Cultural Peacekeeping. Die neue Sicherheitskultur — IG Kultur

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INHALT 01/2005

 

Cultural Peacekeeping. Die neue Sicherheitskultur

Konrad Becker

Das Wort Sicherheit fand seinen modernen Gebrauch im 14. Jahrhundert, als die Sicherung der Wege, insbesondere für Handelsreisende und Pilger, zunehmend ein Anliegen wurde. Der Kaiser, und noch entscheidender die entsprechenden Fürsten, verfügten den Schutz über die Überlandstraßen und unterzeichneten dementsprechende Verträge. 1375 erklärten sich die Herzöge von Österreich und Bayern bereit, "die Wege überall zu schützen und zu sichern".

Sicherheit ist mittlerweile zu einem zentralen ökonomischen, gesellschaftlichen und politischem Thema geworden, das tief in die Sphäre von Kunst und Kultur hineinreicht und zunehmend auch im Brennpunkt des Interesses von Studien zu Internationalen Beziehungen und militärischen Strategiedokumenten steht. Schon 2002 hat die OECD nach einer "Kultur der Sicherheit" gerufen und die Entwicklung eines "Mindset" gefordert, das geeignet ist, den Bedrohungen und Verwundbarkeiten von Informationssystemen entgegen zu treten. Sicherheit scheint zunächst keine ideologischen Barrieren zu kennen; von der brasilianischen Stadtguerilla bis zur "School of the Americas" war niemals auch nur die geringste Vernachlässigung von Sicherheitsmaßnahmen gestattet.

Raoul Vaneigem hat in "Die Revolution des Alltags" auf die Bedeutung von Sicherheit für das Projekt kultureller Selbstverwirklichung hingewiesen, Sicherheit, um Kräfte frei zu machen, die zuvor für den Überlebenskampf aufgewendet werden mussten. Diese Voraussetzung von Sicherheit gerät leicht in Konflikt mit der Forderung nach Freiheit der Kunst und des Ausdrucks.

Kulturschaffende sind in einer sich wandelnden Welt der Unsicherheit und Bedrohungen, die auf der Politik einer mediatisierten Realitätskontrolle basiert, gezwungen, sich auf neue gesellschaftliche Herausforderungen einzustellen. Die Ideologie einer kapitalgesteuerten Kultur der Kreativwirtschaft steht durch die Verschiebung von Prozessen in den Bereich von Ästhetik und Geschmack im Widerspruch zu einer Kultur sozialer Gerechtigkeit und Selbstbestimmung. Aber in der von Sicherheitsfragen bestimmten kulturellen Umgebung stellen sich zusätzliche Fragen in Bezug auf Dissens und Unabhängigkeit. In einer "Kultur der Sicherheit" wird das Konzept der Creative Industries, die schönen Künste aus der Kälte in die Produktivkräfte der Wirtschaft zu holen und damit Kunst und Kultur "abzusichern", zur Bedrohung.

Sicherheit in Informationsgesellschaften ist stark in persönlichem Empfinden und komplexen Zusammenhängen verankert. Gefühle von Angst und Sicherheit erwachsen aus multiplen unbewussten Ursachen und vielschichtigen Erfahrungszusammenhängen, und "Angst vor dem Tod" verbindet die abstrakte empirische Tatsache des biologischen Todes mit subjektiver emotionaler Furcht vor dem "nicht existieren" und ontologischen Angstgefühlen. Die bekannte Einteilung moderner Zivilisation in vorindustrielle, Industrie- und globale Risikogesellschaft geht davon aus, dass Individuen sich zunehmend zahlreicher Bedrohungen sowohl ihrer Umwelt als auch ihres sozialen Umfelds bewusst werden und sich gleichzeitig immer hilfloser fühlen, diese Gefahren zu minimieren oder dem etwas entgegen setzen zu können. In einer Kultur der Angst steht die öffentliche Wahrnehmung von Risiko nicht in Relation zu einem Ereignis oder einer Technologie und steht nicht notwendiger Weise im Verhältnis zu Ausmaß oder Intensität einer tatsächlichen Bedrohung. Die soziale Auswirkung dieser "Politik der Unsicherheit" hat inzwischen alle Bereiche unseres Lebens und viele Zusammenhänge sozialer Interaktion erreicht und zu einer "Survivalist Mentality" geführt. Obwohl immer mehr Teile der Gesellschaft von diesen Effekten ontologischer Unsicherheit, von Millenniumsangst (oder welche Bezeichnung auch immer dafür verwendet wird) durchdrungen sind, bleibt dies weitgehend nur indirekt erkennbar. In einem kulturellen Narrativ einer Welt aus Furcht und drohender Katastrophe ist nacktes Überleben das bestmögliche Ergebnis für das Individuum; Experimente oder darüber hinaus gehende Ambitionen für Veränderung erscheinen notwendiger Weise problematisch. Wo Sicherheit und die Ablehnung von Risiko quer durch das politische Spektrum ausschließlich positiv besetzt sind, wird nicht nur Schadensvermeidung, sondern auch die Förderung von Passivität zu einem Ziel an sich – und Dissens zum Sicherheitsproblem.

