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INHALT 01/2009

 

Jetzt ist die Zeit zu handeln ...

Ein Interview mit Gidon van Emden von der CEJI – A Jewish Contribution to an Inclusive Europe und ein Kommentar von Marty Huber

CEJI – A Jewish Contribution to an Inclusive Europe ist eine jüdische Organisation gegen Diskriminierung, die mit Menschen und Organisationen aller Religionen, Kulturen und Hintergründe für ein Europa der Diversität und Integration arbeitet. In 14 europäischen Ländern führt sie Bildungsprogramme zu Diversität durch und leitet Bildungsnetzwerke. Ebenso fördert sie den interkonfessionellen und interkulturellen Dialog und setzt sich auf einer europäischen Ebene für Bildungsbelange und Gleichberechtigung ein. Eine ihrer Kooperationspartnerinnen ist die Anti-Defamation League, die in Österreich etwa das Programm A WORLD OF DIFFERENCE durchführt. Über die Bedeutung antidiskriminatorischer Politiken über identitäre Grenzen hinweg sprach Marty Huber mit Gidon van Emden.

Kulturrisse: Kannst du deine Organisation bitte kurz vorstellen?

Gidon van Emden: CEJI – A Jewish Contribution to an Inclusive Europe ist eine jüdische Organisation gegen Diskriminierung. Wir arbeiten mit Menschen und Organisationen aller Religionen, Kulturen und Hintergründe für ein Europa der Diversität und Integration. In 14 europäischen Ländern führen wir Bildungsprogramme zu Diversität durch bzw. leiten Bildungsnetzwerke. Ebenso fördern wir den interkonfessionellen und interkulturellen Dialog und setzen uns auf einer europäischen Ebene für die Belange der Bildung und Gleichberechtigung ein. Wir arbeiten eng mit der Anti-Defamation League zusammen, die in Österreich etwa das Programm A WORLD OF DIFFERENCE durchführt.

Kulturrisse: Seit den jüngsten Konflikten im Gazastreifen sind jüdische Bevölkerungsgruppen in ganz Europa mit einer Zunahme von Antisemitismus konfrontiert. Inwieweit beeinflusst dieser Krieg eure in Richtung eines jüdisch-muslimischen Dialoges zielende interreligiöse Arbeit?

GvE: Jüdische Communities sind derzeit massiven Drohungen und Übergriffen ausgesetzt, alleine im Januar und Februar wurden über 500 Vorfälle gemeldet. Unabhängig von den Ursachen: Diese Gewalt darf in einer demokratischen und freien Gesellschaft nicht hingenommen werden. Für die European Platform for Jewish Muslim Co-operation, die vor zwei Jahren von CEJI gegründet wurde, ist die Behandlung dieser Fragen eine ihrer Herausforderungen: Diejenigen, die schon lange in den Dialog involviert sind, denken, dass jetzt ein wichtiger Moment ist, um sich zusammenzusetzen und über unsere Unterschiede zu diskutieren, um sicherzustellen, dass wir uns nicht voneinander entfremden. Andere haben daran weniger Interesse und ziehen es vor, sich in die Sicherheit der eigenen Community zurückzuziehen. Das ist das Problem, das wir mit unserer Plattform und der Arbeit an positiven Projekten zu bewältigen versuchen. Das bedeutet auch, dass wir unsere Differenzen außer Acht lassen und mit Menschen zusammenarbeiten müssen, deren Ansichten nicht deckungsgleich mit unseren sind – so wie sonst im Leben auch. Wir erleben zurzeit, dass sich die Fronten in Diskussionen zu einer Reihe von Problemen verhärten, den Mittleren Osten eingeschlossen: Es gibt wenig Verständnis für die jeweils andere Position und auch kaum den Willen zu verstehen. Das führt zu Zerwürfnissen und, wie wir zuletzt gesehen haben, auch zu Gewalt. Diese Entwicklung macht das Führen eines Dialogs viel schwieriger, weil manche verstärkt auf „ihr Recht“ pochen und eine andere Meinung weder hören noch verstehen wollen.

