Praktizierte Kritik an der Institution. Der Fall Kunstverein in Hamburg. — IG Kultur

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Kulturrisse Ausgaben 01/2006 Kosmopolitiken Praktizierte Kritik an der Institution. Der Fall Kunstverein in Hamburg.
 

Praktizierte Kritik an der Institution. Der Fall Kunstverein in Hamburg.

Michel Chevalier, Cornelia Sollfrank, Nana Petzet, Frank Stühlmeyer, Claudia Reiche, Rahel Puffert

Chronologie außerordentlicher Ereignisse

1.-12.9.05 – 25 neue Mitglieder treten dem Kunstverein bei
12.9.05 – Ordentliche Mitgliederversammlung des Kunstvereins in Hamburg mit 117 Teilnehmern. (Der Verein hat zu diesem Zeitpunkt ca. 1900 Mitglieder.) Neuwahl des Vorstands. Gewählt wurden: Hans-Christian Dany (81 Stimmen), Nana Petzet (78), Cornelia Sollfrank (66), Claudia Reiche (62), Stephen Craig (62), Harald Falckenberg (58), Hans Jochen Waitz (58), Ernst Josef Pauw (56), Frank Stühlmeyer (51). Im Kunstverein, dessen Vorstand die letzten neun Jahre weitestgehend personell unverändert war, wurde der Überraschungserfolg von Dany, Sollfrank, Reiche und Stühlmeyer, die bisher nicht dem Vorstand angehört hatten, als „Putsch“ diffamiert.
19.9.05 – Einladung des ehemaligen Ersten Vorsitzenden Falckenberg zu einem informellen Vorstandstreffen, zusammen mit der Wahlleiterin Maja Stadler- Euler. Beide behaupten, dass Sollfrank zum Zeitpunkt der Wahl nicht nachweisliches Mitglied im Kunstverein gewesen sei. Die an sie ausgegebene Mitgliedskarte sei als Beweismittel untauglich. Unabhängig davon, wer die uneindeutige Lage herbeigeführt habe, sei die einzige Möglichkeit zur Schaffung eindeutiger Zustände angeblich eine Wiederholung der gesamten Wahl. Dem Vorstand wird darum der freiwillige Rücktritt nahe gelegt. Dies geschieht nicht.
4.10.05 – 52 Mitglieder fordern eine Wiederholung der Vorstandswahlen. Gleich lautende Schreiben gründen auf der unzulässigen Behauptung, die Wahl sei nichtig gewesen. Einladung zur Außerordentlichen Mitgliederversammlung mit erneuter Vorstandswahl.
20.10.05 – Aussprache zwischen Dany, Petzet, Reiche, Sollfrank und dem Direktor Yilmaz Dziewior. Dieser bezeichnete den vorherigen Vorstand als Amtsinhaber, da die Wahl vom 12.9.05 nichtig sei. Es sei vielmehr „jämmerlich“, wenn sich die Anwesenden auf ihren Wahlauftrag beriefen, insbesondere da die Wahl bloß von deren „Strohmännern“ entschieden worden sei. Insofern habe er, Dziewior, Mitglieder akquiriert, die den Antrag auf Neuwahlen unterzeichneten.
25.10.05 – Sollfrank fordert Unterlassung der geplanten Neuwahlen, da sie seit 6.9.05 Mitglied sei. Der darauf folgende Antrag auf Einstweilige Verfügung scheitert mit der richterlichen Begründung, der (alte) Vorstand des Kunstvereins habe den Mitgliedsantrag von Frau Sollfrank nicht akzeptiert. Ihre Mitgliedskarte sei ein Irrtum. Anwalts- und Gerichtskosten von ca. 4900.- Euro gehen zu Lasten Sollfranks. Das Urteil erlaubt die Neuwahl des gesamten Vorstands.
1.11.05 – 117 neue Mitglieder treten dem Kunstverein bei. Außerordentliche Mitgliederversammlung mit 448 Teilnehmern. Neuwahl des Vorstands. Gewählt wurden: Falckenberg (286 Stimmen), Craig (282), Waitz (267), Pauw (267), Anna Gudjonsdottir (239), Jürgen Vorrath (216), Susanna Hegewisch-Becker (202), Markus Peichl (184), Reiche (156). Dies entspricht – bis auf eine Person, Reiche – der von Sammlern und Galeristen vorher abgesprochenen Liste.
5.2.06 – Erste Sitzung einer von Reiche eingerichteten Arbeitsgruppe im Kunstverein mit 25 Teilnehmern. Dany, Sollfrank, Petzet und Stühlmeyer sind nicht anwesend. „Es soll ein Forum für Diskussionen zwischen Mitgliedern, VorstandsvertreterInnen und Direktor geschaffen werden.“

Was sagen diese Ereignisse über den Kunstverein aus?