Sicherheitsfragen und Risikovermeidung sind aber nicht nur ein wichtiges Thema in der politischen Debatte, sondern wurden zu einer gigantischen Industrie des Sicherheits- und Risikomanagement. Während klassische ideologische Annahmen davon ausgehen, dass (notfalls letale) Gewaltausübung zur Sicherung der bürgerlichen Freiheiten notwendig ist, wird zunehmend erkannt, dass unsere technokratischen Gesellschaften nicht vom Kapital, sondern dem Sicherheitskomplex selbst gesteuert werden.

Das Zeitalter der Computer brachte eine Revolution der Kontrolle, eine dromologische Kultur, fixiert auf Sicherheit und Geschwindigkeit in einem technologischen Produktionszyklus, wo Kapital in Waffen, Technologie und immer noch mehr Sicherheit investiert werden kann. Amtliche Polizeikräfte werden durch private Sicherheitsdienste ersetzt, offizielle Haftanstalten durch private Kerker und staatliche Armeen durch Söldnertruppen. Diese Privatisierung hat einen direkten Einfluss auf das Verständnis und die Praxis von Sicherheit und lässt neue Formen von Krieg und Frieden sowohl zwischen als auch innerhalb von Staaten entstehen.

In westlich liberalen Gesellschaften, die einen langen Prozess der Privatisierung durchlaufen haben, wird Überwachung in erster Linie als Einbruch in die Privatsphäre und Verletzung der Anonymität wahrgenommen, was wesentliche Aspekte sozialer Ausgrenzung und Exklusion vernachlässigt. Überwachung als soziale Technologie der Macht ist als Strategie zur "Normalisierung" des Individuums und der Steuerung sozialer Kollektive ein weithin anerkanntes Modell. Während das Panopticon eine zentralistische Perspektive nahe legte, ist das Wachstum der Überwachungssysteme eher ein loser Fluss rhizomatischer Prozesse als ein zentral kontrolliertes und koordiniertes System. Dennoch können diese vernetzten Formen sozialer Organisation mit ihrer Flexibilität und teilweisen Offenheit, die Überwachungsassemblage, für konventionelle Zwecke der Dominanz eingesetzt werden, wie Guy Debord in seiner Abhandlung zu Geheimnissen schreibt: "Das Zentrum der Kontrolle ist okkult geworden – niemals mit einer sichtbaren Führung oder einer klaren Ideologie."

Während in Europa die Zahl der Gefängnisaufenthalte zusammen mit jener der Überwachungskameras in den Straßen immer weiter anwächst, sind allein in den USA, jenseits der "virtuellen Zuchthäuser" und GPS-Gefängnisse ohne Wände, mehr als 2 Millionen Menschen eingesperrt (mit 2 Hinrichtungen pro Woche). David Garland verspricht in "Die Kultur der Kontrolle" in naher Zukunft einen "Eisernen Käfig" für jeden einzelnen von uns, in einem dunklen Zeitalter der Angst, das von den neuen Datalords der Sicherheitszonen beherrscht wird.

