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Liessmania

Klaus Neundlinger

Über das Gespräch, das Konrad Paul Liessmann und Peter Sloterdijk mit Wolfgang Schüssel im Juni während eines gemeinsamen Essens führten, ist mir nichts bekannt. Wohl aber nahm ich an einer Podiumsdiskussion Ende Juni teil, die von der Grünen Bildungswerkstatt veranstaltet wurde. Bei dieser Gelegenheit hörte ich Liessmann über Perspektiven des Widerstands gegen die neue Regierung sprechen. Wie kommt es, dass jemand, der in der österreichischen Öffentlichkeit eine bedeutende Position als Intellektueller einnimmt, mehr oder weniger gleichzeitig zu den Mächtigen und zur Opposition geht, um seine Statements abzugeben - ohne dabei jede Glaubwürdigkeit zu verlieren?

Dass so eine Strategie aufgeht, muss wohl mit der Struktur dieser Öffentlichkeit zu tun haben. Eine Beobachtung, die ich anlässlich der Podiumsdiskussion machte, scheint mir diesbezüglich erhellend zu sein. Die Mehrzahl der Wortmeldungen bestand in Reaktionen auf Liessmanns Ausführungen, obwohl diese inhaltlich weder etwas Neues in die Diskussion einbrachten noch besonders tiefgehend waren. Neben der differenzierten Analyse der österreichischen Situation, die etwa Johannes Voggenhuber an jenem Abend vorlegte, erschienen sie mir sogar als etwas oberflächlich. Es erwies sich wieder einmal deutlich, dass die Intervention von Intellektuellen in einer öffentlichen Debatte nicht in erster Linie über Inhalte vermittelt wird, sondern viel stärker über die strategische Verteilung von Positionen innerhalb der Dynamik der "Meinungsbildung". Gibt es dann überhaupt Anlass zur Vermutung, dass der kritische Diskurs mit einem bestimmten Engagement verbunden sein muss? Ich möchte diese Verbindung subjektiv nennen, und zwar nicht in dem Sinn, dass sie im Gegensatz zur "objektiven" Wirklichkeit stünde, sondern in dem Sinn, dass die kritische Reflexion von ihrem Vollzug nicht getrennt werden kann, es sei denn, man opfert sie dem Zynismus.

Die Position Liessmanns lässt sich demnach so beschreiben, dass mit ihr immer eine gewisse entsubjektivierte Distanz zum Geschehen gegeben ist. Diese Distanz, die man als affektive Distanz verstehen muss, hat dennoch ihre Kehrseite. Sie ist selber eine affektive Haltung, ein Vollzug. Hinter der Maske des Distanzierten, von der Dynamik des Geschehens nicht Affizierten, hinter der Inszenierung einer bestimmten kritischen Haltung gegenüber jedem Engagement lauert die Gefahr der Leere und der schlecht verborgenen Orientierungslosigkeit des eigenen Denkens. Es handelt sich dabei um ein Spiel an der Oberfläche, das in vielen Fällen leicht zu gewinnen ist. In dem Maße, in dem die eigene Rhetorik die relevanten Inhalte bewusst verdrängt, gibt es nämlich nichts mehr, was man als Einsatz (punkt) des eigenen Sprechens ausmachen könnte. Signifikant für diese Inszenierung ist etwa die Tatsache, dass im Jänner in Mölzers "Zur Zeit" ein Artikel von Liessmann abgedruckt wurde, in dem er in einer Art Rückblick einige Thesen über das 20. Jahrhundert aufstellte. Nachdem gettoattack in einer Aktion auf diesen Artikel aufmerksam gemacht hatte, meinte Liessmann, dieser Artikel sei ohne sein Wissen veröffentlicht worden. In zwei schriftlichen Stellungnahmen gegenüber gettoattack war er offensichtlich bemüht, sich von dem Umfeld, in dem seine Thesen erschienen waren, zu distanzieren. Nichtsdestotrotz stand in dem Artikel sinngemäß zu lesen, man solle historisch dort weitermachen, wo Europa vor dem Ersten Weltkrieg stand - also am 19. Jahrhundert anschließen. In meinen Augen stellt die Argumentation eine unkritische Affirmation des im 19. Jahrhundert entstandenen Nationalismus dar, der gegenwärtig ganz Europa in zunehmendem Maße bestimmt und gefährdet, und geht in diesem Sinne durchaus mit der Blattlinie konform. Inhaltlich ist für mich also eine Distanzierung vom Ort des Erscheinens schwer nachzuvollziehen.

