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17.04.2013

Sichtbar machen

Gayatri Chakravorty Spivak

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Ich bin Inderin. Aus dieser Perspektive sind die Roma, die Indien vor tausend Jahren verlassen haben, meine Cousinen und Cousins. Für mich ist das besonders spannend, weil ich politisch nicht identitär bin – es ist zu eng verknüpft mit reproduktiver Heteronormativität. Also einfach nur ein gutes Gefühl – Cousinen und Cousins. Die ganze letzte Woche habe ich im Kosovo verbracht. Roma gehören nicht zu dem Bild, das der Kosovo seinen Besucher_innen zeigt. Als ich zur erschreckenden Notlage der Roma im heutigen Kosovo recherchierte, erinnerte ich mich an jenes Wort, das mich zum ersten Mal die Verwandtschaft mit den Roma empfinden ließ. Ich bin ein Mensch der Sprache: Dukh, der Titel eines zweisprachigen Gedichtbandes in Romanes und Englisch, den ich von seiner Autorin, Hedina Tahirović Sijerčić, erhielt.

Dukh. Für sie in der englischen Übersetzung „Schmerz“, für mich (es ist ein Wort aus meiner Muttersprache), eher „Leid“. Die Unsichtbarkeit der Roma im Kosovo – die Autorin stammt aus dem nicht weit davon entfernten Bosnien – gibt mir mit diesem einen Wort, das eine gewaltige Macht in sich trägt, das Gefühl von Verwandtschaft. Die Tragödie ist die höchste aller Gattungen, das Streben nach Glück ein amerikanisches Ziel. Die Tragödie lehrt uns mehr. Dukh führt uns zusammen.

Der Titel meines heutigen Beitrags ist „Sichtbar machen“. Was bedeutet es, sichtbar zu machen? Und in welcher Form macht Roma Protokoll [1] sichtbar? Das griechische Wort theorein, das im Englischen und in den entsprechenden Begriffen der großen europäischen Sprachen als „Theorie“ transkribiert wird, weist auf das Phänomen des „genauen Sehens oder Sichtbar-Machens“ hin; das Wort hängt mit dem Theater zusammen, mit dem In-Szene-Setzen und Sichtbarmachen wie in einem Theater.

Seit dem 13. Mai habe ich Vorträge in Spanien, Deutschland, im Kosovo und in Kroatien gehalten. Überall werde ich als diejenige empfangen, die bereits bestehendes Material theoretisieren wird. Wie meine langjährige Freundin Suzana Milevska legitimierte Gewalt hartnäckig sichtbar macht und Delain und Damian Le Bas das Fragezeichen in Safe European Home?[2] Sichtbar machen, ist für mich vielmehr auf einem Raster der Theoretisierung wahrnehmbar statt gefangen im Dualismus von Theorie und Praxis oder Theorie und Material. Ich hoffe, dies – nämlich, dass Theorieproduktion eine Aktivität ist – wird klar durch das, was ich in der verbleibenden Zeit zu sagen habe. Wie wir Theorie oder das Theorisieren betrachten, ist somit gewissermaßen Sabotage am überhöhten klassischen griechisch-europäischen Modell. Wenn ich sehe, wie Gagi in Milutin Jovanović’s Migration – hier beziehe ich mich auf die Ausstellung – detailliert über das Problem der Toilettenbenützung spricht, denke ich an Primo Levis Beschreibung der Erniedrigungen durch das Toilettenprotokoll in Auschwitz. Die Arbeit wird so erweitert und macht eine größere, räumlich-historische Schneise sichtbar. Emmanuel Lévinas schreibt, seine Ethik der Alterität (oder Andersheit) erneut aufgreifend, dass das Mensch-Objekt überhaupt am Beginn allen Wissens stehen muss.[3] In anderen Worten, Körper vor Geist. Wir sind am Leben und sterben wie wir geboren wurden.

Körper vor Geist. Unter Levinas’ Hauptbeispielen befindet sich die übliche Verdächtige: reproduktive Heteronormativität – die schwangere Frau. Der Dichter Yeats führt uns weiter zum ausscheidenden Körper. „Doch Liebe hat ihr Haus gebaut, Am Ort von Exkrement.“[4] Gagi und Levi gehen mit uns noch darüber hinaus – zur Höflichkeit des ausscheidenden Körpers. Gerne würde ich ihnen das komplizierte Beispiel von Geschlechtersolidarität durch den je nach Klasse und Kaste definierten Zugang zum körperlichen Ausmaß von Scham erklären, das ich vor drei Monaten in Delhi präsentierte. Hier jedoch möchte ich einfach auf der Bedeutung der Aufgabe der Theorie bestehen, sichtbar zu machen – so genau und mit dem weitesten Feld von Verknüpfungen wie möglich.

