Prekäre Arbeitsverhältnisse für alle? Kunst, Kultur, Wissenschaft als (negative) Avantgarde (alt-)neuer (Erwerbs)Arbeitsverhältnisse oder "Selbständig waren wir ja schon immer" — IG Kultur

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Kulturrisse Ausgaben 01/2003 Kulturpolitiken Prekäre Arbeitsverhältnisse für alle? Kunst, Kultur, Wissenschaft als (negative) Avantgarde (alt-)neuer (Erwerbs)Arbeitsverhältnisse oder "Selbständig waren wir ja schon immer"
 

Prekäre Arbeitsverhältnisse für alle? Kunst, Kultur, Wissenschaft als (negative) Avantgarde (alt-)neuer (Erwerbs)Arbeitsverhältnisse oder "Selbständig waren wir ja schon immer"

Andrea Ellmeier

"Zu allererst muß man von Einkommen sprechen. Je nach Beruf verdienten die prekarisierten Intellektuellen, die wir befragt haben, zwischen 30% und 50% von dem, was sie verdient hätten, wenn sie dieselbe Arbeit als fix Angestellte bzw. Beamte geleistet hätten." Anne Rambach, Chercheurs Précaires, Vortrag gehalten auf der Veranstaltung der IG Externe und Freie WissenschafterInnen "Intellektuelle zwischen Autonomie und Ausbeutung", Wien 6.12.2002

"Die Warnfunktion kann nur von denen kommen, die an der Grenze arbeiten."
Peter Weibel, 2003


Auf der Suche nach (Erwerbs)Arbeit ist in den letzten Jahren ein Feld, das bislang als arbeitsmarktpolitisch wenig attraktiv galt, immer häufiger in Diskussion gebracht worden: der Kulturbereich - ein sehr weites 'Land' gewissermaßen, zudem eine unsichere Größe in den Statistiken. Auch die EU-Generaldirektion für Soziales und Beschäftigung wollte mehr darüber wissen und gab die Studie Exploitation and development of the job potential in the cultural sector in the age of digitalisation in Auftrag.

Die in ganz Europa seit Ende der 1990er Jahre auffallend häufiger werdenden Potential-Studien zum Thema Kultur & Beschäftigung erzählen nun immer wieder Ähnliches, teils auch wirklich Versprechendes: Demnach komme in einer postindustriellen Gesellschaft dem kulturell-kreativen Bereich zunehmend mehr Bedeutung zu, weil sich die kapitalistische Produktion hin zu einer "kulturellen Produktion" entwickelt habe, also immer mehr Produkte, Dienstleistungen und Services (Image Building), die als kulturelle bezeichnet werden können, in die Verwertungsschleife des Kapitals gelangen. Das nun stimmt ja auch, weil angesichts von restriktiven öffentlichen Haushalten in Europa viele in klassischer wohlfahrtsstaatlicher Tradition monetarisierungsferne, im Interesse einer Allgemeinheit gestaltete Bereiche wie Bildung, Kultur und Gesundheit stark unter finanziellen Druck geraten sind und sich derzeit in einem spürbaren Prozess der Monetarisierung befinden - vgl. z.B. die Wiedereinführung von Studiengebühren 2001, die teuren und doch prosperierenden Postgraduate-Ausbildungen, und auch im Kulturbereich stehen die Zeichen der Zeit schon seit längerem auf "Ökonomisierung". Dazu gehört die zunehmende Aufmerksamkeit für all das, was als "creative industries" die Phantasien von Kultur- und WirtschaftspolitikerInnen immer wieder heftig stimulieren kann. Unklar ist zwar nach wie vor, was in vergleichend europäischer Perspektive gewissermaßen 'vor Ort' unter "creative industries" verstanden wird: verbindliche Definitionen fehlen da noch, auch in Ländern, wo die "creative industries" zu einem realen (Wirtschafts-)Player geworden sind - also in Großbritannien, Deutschland (Nordrhein-Westfalen), Finnland und Australien. Vor allem in urbanen Wirtschaftsentwicklungskonzepten sind die "creative industries" zu einem beweglichen Joker im Spiel der Interessen geworden (vgl. Manchester, Helsinki, Queensland (AU) und jetzt auch Wien) - für welche Gruppen der "Creative-Industries"-Ansatz letztlich sich als attraktiv herausstellen wird, ist aber noch keineswegs so klar entschieden, wie viele KritikerInnen meinen.

