Das Kapital „sehen“ — IG Kultur

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INHALT 01/2009

 

Das Kapital „sehen“

Barbara Eder

Dem Umstand, dass weltgeschichtlich brisante Tatsachen sich stets zweimal ereignen, ist dem Anschein nach auch das erneute Erscheinen von Karl Marx’ Das Kapital in der DVD-Edition Suhrkamp zu verdanken. In historisierender Absetzung vom Original dürfen sich die 1867 von Marx verzeichneten Entwicklungen der kapitalistischen Warenwirtschaft im Jahr 2008 unter dem Titel „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ erneut ereignen. Unter der Regie von Alexander Kluge kultiviert die Ware noch einmal ihr Eigenleben, steigt die Profitrate ein zweites Mal ins Unermessliche, wird die ursprüngliche Akkumulation mit filmischen Mitteln rekapituliert. Was Marx unter Zurhilfenahme einer schwindelerregenden Metaphorik analysiert hat, kehrt bei Kluge nunmehr in Filmform wieder. Aus einem der richtungsweisendsten Texte der Moderne ist eine postmoderne Aneinanderreihung szenischer Abfolgen geworden. Problematisch wäre dies weiter nicht, wenn Kluges Verfilmungsversuch nicht auf dem Niveau von Gesprächen unter guten FreundInnen stagnierte. Eine eingehende Dramatisierung hat die theoretische Vorlage nicht erfahren, ebenso wenig wurde die Möglichkeit angedacht, die sich aus prominenten Köpfen des öffentlichen Lebens rekrutierende Suhrkamp-Diskurs-Arena zu verlassen und die in Das Kapital beschriebenen Ausbeutungsverhältnisse anderweitig darzustellen. Wie also wäre es möglich, Das Kapital anders als durch diskursive Mittel zu verfilmen? Und: Was eigentlich wird in dem Moment sichtbar, wenn das Kapital auf der Bildfläche erscheint?

Das Bild des Kapitals und die Logik des Alltagslebens

Während Theorie abstrahiert und Modelle schafft, ist Film an der Darstellung von Handlungen und Situationen orientiert. Obwohl theoría etymologisch mit der Wissenschaft vom Sichtbaren verbunden ist, sind die ursprünglich angeschauten Dinge in wissenschaftlichen Theorien durch Begriffe idealtypisch zugespitzt. Anders als in den Passagen, in denen Marx das Elend des vogelfreien Proletariats und die Schmach eines 18-stündigen Arbeitstages beschreibt, findet mensch in den Kapiteln zu Profitrate und Mehrwert mehrheitlich modellhafte Abstraktionen vor. Dies erschwert die Suche nach einem geeigneten visuellen Äquivalent für die theoretische Formulierung. Nichtsdestotrotz glaubte kein Geringerer als Sergej Eisenstein, eine Antwort auf das Problem der Darstellbarkeit der Begriffe aus Das Kapital gefunden zu haben.

Kurz nach der Fertigstellung seines Films Oktober im Oktober 1927 fasste der russische Filmemacher erstmals den Beschluss, Das Kapital „nach dem Szenarium von Karl Marx“ zu verfilmen. Aufgrund der realpolitischen Umstände fügte Eisenstein dieser Eintragung ins Notizbuch den Appendix „dies ist der einzig mögliche formale Ausweg“ hinzu (Eisenstein 1998, Notiz 12.X. [1927]). Eisensteins Arbeitsbedingungen im Zusammenhang mit dem Projekt waren bereits im Vorfeld denkbar ungünstig: Während der Montage von Oktober erblindete er temporär, die Umsetzung seines über die Dauer von zwei Jahren verfolgten Plans scheiterte in Ermangelung der nötigen monetären Mittel: Weder Hollywood noch die zuständige Kommission im Zentralkomitee bekundeten durch ausreichende finanzielle Zuwendung ihr Interesse an der geplanten Verfilmung.

Aus Eisensteins Notizen geht hervor, dass mensch sich unter Das Kapital ein megalomanes Gesamtkunstwerk vorstellen solle, das durch eigentümliche Formen der Montage bei den ZuseherInnen sämtliche Assoziationsketten der Menschheitsgeschichte seit Troja aufrufen würde. Die dazugehörigen Kulissen wären nicht von der Wirklichkeit des Jahres 1929 geliefert, sondern detailgetreu im Studio nachgebaut worden. Die Handlung des dem „Libretto von Karl Marx“ folgenden Filmtraktats wäre indes von äußerst schlichtem Charakter: „Im Ablauf des gesamten Films kocht eine Frau für ihren heimkehrenden Mann Suppe. Es sind zwei sich überschneidende assoziative Themen möglich: die kochende Frau und der heimkehrende Ehemann [...] Die Assoziation des dritten Teils (zum Beispiel) kommt aus dem Pfeffer, mit dem sie würzt: Pfeffer, Cayenne. Teuflisch scharf: Dreyfus. Französischer Chauvinismus. [...] Krieg. Im Hafen versenkte Schiffe. [...] Die versinkenden englischen Schiffe [...] könnte man gut mit dem Deckel des Kochtopfes zudecken [...].“ (Eisenstein 1998, Notiz 7.IV [1928], 1:30 Uhr)