Sehen Sie sich beispielsweise die Transformierung der unpersönlichen Legitimität der Beschilderung in Alfred Ullrichs Zwei-Kanal-Videoinstallation Crazy Water Wheel an.[5] Das Verdrehen der eigentlich unpersönlichen und allgegenwärtigen Imperative, die in Wirklichkeit ein spezifisches rassifiziertes, klassiziertes und gegendertes ideologisches Subjekt festlegen hinsichtlich dessen, wer den Raum benützen kann und wer nicht, ist eine zutiefst theoretische Geste. Diese Geste wird überall im Kapitalismus zirkulieren und sichtbar machen, wie der Welt ein „Globus“ aufgezwungen wird. Ullrich macht sichtbar. Doch hält der Video-Screen die existenzielle Genauigkeit der Geste (jedes einzelnen Zeichens) fest, wie auch ein Text es tun würde. Worin besteht hier die Verantwortung des Bezeugens? (Wie sehen Sie sich diese Ausstellung an?) Bezeugen bedeutet hier, sichtbar zu machen, dass im Herzen des Singulären eine Tendenz zum Universellen liegt. Wir produzieren Theorie, wenn wir diese Tendenz beständig zu einer Krise machen, die nicht in der Gewalt eines selbsterklärten Universellen verharrt. Freund_innen, ich bin Lehrerin. Ich wünschte, ich hätte die Zeit, genauer darauf einzugehen. Sie können sicher sein, dass ich dieses Material in meinem Unterricht einsetzen werde. Doch möchte ich hier und jetzt vier formelhafte Punkte ansprechen in Hinblick auf diese zukünftigen Gelegenheiten:

1. Die Subalternität bringt sich selbst zur Krise durch das Bezeugen und Verbleiben in der Transformation einer Tendenz im Singulären. Das Singuläre ist das Universalisierbare, aber niemals das Universelle. Das ist Spinozas Lehre, die Vision eines gerechten Staates, der heute zum falschen Versprechen einer Ready-made-Multitude in der Sicherheit eines unhinterfragten digitalen Idealismus erodiert. Im Gegensatz dazu gilt es für Suzana Milveska und Delian Le Bas, dieses Fragezeichen hervorzuheben, das jene ausschließlich vom Gesetzesvollzug aufgezwungene Sicherheit stört. Es ist eine theoretische Arbeit, die das Eingehen des Risikos zu bezeugen für immer in Beweiskraft verwandelt. Wir müssen lernen, wie wir die Arbeiten von Milutin Jovanović, Alfred Ullich und Marika Schmiedt ansehen, ihnen zuhören und in sie hineingehen. Für alle von euch, die gerade erst in diesen Raum gekommen sind: Dies sind die Namen einiger der Künstler_innen in Roma-Protokoll und Safe European Home?

2. Reiner Identitarismus schließt dieses Lernen aus. Er bindet die Vergeschlechtlichung an eine reproduktive Heteronormativität, verbündet sich mit den Rassist_innen, legitimiert sie sogar noch, und propagiert, du seist so, weil du so geboren wurdest. Er konstruiert ein kulturelles Gedächtnis, statt es zu singularisieren, privatisiert das Historische und disqualifiziert sich selbst durch die missbräuchliche Aneignung des blinden Förderbandes des Gesetzes, indem er das Bezeugen ständig neutralisiert und dadurch Singularität erzeugt. Ich habe sehr bewusst gesagt, ich sei verwandt mit den Roma, dass ich gerade aus dem Kosovo zurückkäme, und dass die Dichterin des Schmerzes oder Dukh, Hedina Tahirović Sijerčić, aus Bosnien stammt. Lassen Sie mich hinzufügen, dass ich mit Suzana Milevska in Skopje gearbeitet habe, dass Jovanović aus Belgrad ist, und dass Ullrich, Delain und Marika Schmiedt EU-Roma sind. Das ist so, weil wir Frauen und „Ehrenfrauen“ nicht in der gegenderten Sicherheit der Identität verblieben sind. Freund_innen, seit Jahrzehnten erkläre ich in meinen Büchern und in meiner Lehre, in welcher Weise das Geschlecht das eigentliche Instrument der Theoretisierung sozialer und kultureller Produktion darstellt. In den 40 Minuten heute stütze ich mich auf dieses Schreiben und Lehren, wenn ich sage, dass diese Gruppe hier und ich mit ihr, Identität ausgestellt und sie in die Universalisierbarkeit des Singulären erweitert hat, sodass Sie, wer auch immer Sie sind, diese bezeugen und darstellen können, während Sie durch Ausstellung gehen. Nur halb im Scherz heißt es, der Balkan beginne in Österreich. Es ist wichtig, dass wir hier im Parlament sind und dass wir es zu einem Ort machen, der die Singularität in sich trägt, zumindest bis zum 8. Juni. Lassen Sie dies länger andauern, sich in Zeit und Raum ausdehnen.

