). Die Aufteilung des Raums, die damit vollzogen wird, kann ihrerseits nicht unabhängig von institutionellen Praxen einer Verteilung im Raum (wie z. B. im Falle des sich bald ausbreitenden Spitzelwesens) gesehen werden, die jedoch bestimmten Funktionsträgern vorbehalten bleiben und damit die hierarchische Aufteilung des Raums bekräftigen.

Entlang der schroffen Grenzziehungen, auf die der monopolisierte Raum angewiesen ist, laufen auch die Anfechtungen dieses Raums immer wieder Gefahr, sich ihrerseits molar zu organisieren, nach außen wie auch nach innen: nach außen durch die „Vervollständigung“ des konfrontativen Settings von der Seite des Protests, nach innen durch die Internalisierung sozial-spatialer Monopolisierungen. Wichtig scheint uns in diesem Kontext daher, dass die Differenz zwischen „Aufteilungen des Raums“ und „Verteilungen im Raum“ es nicht einfach zulässt, bestimmte Praxen der einen sowie andere Praxen der anderen Charakterisierung eindeutig zuzuschlagen. Sie durchwirkt vielmehr die Praxen und bringt so spezifische Potenzialitäten der Bewegung hervor.

Molare vs. molekulare Revolutionen

Die Muster von hierarchisch-molarer Aufteilung des Raums und transversal-molekularer Verteilung im Raum korrelieren also mit unterschiedlichen Formen von sozialer Organisation. Auch Revolutionen funktionieren nach diesen Prinzipien. Es ist nicht notwendig, von einem Auftreten dem einen oder anderen Prinzip gänzlich zuzuordnender Revolutionstypen auszugehen, um doch unterschiedliche Modelle und Ausprägungen revolutionären Geschehens auszumachen. Während die zunehmende Segmentierung und Strukturalisierung des revolutionären Prozesses in den großen Französischen und Russischen Revolutionen der Logik der Aufteilung des Raums folgt, sind die Pariser Revolten der Commune 1871 und des Pariser Mai 1968 etwa nach den divergierenden Theorien von Deleuze, Debord und Lefebvre historische Modelle für die Verteilung im Raum.

Ein exemplarisches Beispiel für diese Modelle der „molekularen Revolution“ (Guattari) sind die Pariser Frauen, die sich nicht nur am 18. März 1871 gemeinsam mit Männern der Pariser Nationalgarde den Versailler Regierungstruppen entgegenstellten, die Kanonen der Nationalgarde verteidigten und damit jenen Abschnitt des revolutionären Prozesses einleiteten, der als die Insurrektion der Pariser Commune bezeichnet wird. Auch durch die Verweigerung von aktivem und passivem Wahlrecht für Frauen kam jenem Kampf größte Bedeutung zu, der sich jenseits der Sphäre ihres Ausschlusses ereignete, also jenseits der Sphäre der Politik der Repräsentation. Von der Beteiligung an der Mobilisierung gegen die bürgerliche Republik bis zu den letzten Tagen auf den Barrikaden haben die Frauen die Commune gerade auf der Seite der spontanen Aktionen, der Basisversammlungen, zuletzt der Barrikadenkämpfe vorangetrieben. Allgemeiner gesagt geht es in solchen molekularen Revolten um ein Aufbrechen des Prinzips der Repräsentation und zugleich um das Entstehen konstituierender Macht in neuen Formen offener Organisierung (vgl. Raunig 2005: 76–92).

Reclaim the Streets!

Als exemplarische Vorform heutiger Strategien des Aufbegehrens im städtischen Raum war in den frühen 1990er Jahren in London und Umgebung in der Allianz aus RaverInnen und UmweltschützerInnen eine Praxis entstanden, die die Straße nicht nur als Ort der Umweltzerstörung bekämpfte, sondern zugleich als neue Öffentlichkeit besetzte: An der Kreuzung von antikapitalistischen und hedonistischen Strategien versuchte Reclaim the Streets, die Aneignung der Straße als Insurrektion und konstituierende Macht zu erproben. In radikalen Street-Parties verschränkten sich Protest und Rave, Empörung und Wunschproduktion.

Die Politik der tanzend Demonstrierenden verwandelte den polizierten Raum der Straße, der Zirkulation von Individuen und Waren für kurze Zeit in einen glatten, maßlosen Raum. Nicht nur an ihrem Höhepunkt, dem für die globalisierungskritische Bewegung besonders bedeutsamen globalen Aktionstag „Carnival against Capital“ im Jahr 1999, überschritt die Praxis der Besetzung der Straße jene polizeiliche Logik, die besagt, „dass es auf einer Straße nichts zu sehen gibt“ (Rancière 2000: 107). Die AktivistInnen von Reclaim the Streets spielten auf diese polizeiliche Logik des Raums mit dem seit Thomas Morus’ Utopia (1516) oft verwendeten Begriff „enclosure“ an: Wie das gemeinnützige Land im 16. Jahrhundert für die Schafzucht eingezäunt wurde, ist es heute der „öffentliche“ Raum der Städte, der gerastert, strukturiert und ent-öffentlicht wird, durch den einschließenden Ausschluss des „enclosure“ geprägt (vgl. Hamm 2002). Der Begriff des „enclosure“ ebenso wie jener der Polizei meinen dabei allerdings mehr als nur eine von außen kontrollierende Macht wie die Polizei im engeren Sinn: Wenn es „auf der Straße nichts zu sehen gibt“, dann impliziert das nicht nur die Kerbung des Raums durch das Außen einer ordnenden Macht, sondern auch eine Kritik an Organisationsformen sozialer Bewegung, die durch innere Strukturalisierung den Raum kerben, die Bewegung strukturalisieren, bevor sie sich im Raum zu verteilen imstande ist.