In Strategiepapieren zur sicherheitspolitischen Weltlage des 21. Jahrhunderts wird vermehrt darauf hingewiesen, dass die Trennung zwischen militärischen und nicht-militärischen Operationen sich aufzulösen beginnt. Dies findet sich auch in US-Konzepten eines Kriegs ohne definierten Schauplatz und "omnidirektionaler" Kampfhandlungen, die auf Informationstechnologie und unkonventioneller Kriegsführung in low-intensity-Konflikten basieren.

Das Prinzip der Omnidirektionalität erweitert sich zur Beherrschung des Weltalls. Schon in den 1960er Jahren wurde der Kosmos zur Frontlinie der USA erklärt, und Jahrzehnte später wird erneut die Bedeutung des Weltraums für die nationale Sicherheit betont und zum Tummelplatz exotischer Waffentechnologie. Die Programme zur Kolonialisierung und Militarisierung des Weltraums begannen zum selben Zeitpunkt, als die Suche nach Wahrheitsseren und exotischen psychologischen Experimenten eine massive Verbreitung psychoaktiver Substanzen auslöste. Zur selben Zeit, als der Schauplatz menschlicher Konflikte erstmals von der Oberfläche des Planeten ins All erweitert wurde, ist auch die Beherrschung kognitiver Prozesse zur Kolonialisierung des subjektiven Raums und internalisierter Pazifisierung voran getrieben worden.

Ausgelöst von einer Serie internationaler Sicherheitsbedrohungen treten wir in eine neue Ära globaler hegemonialer Instrumentalisierung von Kultur. Die reale Dominanz in der Informationssphäre bedarf einer Instrumentalisierung von Kultur, Kunst und Ideologie, um Kritik und Widerstände zu dämpfen und die Kontrolle auf die symbolische Ebene, zu einer "charismatischen Herrschaft" zu erweitern. Kultur definiert ähnlich wie Spielregeln Werte und Rollenbilder, indem sie anzeigt, was anstrebenswert und was abzulehnen ist. Diese Spielregeln sagen nicht nur, welche Züge und Bewegungen möglich sind, sondern sie vermitteln auch den Sinn und die Zielvorstellungen, das Warum und die Erwartung an den Spieler selbst. Kultur hält nicht nur die Spieler "auf Linie" und entlastet so die Notwendigkeit zur Disziplinierung, sondern legitimiert auch die Durchsetzung von Regeln und vermindert dadurch Widerstand.

In Analogie zu militärischem "Information Peacekeeping" dient "Cultural Peacekeeping" psychologischen Stabilisierungsmaßnahmen in so genannten "Other Operations than War". Die Kulturalisierung von Sicherheitsfragen, unterstützt durch die technische Entwicklung, ist dabei zunehmend auch mit einer Militarisierung der intellektuellen Kapazitäten verbunden, was Franco Berardi Bifo die "militarization of the general intellect" nennt. Diese zunehmende Konvergenz von Sicherheitsfragen und Kultur mündet in die Entstehung des so genannten Military-Entertainment-Komplexes. Der virtuelle Krieg ist nach Hollywood "gegangen", wo die Grenzen zwischen Computersimulationen für militärische und Unterhaltungszwecke weitgehend ununterscheidbar werden. Der Begriff des "Military Nintendo Complex" bezieht sich auf die zunehmend intensive Zusammenarbeit von High-Tech, Medien, Militär und Nachrichtendiensten. Diese Entwicklung trägt zu einer weiteren Verschmelzung des Virtuellen und des Realen sowie der Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit bei.

Das andauernde subjektive Gefühl der Bedrohung und persönlichen Unsicherheit beeinflusst die Gesellschaft zunehmend in Hinblick auf die autoritären Implikationen eines Zustands der Regression und Abhängigkeit. Kunst- und Kulturschaffende bekommen die Gelegenheit, Vielfalt in die monolithische Überlieferung von Sicherheit zu bringen und die Umkehrung des Sicherheitsimpulses als schöne Kunst zu betreiben.


Konrad Becker ist Leiter der Wiener Netzkultur-Institution Public Netbase.

 
 

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