Interventionen. Eine rinks-lechts Geschichte. — IG Kultur

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Interventionen. Eine rinks-lechts Geschichte.

Thomas Neuhold

Wenn eine große autonome Kulturinitiative ein Magazin für Kultur und Politik herausgibt, bleiben Konflikte um die Zeitschrift naturgemäß nicht aus. Die inzwischen knapp zehnjährige, höchst erfolgreiche Geschichte des von der ARGE-Kultur Salzburg (vormals Kulturgelände Nonntal) herausgegebenen "kunstfehler - druck für kultur und politik/salzburg" ist voll von solchen Auseinandersetzungen. Legendär etwa die parlamentarischen Anfragen Jörg Haiders in Sachen "kunstfehler" Mitte der 90er oder der Tobsuchtsanfall eines Herbert Fux im Kulturausschuss der Stadt Salzburg nach Lektüre eines seine Politik betreffenden Kommentars im "kunstfehler".

Und natürlich wird auch bei einem etablierten Medium der Gegenöffentlichkeit interveniert, dass die Schwarte kracht. So gut wie alle tun es; insbesonders aber jene, die eigentlich zu wissen glauben, dass "das Schasblattl" ohnehin niemand lese. So weit, so Normalität. Interventionen gehören für JournalistInnen eben zum täglichen Brot.

Neuerdings versuchen sich allerdings nicht nur Beamte, Parteisekretariate sowie lokale und regionale KulturpolitikerInnen in der hohen aber unappetitlichen Kunst der Intervention. Inzwischen haben auch FunktionärInnen von ganz Links Blut geleckt und Appetit auf den "kunstfehler" bekommen. So pflegen beispielsweise einige VertreterInnen der sogenannten "Sozialforen" die klassische Intervention. Wenigstens ist man ehrlich: Barbara Waschmann und Christian Apl vom "Austrian Social Forum" haben in ihrem programmatischen Artikel zu den Sozialforen in den Kulturrissen 03/03 die Strategie, sich "unterschiedlichster Kommunikationskanäle - wie Mitgliederzeitschriften, Newsletter, Freie Radios" zu bedienen, weise offen angekündigt.

Die Causa Eschbacher...

Während von dieser Seite versucht wird, einzelne Inhalte im "kunstfehler" unterzubringen und vor allem eine allzu kritische Auseinandersetzung mit einzelnen Fragen der Sozialforen zu verhindern, fahren andere "Linke" mit weit heftigerem Geschütz auf.

Im Dezember vergangenen Jahres wandte sich der Halleiner Gemeindevertreter Christoph Eschbacher in einem e-mail an die den "kunstfehler" herausgebende ARGE-Kultur. Eschbacher ist KPÖ-Funktionär, war an der Organisation des 1. Austrian Social Forum in Hallein 2003 maßgeblich beteiligt und rutschte über die aus Grünen und Ex-SozialdemokratInnen zusammengewürfelte Liste "Bündnis für Hallein" 1999 in die Gemeindestube. Das Schreiben hat es in sich: Der einzige KPÖ-Gemeinderat im Bundesland Salzburg unterstellt der Redaktion des "kunstfehler", die KPÖ aus ihrer Berichterstattung vorsätzlich auszuklammern und vor den Landtags- und Gemeinderatswahlen in Salzburg einzelnen RedakteurInnen näher stehende politische Gruppierungen zu unterstützen. Der Anwurf ist, wie unter www.kunstfehler.at leicht nachlesbar, zwar blanker Unsinn und wäre eigentlich weitgehend bedeutungslos; damit könnte man leben.

Bezeichnender, welch Geistes Kind sich da unter der Decke der KPÖ tummelt, ist der zweite Teil des Schreibens: "... - ich werde jedenfalls den Salzburger GenossInnen empfehlen, ihre Inserate in gesellschaftlich relevanten Medien (Salzburger Fenster usw.) zu schalten und den kunstfehler gemäß seiner Bedeutung zu ignorieren." Wir verstehen: Wer zahlt, schafft an und die Hand, die einen füttert,... Der Maßstab der Gesinnung ist eben immer noch die Praxis.

Die Redaktion, die ARGE-Kultur sowie die Gewerkschaft-Journalismus-Papier wiesen die Ungeheuerlichkeit als "nicht hinnehmbaren Versuch, auf die redaktionelle Gestaltung des kunstfehlers Einfluss nehmen zu wollen" (Erklärung des Vorstandes der ARGE-Kultur) zurück. Der tragischen Ironie, dass ausgerechnet ein Funktionär der völlig abgewirtschafteten KPÖ mit ökonomischen Drohungen an die Herausgeberin JournalistInnen gängeln will, dürfte sich Gemeinderat Eschbacher vermutlich bis heute nicht bewusst sein.

... und die KPÖ

Während es die Liste "Bündnis für Hallein" vorzog, zu dem Ausritt ihres Mandatars ebenso zu schweigen wie KP-Bundeschef Walter Baier, kam die KP-Salzburg der Aufforderung zur Stellungnahme immerhin nach. Sie übermittelte ein dialektisches Einerseits - "Christoph Eschbacher hat als Privatperson das Recht, seine Meinung bezüglich der Berichterstattung des Kunstfehlers kundzutun, wie auch das Recht, Empfehlungen auszusprechen. (...) Wir sehen uns deshalb nicht veranlasst, uns von Gen. Eschbacher zu distanzieren." - wie auch ein ebenso dialektisches Andererseits: "Wir weisen darauf hin, dass es bezüglich "Nicht-Schaltung" von Inseraten im Kunstfehler keinen Beschluss der KPÖ Salzburg gibt. Die KPÖ Salzburg steht vorbehaltlos zu der 1848 erkämpften Pressefreiheit und hat auch in Zukunft nicht vor, über Inseratenschaltung Politik zu machen."

Wir jedenfalls, wir haben fertig.


Thomas Neuhold ist Salzburg-Korrespondent des "Standard", und Redakteur des kunstfehler - druck für kultur und politik/salzburg.

 
 

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