Wirklich politisch interessant wird die Kultur-Wirtschafts-Beschäftigungs-Frage aber meiner Meinung immer dann, wenn die (meist) positiven allgemeinen Kulturarbeitsmarktprognosen mit den vielfach tristen Einkommenssituationen des Großteils der so genannten Kreativ-Personen-Pools - wer immer diese Personen dann auch im Detail sein mögen - gegengelesen werden, also die Frage weg von der Industrieentwicklung hin zur Personen-Entwicklung gestellt werden darf. Da sind wir dann freilich bei den profan-konkreten Lebens- und Arbeitsbedingungen dieser sogenannten Kreativen, den KünstlerInnen, Kultur- und MedienarbeiterInnen, JournalistInnen und (freien) WissenschafterInnen, wo nur wenige in einem geregelten Normalarbeitsverhältnis stehen, viele aber von Projektarbeit, befristeten Lehraufträgen und anderen befristeten Aufträgen leben, damit aber freilich auch sehr unregelmäßige Einkommen erzielen, was wiederum oft eine schlechtere soziale Absicherung nach sich zieht. Die "Kreativen" sehen sich auch häufig mit so etwas wie unsteten Karriereverläufen konfrontiert, was dann auch bedeuten kann, dass im Älterwerden - bzw. gerade dann (Auslaufen der Stipendien) - sich die einmal gewählte freie Erwerbsarbeitsform einfach nicht mehr bzw. nicht mehr einfach in eine Standardbeschäftigung überführen läßt. Dazu kommt ja auch die am "Starprinzip" orientierte sehr ungleiche Entlohnung im kulturellen Sektor. In diesem Zusammenhang sollte viel häufiger auf den für Kunst- und WissensproduzentInnen ironischerweise nach wie vor gewissermaßen ‚verlässlichsten' Support durch "(Paar)Beziehung" (empfehlenswert erscheint z.B. die Kombination von sicherem Job (Beamte/Beamtin) und Kreative/r) und "privates Erbe" hingewiesen werden, nach dem Motto "Kunst, Kultur und Wissenschaft muss man/ frau sich nun auch wirklich leisten können!".

Die bei den "Kreativen" häufig auftretenden Erwerbsarbeitsformen sind nun oft genau das Gegenteil davon, was ein klassisch strukturiertes Normal-Arbeitsverhältnis genannt werden kann: Die KünstlerInnen-, Kreativ-, Medien- und WissenschafterInnenarbeitsmärkte sind ganz spezifische, oft - nicht immer (Ausnahme: JournalistInnengewerkschaft) - gewerkschaftsfern strukturierte Arbeitsmärkte. Das heißt, viele Personen, die im Kunst-, Kultur- und Wissenschaftsbereich arbeiten, fallen aus den traditionellen Solidargemeinschaften heraus. Es gibt sie auf gewerkschaftlicher Ebene einfach nicht, sie kommen nicht in den Blick, weil sie seltsam neuen Erwerbsarbeitsformen nachgehen und zudem eines nicht erfüllen können, was sich einmal als eine Grundvoraussetzung von "klassischer" Gewerkschaftspolitik etabliert hat: so genannte Normalarbeitsplätze, das heißt Vollzeitbeschäftigung mit vollem arbeitnehmerrechtlichen Schutz - eine im heutigen "flexiblen Kapitalismus" rasch schrumpfende Größe am Arbeitsmarkt. Eine aktuelle AK-Studie belegt zudem, dass "flexible und unbeständige Beschäftigungsformen sich nicht auf Atypische, wie geringfügig Beschäftigte oder freie Dienstnehmer" beschränken, "sondern immer weiter in den Bereich der Standardbeschäftigung hinein(reichen)." (AK-Studie). So sei auch die öffentlich sehr gerne so positiv hervorgehobene, aber kaum genauer befragte Beschäftigungszunahme im Allgemeinen gerade im Bereich der instabilen Beschäftigung erfolgt. Dieses heute schmerzlich spürbare nachhaltige Versäumnis der sozusagen "Normalarbeits-" Gewerkschaftspolitik war freilich auch historisch gesehen der "tatsächlichen" Erwerbsarbeitsplatzstruktur niemals ‚wirklich' angemessen gewesen, weil die Referenzfigur für dieses von Arbeiterbewegung und Gewerkschaften so genannte Normalarbeitsverhältnis eine war, die folgendermaßen beschrieben werden kann: männlich, weiß, um die 30. Bei dieser Normal-Konstruktion war also gleich mehreres nicht enthalten - Erwerbsrealitäten von (vielen) erwerbstätigen Frauen und anderen benachteiligten bzw. untypisch erwerbstätigen Gruppen am Arbeitsmarkt wie MigrantInnen etc.

