Das revolutionäre Glück des Harry Spiegel. Zum Film „Aufzeichnungen zum Widerstand“ — IG Kultur

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Anmelden

INHALT 01/2007

Sektionen
Kulturrisse Ausgaben 01/2007 Kunstpraxen Das revolutionäre Glück des Harry Spiegel. Zum Film „Aufzeichnungen zum Widerstand“
 

Das revolutionäre Glück des Harry Spiegel. Zum Film „Aufzeichnungen zum Widerstand“

Gerald Raunig

Martin Krenn und Nina Maron hatten im Jahr 1999 ihr Vorhaben begonnen, einen Film über Harry Spiegel zu drehen: Waschmaschinenverkäufer, Möbeltandler, Erfinder der Tischtennistherapie, Gründer der Psychopannenhilfe und langjähriges Vorstandsmitglied im Wiener WUK, um nur ein paar von Harrys Tätigkeiten in den letzten 55 Jahren seines Lebens zu nennen. Ich weiß nicht, ob es in diesem Filmprojekt um den damals 89jährigen, seine immer noch spitzbübischen Anleitungen zur alltäglichen Widerstands- und Wunschproduktion, seine eleganten paradoxen Interventionen, seine eigensinnigen Fluchten aus scheinbar vorgegebenen Strukturen gegangen wäre oder ausschließlich um die Erinnerungen Harrys an jene Jahre, in denen er als Widerstandskämpfer gegen den österreichischen Austrofaschismus, im Spanischen Bürgerkrieg und in der französischen Résistance kämpfte und als politischer Kommissar der Komintern wahrscheinlich allzu oft über Tod und Leben entscheiden musste.

Kontextualisierungen eines singulären Lebens

Am 22. Jänner 2000 verstarb jedenfalls der Protagonist des Projekts, ein paar Tage vor dem Aufflammen der Protestbewegung gegen Schwarzblau im Februar 2000. Vom Filmvorhaben Krenns und Marons existierten gerade einmal ein paar Probeaufnahmen, wie diejenigen, die den fast 90jährigen beim flotten Schifahren zeigen. Für eine Weiterführung des Projekts fragte sich, welche inhaltlichen Wendungen und vor allem welche formalen Lösungen die Lücke schließen könnten, die durch das Verschwinden Harrys und seiner unglaublichen Energie und Präsenz entstanden war. Martin Krenn und Nina Maron haben die Lücke nicht geschlossen, sondern mithilfe von drei verschiedenen Kunstgriffen weitere Linien gezogen, die das singuläre Leben Harry Spiegels vielfältig kontextualisieren.

Zum ersten entschieden sich die FilmemacherInnen, die Tonebene durch das Sound-Material Erich Hackls, der lange Interviews mit Harry geführt hatte, anzureichern. Harrys Stimme erscheint somit als Songline, die durch den Film führt, was sie ausspricht, ist wie im Leben durch Ambivalenzen, Widersprüche, Paradoxien geprägt. Zum zweiten umgeht der Film das Problem des vereinheitlichenden Formats von dokumentarischem Bildmaterial dadurch, dass er anstelle von Fotos und Filmen aus den 1930er und 1940er Jahren das Medium der – teilweise animierten – Zeichnung einsetzt: Paul Braunsteiner hat Fotos in Zeichnungen transformiert, und diese Zeichnungen wiederum in kleine Kunstwerke von Trickfilmen. Diese beiden formalen Lösungen auf der Ton- und Bildebene und die aus ihnen resultierende diskursive Öffnung wurden durch die Entscheidung verstärkt, neue Interviews mit Personen einzubinden, die wie Harry in Österreich, Spanien und Frankreich im Widerstand gekämpft hatten: 15 ProtagonistInnen, die Harry im austrofaschistischen Österreich, als „Don Espejo“ bei den internationalen Brigaden in Spanien, bei der „Kinderrepublik“ in Paris und als Spion namens „Henri Verdier“ in der Bauaufsicht der deutschen Kriegsmarine in Marseille erinnern oder die verkörperte Erfahrung der mit Harry geteilten Kontexte präsentieren.

Revolutionäres Glück

Damit wird der Film mehr als ein Porträt eines großartigen Menschen, er bündelt die vielen subjektiven wie politischen Nuancen des antifaschistischen Widerstands und zeigt auch, wie kontingent und letztlich unvorhersehbar die Effekte von Widerstand waren und sind.

Harry hatte viel Sinn für die Nachbarschaft dieser Kontingenz mit der Notwendigkeit, dennoch Widerstand zu leisten, und er nannte dieses ungleiche Paar oft auch sein „revolutionäres Glück“: „Wir haben oft erst viel später erfahren, was bei unseren Aktionen letztlich herausgekommen ist. Aber alles war wichtig, und vielleicht haben wir viele gerettet, vielleicht haben wir sogar den Krieg um ein paar Stunden oder Tage verkürzt…“. Im Begriff des „revolutionären Glücks“ wird vielleicht auch ein wenig von der Spannung offen gelegt, die zwischen der anarchischen Haltung Harrys und seiner Rolle als politischer Kommissar bestand, die er selbst als „Treppenwitz der kleinen Weltgeschichte“ bezeichnete; jedenfalls verliefen die Leben der WiderstandskämpferInnen alles andere als geradlinig.

Politisch-ästhetische Konvergenzen zwischen Film und Leben

In der Novemberausgabe des Filmmagazins Ray greift Sebastian Hofer die angeblichen „dramaturgischen Mängel“ des Films an und beweist damit, dass er weder die anarchisch-kommunistische Haltung der ProtagonistInnen noch deren Dopplung im Narrativ des Films verstanden hat: „Aufzeichnungen zum Widerstand“ ist keineswegs „haarsträubend unorganisiert“, sondern repräsentiert die vielen verschiedenen Haltungen und Organisationsformen des Widerstands in den 1930ern und 1940ern in ihrer Diversität; der Film mäandert keineswegs „halt- und konturlos durch die Geschichte, ohne je wirklich zum Kern seines Themas zu gelangen“, sondern stellt mithilfe einer sowohl ästhetisch wie auch politisch gelungenen Form des Mäanderns vielmehr in Frage, ob es einen solchen Kern überhaupt geben kann.

Verzicht auf Dogmata, produktive Fehler, kleine Tricks, revolutionäres Glück: das sind die Ingredienzien von Harry Spiegels Widerstand und auch die des Films, der nun nicht mehr ein Film über ihn ist, sondern eine großartige Arbeit, die weit ab von den Fallen des klassisch-aufklärerischen Dokumentarfilms die heterogenen Erinnerungen, die grandezza, den Humor und die Leichtigkeit von einigen wunderbaren Menschen aufgezeichnet hat.

Gerald Raunig ist Philosoph und arbeitet am European Institute for Progressive Cultural Policies (eipcp) in Wien.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

Kulturrisse -

Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik

 

seit 1996

Oppositionen
gegenhegemoniale Konzepte und Unternehmen im zivilgesellschaftlichen Bereich

Kulturpolitiken
kritische Kommentare zu neuesten Entwicklungen der Kulturarbeit, Kulturpolitik, Kulturfinanzierung und der Kulturverwaltung

Kunstpraxen
Schlaglichter auf gelungene künstlerische Interventionen

Kosmopolitiken
Andocken an Diskurse jenseits der Grenzen des Nationalismus

IG KULTUR Österreich
Gumpendorfer Straße 63b
A-1060 Wien