„Die Kunst trägt ihre Aussage in sich selbst“. Oder: Das dekorative Element der Anpassung – eine künstlerische Intervention und ihre Folgen — IG Kultur

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Anmelden

INHALT 02/2007

Sektionen
Kulturrisse Ausgaben 02/2007 Kunstpraxen „Die Kunst trägt ihre Aussage in sich selbst“. Oder: Das dekorative Element der Anpassung – eine künstlerische Intervention und ihre Folgen
 

„Die Kunst trägt ihre Aussage in sich selbst“. Oder: Das dekorative Element der Anpassung – eine künstlerische Intervention und ihre Folgen

Tanja Boukal und Harald Mahrer

Im Stuwerviertel ist Johann Arnezhofer durch einen Straßennamen verewigt. Arnezhofer, im 17. Jahrhundert Pfarrer und Kommissär „zur Ordnung der Israelitischen Angelegenheiten“, war ein antisemitischer Hetzprediger und mitverantwortlich für die Deportation der Juden aus dem „Wird“ unter Leopold I. Drei Aufforderungen zur Umbenennung der Arnezhoferstrasse gab es in den letzten Jahren. Alle wurden abgewiesen. Gemeinsam mit Kunstschaffenden sowie AnrainerInnen des Stuwerviertels wurde eine Aktionsgruppe – das Stuwerkomitee[1] – ins Leben gerufen. Ein Ziel ist die Umbenennung in Selma-Steinmetz-Straße. Selma Steinmetz, geboren 1906, wurde als Widerstandskämpferin in der Travail Antiallemand in Südfrankreich im Juni 1944 von der Gestapo verhaftet. Sie überlebte und kehrte nach Wien zurück, wo sie wesentlich am Auf- und Ausbau des DÖW (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes) beteiligt war. Ihr Engagement dort endete erst mit ihrem Tod 1979. Straßennamen sind symbolische Zeichen unserer Gesellschaftsverhältnisse. Der öffentliche Raum als Raum, der uns allen gehört, wird zum Ort durch gelebte Symbiose aus unserer Erinnerung und konkreten materiellen „Dingen“.

Das Fest und Q202

Um eine Umbenennung zu forcieren, planten wir – neben Information und Unterschriftenlisten – ein Fest, in dessen Rahmen alternative Straßenschilder angebracht wurden (näheres dazu unter: Boukal). Der Atelierrundgang Q202 erschien uns als passender Rahmen für diese Intervention, denn Q202 versteht sich – laut Selbstdefinition – als: „eine freie Verbindung von Kulturschaffenden vorrangig aus dem 2. und 20. Bezirk ... Ziel ist es, die Kommunikation und Zusammenarbeit der Kulturschaffenden aus allen Bereichen der Kunst zu verstärken und zu fördern. Der persönliche Kontakt zwischen Kulturschaffenden und Öffentlichkeit ist dabei ein wesentlicher Faktor.“
Am 20. April fand das Straßenfest statt. Mehr als 300 BesucherInnen erlebten ein anspruchsvolles Kulturprogramm, das unter anderem vom Leopoldstädter Chor Gegenstimmen und der Frauentrommelgruppe RambaSamba musikalisch bestritten wurde. Die Verpflegung wurde unter Einbeziehung der lokalen Gastronomie zum kulinarischen Streifzug durch die im Viertel vertretenen Kulturen. Die Rede der Widerstandskämpferin Irma Schwager, die Selma Steinmetz persönlich kannte, regte zahllose Diskussionen zwischen KünstlerInnen und BesucherInnen – unter ihnen viele BewohnerInnen des Viertels – an. Es bestätigte sich: „Durch’s Reden kommen die Leut’ z’samm“.

