Schlüsselkinder - Studieren zwischen Praktikum und Prekarität
Astrid Hartmann strahlt. 19 Jahre, sportlich, sozial engagiert und die erste
österreichische Studentin, die ihr Jus-Studium in sechs Semestern parallel zur
Oberstufe absolvierte. Sie sei "ein Zeichen für die heutige Flexibilität der
Universität" stellte der Rektor der Wiener Hauptuni, Georg Winkler, im
Anschluss an die Sponsionsfeier beglückt fest. Mehr von dieser Sorte und die
AkademikerInnenqoute in Österreich würde in den Himmel schießen, die Unis wären
bevölkert von wissensdurstigen, zielstrebigen jungen Menschen, denen nichts
mehr am Herzen liegt, als topausgebildet ihren Dienst an der Gesellschaft zu
erfüllen.
Die Bildungs- und Sozialreformen der letzten Jahre haben sukzessive die
Umbesetzung Identität stiftender Werte und Zielsetzungen von Studierenden
bewirkt. Einerseits drängen die durch zwei Sparpakete eng gesteckten Grenzen
der Familien- und Studienbeihilfe, Studiengebühren und die stärker werdende
Verschulung ins Schnelldurchlaufstudium. Für viele "Mittelschichtskinder" - zu
reich für Beihilfen, zu arm für die elterliche Vollfinanzierung - setzt hier
die sich nach unten drehende Spirale "Studium muss finanziert werden, Nebenjob
verlängert Studienzeit" ein. Seit Einführung der Studiengebühren sehen sich
mehr als zwei Drittel aller Studierenden veranlasst, nebenbei zu arbeiten, von
ihnen meinen nur 7,6 % dadurch keine Einschränkung in ihrem Studierverhalten zu
erleben. Die berüchtigten Nebenjobs entbehren mittlerweile der gewissen
Taxifahrromantik, graue Großraumbürokojen im Callcenter und blaugefrorene Hände
beim Zettelverteilen am U-Bahnaufgang lassen erahnen, was prekäre Beschäftigung
bedeuten kann.
Andererseits hat sich der Zwang zur Zusatzqualifikation mit der Reihe an zu
absolvierenden Praktika, Aulandsaufenthalten und einer bunten Auswahl an
Kurzausbildungen als vermeintlich selbst gewähltes
In-die-eigene-Zukunft-Investieren eingeschrieben. Schlaue Eltern verfrachten
ihre Sprößlinge ungeachtet der eigenen obersteirischen Herkunft am besten in
den französischsprachigen Kindergarten. Das Kind wird seinen Eltern spätestens
nach dem Verfassen seines ersten Bewerbungsschreibens dankbar in die Augen
blicken. Denn jedeR weiß: Nur die Bestausgebildeten werden den Widrigkeiten des
Arbeitsmarktes trotzen und ihren Fähigkeiten entsprechend entlohnt werden.
Es scheint fast, als würden die Generationen, die mit dem Credo der neoliberalen
Hegemoniepolitik, dem permanenten Selbstmanagement aufwachsen, ein anderes
Altersverständnis etablieren - die UnternehmerInnenjugend. Hadern die heute ab
25-Jährigen noch mit dem elterlichen Anliegen, doch bitte eine solide
Ausbildung zu machen, um dann den Job fürs Leben finden zu können, sehen die
meisten MaturantInnen und StudienanfängerInnen im Jobhopping, totaler
Eigenverantwortlichkeit und Leistungsdruck keinen düsteren Abgrund, sondern
eine Herausforderung für das Selbstbewusstsein. Lauscht man zu Beginn eines
Semester den Inskriptionsberatungsgesprächen, stellt man schnell fest, dass der
Großteil der AnfängerInnen bereits konkrete Vorstellungen vom Studienablauf,
ihrem Ausbildungsplan und den eigenen Fähigkeiten besitzen. Die Standard Online
Umfrage "Ansichtssache" vom 3. April, ob denn die Einführung von
Zugangsbeschränkungen zum Hochschulstudium zu befürworten sei, beantworteten 90
Prozent der Befragten positiv. Die Konkurrenz würde die Qualität sichern, hieß
es mehrmals. Das Selbstbewusstsein, auf der GewinnerInnenseite zu stehen,
scheint durch wenig zu erschüttern, wird es auch durch das Mantra der New
Economy "Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst" permanent gespeist.