Kulturrisse: Historisch betrachtet waren Religion, Kultur, Nation etc. schon immer Auslöser für Konflikte und Kriege. Wie denkst du über Politiken, die auf Identität basieren im Gegensatz zu universalistischen Ansätzen? Oder anders gefragt: Interessieren dich eher die Unterschiede oder die Gemeinsamkeiten?

GvE: Unterschiede sind doch etwas Wunderbares! Die Welt wäre langweilig, wenn jeder so wäre wie ich. Unterschiede bereichern unser Leben und schaffen Vielfalt. Und meistens sind Unterschiede nicht ein Problem, sondern eine Dreingabe. Trotzdem gelten religiöse, kulturelle und ethnische Unterschiede als Ursachen für Konflikte und Meinungsverschiedenheiten. Der Ansatz von CEJI ist es, nicht die Unterschiede zu bekämpfen, sondern das dahinter liegende, gemeinsame menschliche Element herauszuarbeiten: Die Identität eines jeden Menschen ist aus vielen Schichten und einzelnen Bestandteilen zusammengesetzt. Hat man das im Kopf, kann man erkennen, dass sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten die Waage halten.

Auf dieser Grundlage arbeiten wir dann an einer Gesellschaft, die diesen Reichtum nutzt und zu schätzen weiß. „Dignity of Difference“, der Titel eines Buches des britischen Oberrabiners Jonathan Sacks, bringt diesen Gedanken gut auf den Punkt. Das ganze Buch ist übrigens lesenswert.

Kulturrisse: Gelingt es euch, Islamophobie und Antisemitismus als Kehrseiten einer Medaille zu betrachten? Wir erfolgreich ist euer Versuch, mit den sehr verschiedenen Communities zu arbeiten? Was sind die größten Hindernisse?

GvE: Antisemitismus und Islamophobie sind zwei ganz verschiedene Dinge. Was aber beide auslösen ist, dass EuropäerInnen, egal ob JüdInnen oder Muslime, sich nicht voll entfalten können.

In unserem Antidiskriminierungstraining Vielfalt der Weltanschauungen und Religionen und insbesondere in dessen Modulen zu Antisemitismus und Islamophobie ist bei den TeilnehmerInnen ein Problembewusstsein entstanden, und, was genau so wichtig ist, der Wunsch, diese Formen der Diskriminierung zu bekämpfen, wo auch immer sie auftauchen. Die größte Herausforderung ist, „normale“ BürgerInnen, also Menschen, die weder jüdischen noch muslimischen Glaubens sind, davon zu überzeugen, dass sie auch solche Trainings brauchen. JüdInnen müssen nichts über Antisemitismus lernen, Muslime nichts über Islamophobie, zumindest nicht in der Form, wie Außenstehende es sollten. Antisemitismus ist kein jüdisches Problem, Islamophobie ist kein muslimisches Problem, genauso wie etwa Homophobie kein Problem der Homosexuellen ist: Diskriminierung ist immer das Problem der Gesamtgesellschaft, nicht der Opfer.

Kulturrisse: Deine Organisation ist auch an der Entwicklung von Workshops für Jugendliche beteiligt. Bei den letzten Wahlen in Österreich haben in der WählerInnengruppe der 16- bis 30-Jährigen fast 40 Prozent für die beiden Parteien der extremen Rechten gestimmt. Wenn es um Diversität geht, was sind eure Erfahrungen in der Jugendarbeit?

GvE: Das Erstarken der extrem rechten Parteien ist sehr beunruhigend, insbesondere der Zuspruch der jungen Menschen. Es gibt viele Gründe, warum Menschen für diese Bewegungen und Ideologien empfänglich werden, etwa das Gefühl der sozialen oder ökonomischen Exklusion. Viele fühlen sich auch von ihrer Regierung nicht mehr vertreten, und der Populismus der extremen Rechten spricht dieses Gefühl der Entfremdung vom demokratischen Prozess an. Der Aufstieg der extrem rechten Parteien hat weitere negative Effekte: Rassistische Standpunkte sickern in den Mainstream durch, die öffentliche Diskussion über Inhalte wie Migration oder öffentliche Wohlfahrt wird schwierig, wenn es wichtiger ist, einen Sündenbock zu finden als eine wirkliche Lösung.