Der erste Wahlabend bot eine ungewohnte Chance: nicht nur formal, sondern tatsächlich eine Wahl zu haben, qua Stimmenabgabe zwischen der selbstzufriedenen Einschätzung der bisherigen Vorstandsarbeit und der Option auf Änderung entscheiden zu können; die Gelegenheit, meiner Kritik an der lobbyistischen Vereinspolitik (überrepräsentierte Galeristen- und Sammlerinteressen) und Unzufriedenheit mit dem entsprechend marktkonformen Programm Ausdruck zu verleihen; dem Vorhaben zuzustimmen, die bestehende Vereinsstruktur zu überdenken und eine Diskussion über alternative und zeitgemäßere Modelle zu führen; die stärkere Einbeziehung bisher vernachlässigter künstlerischer Praxen zu befürworten; das euphorisierende Erlebnis, mit der Entscheidung für Neuerung auf der Seite der Mehrheit zu sein; die Erfahrung, eine echte Alternative gehabt zu haben.
Rahel Puffert

Es konnte gezeigt werden, wie eine basale demokratische Organisationsform, ein Verein, dessen Mitglieder alle Jubeljahre die Stimmen für ihren Vorstand hergeben, von mächtigen Schichten stiller Übereinkünfte überdeckt wird. Diese sind begründet in einem Menschenbild, das von Standesdenken und einem entsprechenden Hang zu Hierarchien geprägt wird. Die Positionen im Vorstand sind insofern mit der Aura eines milden Glanzes versehen, der der Aura des Geldes zum Verwechseln ähnelt und deren überraschender Entzug zu hemmungslosen Gegenmaßnahmen führt. „Wer hätte das gedacht?“ – dies wird uns in geübter Ironie jetzt wohl entgegenhalten werden: „Dies ist seit Urväterzeiten schon bekannt“. So altbacken die Erkenntnis scheint: Unerwartet kam, dass „die Welt hier noch in Ordnung ist“. Vielleicht in der Art, wie sie es vor vierzig Jahren auch nicht war, aber genügend Widerstand für Veränderung bot.
Claudia Reiche

How to take over the Kunstverein in 6 easy steps

1) Wenn man nicht nur die Möglichkeiten einer Institution (hier Kunstverein) nutzen möchte, sondern innerhalb der Institution Veränderungen bewerkstelligen will, so können zunächst die von der Institution selbst bereit gestellten Mög- lichkeiten der Einflussnahme (z.B. Wahl des Vorstands durch die Mitglieder) hilfreich sein. Unbedingt zu beachten sind zu diesem Zeitpunkt die dafür notwendigen formalen Voraussetzungen. 2) Institutionen sind Beharrungsgebilde. Grundsätzliche Frage- und Infragestellungen, die zudem nicht auf einer zuvor befriedeten Kommunikationsebene nach vorgegebenen Spielregeln ablaufen, lösen naturgemäß bei den bisherigen Funktionsträgern Verteidigungsreflexe aus. Dies gilt es ins Kalkül zu ziehen. 3) So es nicht gelingt, handstreichartig die wichtigsten Schlüsselfunktionen zu besetzen und die Hoheit über die Infrastruktur zu erlangen, hat man sich auf eine juristische und politische Auseinandersetzung vorzubereiten. 4) Für den Fall einer juristischen Klärung gilt: Mindestens ebenso wichtig wie die Gesetzeslage sind das Renommee der beteiligten Personen sowie die zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen. 5) Das Feld der politischen Auseinandersetzung ist ein schwieriges und bedarf schlüssiger Strategien zur Erlangung der Hegemonie. 6) Für den Fall des Scheiterns kann nach einer gründlichen Analyse wieder mit Punkt eins angefangen oder alternativ die (klassisch römisch inspirierte) Möglichkeit einer Neugründung in Erwägung gezogen werden.
Frank Stühlmeyer