Diese schon fast selbsterlöserische Botschaft findet sich ja auch in dem
emanzipatorischen Anliegen, sich nicht von der Ausschließlichkeit einer
Ordinarienuniversität und dem Prinzip der Geburt als Leistung von höherer
Bildung und Sinn stiftendem Tun abhalten zu lassen.
Hier liegen gleichzeitig der Hund und das Erfolgsrezept der neoliberalen
Ideologie begraben. Sozialwissenschafterin Frigga Haug verortet die
ideologische Stoßrichtung "in der Anrufung der Menschen in Dimensionen ihres
Menschseins, ihrer Hoffnungen und ihres Glücks an. Sie nutzt also menschliches
Streben nach Glück zur Selbstunterwerfung. Antonio Gramsci nannte dies eine
‘passive Revolution’. Man kann den Erfolg des Neoliberalismus so begreifen,
dass wirkliche Elemente von Selbstbestimmung als Baustein für Fremdbestimmung
genutzt werden."
Das neue studentische Selbstbewusstsein, das sich vornehmlich im
Selbstverständnis als KundIn einer Bildungseinrichtung und TrägerIn von
Humankapital gründet, ist zweifelsohne auch Resultat eines Drangs zur
Selbstbefreiung. Obwohl die Studiengebühren für viele eine große finanzielle
Belastung darstellen und sie gezwungen sind, beim Greenpeace-Keilerjob mit der
Entnervtheit der Restbevölkerung und einem lachhaften Aufwand/Lohn-Verhältnis
zu leben, hat sich statt einer Protestkultur eine starke
Einforderungsmentalität herausgebildet. "Wenn ich schon dafür zahlen muss, will
ich zumindest einen Sitzplatz". Die im Laufe des eigenen Bildungsweges
gemachten Unrechtserfahrungen werden durch die Lösungsangebote einer
rechts-konservativen Bildungspolitik wie Studienplatzbeschränkung, höhere
Gebühren und Knock-Out-Prüfungen kanalisiert. Es wird nicht gegen das System
rebelliert, sondern der Ärger wird zum Selbstzweck und Motivationsgrundlage für
ein gesteigertes Bemühen. Das Studium wird zum bloßen Ausbildungsaufwand, der
neben dem eigentlichen Leben zu erledigen ist. Das mag für das kritische und
kreative Potenzial junger Menschen schlecht sein, für die Regierung und die
Wirtschaft nur der logische Schritt, um eine Mehrwertsteigerung für die
nächsten Jahre zu sichern.
Die Universität ist schon lange keine intellektuelle Insel mehr, die wenigen
Freiräume, die durch die Studierendenproteste in den 1970ern erkämpft wurden,
unterstehen mittlerweile ebenso der ökonomischen Diktatur. Dass sich die
Menschen, die die Uni bevölkern, einer solchen nicht entziehen können, weil man
sich der ökonomischen Notwendigkeit an sich ausgeliefert sieht, klingt zwar
lapidar, aber vom zukünftigen sozialen Prestige als AkademikerIn kann man eben
nicht abbeißen. Das Arrangieren mit den Verhältnissen ist die Konsequenz,
bemerkenswert ist aber, dass sich die Generation der StudienanfängerInnen nicht
nur arrangiert, sondern die neoliberale Dogmatik verinnerlicht hat.
Die UnternehmerInnenjugend hat als Grundprinzip der Wissensaneignung die eigene
Selbstvermarktung. Praktika und Zusatzausbildungen sind ihre Schlüssel zum
Arbeitsmarkt, wo die Konkurrenz zwar tobt, aber die Nerven schnell mit einem
neuen SoftSkill-Schub beruhigt werden können. Die Mär, dass doch nur die eigene
Leistung zähle, hätte an sich schon genug Opfer gefordert. Denkt man an das
sogenannte "selbstbestimmte Prekariat", jene Menschen, die freiwillig in der
absoluten Unabhängigkeit ihre Erwerbsarbeit zum Lebensstil erkoren haben,
bleibt die "harte Realität" der Firmenzusammenbrüche, gescheiterten
Ich-AgentInnen, der offenen Repression von Seiten der Sozial- und Arbeitsämter,
nicht existente soziale Absicherung und nicht zuletzt das erbärmlich wenige
Geld die Pille, die es zu schlucken gilt. Statt einengender Sicherheit und
Stabilität herrscht Ungewissheit.