Eisensteins Vermächtnis und Kluges Augentäuschungen

Sergej Eisensteins Versuch, Das Kapital und dessen Wirkungen sichtbar zu machen, hat Kluge die erste DVD seiner dreiteiligen Sammlung Nachrichten aus der ideologischen Antike gewidmet. Er orientiert sich dabei am Vorschlag des sowjetischen Revolutionsfilmers, Schrift-Bilder von Marx’ Begriffen zur dramaturgischen Steigerung des Gezeigten einzusetzen. Durch derartige schrift-bildliche Einblendungen werden Eisenstein zufolge nötige Breschen in die lineare Erzählweise des Films geschlagen: Die Schrift-Bilder fungieren als Botschaften und Übersetzungshilfen zugleich, die das Publikum zu Kampf und Agitation aufrufen sollen.

Nicht nur in der von Marx so trefflich analysierten Warenform offenbart sich ein spezifisches Bild von gesellschaftlichen Verhältnissen; ebenso findet mensch dieses in den weiteren beiden DVDs der nahezu sechsstündigen Verfilmung von Alexander Kluge vor. Diese handelt nämlich nicht nur von Diskursen über Das Kapital, sondern auch von den symbolischen Kapitalien des Suhrkamp-Verlags. Auf Geheiß der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz haben die großen Namen unter den hauseigenen Autoren – in diesem Fall ausschließlich Männer – ihre Wortspenden abgesondert. Auf DVD II mit dem Untertitel „Alle Dinge sind verzauberte Menschen“ sind Kommentare von Sloterdijk, Enzensberger und Negt zu vernehmen, die Bonus-Tacks bestehen unter anderem aus Interviews mit Boris Groys, der sich zu bio-politischen Utopien in Russland vor und nach 1917 äußert, einem Beitrag der linksradikalen WASG-Gründerin Lucy Redler und einem Sketch von Helge Schneider, der den arbeitslos gemachten Arbeiter Atze Mückert beim Marx-Studium im Volkshochschulkurs darstellt. Durchmischt werden die auf der „Paradoxe der Tauschgesellschaft“ benannten DVD III fortgeführten Interviews mit historischen Filmaufnahmen, Fotos von PolitikerInnen und TheoretikerInnen der deutschen Linken sowie Text-Passagen aus Briefen, Büchern und gesammelten Notizen. Krise des Kapitalismus hin oder her: Entstanden – dies vermerkt der Regisseur eigens im Beipack-Heft zur DVD – ist das vorliegende Filmprojekt nicht aufgrund der durch Weltwirtschaftskrise und Nord-Süd-Gefälle plastisch gewordenen Widersprüche des Kapitalismus, sondern auf Aufforderung von Ulla Unseld-Berkéwicz, die anlässlich der Frankfurter Buchmesse zur Gründung der Filmedition Suhrkamp in ihrem Privat-Refugium aufrief. Nach Auskunft Kluges ist es zudem nicht die Aktualität, sondern vielmehr die Antiquiertheit des Marxschen Gedankenguts, die ein filmisches Relaunch im Jahre 2008 plausibel macht. Anscheinend war auch daran ein Verlegerinnen-Garten schuld: „Wir können uns wie in einem Garten mit den fremden Gedanken von Marx auseinandersetzten, weil sie Nachrichten aus der ideologischen Antike darstellen. So unbefangen, wie wir mit dem Altertum umgehen, das doch die besten Texte der Menschheit umfasst.“ (Kluge 2008: 4, Hervorh. B.E.)

Blinde Spiegel – Kapitalismus und Gespensterlehre

Gemeinhin zählt es zu den Eigenschaften von lichtscheuen Geschöpfen wie Geistern, Gespenstern und Vampiren, dass sie in Spiegeln und anderen reflektierenden Medien keinerlei Abdruck hinterlassen. Medien, denen – in Anlehnung an Marshall McLuhans Bearbeitung des Mythos von Narziss – die Funktion einer spiegelnden Oberfläche zukommt, können folglich an der Abbildung fabelhafter Wesen nur scheitern. In Anbetracht des Auftauchens jenes Gespensts, das der junge Marx im Kommunistischen Manifest beschwört, hätte der Film nicht notwendigerweise kapitulieren müssen. Metaphern und Metonymien verfügen nämlich über ein bildhaftes Potenzial, das mensch mit filmischen Mitteln besonders gut zum Leben erwecken könnte. Die Grenzen zum Horrorgenre wären fließend, der Horror indes umso realer.