Ich habe sechs Mitgliederversammlungen, davon vier mit Vorstandswahlen, im Hamburger Kunstverein miterlebt, war über drei Jahre Teil des Vorstands und kann deshalb die mir immer wieder gestellten Fragen: „Gab es denn keinen anderen Weg der Auseinandersetzung?“ und „Müssen denn gleich die Machtstrukturen verändert werden?“ mit einem klaren „Ja!“ beantworten. Als ich nach der denkwürdigen Machtdemonstration des Hamburger Kulturestablishments bei der Wahl am 1.11.2005 dem angeschlagen und abgekämpft wirkenden Harald Falckenberg zu seinem Sieg gratulierte, sagte er: „Das war die Gegenreformation“. Begriffe wie „Konterrevolution“ und „Inquisition“ kamen mir in den Sinn, und ich war froh, dass es hier nicht um Leben oder Tod, sondern nur um die lokale Kulturpolitik ging. Trotzdem: Ich darf nicht darüber mitentscheiden, wer der nächste „Allesentscheider“ im Hamburger Kunstverein sein wird. Harald Falckenberg hat wieder eine verlässliche Truppe um sich geschart. Nur eine von „uns“ kam durch. Nun, da sich die Wogen geglättet haben, sind seitens der Führung des Kunstvereins zwei unterschiedliche Reaktionen zu beobachten: Der Direktor durchforstet neuerdings die Hamburger Subkultur- und Politszene nach geeigneten „Objekten“, um seine Unangepasstheit und Offenheit zu demonstrieren, während der Vorstand darüber brütet, wie er mit entsprechenden Satzungsänderungen die Schotten dicht machen kann, um zum Beispiel Eintrittswellen vor Wahlen künftig zu verhindern. Und das, obwohl er selbst seine jetzige Zusammensetzung einer intensiven Mobilisierungskampagne und nie da gewesenen Eintrittswelle am Wahlabend verdankt. Die Tatsache, dass der Neuanfang im Hamburger Kunstverein nach sechs Wochen von einem aufgebrachten Bürgermob niedergemacht wurde, bestätigt zwar die These, dass man die Machtstrukturen ändern muss, wenn man in diesem Verein etwas ändern will, ermutigt jedoch nicht gerade dazu, es so noch mal zu versuchen.
Nana Petzet

Auf Einhaltung der Satzungsregel, dass möglichst drei bildende KünstlerInnen im Vorstand sein sollen, war nie geachtet worden. Der Vorstand hatte sich immer mehrheitlich aus potenten SammlerInnen und GaleristInnen (bzw. deren Ehefrauen oder Lebensgefährten) zusammengesetzt. Als nach der Wahl am 12.9.05 nicht nur fünf neue Personen in den Vorstand gewählt worden waren, sondern auch noch fünf KünstlerInnen dem neunköpfigen Vorstand angehörten, wurde von „Putsch“ und „feindlicher Übernahme“ gesprochen. Dass „KünstlerIn“ mit „Feind“ gleichgesetzt wird, verblüfft erst einmal. Was dahinter steckt, ist nicht nur die offensichtliche Angst vor Veränderung, die Befürchtung, gewohnte (Definitons-)Macht verlieren zu können, sondern es offenbart sich auch ein Kunstverständnis – und darin enthalten ein KünstlerInnenbild –, das eindeutig dem Erhalt der herrschenden Machtstrukturen dient. Teil dieses Kunstverständnisses ist es, die Bereiche Kunst und Politik klar trennen zu wollen. Die Reinheit der Kunst und ihre angebliche Freiheit zu beschwören, versucht zu leugnen, dass Kunst ebenfalls Bedingungen unterworfen ist, unter denen sie entstehen und rezipiert werden kann. Und politisches Engagement von KünstlerInnen, das es immer gab, muss sich nicht zwangsläufig in Widerspruch zu ästhetischer Praxis befinden. In jedem Fall ist eine der Hauptaufgaben von Kunst, bestehende – ästhetische und gesellschaftliche – Verhältnisse anzugreifen. Sich dabei irgendeiner (Definitons-)Macht zu unterwerfen, widerspräche dem Wesen von Kunst. In diesem Sinne plädiere ich weiterhin für eine „künstlerische Übernahme“ des Kunstvereins!
Cornelia Sollfrank

The 90s fashion of „critical practice“ as an attitude-genre of works which allow seamless juxtaposition with commercial fare doesn’t hold water now. At the presentation Andrea Fraser (one of three Gallery Nagel artists with recent solo shows at the Kunstverein) made of her work here, displaying an unusual mix of resignation and openness, she conceded how critical plans of hers ran into a brick wall at Generali Foundation in 1994. A depression and period of inactivity followed. Chastened, her way back to art was to „get involved with the work of Kippenberger“... The 5,000 Euro question is this: are (publicly-funded) art institutions going to open up to audiences, curators, and artists expressing themselves in ways that are not in sync with the cushy arrangements the last decades have given rise to?
Michel Chevalier

Michel Chevalier, Cornelia Sollfrank, Nana Petzet, Frank Stühlmeyer, Claudia Reiche und Rahel Puffert leben und arbeiten in Hamburg und sind Mitglieder des Hamburger Kunstvereins.

 
 

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