Flexwork ist nun eine vor kurzem, vor allem aufgrund der ebenfalls sehr gestiegenen Anzahl an LeiharbeiterInnen und TeleworkerInnen, gegründete Teilgewerkschaft der GPA, die die Anliegen der prekär Beschäftigen in die gewerkschaftliche Arbeit zu integrieren versucht, was ja in Zeiten wie diesen einer Sisyphus-Arbeit gleichkommt - vor Augen die kontinuierlich gleichsam schleichende Rücknahme von klassischen (wohlfahrtsstaatlichen) ArbeitnehmerInnenrechten, das schwierige und für alle Betroffenen unerfreuliche, zudem oft auch hilflose Handling von ArbeitnehmerInnen 2. Klasse (Freie DienstnehmerInnen - keine Arbeitslosenversicherung!) und der rapide Anstieg von Selbständigen, die in den letzten Jahren als Schein- bzw. unselbständige Selbständige bzw. abhängige Selbständige die Arbeitsmarktstatistiken ganz schön in Bewegung gebracht haben.

An dieser Stelle möchte ich - auch als (Co-)Konzeptionistin einer EU-Konferenz zum Thema "Kultur als Kompetenz" (während der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft 1998) - bei diesem erneuten Beschreibungsversuch des "kreativen Potentials" auf den seither viel strapazierten - damals von der Medienwissenschafterin Marie-Luise Angerer präsentierten - Definitionsvorschlag zurückzugreifen -, wenngleich auch gerade diese ihre Definition der Cultural Worker bereits x-mal zitiert heute zum festen Repertoire der Kulturarbeitsdebatte gehört: Ein cultural worker sei demnach "eine durchschnittlich 25-30-jährige Person, multiskilled, flexibel, psychisch stark im Nehmen, unabhängig, alleinstehend, ortsungebunden, die zugreift, wo es im Bereich der Kunst, der Musik, der Medien etwas gibt." (Angerer, 26). Angesprochen ist dabei gleichzeitig alles, was auch die New Economy immerwährend braucht(e): jung, ungebunden, kreativ. Aber selbst diese Frischekur half dieser oft auf dünnen Spekulations-Beinen stehenden und stark gehypten New Economy letztlich zu wenig, um den schweren Absturz zu verhindern. Und heute - 2003 - steckt sogar die seit den 1980er Jahren als Zukunftsbranche par excellence gehandelte Telekommunikation in veritablen Schwierigkeiten und die seit Beginn der 1980er Jahre ständig nachgefragten EDV-ExpertInnen, die noch vor drei Jahren alle Ranking-Listen anführten, wären jetzt selbst froh, wenn dieser "böse Krisenzauber" endlich wieder vorbei wäre.

Der Zusammenbruch der New Economy-Märkte änderte nun aber schon gar nichts am zuvor herausgebildeten Anforderungsprofil für Jobsuchende im kreativen Sektor - nein, vielmehr begannen sich seither die an die Medien- und KulturarbeiterInnen, an die sogeannten "Kreativen", an Content-LieferantInnen herangetragenen Anforderungen auf immer mehr gesellschaftliche Bereiche auszudehnen. Aus diesem Grund ist es auch alles andere als verwunderlich, dass sich in einer Studie über die Arbeitsbedingungen und das Berufsprofil von Externen LektorInnen und Freien WissenschafterInnen (IG Externe LektorInnen und freie WissenschafterInnen 2000) eine ähnliche Definition von (Erwerbs)Arbeitsanforderungen und -bedingungen findet. Das mag auch darauf deuten, dass der human- und sozialwissenschaftliche Arbeitsmarkt eine dem Kultur- und Kunstbereich vergleichbare Struktur aufweist: auf der einen Seite wenige Voll-Arbeitsplätze in den Kulturinstitutionen und auf den Universitäten und auf der anderen eine umso größere Menge an sehr gut ausgebildeten Personen, die als Freie DienstnehmerInnen bzw. Neue Selbständige bzw. befristete ProjektmitarbeiterInnen wesentlich zur Gestaltung der Wissens- und der so gerne zitierten Kulturgesellschaft beitragen.