Die Reaktionen auf die Intervention

Das Straßenfest rief allerdings auch befremdliche Reaktionen hervor. Mitglieder des Stuwerkomitees wurden nach dem Fest Ziel – anonymer – antisemitischer Beschimpfungen.
Hans Heisz, Organisator von Q202, distanzierte sich von dem Projekt, da er eine – nicht näher definierte – „parteipolitische“ Unterwanderung „seines“ Kulturprojekts sah. Im Vorfeld hatte er bereits das Einladungsschreiben, das über den Q202-E-Mail-Verteiler ausgeschickt wurde, ohne Rücksprache mit der Autorin gekürzt. Er strich den Satz: „Alle drei [Anm.: Anträge zur Umbenennung] wurden jedoch von Gerhard Kubik, dem Bezirksvorsteher, und der Bezirkskulturkommission ohne Benennung von Gründen abgewiesen.“ Als die Autorin diese Zensur in einem „Offenen Brief“ kritisierte, wurde sie von Hans Heisz aus dem Verteiler gestrichen und somit aus Q202 „ausgeschlossen“.

Kunstinitiative am Gängelband der (Bezirks-)Politik?

Warum wurde der Bezirksvorsteher, der den zensurierten Umstand tags zuvor selbst in den Medien (z.B. Der Standard, Kurier) begründete, von Hans Heisz „geschont“? Faktum ist, dass Q202 von den beiden Bezirken Leopoldstadt und Brigittenau jährlich jeweils EUR 1.500,- an Subventionen erhalten hat. Hans Heisz spricht von einem – nicht überprüfbaren2 – Gesamtbudget von ca. EUR 15.000,- pro Jahr. Wie hoch der Anteil anderer öffentlicher Stellen an diesem Budget ist, ließ sich nicht ermitteln. Ein Teil der Gelder kommt aus Sponsorengeldern privater Unternehmen.

Anfangs bekam Q202 geringere Subventionen von Seiten der beiden Bezirke, erst als der Erfolg des Atelierrundgangs sichtbar wurde, erreichten die Subventionen die genannte Höhe. Ab diesem Zeitpunkt ließen es sich die Bezirksspitzen auch nicht mehr nehmen, als Eröffnungsredner in Erscheinung zu treten. Diese „Verflechtungen“ legen den Schluss nahe, dass Hans Heisz aus vorauseilendem Gehorsam versucht, politisch für die Bezirksvorsteher unangenehme Projekte zu „verhindern“. Es ist klar, dass Kulturinitiativen von Subventionen abhängig sind. Klar ist auch, dass das Abhängigkeiten schafft und diese ausgenutzt werden (wollen). Vorauseilender Gehorsam verstärkt diese Abhängigkeiten jedoch, anstatt sie abzubauen. Gerade durch den Erfolg von Q202 bestand die Möglichkeit sich mehr Freiraum zu schaffen.

Ist Kunst wertfrei?

„Kunst entsteht aus sich selbst heraus, die Kunst vermag ihre Aussage in sich selbst zu tragen“, bekräftigt Hans Heisz bei jeder Gelegenheit. Was meint er damit? Offenbar, dass Kunst nicht in gesellschaftliche Konflikte eingreifen – ja sie nicht einmal kommentieren – darf. Dieses Kunstverständnis führt zu einer Kunst, die nicht mehr ist als Dekoration. Hübsche Dinge, die möglichst allen gefallen (sollen).
Spätestens seit Joseph Beuys und seinem Konzept der sozialen Skulptur sollte „politische“ Kunst im Mainstream angekommen sein. Klar ist, dass sich das „Politische“ nicht zu Unrecht einen Platz in der Welt der Kunst erstritten hat und diesen berechtigter Weise nicht so einfach wieder räumt. In einer laut Eigendefinition „offenen, freien“ Kulturinitiative sollte dafür jedenfalls Platz sein.

