Kreativwirtschaftskrise — IG Kultur

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INHALT 01/2009

 

Kreativwirtschaftskrise

Elisabeth Mayerhofer, Monika Mokre, Paul Stepan

Alle reden von der Krise – PolitikerInnen schnüren Hilfspakete, um dort einzuspringen, wo sich der Markt gerade ein bisschen gründlicher regulieren will, als es den Beteiligten lieb ist, aber kaum jemand hat was dagegen, denn Banken und große Unternehmen haben immer schon viel Geld gehabt, daher ist klar, dass sie auch jetzt viel Geld kriegen müssen. Andere Institutionen und Sektoren müssen sich seit Jahren mit kleinen, wenn nicht schrumpfenden Budgets begnügen – und diese werden jetzt eben kleiner oder schrumpfen eben ein bisschen schneller.

Und was passiert eigentlich mit den Cultural and Creative Industries (CCI), die ja durch permanentes Wachstum und unaufhaltsame Umsatzsteigerungen auf sich aufmerksam gemacht haben? Nun, dort sieht es auch nicht so rosig aus, und sogar die Lichtgestalt der Regionalpolitik, Richard Florida, ruft dazu auf, den „Reset“-Knopf zu drücken. Nur, wozu? Um auf einen unerfreulichen status quo ante zurückzukommen? Angebrachter wäre es nun in der allgemeinen Katerstimmung strukturelle Probleme zu lösen, denn eines wird deutlich: In einer globalen Reszession sind gerade die CCI einer der empfindlichsten Bereiche, der am schnellsten einbricht. Waren die Kulturprekären schon vor der Krise einigermaßen unsicher unterwegs, so konnten sie zumindest arbeiten. Und es gab, wenn schon keine Perspektiven, so doch was zu beißen. Ob das scheinselbstständige Werkvertragsabhängige sind, die zu jeder Tages- und Nachtzeit die schicken Büros mit Leben erfüllen oder Selbstständige, die diese Form bewusst gewählt hatten, tut dabei wenig zur Sache, die Auftragslage war einigermaßen erträglich.

Vergleichen wir also einen herkömmlichen Industriezweig wie die Autoindustrie mit den CCI: Zum einen gibt es in der Industrie große Firmenstrukturen und eine Vertretung der ArbeitnehmerInnen. Das heißt, dass die Politik nur ungern ein paar tausend Arbeitslose riskiert und die Unternehmen deshalb berechtigt auf staatliche Hilfe zählen können, denn 1000 Arbeitslose sind medial wirksamer als 1000 unterbeschäftigte Kreative. Und der Bumerang des UnternehmerInnentums kommt zurück, denn UnternehmerInnen – egal wie kreativ sie auch sein mögen – sind für die Opferzählungen bei der Arbeitslosenstatistik nicht relevant. Zum anderen hat die Autoindustrie den entscheidenden Vorteil der Organisierung und ja – der Gewerkschaft. Und diese (selbst wenn sie durch das viele Zähneknirschen der letzten Jahrzehnte an Beißkraft verloren hat) bewirkt, dass es zentral geführte Verhandlungen gibt und selbst wenn die GewerkschaftsfunktionärInnen und BetriebsrätInnen nur mäßig verhandeln, steht am Ende die Kurzarbeit. Natürlich ist das nicht erfreulich, aber wie schaut es bei den Kreativen aus? Kurzarbeit gibt es da im Architekturbüro, bei der Grafikerin und bei all den unzähligen anderen „Freien“ keine. Die Formel heißt In oder Out: Die Ellbogen werden spitzer, die Preise gehen in den Keller und ein fatales Preis- und Lohndumping beginnt.

Und inmitten dessen kann unter dem Schlagwort der Krise auch gleich eine Flurbereinigung unternommen werden, denn nun ist ja allen klar, dass gespart werden muss: Diejenigen Sektoren, die traditionell von der öffentlichen Hand gefördert wurden, weil ihre Leistungen nicht unmittelbar markttauglich sind, sollen sich nun mehr und mehr an (behaupteten) Marktanforderungen orientieren. Als hätten Bildungseinrichtungen und Kunstinstitutionen die Krise ausgelöst und nicht überhitzte Märkte. Als hätte uns die unmittelbare Vergangenheit gelehrt, dass die Märkte immer Recht haben. Und so soll es in Schottland statt Förderungen künftig Kredite für Kunsteinrichtungen geben. Ganz klar, denn das Kreditwesen hat sich ja gerade in besonderer Weise bewährt. Also doch: Reset.

 
 

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