Die IG Externe LektorInnen und Freie WissenschafterInnen lud Ende 2002 zu einer Veranstaltung mit dem sprechenden Titel "Intellellektuelle zwischen Autonomie und Ausbeutung", bei der die französische Autorin Anne Rambach Teile aus ihrem mit Marine Rambach veröffentlichen Buch "Les intellos précaires" vorstellte - ein Buch, das in Frankreich zu einem Bestseller avancieren konnte und dem es damit gelang, die ansonsten meist nicht einmal ignorierte Lebens- und Arbeitssituation von "prekarisierten Intellektuellen" einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln bzw. diese überhaupt erst einmal als Gruppe des Arbeitsmarktes wahrzunehmen. Anne Rambach beschränkte sich im Wiener Vortrag auf die "prekarisierten ForscherInnen" und referierte dazu Ergebnisse, wie sie sich einerseits verblüffenderweise, dann aber auch wieder eigentlich ganz logischerweise ähnlich in der österreichischen Studie aus dem Jahr 2000 und in vielen KünstlerInnen-Arbeitsmarkt- und Sozialreports finden lassen.

Anne Rambach betonte aber nicht nur die Nachteile, sondern versuchte auch die positiven Seiten von prekarisierter Forschungsarbeit, die von den Interviewten mit dieser Lebensform verknüpft wurden, zu Wort kommen zu lassen. Erwähnen möchte ich ihren Verweis darauf, dass viele der Interviewten ein ganz spezifisches Gefühl von Freiheit und freier Zeitverfügbarkeit außerordentlich hoch schätzen an dieser Form des Erwerbs und auch der Meinung waren, dass sie damit "zumindest den Neurosen, die durch die Forschungseinheiten oder durch die Universität hervorgerufen werden", entgehen.

Auf der doch viel längeren Negativ-Liste der prekarisierten ForscherInnen kommt freilich dann gleich eine diesem Freiheitsgefühl fast diametral entgegengesetzte Job-Anforderung, die ebenfalls zur "freien" Arbeit gehört - ein teilweise fast "feudales" Abhängigkeitsverhältnis zu den AuftraggeberInnen in den Universitäten bzw. Forschungseinrichtungen. "In diesem relativ deregulierten Raum ist das Verbrechen der Majestätsbeleidigung das Schlimmste überhaupt, und wie für alle Prekarisierten ist das gute Einverständnis mit dem/der ArbeitergeberIn bzw. dessen Repräsentantin absolut notwendig" (Rambach, Vortrag 6.12.02). Anne Rambach schließt daraus, dass gerade deshalb Prekarität den Konservativismus fördere.

Allgemein gesprochen hat die Figur des Arbeitnehmers - wie sie historisch erst nach 1945 in den europäischen Wohlfahrtstaaten entstanden ist - als Modell des sogenannten "Normalarbeitsverhältnisses" von qualifikationsadäquater, vollzeitlicher und lebenslanger Beschäftigung bis ca. Anfang der 1980er Jahre für eine Mehrheit der Lohn- und Gehaltsabhängigen gegolten. Seither (1980-2001) ist aber in Österreich die Anzahl der atypisch Beschäftigten um 207,8 Prozent, also um das 3,08-fache gestiegen, im Vergleich dazu ist die allgemeine unselbständige Beschäftigung um "lediglich" 21 Prozent gewachsenn. Leben wir also in Zeiten der "Feminisierung des Arbeitsmarkts"?

Um noch eine für den Kultur, Wissenschafts- und Medienbereich relevante Gruppe herauszugreifen, sei auf die Neuen Selbständigen hingewiesen, die in Österreich im Zeitraum von 1999 (nach Einführung der Versicherungspflicht auch für Werkverträge) bis ins Jahr 2001 um das 2,9-fache gestiegen ist.