Es geht darum, in der aktuellen Situation zu bestimmen, was den Vollzug einer distanzierten Haltung zum Geschehen auszeichnen könnte. Deshalb scheint es mir sinnvoll, eine Art von Kartografie der Affekte zu erstellen, um so gewisse Orientierungen für die Reflexion des politischen Wandels zu ermöglichen. Es gilt zu zeigen, dass man nicht notwendigerweise zynisch werden muss, wenn man ein wenig Abstand zum Geschehen gewinnen will. "Distanz" ist also eine wichtige Forderung für die Reflexion, sie muss allerdings genau bestimmt werden. In diesem Sinne scheint es für eine intellektuelle Positionierung erforderlich, Begriffe zu schaffen, die Zusammenhänge durchsichtig machen. Die Distanz ist also eher gegenüber den Oberflächen, den handelnden Personen oder Gruppen als solchen einzunehmen, als in einem polemischen Diskurs, der sich beständig seine Gegner schaffen muss. Woran die Debatte in Österreich und vielleicht im Allgemeinen besonders krankt, ist der Mangel an analytischem Vermögen in Bezug auf politische und historische Verhältnisse. Man kann also für den Widerstand gegen die neue Regierung berechtigterweise fragen, wogegen sich unser Zorn und unser Wille, nicht so regiert zu werden, richtet. Allerdings drückt sich in den Demonstrationen, in den verschiedensten Aktionen von KünstlerInnen, politischen Gruppen und den in besonderem Ausmaß betroffenen Minderheiten schon jene Distanz aus, nach der die Polemiken dagegen vergeblich suchen. Es handelt sich dabei um einen vielfältigen Abstand, der zu den Entwicklungen eingenommen wird, ohne auf das Vermögen, zu handeln, zu verzichten. Der Raum des Politischen wird dadurch ganz konkret neu vermessen. Abseits der repräsentativen Auseinandersetzungen gibt es deshalb immer den Willen zur Distanz: die Forderung nach Selbstbestimmung. Ob es sich dabei um die Frage der restriktiven Finanzpolitik handelt, um die Einschränkung der Grundrechte durch neue Gesetze, um die Inszenierung eines erschreckenden Nationalismus im Zusammenhang mit der Frage der Sanktionen, die Distanz ist immer anwesend, und sie drückt sich im Zorn und im Protest dagegen aus. Die politischen Bedingungen haben sich in Europa in den letzten Jahrzehnten so sehr verschoben, dass die grundlegende Frage für eine Bestimmung der Distanz nur folgendermaßen zu stellen ist: Haben einzelne Interessengruppen oder Communities, die sich über bestimmte Identitäten definieren, überhaupt die Möglichkeit, ihre Forderungen zu artikulieren, um diese in einer Auseinandersetzung durchzusetzen?

Was ich im Rahmen der oben angesprochenen Diskussion von Liessmann zum Thema "Sanktionen" erfahren durfte, war, dass man sich nicht jener in den Medien intensiv betriebenen Hermeneutik der Aussagen einzelner europäischer SpitzenpolitikerInnen hingeben solle, da es sich dabei ohnehin nur um das Ausspielen eines bestimmten symbolischen Kapitals handelte. So viel dürfte wohl klar sein. Die so genannten Sanktionen waren eine Gelegenheit für die Regierung, medial ein identisches, nationales Interesse zu produzieren. Auf der anderen Seite waren sie der Ausdruck einer politischen Krise, die die Akteure auf der europäischen Ebene überraschte und deren Ratlosigkeit manifestierte. Allerdings frage ich mich nach dem Ort, von dem aus diese Sicht der Dinge entwickelt wird. Es macht wohl einen Unterschied, ob in der Analyse das Ressentiment gegenüber bestimmten handelnden Personen zum Grund der Polemik gemacht wird, oder ob der Zusammenhang zwischen der Handlung und deren Bedingungen bestimmt wird.

Das Problem der Polemiken Liessmanns und anderer Kommentatoren ist es gerade, dass sie sich auf Details beziehen, ohne den Zusammenhang durchsichtig zu machen. Dies würde nämlich eine glaubwürdige Positionierung voraussetzen. Andernfalls würde das Ausspielen der einzelnen Affektlagen gegeneinander fortgesetzt. Allerdings ist dieser "impliziten" Positionierung dann eine klare Tendenz abzulesen. Sie ist nämlich nichts anderes als die Reproduktion des wesentlichen "europäischen" Affektzusammenhangs, der das Politische als solches zum Verschwinden bringt, da sie in nichts anderem besteht als in der Reproduktion der Schemata eines feindlichen Anderen, das es zu bekämpfen gilt. Alle Fragen, die man im Zusammenhang mit der Regierungspolitik, aber auch im Zusammenhang des europäischen Integrationsprozesses stellen kann, haben hier ihren Ursprung: die Zerstörung der Sozialsysteme unter dem Druck der deregulierten Märkte, die Ablösung institutioneller Verfahren zur Verhandlung von Interessengegensätzen durch das Paradigma der Konkurrenz, die restriktive Migrationspolitik und der dadurch geförderte Rassismus, die Entsolidarisierung der gesellschaftlichen Gruppen untereinander und die Abschottung Europas von anderen geografischen und politischen Räumen. Zu diesen Problemen hätte sich eine intellektuelle Intervention subjektiv-engagiert zu äußern, um den Sinn ihrer eigenen Distanz glaubhaft vermitteln zu können.

Klaus Neundlinger ist Philosoph und lebt in Wien.

 
 

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