Im Bereich der Bildungsarbeit treffen wir und unsere nationalen Partnerorganisationen auch auf diese Muster. Die Antwort kann natürlich nicht sein, das Problem zu ignorieren, vielmehr brauchen wir manchmal spezifische Vorgangsweisen, um mit denjenigen umzugehen, die in extrem rechte Bewegungen und Parteien involviert sind.

Die TutorInnen des Peer-Trainings Sachsen in Deutschland etwa haben spezifische Übungen und Methoden im Umgang mit diesem Problemfeld entwickelt. Im niederländischen Nimwegen hat unser Partner vor Ort, die Interkulturelle Allianz, bei der Arbeit in einer weiterführenden Schule festgestellt, dass viele SchülerInnen Verbindungen zur extremen Rechten haben. Die Interkulturelle Allianz hat dann mit der Schulleitung zusammengearbeitet und einige der SchülerInnen in ein Pilotprojekt aufgenommen, über das sie nach Auschwitz gefahren sind. Viele SchülerInnen gaben an, vorher nicht viel über die Shoah gewusst zu haben, seit ihrer Rückkehr haben sie andere Ansichten über Extremismus.

Wichtig bei derartigen Projekten ist, dass die TeilnehmerInnen (auch die LehrerInnen) auf den Besuch des Konzentrationslagers gut vorbereitet sind und dass es auch danach einen begleitenden Prozess gibt, um sicherzustellen, dass die SchülerInnen die Abscheulichkeiten, über die sie gelernt haben, richtig verarbeiten können. Etwas über die Shoah zu erfahren ist wichtig, aber der springende Punkt ist, die Gräuel der Shoah in einen Bezug zur Gegenwart zu setzen, um den Jugendlichen die Bedeutung von Demokratie und Menschenrechten klarzumachen und zu vermitteln, wie Diskriminierung verhindert werden kann. Nur wenn die Geschichte mit den Handlungen im Jetzt in Verbindung gesetzt wird, können Einstellungen und Verhaltensmuster verändert werden.

Die Arbeit in diesem Bereich erfordert, wie so oft wenn es um Kultur und Bildung geht, ein langfristiges Engagement. Gesinnungen ändern sich nicht über Nacht, und es ist wichtig, dass die TeilnehmerInnen das Gefühl haben, während ihres eigenen Veränderungsprozesses unterstützt zu werden.

Kulturrisse: In Zusammenarbeit mit der ADL (Anti-Defamation League) bietet CEJI eine Reihe von Trainings zu anderen Formen der Diskriminierung an wie Genderdiskriminierung oder Homophobie. Was ist eure Motivation, auch andere Formen der Diskriminierung in eure Bildungsarbeit aufzunehmen? Gibt es eine Verbindung zu eurer interreligiösen Arbeit?

GvE: In Österreich führt die ADL ihr A CLASSROOM OF DIFFERENCE-Programm durch, ebenso wie Anti-Mobbing-Programme und A WORLD OF DIFFERENCE-Trainings für ExekutivbeamtInnen. Wir von CEJI übernehmen einige dieser Programme für andere europäische Länder, nachdem wir sie übersetzt und für die Bedürfnisse vor Ort adaptiert haben. Wir haben auch eigene Trainingseinheiten entwickelt, etwa das bereits erwähnte Vielfalt der Weltanschauungen und Religionen-Antidiskriminierungstraining oder Fruitcakes, ein Training, das sich mit Genderdiskriminierung und Homophobie befasst.

In unserem Namen CEJI – A Jewish Contribution to an Inclusive Europe ist ja bereits angelegt, dass wir uns der Bekämpfung jeglicher Form der Diskriminierung verschrieben haben. Unsere Arbeit ist also nicht auf spezielle Formen des Rassismus beschränkt, auch wenn wir ein besonderes Interesse daran haben, gegen Antisemitismus aufzutreten.

