Das Sarajevo Filmfestival. Zu den ökonomischen Rahmenbedingungen von Filmschaffenden in Südosteuropa. — IG Kultur

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Kulturrisse Ausgaben 01/2006 Kosmopolitiken Das Sarajevo Filmfestival. Zu den ökonomischen Rahmenbedingungen von Filmschaffenden in Südosteuropa.
 

Das Sarajevo Filmfestival. Zu den ökonomischen Rahmenbedingungen von Filmschaffenden in Südosteuropa.

Haris Aliefendic

Zur Geschichte des Sarajevo Filmfestival (SFF)

In Österreich ist das Filmfestival, das in Sarajevo schon über 10 Jahre lang stattfindet, wenig oder fast überhaupt nicht bekannt. Es scheint, als ob eine unsichtbare Wand zwischen Wien und Sarajevo aufgestellt ist, durch die Informationen nicht durchkommen können. Das jährlich stattfindende Festival in Sarajevo hat sich trotzdem zu einer respektablen, wenn nicht sogar der wichtigsten Versammlung von Filmemachern und Filminteressierten aus der ganzen Region Südosteuropas entwickelt. Zum ersten Mal hat das Festival im Kriegsjahr 1995 stattgefunden und zwar als ein Protest gegen die langjährige Blockade der Stadt und des ganzen Landes. Unter völlig improvisierten Bedingungen und mit Hilfe des Locarno sowie des Edinburgh Film Festivals wurde ein Kriegskino gegründet. Das erste Festival wurde von 15.000 Menschen besucht, 37 Filme aus 15 Ländern wurden gezeigt. Seit damals entwickelte sich der Umfang des Festivals gewaltig – das jüngste Festival hatte über 100.000 Besucher mit 170 gezeigten Werken. Das Festival finanziert sich zu 60% Prozent über Sponsoren bzw. über Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen. Es ist das größte und wichtigste kulturelle Event des Landes und dadurch kann das Interesse der Sponsoren an der Finanzierung des Festivals erklärt werden. Der Rest der finanziellen Mittel kommt von den staatlichen Geldgebern – der Stadt Sarajevo, dem Kanton Sarajevo und der staatlichen Regierung. Die Thematik der vorgestellten Werke ist nicht vom Krieg zu trennen. Alle Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme, die aus den ehemaligen jugoslawischen Republiken kommen, sind mittelbar oder unmittelbar mit dem Krieg verbunden. Sie sprechen über das Leid der Menschen, die verlorene Zeit, die zerstörten Generationen. Die Filme des jüngsten Festivals 2005 beschäftigten sich mit den persönlichen Dramen der Menschen, waren sozial ausgerichtet und engagiert. Die Filmproduktion ist heute glücklicherweise sehr lebendig. Ein symbolischer Wendepunkt und ein wichtiger Anreiz war die Oscar-Preisverleihung für den Film „Niemandsland“ des bosnischen Regisseurs Danis Tanovic. Dieser Preis war ein erster Anreiz für alle weiteren Filmproduktionen, die aus dem ehemaligen Jugoslawien, besonders aus Bosnien & Herzegowina kommen. Ein letzter Film dieser erfolgreichen Reihe ist der Film „Grbavica“ von Jasmila Zbanic, der vor wenigen Wochen den Goldenen Bären in Berlin gewonnen hat.

Filmf örderung in der Region

Der wichtigste Aspekt des Festivals ist das Regionale Programm, das sich aus Filmen aus der Region Südosteuropa zusammensetzt. Der Zugang zu den großen europäischen Festivals ist den jungen Autoren aus Südosteuropa in der Regel erschwert und das SFF sieht sich als ein Bindeglied zwischen diesen Autoren auf der einen Seite und den Produzenten, Filmkritikern und Festivaldirektoren auf der anderen Seite. Das Regionale Programm hat auch viel zur Gründung der nationalen Fonds für die Filmförderung in verschiedenen Ländern, sowie zur Förderung der Filmproduktion seitens der regionalen TV-Sender beigetragen. Das Ergebnis war auch die Eingliederung der Filme in die Programme der TV-Sender. Ein weiterer wichtiger Punkt ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, nämlich die Gründung von CineLink, einem ko-produktiven Markt, der vom SFF, Rotterdam Film Festival und Hubert Bals Fund gegründet wurde. Das Ziel dabei war die Stärkung der Verbindung zwischen Filmemachern und Produzenten bzw. potentiellen Investoren. Ein Projekt von CineLink, der Film „Totally Personal“ von Nedzad Begovic, wurde erfolgreich zu Ende gebracht und auch schon auf mehreren Festivals gezeigt. Zu den klassischen Geldgebern in der Filmproduktion – dem Staat (einmal dem wichtigsten Geldgeber), den unabhängigen Produzenten und den Filmfunds aus der Region und der EU – kommt in den letzten Jahren noch ein weiterer Aspekt dazu: Die Autoren selbst sahen die Notwendigkeit sich zu organisieren. Auf diese Weise sind mehrere Produktionshäuser in Bosnien entstanden – Deblokada, Mebius und Forum. Das Produktionshaus Deblokada wurde von der jungen Regisseurin Jasmila Zbanic gegründet. Unter anderem hat sie auch den Dokumentarfilm „Red Rubber Boots“ produziert und gedreht. Das letzte Projekt war eben der Film „Grbavica“, der in einer österreichisch-bosnisch-kroatischen Koproduktion gedreht wurde.

„Regional Documentaries“

Neben Spiel- und Kurzfilmen hat auch der Dokumentarfilm einen wichtigen Platz auf dem SFF. Der Schwerpunkt ist auf den Dokumentarfilm aus der Region gelegt, wobei dieser Teil des Festivals – „Regional Documentaries“ genannt – den Charakter eines Wettbewerbs hat. Seit dem letzten Jahr führt das SFF einen offiziellen Preis unter dem Namen „Herz von Sarajevo“ für den besten Dokumentarfilm – zusätzlich zum Preis für jene Filme, die über Menschenrechte sprechen. Das Interesse des Publikums für den Dokumentarfilm in Sarajevo und Bosnien ist groß, weshalb sich dieser zwischenzeitlich auch Zugang zu den Kinos verschaffen konnte. Die Produktion der Dokumentarfilme wird staatlicherseits gefördert, aber auch von den Produzenten aus der EU, z.B. dem Jan Vrijman Filmfund, ARTE und ZDF. Das nächste SFF, in dessen Rahmen Filme aus 12 Ländern Südosteuropas gezeigt werden, findet von 18. bis 26. August 2006 statt.

 
 

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