Ethnologische Fallstricke — IG Kultur

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INHALT 01/2009

 

Ethnologische Fallstricke

Belinda Kazeem

Harraga[1], der Ende 2008 erschienene Film von Annika Lems und Christine Moderbacher, beide ihres Zeichens Kultur- und Sozialanthropologinnen, widmet sich ausgehend von der Migrationsgeschichte Khaled XXs und Ghabsi XXs folgenden zwei Fragen: „Erleidet die Bewegungsfreiheit vor den Toren Europas Schiffbruch?“ und „Lässt sich Bewegungsfreiheit überhaupt einschränken?“. Beide Fragen können, nehmen wir die tagtäglichen Zeitungsberichte und Publikationen zum Thema Migration aus Afrika nach Europa als Hintergrund, auch ohne den Film gesehen zu haben, beantwortet werden: Erstere mit JA, hat sich doch schon längst herausgestellt, dass nicht alle Menschen gleich bewegungsfrei sind; zweitere mit NEIN, hören wir doch tagtäglich, dass die Bezwingung der Festung Europa gelingt, beziehungsweise dass die Festung eine semipermeable Festung ist.

Doch der Anspruch der beiden Filmemacherinnen ist es, nicht schnelle Antworten zu geben, sondern dem Genre Dokumentarfilm entsprechend das Thema in all seiner Breite aufzuzeigen. Um dieser (didaktischen) Herangehensweise gerecht zu werden, werden die Filmaufnahmen immer wieder von Interviewsequenzen, mit u. a. Khaled XX und Ghabsi XX, Sihem Ben Sedrine, Judith Gleitze, Grafiken und kontrastierenden Standbildern unterbrochen. Es ist ein informierter Film, der ebendiese Informationen an die Zuseher_innen weitergeben will, um Migrationswege in all ihren vielfältigen Herausforderungen und Gefahren zu zeigen: Wo Khaled und Ghabsi aufzeigen, dass es sich bei den Harragas nicht um unwissende Träumer handelt, will uns Raouf Gare (tunesischer Künstler) genau dies weismachen. Wo Ghabsi darauf verweist, dass Italien ihm sein Leben nimmt, zeigt u. a. Corinna Milborn, wie die Ausbeutung der einen dem Wohlstand der anderen – uns – dient. Doch wie bereits angesprochen, die Antworten und Einsichten sind nicht neu, sie wurden vielleicht in einer nicht alltäglichen Komplexität gezeigt, indem einige – meist männliche – „Andere“ nun auch selbst sprechen dürfen. Was ist es nun also, das diesen Film für mich doch interessant macht?

Ethnologische Blicke

Es ist der Zugang der Filmemacherinnen, nicht die Art, wie sie ihr Thema aufrollen, sondern die Art, wie sie ihre Bilder wählen und gestalten, Schnitte setzen. Dieser Zugang, der sich in den oftmals viel zu langen Standbildern äußert, ist für mich nur mit den Worten ethnologisch aufgeladen fassbar. Einige Szenen, die diesen Eindruck verdeutlichen: 08:42 eine Fahrt durchs nächtliche Kelibia, eine hell erleuchtete Hauptstraße. Ein Schwenk mit der Kamera, Zoom auf zwei am Straßenrand sitzende Jugendliche, die telefonieren, lachen, trinken ... Ich frage mich, was mir diese Szene sagen soll: Sieht so Perspektivenlosigkeit aus? Leben in einer Diktatur? Ist diese Szene signifikant für Kelibia? Tunesien? Nordafrika? Könnte diese Szene nicht an vielen Orten der Welt – Rosenheim, Lima, Wien – gedreht worden sein? Szene 06:11: Eine Fliege umschwirrt das von Khaled zubereitete Essen. Was genau soll mir dieser Take vermitteln? Eine Geschichte von Armut? Verdeutlicht durch Fliegen im Haus? Wie ist das mit Fliegen in Österreich? Gibt es keine? Und wenn ja, was heißt das dann?

Das ethnologische Hinsehen ist oftmals zwar ein sehr genaues (was, wie wir auch von anderen Ethnolog_innen wissen, nicht bedeutet, dass Phänomene aus diesem Außenblick heraus tatsächlich in all ihrer Tiefe verstanden wurden oder überhaupt werden können), es ist aber ebendieses Hinsehen, das mir als Zuseherin Unwohlsein verursacht. Es verursacht Unwohlsein, weil dieser Blick auf die als anders Markierten oftmals etwas zu lang, zu moralisch bemüht, zu didaktisch war/ist und – das ist wohl der wichtigste Punkt – geformt ist von eigenen Annahmen, die nicht erklärt, nicht verbalisiert werden, sondern als stillschweigend angenommene Hintergrundmusik dienen. Demnach erzählen viele Sequenzen mehr über die Filmemacherinnen als über Migration in Tunesien. In diesem Sinne schließt sich der Kreis (in diesem Fall der Film), denn bereits die allererste Szene offenbart eine unfreiwillig-freiwillige Selbstpositionierung. Selbstpositionierung deshalb, weil mir als Zuseherin gleich klar wird, mit wem ich es eigentlich zu tun habe: mit „westlichen“ Forscherinnen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, herauszufinden, was hinter dem Wort Harraga steckt. Sie tun dies unbedarft, auch wenn dies bedeutet, des nächtens Harraga in den Sand zu schreiben und von der tunesischen Polizei erwischt zu werden. Und sie können dies auch tun, wie die folgende Aussage zeigt: „Das war nur Spaß, das Wort in den Sand zu schreiben, denn schließlich können wir Europäerinnen gar keine Harragas sein“ (Szene 01:00).

Das Privileg, zu schauen

Interessant ist für mich persönlich an Harraga demnach weniger die Darstellung von Migrationswegen – tunesische Küste, Polizeikontrollen, Illegalisierung, Krankenhäuser, Abschiebung, nochmalige Flucht, weiter in andere europäische Städte, Angst, bis in die vermeintlich sicheren Häfen der unterbezahlten, illegalisierten Arbeitsverhältnisse –, sondern der europäische Blick darauf: Das Privileg, zu schauen, während andere um ihr Leben kämpfen, die Kamera aufzunehmen und zu zeigen, was auch immer diesem Blick als heranzoomenswert erscheint.

1 Die Bezeichnung Harraga kommt vom arabischen Verb harg, was soviel bedeutet wie verbrennen. Bootsflüchtlinge werden im gesamten maghrebinischen Raum so bezeichnet, da darauf hingewiesen wird, dass sie vor der Abreise ihre Pässe verbrennen. Auch bedeutet harg etwas Verbotenes zu tun, eine Grenze zu überschreiten (Szene 34:50).

Anmerkung

Harraga
Konzept, Regie und Durchführung: Annika Lems und Christine Moderbacher
Musik: Sofyann Ben Youssef
Sprachen: Arabisch, Französisch, Italienisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch
Filmtrailer: Rescue Boat

Belinda Kazeem ist in verschiedenen Bereichen unterwegs.

 
 

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