Die Schwierigkeiten in Q202 sind kein Einzelphänomen

In solchen Initiativen gibt es immer „Jemand“, bei dem/der die Fäden zusammenlaufen, weil diese/r – meist ohne Bezahlung – die organisatorischen Belange erledigt. Neben „Jemand“ gibt es „Viele“, die froh sind, dass „Jemand“ die Arbeit macht. So wird „Jemand“ in seinen/ihren Augen zur „Initiative“. Sein/ihr Wort gilt, schließlich macht er/sie ja die ganze Arbeit. „Viele“ trauen sich nichts zu sagen, schließlich könnte „Jemand“ ja aufhören, die Arbeit zu machen. Im Falle von Konflikten rächt sich eine solche Struktur. Es gibt weder Kontrollmöglichkeiten, noch sonst Chancen, neue Ideen einzubringen. Das sieht „Jemand“ nämlich als ungebührliche Einmischung von außen. Die Außendarstellung der Gruppe liegt bei „Jemand“ und muss sich längst nicht mehr mit dem decken, was tatsächlich Wunsch der Gruppe wäre.

All das ist bei Q202 passiert. Bei einem Treffen nach der Eskalation konnte keine Diskussion über die Vorfälle geführt werden, da Hans Heisz die Diskussion für beendet erklärte, bevor sie stattfand.
Auf der Website von Q202 ist zu lesen: „Klarstellung: Durch das jahrelange Engagement von Hans Heisz wurde Q202 ein fixer Bestandteil im Wiener Kulturgeschehen. Hans Heisz ist Eigentümer der Wortmarke Q202 sowie der Domain q202.at und stellt aus Privatmitteln finanziert einen E-Mailverteiler aus freien Stücken und kostenlos zur Verfügung.“ Damit scheint für Hans Heisz die Debatte erledigt zu sein.

Unerwähnt bleibt, dass Q202 eine gemeinsame Idee war, in den ersten Jahren von anderen Personen organisiert wurde und auch die jahrelange Arbeit von vielen, wie z.B. dem Erfinder des Namens Q202, dem Designer des Logos, dem Ersteller der Webseite & der Mailing-Liste, dem Betreiber des Webservers und all den Menschen, die bis jetzt an dem Projekt mitgearbeitet haben. Wer Kritik daran via der Q202-Mailingliste kundtut, wird ohne Rücksprache gelöscht und damit von der Q202-Teilnahme ausgeschlossen.

Und nun?

Q202, die „freie Kulturinitiative des 2. und 20. Bezirks“ wird wohl – zumindest am Papier bzw. im Internet – auch weiterhin bestehen. Ob sich jemand außer Hans Heisz daran beteiligt, ist noch unklar. Es gibt Ansätze für eine Neuvernetzung der KünstlerInnen. Auf einer unabhängigen Mailingliste gibt es rege Diskussionen über zukünftige Vernetzungen und über den Aufbau einer neuen Initiative – mit demokratischen Strukturen von Anfang an.

1 Diese Initiative versteht sich als streng überparteilich und wird auch von keiner Partei finanziert.
2 Da Hans Heisz die Abrechnungen nicht offen legt und Q202 nicht einmal ein Verein ist, können die Budgetzahlen nicht verifiziert werden. Die Abrechnungen werden über den Verein melt art erstellt, der ebenfalls von Hans Heisz geleitet wird.

Tanja Boukal ist Künstlerin, denkt und arbeitet im Stuwerviertel. Sie unterrichtet „Dekoration“ an der Wiener Kunstschule. Neben Solo-Projekten arbeitet sie mit dem Stuwerkomitee bereits an weiteren Interventionen im Stuwerviertel.

Harald Mahrer ist Druckvorstufentechniker, Grafiker und Wahlstuwerviertler.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

Kulturrisse -

Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik

 

seit 1996

Oppositionen
gegenhegemoniale Konzepte und Unternehmen im zivilgesellschaftlichen Bereich

Kulturpolitiken
kritische Kommentare zu neuesten Entwicklungen der Kulturarbeit, Kulturpolitik, Kulturfinanzierung und der Kulturverwaltung

Kunstpraxen
Schlaglichter auf gelungene künstlerische Interventionen

Kosmopolitiken
Andocken an Diskurse jenseits der Grenzen des Nationalismus

IG KULTUR Österreich
Gumpendorfer Straße 63b
A-1060 Wien