Der Soziologe und Biographieforscher Heinz Bude spricht von einer "Transformation zu einem flexiben und digitalen Kapitalismus, weg vom keynesianischen Wohlfahrtstaat hin zum schumpeterianischen Leistungsstaat" und zu einer "variablen Geometrie individueller Anreize" (Bude, 132). Eine weitere Charakteristik für die Arbeit der Zukunft sieht er in der rasch steigenden Tendenz der "Entbetrieblichung und Entberuflichung der Erwerbstätigkeit", die - wie er es ausdrückt - "den unternehmerischen Aktivismus zu einer Schlüsselqualifikation auf dynamischen Arbeits- und Produktmärkten" mache. Die Entberuflichung birgt freilich nicht wenige (ArbeitnehmerInnen-)Fallen, wie z.B. der Wegfall des Berufsschutzes arbeitsmarktpolitischer Willkür Tür und Tor öffnen würde. Heraus bildet sich - so Bude - der "Leitbegriff des 'unternehmerischen Einzelnen', der sich nicht an vorgegebene Standards hält, sondern eigene Kombinationen ausprobiert und sich auf dem Markt und in der Gesellschaft durchsetzt".

Der globale Postkapitalismus verschluckt also gewissermaßen die Figur der vollversichterten (männlichen) Arbeitnehmer und wird sukzessive abgelöst von einer ungebunden-flexibel, (schein)selbständig agierenden und zu allem bereiten arbeitnehmerähnlichen unternehmerischen EinzelkämpferIn. Hier greifen die Kategorien der Vollerwerbsarbeitsgesellschaft - da ArbeiternehmerIn, dort UnternehmerIn - nicht mehr, der/die (Kultur/Wissens-)ArbeiternehmerIn wird so zu einer kapitallosen (Kultur-/Wissens-)UnternehmerIn. "These new kinds of workers are posed midway between labour and capital, doing the job of both at the same time. This means that … the re-socialisation of creative and cultural work … will not and could not mark a return to the organisational form of 'old' labour but require instead a more imaginative leap, one which have to take into account the fragility of cultural entrepreneurialism and the reality of self-employment." (McRobbie, 1998, 188-189).

In einer aufschlussreichen Studie über die Zukunft des Arbeitsmarkts von Künsterlnnen und PublizistInnen betonen die Berliner ArbeitsmarktforscherInnen Sabine Haak und Siegfried Schmidt, dass insbesondere die Selbständigen - neben dem Freiwilligen-Sektor und dem Niedriglohnsektor - eine immer wichtigere Gruppe am Arbeitsmarkt sein werden, wie diese auch interessanterweise - je nach Interessenlage und Ideologie der jeweils Sprechenden - gänzlich unterschiedliche Beschreibungen erhalten können: So werden diese Selbständigen für die einen heroisch zu "Mikrounternehmern", zu "Unternehmern in das eigene Humankapital" (Europäische Kommission), andere aber sprechen von "Job-Sklaven", "Tagelöhnern" und WanderarbeiterInnen" oder "Scheinselbständigen". Im Jahr 2001 wurde in einer - übrigens in allen EU-Mitgliedstaaten durchgeführten - Sonderuntersuchung die Größenordnung dieser als Scheinselbständigen erfaßten Gruppe erstmals erhoben.

Mit diesem äußerst knapp gehaltenen Parcours durch neu-alte Erwerbsarbeitsformen in Wissschaft, Kunst und Kultur möchte ich einen Startballon für stärkere Allianzen zwischen den Prekarisierten da und dort steigen lassen, was eventuell zu fallweisen Kooperationen über die engeren Fächerabgrenzungen bzw. IG-Abgrenzungen hinweg führen könnte und meiner Meinung nach auch sollte, - weil erstens die häufig schlechten Lebens- und Arbeitsverhältnisse des oft beschworenen, aber wenig sozialrechtlich wahrgenommenen "kreativen Potenzials" vielfach im traditionellen Arbeitsmarkts-Diskurs wenig registriert werden und - weil zweitens Sensibilität dafür zu schaffen ist, dass sich nicht hinterrücks die prekären Arbeitsverhältnisse des "kreativen Potenzials" (als Negativ-Avantgarde) auf noch viel mehr ganz "normale" ArbeitnehmerInnen ausweiten könnten.

