Arbeit am Acker — IG Kultur

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INHALT 01/2005

 

Arbeit am Acker

Anne Katrin Feßler

Wieder einmal wird das Feld für Kunst im öffentlichen Raum bestellt. Der neue Fonds in Wien vergibt 800.000 Euro, und schon lässt die Reaktion der Kunstöffentlichkeit nicht auf sich warten. Ein Blick auf das Urbarmachen urbaner Förderungen.


An Kritik und Diskussionen zur Kunst im öffentlichen Raum haben wir uns gewöhnt. Ganz gleich, ob es sich um die Muhr-Brunnen von Altbürgermeister Zilk handelt, um das lustige Geplänkel in Salzburg zur temporär aufgestellten "Penis-Skulptur" der Künstlergruppe Gelatin oder um die härteren Auseinandersetzungen bei Schlingensiefs Ausländer-raus-Container im Sommer 2000 in Wien. Gnadenlos gibt es zu jeder Kunst, sobald sie sich öffentlich gebärdet, Befürworter und Gegner. Ohne diese Diskussion wäre diese Kunst ja gar keine öffentliche. Und so mutet es seltsam an, wenn die Stadt Wien jede Debatte zur ihrer neuen Initiative im Vorfeld tunlichst meidet: Wenn sie nicht öffentlich tagen will. Wenn sie auf Ausschreibungen verzichtet und stattdessen KünsterInnen einlädt, aber nicht einmal deren Namen bekannt gibt. Und wenn zudem Fördersummen mit der Begründung geheim gehalten werden, dass besser erst einmal abgesicherte Fakten geschaffen werden wollen, bevor eine ohnedies unvermeidliche Diskussion einsetzt. "Das muss so abgesichert sein, dass man sagt, ja das ist es und aus," meint etwa der Projektmanager der Initiative, Roland Schöny. Wohl auch um unliebsamen Diskussionen im Vorfeld aus dem Weg zu gehen, präsentierte sich der 'Fonds für Kunst im öffentlichen Raum' erst im Jänner 2005 – gut ein Jahr nach dem Start 2004 und elf Monate nach der Nominierung der Jury. "Es ist symptomatisch für die Kulturpolitik in Wien, dass bereits die kleinsten Informationen breit getreten werden", erklärt Schöny die Entscheidung, nicht peu à peu, sondern gleich zehn vom Beirat zur Umsetzung empfohlenen Projekte auf einmal vorzustellen.

"Kunst im öffentlichen Raum" ist in Wien nicht geregelt und schon gar nicht gesetzlich verankert. In der Kulturmetropole gibt es wie im Burgenland, in Tirol und Vorarlberg überhaupt kein Kulturförderungsgesetz. Und so regt sich Partei übergreifend Freude, wenn ein Fonds, gespeist aus den Budgets der Stadträte für Kultur, Stadtentwicklung und Wohnbau, das Feld beackert. Der Kultursprecher der ÖVP, Andreas Salcher, wünscht sich allerdings eine gesetzliche Regelung dafür und wie seine grüne Kollegin Marie Ringler eine höhere Dotierung des Fonds. Ein Prozent der Errichtungskosten aller öffentlichen städtischen Bauvorhaben solle in den Fond fließen. Die Mittel im Topf könnte das fast verdreifachen.