"Das Individuum muss aus sich heraus jeweils von neuem mit der Kontingenz, also
der Tatsache, dass auch alles andere möglich sein könnte, fertig werden." Diese
Zurückgeworfenheit auf sich selbst, die der Sozialwissenschafter Alex Demirovic
als Charakteristik des eingesetzten Wertewandels identifiziert, verursacht
einen doppelten Backlash. Es entwächst aus dieser Selbstverantwortlichkeit
nämlich paradoxer Weise kein Bedürfnis nach Solidarität, sondern ein fast schon
pervertierter Individualismus. Dem steigenden Konkurrenzdruck wird ein
"noch-mehr-Anstrengen" entgegen gehalten. Permanentes Selbstmanagement, das
keine Arbeitszeiten kennt und jederzeit auf neue Qualifikationsangebote
zurückgreift, scheint der einzige Weg zu einem halbwegs gesicherten Einkommen.
Damit bewegt sich unsere Arbeitsgesellschaft auf der Matrix des "Niemals
Genügens", ein fruchtbarer Boden für Unternehmen, die ihre MitarbeiterInnen
nach Bedarfslage austauschen.
An der Phase des Überstiegs von Ausbildung ins Erwerbsarbeitssystem kann man
dieses Muster sehr gut nachzeichnen. Der Übergang vom Bildungs- ins
Beschäftigungssystem gestaltet sich nämlich immer weniger als Umstieg. Der
Übergang zur Vollzeitarbeit zerfließt im Becken der "Erprobungsphase", welche
durch Praktika, Teilzeitarbeit und befristete Werkverträge der willigen
ArbeitnehmerInnen in unverblümter Weise zeigt, wer die/der BittstellerIn ist.
Oft hängen Jobsuchende in dieser Phase Kurzausbildungen an ihre eigentliche
Ausbildung, um ihre Chancen zu verbessern. Die damit verbundene Abwertung der
Erst- oder Grundausbildung scheint auf wenig Widerstand zu stoßen, wer will
schon was gegen lebenslanges Lernen sagen?
"Die Zertifikate, die im Bildungssystem vergeben werden, sind keine Schlüssel
mehr zum Beschäftigungssystem, sondern nur noch Schlüssel zu den Vorzimmern, in
denen die Schlüssel zu den Türen des Beschäftigungssytems vergeben werden." So
beschreibt der Soziologe Ulrich Beck die immer enger werdende
Qualifikationsspirale. Die Zeit zum Ein- oder Umarbeiten bei bereits erfolgter
Anstellung ist dagegen im Verschwinden begriffen, verlangt werden bei
Vorstellungsgesprächen nicht nur zusätzliche Qualifikationen, sondern auch
schon konkrete Aussagen über den eigenen ja noch gar nicht erlebten
Arbeitsplatz.
Der Dokumentarfilm "Dunkler Lippenstift macht seriöser" von Katrin Rothe aus dem
Jahr 2003 zeigt zwei Uni-Absolventinnen auf der Suche nach Arbeit. In einem der
Vorstellungsgespräche wird die Arbeitssuchende gefragt, wie nun genau sie sich
ihren Aufgabenbereich vorstelle, was sie dafür einbringen werde und dass sie
das am besten an einem vorzulegenden Halbjahresplan skizzieren solle. Wenn sie
das nicht könne, dann wäre ihr vorerst ein halbjähriges Praktikum in der Firma
zu empfehlen, mit kleiner Aufwandsentschädigung, versteht sich. Dass man mit 28
Jahren und einem Hochschulabschluss vielleicht mehr zum Leben braucht als 400
Euro für 40 Wochenstunden, ist dann das ganz eigene Problem. BewerberInnen gäbe
es ja genug.
Der Arbeitsmarkt verlangt offenbar nach einem neuen Menschentyp, nach einer
UnternehmerInnenjugend mit der Qualifikation und Erfahrung von 40-Jährigen und
den Ansprüchen von 19-jährigen SchülerInnen. Astrid Hartmann hat gute Chancen,
sollte sie ihr Dissertationsstudium innerhalb von zwei Monaten abschließen.
Linda Kreuzer studiert schon viel zu lange Katholische Theologie und ist
Chefredakteurin des ÖH-Magazins Progress.