Literatur

AK-Studie zeigt: Flexible Beschäftigungsformen nehmen in Österreich zu, Presseaussendung der AK Wien, 1.8.2002

Angerer, Marie-Luise "Cultural Worker Who Are You?" Statement 1, in: Kultur als Kompetenz. Technologien, Kultur und Beschäftigung, hg. von Österreichische Kulturdokumentation. Internationales Archiv für Kulturanaysen: Andrea Ellmeier und Veronika Ratzenböck und Bundeskanzleramt. Kunstsektion, Wien 1999, 26-28 (www.kulturdokumentation.org)

Bude, Heinz "Was kommt nach der Arbeitnehmergesellschaft?" in: Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Ulrich Beck, Frankfurt/Main 2000, 121-134

Cliche, Danielle/ Mitchell, Ritva/ Wiesand, Andreas J. (eds.) Pyramid or Pillars: Unveiling the Status of Women in Arts and Media Professions in Europe, ERICArts (European institute for comparative cultural studies) / ZfKf (Zentrum für Kulturforschung), Bonn 2000

Ellmeier, Andrea Kultur und Wirtschaft - Kulturwirtschaft/Creative Industries. Neue Politik und neue Allianzen in Europa, Vortrag, gehalten auf der Fachenquete der Grünen Wirtschaft "Creative Industries - Wohin? Ökonomisierung der Kultur - Kulturalisierung des Marktes, 29. November 2001, Parlament Wien (www.gruene.at/texte/dokument_7247.rtf)

Haak, Carroll/ Schmid, Günther Arbeitsmärkte für Künstler und Publizisten - Modelle einer zukünftigen Arbeitswelt? Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin 1999

IG Externe LektorInnen und freie WissenschafterInnen, Zwischen Autonomie und Ausgrenzung? Zur Bedeutung Externer Lehre und Freier Wissenschaft an österreichsichen Universitäten und Hochschulen, Wien 2000 (download unter: www.univie.ac.at/ig-lektorInnen)

Kurswechsel. Zeitschrift für gesellschafts-. wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen. Heft 2/2000: Leitbild Unternehmer. Neue Selbständige, Wettbewerbsstaat und Gesellschaftspolitik

McRobbie, Angela British Fashion Design: Rag Trade or Image Industry? London 1998

MKW Wirtschaftsforschung GmbH/ Österreichische Kulturdokumentation. SFInternationales Archiv für Kulturanalysen et.al: Exploitation and development of the job potential in the cultural sector. Final Report, im Auftrag der European Commission, DG Employment and Social Affairs; Munich, Vienna et al. 2001 (http://www.kulturdokumentation.org/ akt_proj/potential.html)

Rambach, Anne, Prekarisierte ForscherInnen, Vortrag gehalten bei der Veranstaltung der IG Externe LektorInnen und freie WissenschafterInnen "Intellektuelle zwischen Autonomie und Ausbeutung. Zur Prekarität wissenschaftlicher und kultureller Produktion" am 6.12.2002, Universitätscampus Wien, Übersetzung: Eva Krivanec.


Die Ausführungen Andrea Ellmeiers basieren teilweise auf ihren Arbeiten für die Kulturdokumentation im Rahmen des EU-Projekts Exploitation and development of the job potential in the cultural sector in the age of digitalisation, commissioned by European Commission, DG Employment and Social Affairs, ed. by MKW Wirtschaftsforschung GmbH (München), Österreichische Kulturdokumenation. Internationales Archiv für Kulturanalysen (Wien), empirica Delasasse (Köln), Interarts (Barcelona), Economix Research & Consulting (München) and WIMMEX AG (München), Final Report, Brussels, June 2001 (download: www.kulturdokumentation. org/akt_proj/potential.html und http://europa.eu. int/comm/employment_social/news/2001/jul/digital_en.html (Summary auch in Deutsch erhältlich). Die hier vorliegende Interpretation des Materials liegt in der alleinigen Verantwortung Andrea Ellmeiers.


Andrea Ellmeier ist Kulturwissenschafterin und Historikerin, Lehrbeauftragte an der Universität Wien, Vorstandsmitglied der IG Externe LektorInnen und Freie WissenschafterInnen.

 
 

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