Rabbi Hillel, der im 1. Jahrhundert nach Christus lebte, hat gesagt: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich? Und solange ich nur für mich bin, was bin ich? Und wenn nicht jetzt, wann denn?“. Das ist eine gute Zusammenfassung unserer Vision: Wir sind eine jüdische Organisation, die Europa zu einem besseren Ort für alle Menschen, die hier sind, machen will. Wir wollen die Leute nicht nur über Diskriminierung und Diversität lehren, sondern sie als AktivistInnen gewinnen, die alle Formen von Diskriminierung aktiv bekämpfen. Und jetzt ist die Zeit zu handeln!

CEJI – A Jewish Contribution to an Inclusive Europe

Sich die Dinge nicht einfach machen ...

Das, was schnell mal „Dialog“, „Toleranz“, „Akzeptanz“ oder sonst wie genannt wird, ist bei näherer Betrachtung oft nur das Schutzmäntelchen vor dezidierter Auseinandersetzung mit Schichten diskriminierender Grundstrukturen. Und leider ist es dabei nicht oft weit her geholt, auch innerhalb so genannter aktivistischer Kreise. „Allianzenbildung“ hieß das jahrelange Motto diverser Zusammenschlüsse, strategische Allianzen sollten es sein, die eine Vereinnahmung von selbstorganisierten MigrantInnen durch MehrheitsösterreicherInnen verhindern sollten. Um die Verwebungen und Verstrickungen kollektiver Zusammenhänge in unterschiedliche diskriminierende Praxen einer genaueren Untersuchung zu unterziehen, braucht es jedoch ein verstärktes Commitment. Ein Commitment, das, wie Baruch Wolski vom Kultur Verein Kanafani es einmal in einem Interview nannte, die Verwandtschaft von Antisemitismus und Islamophobie offensiv zu betrachten gewillt sei.

Stattdessen gehen manchenorts die Grabenkämpfe in der Linken weiter, und so manche mögen sich in ihrer Militanz gut fühlen, indem sie auf ihrem Standpunkt beharren. Aber so, wie plötzlich sich die einen als Iran-ExpertInnen für eh alles und jeden aufschwingen und die anderen alles Übel – insbesondere die Finanzkrise – den USA und Israel umhängen wollen, so wenig werden die Attacken auf muslimische und jüdische Teile der österreichischen Bevölkerung einfach verschwinden. Attacken, die – neben Alltagsübergriffen in beide Gruppen – in verhetzenden Schmierereien wie an der Außenmauer in Mauthausen münden. Dazu gehört auch die offenherzige Bekundung einer Autorin in der Ausgabe der Volksstimmen zum Symposium Wie links ist der Feminismus? Wie feministisch ist die Linke?, aufgrund einer generellen Abneigung gegen die USA Rassistin zu sein. Anders, aber auch wenig differenziert, wandte sich Michael Pröbsting von der Liga der Sozialistischen Revolution (LSR) in den letzten Kulturrissen gegen den Vorwurf, in einer Profil-Ausgabe in Nazi-Nähe gerückt worden zu sein, ohne den Hauch einer Selbstkritik auch nur anzudeuten. Wäre das ganze so einfach, wie es sich in Radikalinskis Universen so darstellt.

Anderswo machen es sich viele nicht einfach, sei es als NGO auf europäischer Ebene wie die CEJI oder seien es zahlreiche AktivistInnen, die sich nicht davon abbringen lassen, entlang der Komplexität der Verhältnisse zu arbeiten, Kreuzungen verstehen und zu simple Analogien vermeiden zu wollen. Manche von ihnen arbeiten an der Verqueerung politisch antirassistischer Zusammenhänge, andere an einem postnazistischen Bewusstsein in Antifa-Kontexten – für andere reicht es, die Nachbarschaft zusammen zu bringen, um gemeinsam Lieblingsspeisen zu kochen und sich über die Erweiterung des eigenen Horizonts zu freuen. Vielfalt, abseits von Kulturalisierungen á la in „Österreich macht man das so“, könnte sich dann als wiederum relativ einfaches Phänomen unserer Zeit hervortun – eine Zeit der Mobilität nicht nur der Menschen an sich, sondern auch ihrer Lebensentwürfe. Die Wertschätzung dieser Mikropolitiken von Bewegung und der Verständigungen zwischen diesen mobilen Subjekten liegt dabei des Öfteren im Argen, auch in meinen eigenen Kontexten.

Marty Huber

 
 

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