"TKI open" - Ein Fördertopf für politische Kulturarbeit — IG Kultur

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Anmelden

INHALT 01/2006

 

"TKI open" - Ein Fördertopf für politische Kulturarbeit

Markus Griesser

Seit 2002 betreibt die „TKI – Tiroler Kulturinitiativen / IG Kultur Tirol“ das „TKI open“, dessen aktuelle Ausschreibung unter dem Motto „don't take it private, take it politically“ stand. Die Kulturrisse baten Helene Schnitzer und Gudrun Pechtl von der TKI zum Interview und um eine Darstellung des zu Grunde liegenden Konzepts dieser Kulturförderschiene der etwas anderen Art.

Was ist das TKI open und welche Überlegungen liegen ihm zu Grunde?

Die Initiierung von TKI open hängt eng mit der in den letzten Jahren vollzogenen Umstrukturierung der TKI von einem Dachverband von regionalen Kulturinitiativen zu einer offenen Interessenvertretung für autonome Kulturarbeit in Tirol zusammen. Während die Gründungsmitglieder der TKI im kleinen Kreis gemeinschaftlich Kulturprojekte realisierten, war es uns ein Anliegen, mit der Einrichtung von TKI open im Jahr 2002 die Öffnung der TKI zu unterstreichen. Darüber hinaus versuchten wir mit TKI open als einem politischen Instrument, auf Mängel und Fehlstellen in der gängigen Förderpraxis hinzuweisen und eigene Forderungen zu positionieren. In den letzten Jahren hat der (ökonomische) Druck auf Kulturprojekte zugenommen, und gerade in Tirol wird immer häufiger der Maßstab von ökonomischer und touristischer Verwertbarkeit an Kulturprojekte angelegt. TKI open ist ein Versuch, dieser Entwicklung zu begegnen und einen Fördertopf für politische Kulturarbeit zu etablieren. TKI open versteht sich nicht als „Preis“ oder „Award“ sondern als ein vom Land Tirol finanzierter Förderansatz, der einem bestimmten kulturellen Segment gewidmet ist. Der Titel „TKI open“ ironisiert mit seinem Verweis auf sportliche Wettkämpfe den kompetitiven Charakter von Awards, den wir in der Kulturarbeit für kontraproduktiv halten. Bisher haben wir auf eine konkrete Themenvorgabe verzichtet, um möglichst viele KulturaktivistInnen zur Einreichung von Projekten zu animieren. Dennoch hat TKI open eine klare programmatische Ausrichtung und einen Kriterienkatalog, anhand dessen eine von der TKI jährlich neu zusammengesetzte Jury ihre Entscheidungen trifft. Die Jurysitzung ist offen zugänglich und unterstreicht unsere Forderung nach mehr Transparenz in der Vergabe von Fördermitteln. Den ProjektbetreiberInnen bietet die TKI Beratung und Unterstützung von der Antragstellung bis zur Projektabrechnung. Dies ermöglicht uns, vor allem junge Kulturinitiativen zu unterstützen und die TKI auch als Beratungs- und Vernetzungsstelle im Bewusstsein der Kulturschaffenden zu verankern. Zur Qualitätssicherung von TKI open versuchen wir über ein Beiratssystem, dem u.a. ehemalige Jurymitglieder angehören, die Förderschiene regelmäßig zu reflektieren und wenn nötig zu modifizieren.

Inwiefern taugt eine Förderschiene wie das TKI open als Instrument zur Initiierung und Stärkung politisch-emanzipatorischer Kulturarbeit?

Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass in Tirol zeitkulturelle Projekte mit politisch-emanzipatorischen Aspekten einem veralteten, zu engen Kulturbegriff zum Opfer fallen und von der öffentlichen Hand weitgehend ignoriert werden. TKI open zielt darauf ab, exemplarische Projekte zu fördern, ihnen eine breite Öffentlichkeit zu erschließen und diese für bestimmte politische Fragestellungen zu sensibilisieren. TKI open soll eine größere Sichtbarkeit von politischer Kulturarbeit erzeugen. Seit Beginn von TKI open im Jahr 2002 wurden 53 Kulturprojekte ausgewählt und realisiert. Kulturschaffende konnten durch die Existenz der Förderschiene TKI open nachhaltig dazu motiviert werden, politischemanzipatorische Projektideen in Konzepte zu fassen, weil eine tatsächliche Umsetzung ihrer Projekte um vieles wahrscheinlicher geworden ist. Die ausgewählten Projekte haben Themen platziert, die sonst sehr wahrscheinlich nicht in dieser Form und Präsenz öffentlich geworden wären. Es sind neue Formen von Öffentlichkeiten entstanden.

Das TKI open 06 stand unter dem Motto „don't take it private, take it politically“. Das erinnert zum einen an eines der zentralen Prinzipien der 2. Frauenbewegung („Das Private ist politisch“), scheint zum anderen aber auch gegen die neoliberale Tendenz zur Privatisierung sozialer Risiken zu opponieren. Welche Überlegungen standen konkret hinter der Entscheidung, das TKI open 06 unter diesem Motto auszutragen?

Es waren genau diese beiden in der Frage angesprochenen Aspekte, die uns zu diesem Schritt bewogen haben. Auch in der visuellen Kommunikation haben wir mit der Zeichnung von einer in der Nase bohrenden jungen Frau der finnischen Künstlerin Maria Ångerman auf diese Themen angespielt. Die Botschaft ist offenbar angekommen, der Anteil von feministischen, antirassistischen und sozialkritischen Projekten war noch nie so hoch wie bei TKI open 06.

Mehr noch als bereits in den voran gegangenen Jahren fällt auf, dass die 13, im Rahmen von TKI open 06 prämierten Projekte insbesondere aus den Bereichen feministische, migrantische/antirassistische Kulturarbeit sowie Jugendund Populärkultur kommen. Wie erklärt ihr euch diesen Umstand?

Die Zusammensetzung der Einreichungen bildet ganz sicher eine Realität der Kulturförderung in Tirol ab. An ihr wird ablesbar, welche Bereiche in der aktuellen Förderpraxis marginalisiert werden. Feministische, migrantische, antirassistische und jugendkulturelle Projekte finden im Kulturbegriff der öffentlichen Hand kaum Platz. Die geringe Anzahl an Einreichungen von Kulturinitiativen aus ländlichen Regionen verweist ebenfalls auf deren schwierige Arbeitssituation. Es ist Ziel der TKI, diesen der Kulturförderung zu Grunde liegenden Kulturbegriff in Frage zu stellen und hier neue, erweiterte Ansätze zu etablieren.

Die „TKI – Tiroler Kulturinitiativen / IG Kultur Tirol“ ist die Interessenvertretung der autonomen und nicht kommerziellen Kulturinitiativen und KulturveranstalterInnen in Tirol.

TKI

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

Kulturrisse -

Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik

 

seit 1996

Oppositionen
gegenhegemoniale Konzepte und Unternehmen im zivilgesellschaftlichen Bereich

Kulturpolitiken
kritische Kommentare zu neuesten Entwicklungen der Kulturarbeit, Kulturpolitik, Kulturfinanzierung und der Kulturverwaltung

Kunstpraxen
Schlaglichter auf gelungene künstlerische Interventionen

Kosmopolitiken
Andocken an Diskurse jenseits der Grenzen des Nationalismus

IG KULTUR Österreich
Gumpendorfer Straße 63b
A-1060 Wien