In die Euphorie über die ausgeworfene Saat mischen sich allerdings auch noch Zweifel, es könnte viel Unkraut geerntet werden. Beatrix Zobl und Wolfgang Schneider, erfahrene KünstlerInnen im öffentlichen Raum, machten gleich zu Beginn des Wiener Projektes ihrem Unmut über die Besetzung der Jury Luft: Es handle sich wieder um die üblichen Verdächtigen, um Institutionalisierte und Etablierte mit ihren eng umrissenen Vorstellungen von Kunst. "Mit einer Ausnahme fehlen in dieser Jury aber ausgerechnet diejenigen, die im Bereich 'Kunst im öffentlichen Raum' als AktivistInnen oder TheoretikerInnen präsent sind und etwas dazu zu sagen haben", hieß es in einem 'Kommentar der anderen' im Standard. Im Beirat sitzen die Museumsdirektoren Edelbert Köb (MuMoK), Wolfgang Kos (Wien Museum), Silvia Eiblmayr (Galerie im Taxispalais), Ute Meta Bauer (Professorin an der Akademie) und Kuratorin Brigitte Huck. Nach anfänglichem Ärger über die Kritik deutet sich nun ein Umdenkprozess an: So soll die Jury nun mit ein bis zwei Leuten aus "der Szene" erweitert werden. Zudem möchte die Jury jetzt Beirat heißen – weil "Jury" zu autoritär klinge und Beiräte initiativ, gestaltend und beratend tätig sein können, also mehr als nur starre Entscheidungen treffen.

Warum überhaupt die Entscheidung fiel, zunächst eher prominente Namen in den Beirat zu holen, hat laut Schöny pragmatische Hintergründe. Die Kompetenz des Beirats mache es leichter möglich, Nein zu sagen, wenn versucht wird, irgendwelche Projekte oder befreundete Künstler "reinzudrücken". Außerdem sei es darum gegangen, Leute zu finden, "auf die man hört." Besonders im Zusammenhang mit Kooperationspartnern, die ja oft nicht aus der Kunst kommen, sei das hilfreich: "Ein sensibler Bereich und wenn man es nicht so macht, dann wäre schlicht und einfach gar nichts möglich." Was wohl eher der Beruhigung von Kunstlaien dienen soll, lässt Künstlerin Beatrix Zobl allerdings nicht gelten: "Da macht man es sich zu einfach. Man hätte ja gleich eine gute Mischung im Beirat finden können." Es geht ihr wie anderen Skeptikern nicht nur um die Sparte Kunst. Stadtplanung, Architektur, Soziologie, Medien, Philosophie sind Bereiche, die mit den neuen Vorstellungen von einer öffentlichen und kritischen Kunst mehr zu tun haben als die ewig gleichen, traditionellen "Ausstellungsmacher".

In Niederösterreich, dessen Modell Vorbildfunktion für Wien hatte und dessen Jury Sparten übergreifender besetzt ist, beurteilt man das Prominenten-Kriterium nicht so streng. Projektleiterin Katharina Blaas, die mittlerweile auf eine 15-jährige Routine zurück greifen kann, relativiert: "Wir haben auch anders angefangen". Allerdings sei am Land auch vieles einfacher, nicht nur weil der Bürgermeister gleichzeitig der oberste Bauherr ist und viel Administration wegfällt. Auch, weil es in Wien bereits sehr viel öffentliche Kunst gibt: "Da müsste erst einmal entrümpelt werden". Und "solche Prozesse dauern sehr lange, bis sie nachweislich erfolgreich sind". Aber wenn es gelinge, das Projekt auf Schiene zu bringen, würde es keiner mehr abdrehen, prognostiziert sie.

Nun, die ersten Schienen sind verlegt. Vieles noch in der Planung freilich, aber programmatisch ist es genau das, was an Kunst im öffentlichen Raum stattfinden soll. Die entscheidende Frage für Beatrix Zobl lautet aber: Warum und wozu will ich ausgerechnet im öffentlichen Raum etwas realisieren? Werden da nicht lediglich Dinge aus dem "White Cube" transferiert? Und wendet sich diese Kunst überhaupt einer neuen, sonst vernachlässigten Zielgruppe zu, oder will ich nur einen Wirbel veranstalten? Der überwiegende Teil der präsentierten Projekte "kann mir diese Fragen nicht beantworten", resümiert Zobl.