Jacques Derrida, der in seiner Veröffentlichung mit dem Titel „Marx’ Gespenster“ den Marxismus aufgrund der einschlägigen Metaphorik im Kommunistischen Manifest und im Kapital zum politischen Effekt einer Gespenstersonate erklärte, hat dabei vorschnell übersehen, dass Marx’ Bilder nicht allein Resultat einer sprachlichen Eskamotage sind. Vielmehr handelt es sich dabei um das letztmögliche Mittel, um ein pervertiertes soziales Verhältnis – nämlich das zwischen Kapital und Lohnarbeit – hinreichend zu beschreiben: Wenn sich Marx also gezwungen sieht, „in die Nebelregionen der religiösen Welt“ zu flüchten, um eine adäquate Metapher für das (Nicht-)Verhältnis zwischen der Gebrauchs- und der Wertgegenständlichkeit eines sinnlichen Dings infolge seiner Transsubstantiation zur Ware zu finden, dann ist der Einsatz jener sprachlichen Magie, die „die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben“ einst begabt haben soll, ein probates Mittel, um reale Verhältnisse zu benennen (Marx 1972: 85f.). Das Gespenstig-Werden der sozialen Verhältnisse, die der Warenproduktion zugrunde liegen, ist somit nicht einfach ein Ergebnis von sprachlichen Verfahren, sondern vielmehr Effekt eines historischen Einschnitts in der Produktionsweise und damit auch in den alltäglichen Umgangsweisen der Menschen. Was also würde Das Kapital heute sagen, wenn es „ich“ sagen könnte? Und wie würde der Film diesen Subjektivierungsakt kommentieren?

Bei genauer Lektüre des Warenfetisch-Kapitels im Kapital fällt auf, dass Marx nicht nur die Warenform und das Wertverhältnis der Arbeitsprodukte analysiert, sondern auch eine optische Theorie des Kapitalismus liefert. Das Bild der Ware prägt sich der Netzhaut der BetrachterIn in verkehrter Form auf, Physisches – der Sehnerv – und die Realität der Dinge entsprechen einander nicht länger: „So stellt sich der Lichteindruck eines Dings auf den Sehnerv nicht als subjektiver Reiz des Sehnervs selbst, sondern als gegenständliche Form eines Dings außerhalb des Auges dar. Aber beim Sehen wird wirklich Licht von einem Ding, dem äußeren Gegenstand, auf ein anderes Ding, das Auge geworfen.“ (Marx 1972: 84) Für die Waren, die in ihrem falschen Glanz erstrahlen, gibt es bereits ein filmisches Genre, das sich Werbung nennt. Der Trailer-Struktur des Clips hat auch Kluges Ästhetik nichts entgegengesetzt. Wo eine Verfilmung des Kapitals ansetzen muss, in der nicht das Kapital zu sich kommt, sondern die durch es Unterworfenen, haben die „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ nicht zureichend beantwortet. Ein dokumentarischer Blick auf den Alltag der Ausgebeuteten wäre in Zeiten wie diesen umso dringender angebracht. Vielleicht können populärkulturelle Kunstformen wie der Comic und das Musical, deren ProduzentInnen sich – unter wissenschaftlichem Beistand – derzeit der Dramatisierung des Kapitals zuwenden, dieses leidvolle Problem endlich lösen.

Literatur

Derrida, Jacques (1995): Marx´ Gespenster. Der verschuldete Staat, die Trauerarbeit und die neue Internationale. Frankfurt/Main.
Marx, Karl (1972): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Berlin.
Eisenstein, Sergej (1998): YO. Ich selbst. Memoiren, ergänzte Nachauflage, hrsg. von Naum Klejmann. Berlin.
Kluge, Alexander (2008): Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx-Eisenstein-Das Kapital. Drei DVDs mit einem Essay von Alexander Kluge. Frankfurt/Main.
Das Kapital als Manga: Kosuke, Maruo (2009): Das Kapital, Tokio: East Press
Das Kapital als Musical: demnächst im Shanghai Dramatic Arts Center, näheres unter: Marx on Stage (für den Hinweis Dank an Francois Naetar)

Barbara Eder lebt in Wien als freie Soziologin, Medienwissenschafterin und Queer- Theoretikerin. Derzeit beschäftigt sie sich mit der Darstellung von Migrationsregimen und Gedächtnisbildungsprozessen in Grafic Novels und arbeitet bei der AIDS-Hilfe Wien.

 
 

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  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
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