„Die Politik dagegen gestaltet durch ihre Kundgebung den Raum der Zirkulation um. Sie gestaltet aufs Neue, was es dort zu sehen, zu benennen, zu zählen gibt.“ (Rancière 2000: 107) Diese „politische“ Produktion eines (noch) nicht gekerbten Raums ereignet sich als Bestreikung der Verhältnisse, als Bruch, als Insurrektion, aber zugleich auch als Neuzusammensetzung sozialer Gefüge, in denen die Logik der Aufteilung und Segmentierung, der Kerbung des Raums durchbrochen wird.

Aktuelles Aufbegehren im gerasterten städtischen Raum

Ein neueres Beispiel für dieses Phänomen besteht in der Euromayday-Bewegung, die sich als Bewegung gegen die Prekarisierung von Arbeit und Leben in den ersten Jahren des gegenwärtigen Jahrzehnts entwickelt hat. Der damit angesprochene sozioökonomische Wandel impliziert auch einen Wandel sozialer Organisierungsformen, der seinen Ausgang nicht zuletzt von den spezifischen Wissens- und Kommunikationskompetenzen der prekarisierten ProduzentInnen nimmt. Stand in der Geschichte der kommunistischen und sozialdemokratischen Bewegungen das Verhältnis zwischen den im Fabrikssetting fragmentierten bzw. entfremdeten TeilarbeiterInnen und ihrer molaren Organisation durch Partei und Gewerkschaft im Vordergrund, so scheint sich das Aufbegehren der Prekären der EuroMayday- Bewegung in molekularen Körper-, Zeichen- und Aussagengefügen zu vollziehen, die in die Produktions- und Konsumtionsstätten des neoliberalen Zusammenhangs intervenieren.

Nicht zuletzt sind es die Oberflächen der urbanen Displays, die hier als Angriffs- und Bearbeitungsflächen der prekären Bewegung dienen: der städtische Raum, gerastert und poliziert wie nie zuvor, wird zum Ziel von performativen Aktionen und Zeichenveränderungen (vgl. Raunig 2004). Diese Interventionen verweisen zugleich auf eine soziale Gestik des Umherschweifens, das, über den dualistisch-konfrontativen Protest und die Negation des Status Quo hinausweisend, dem gegenwärtigen Fragmentierungszusammenhang eine Gegenproduktion von neuen Erfahrungs-, Artikulations- und Solidarisierungsformen entgegenzusetzen versucht.

Ähnliches ließe sich über nicht minder prekäre Organisierungsversuche in illegalisierten migrantischen Lebenszusammenhängen sagen, die der mörderischen Befestigung der Außengrenzen, der wir heute nicht nur in Europa beiwohnen, widerstreiten und in denen sich wiederum ein spezifisches Wissen über das Zusammenspiel homogenisierter territorialer Räume mit den keineswegs territorial begrenzten Aktionsräumen kapitalistischer Wirtschafts- und Ausbeutungsformen artikuliert. Spätestens dort, wo die polizeiliche Ordnung gleichsam routinemäßig – und das konfrontative Setting erneut in Kraft setzend – die prekären Versuche derartiger Verteilung im Raum mit Waffengewalt beendet, zeigt sich auch hier, dass die zwei Paradigmen der Verteilung im Raum und der Aufteilung des Raums nicht nur nicht als reine existieren, sondern in ihrer Praxis notwendig umkämpft bleiben.

Anmerkung

Der vorliegende Artikel ist ein gekürzter Vorabdruck eines im Rahmen des Projekts „firma raumforschung“ von theatercombinat entstandenen Textes, der demnächst erscheinen wird in:

Bosse, Claudia / Nägele, Christina (Hsg.) (2007): Skizzen des Verschwindens – theatrale Raumproduktionen. Theatercombinat. Frankfurt/M. (Revolver Verlag / Hefte zur Gegenwartskunst)

Literatur

Deleuze, G. (1997): Differenz und Wiederholung. München

Hamm, M. (2002): „Reclaim the Streets! Globale Proteste und lokaler Raum“. Unter: eipcp.net/transversal/0902/ hamm/de

Leibniz, G. W. F. (1996): Monadologie. Frankfurt/M.

Leibniz, G. W. F. (1990): Briefe von besonderem philosophischem Interesse. Frankfurt/M.

Neundlinger, K. (2005): Einübung ins Aufbegehren. Beitrag zu einer Materialgeschichte des Glases, mit einer Einleitung von S. Nowotny. Wien

Rancière, J. (2000): „Konsens, Dissens, Gewalt“. In: Dabag, M. / A. Kapust / B. Waldenfels (Hg.): Gewalt. Strukturen, Formen, Repräsentationen. München

Rancière, J. (2002): Das Unvernehmen. Frankfurt/M.

Raunig, G. (2004): „La inseguridad vencerá. Streethacking und antiprekaritärer Aktivismus in Barcelona“. Unter: eipcp.net/transversal/0704 /raunig/de.

Raunig, G. (2005): Kunst und Revolution. Wien

Sälter, G. (2004): Polizei und soziale Ordnung in Paris. Frankfurt/M.

Stefan Nowotny und Gerald Raunig leben in Wien und arbeiten am European Institute for Progressive Cultural Policies (eipcp).

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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