Aushängeschild der bisher ausgewählten Projekte ist eine bereits fertig gestellte "Wand der Sprachen" am Schwendermarkt. SchülerInnen im 15. Bezirk wollen mit der Wand auf die Präsenz von 72 verschiedenen Sprachen im Bezirk hinweisen und entwickelten in einem Zeichenwettbewerb mehrsprachige Sprüche und Kommentare, die als Graffitis auf eine Mauer übertragen wurden. Gemalt haben allerdings nicht die SchülerInnen selbst. Waren sie bei der Umsetzung überfordert? Oder wieso sonst wurden plötzlich die Künstlerinnen Christine und Irene Hohenbüchler unter Beteiligung zweier "Malermeister", Studenten der Akademie der Bildenden Künste, mit der Realisierung beauftragt?

Wolfgang Zinggl, parlamentarischer Kultursprecher der Grünen erinnert in diesem Zusammenhang an eine Idee, die er 1998 an die Stadt Wien herantrug. Seit Jahren stehen viele junge Sprayer wegen ihrer Delikte vor einem nicht abzutragenden Schuldenberg, der ihre Zukunft komplett verbaut. Eine Beauftragung durch die Stadt, Mauern gegen Bezahlung zu gestalten, hätte ihnen die Möglichkeit gegeben, mit dem Honorar die Strafrückzahlungen zu leisten. Und dann gibt es da dieses Mail von Georg Haslinger, Galerist für zeitgenössische Kunst im 15. Bezirk, der darauf hinweist, dass Idee und Konzept für die "Wand der Sprachen" überhaupt von einem zwölfjährigen Buben, Kind von Asylwerbern aus Afghanistan, stammen. Seine Idee wurde beim Ferienspiel von einer Jury ausgewählt, der auch Ex-Finanzstadtrat Hans Mayr angehörte. Verwirklicht wurde die Idee aus Kostengründen freilich nicht. Der Bub hat auch kein Geld gesehen, und erwähnt wurde er obendrein auch nicht, obgleich sein Konzept schließlich doch noch verwirklicht wurde.

Weiters ist die Realisierung zweier Großprojekte am Südtiroler Platz und in der U-Bahn-Station Karlsplatz vorgesehen. Am Südtiroler Platz wünscht sich der Beirat ein "markantes künstlerisches Zeichen. Für die Errichtung bietet sich primär die zwischen den Fahrbahnspuren gelegene Grüninsel an, auf der sich bereits eine Fundamentplatte (Foto angefügt) sowie Anschlüsse für Strom und Wasser befinden." Und auch beim Prestigeprojekt am Karlsplatz ist der Raum für die Gestaltung großzügig vorgegeben. Es handelt sich um – die Vitrinenelemente. Und schon sind die Ängste vor "drop sculptures" im Stadtraum, den teuren Skulpturen zur Behübschung misslungener Plätze, wie weggewischt. Beides übrigens geladene Wettbewerbe ohne Nennung der geladenen KünstlerInnen. "Ein Wettbewerb ist schließlich keine Volksabstimmung", meint Schöny. Und dann gibt es noch das "minimal geförderte" (Schöny) Projekt "100 Handlungsanweisungen" der – so könnte man doch eigentlich glauben – gut budgetierten Kunsthalle Wien. Dass es als "25 Handlungsanweisungen" schon 2003 – also lange vor dem Startschuss der Initiative – existiert hat, macht auch keine schöne Optik. Das gibt sogar Roland Schöny zu.

An Kritik und Diskussionen zur Kunst im öffentlichen Raum haben wir uns gewöhnt. Woran wir uns weniger gewöhnen wollen, das sind die ebenfalls ständig wiederkehrenden Versuche, diese Diskussion auszublenden oder gar zu verhindern. Schließlich ist die Debatte um die Kunst im öffentlichen Raum der eigentliche Spaß in der Stadt.


Anne Katrin Feßler ist Redakteurin bei derStandard.at/Kultur.

 
 

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