3. Wie ich während der letzte Woche wiederholt sagte, war ich am Rande an der Zeitschrift Praxis international beteiligt. Der große jugoslawische Philosoph Gajo Petrović war mein persönlicher Freund und Gast bei jener Konferenz, bei der ich 1983 zum ersten Mal “Can the Subaltern Speak?“ in einem Vortrag präsentierte. Letzte Woche hörte ich einen von Petrović’s Studenten, jetzt selbst an der Universität tätig, als er Sozialismus und Ethnizität zu einander in eine binäre Opposition setzte und später kryptisch anmerkte, dies sei alles, was er seinen Student_innen in dieser Situation sagen könne. Ich nehme diese Staffel auf und sage etwas mehr dazu. In Marx’ Anmerkungen zum tendenziellen Fall der Profitrate, einem der zentralen Angelpunkte des Sozialismus, ist genau die gleiche Geste der Theoretisierung enthalten, die wir Sie einladen auszuführen. Wenn diese Tendenz, wie Marx hervorhebt (er verwendet den Hegelianische Begriff der Tendenz), nicht zur Krise gebracht wird, tut es der Kapitalismus. Wenn der Sozialismus die Zeit und den Hang dazu gehabt hätte, diese Lehre als menschliche Natur zu vermitteln (genau so, wie der Kapitalismus täglich die Geste des „sich für den höchsten Profit zu verkaufen“ als menschliche Natur darstellt), würden wir heute nicht in dieser Welt der finanziellen Krise leben. Ich sage Ihnen, es gibt nie genug Zeit, um solche der Intuition zuwiderlaufende Lehren weiterzugeben, denn der Avantgardismus muss ungeduldig bleiben. Die unablässige Arbeit des Lehrens besteht darin – wie uns auch diese Installationen und mit verschiedenen Medien arbeitenden Initiativen vermitteln –, den Avantgardismus zu ergänzen. Sehen sie, wie Derridas schwierige Beschreibung des Supplements die Prekarität der vergeschlechtlichten Fragilität unserer Ausstellung hier und heute beschreibt: Das Supplement „kann immer nicht statthaben“, […] „es ist niemals präsent, hier, jetzt“ […], „weniger als nichts“ – fragile Außenstrukturen, einige Dokumente, ein paar Videos – “und dennoch, nach [seinen ] Auswirkungen zu urteilen, viel mehr als nichts.“[6] Das Supplement ist gefährlich, weil es den Avantgardismus für das Unberechenbare öffnet. Wie John Drabinski richtigerweise anmerkt, ist das Supplement „eine Hinzufügung zu dem, das vorgibt eigenständig zu sein (das Gesetz, Identität, das wohlwollende Europäische Universelle, das der Subalternen ,eine Stimme gibt’), was sich dann herausstellt als Selbstgenügsamkeit mit einer konstitutiven Kontingenz“[7]. Das Singuläre ist universalisierbar und deshalb kontingent (und nicht notwendig, wie uns das Universelle der europäischen Teleologie wieder und wieder erklärt), aber es wohnt als ewig zu füllende Lücke im selbsterklärten Universellen. Diese Lektion gilt es zu lernen. Es ist eine schwere Lektion, aber sie kann erlernt werden. Ich spreche als Lehrerin und möchte betonen, dass diese Ausstellung zu einem Lehrtext wird, wenn wir lernen, sie zu betrachten.

4. Wenn wir diese Lektion lernen wollen, muss die Lehrerin dem „Lesen“ der Kunst dienen. Die Romni muss auch epistemologisch ausgebildet werden, damit sie den Mainstream verschieben kann. Sie ist nicht nur das Objekt einer fairen Bildung usw. Ich glaube, und das hängt mit meiner Arbeit zusammen, mit meiner Arbeit mit dem Mainstream. Wovon lernen wir? Wir lernen von den Menschen, die fälschlicherweise nur als Objekte der Wohltätigkeit verstanden werden. Die Romni muss auch epistemologisch gebildet werden, damit sie den Mainstream verschieben kann, statt dabei unterstützt zu werden, für sich selbst darin einen sicheren Ort zu finden. Vor einigen Jahren schrieb ich über die wohlwollende und doch abschätzige und zum Schweigen bringende Geste einer charismatischen, diasporischen Frau. Sie sagte, Hanife, die einzige Romni unter den Frauen, denen sie half (und sie verwendet das Wort „Zigeunerin“), würde ihre Briefe „zeichnen“. Ich zitierte noch einmal Derrida: „[...] sagt man dann nicht auch zugleich, dass es ebenso wenig über das ‚gesprochene Wort’ verfügt, indem man den entsprechenden Ausdruck durch ‚schreien’, ‚singen’ und ‚hauchen’ [...] übersetzt?“[8] Und ich setzte fort, „es gibt nichts, was dem Brief angemessen ist in der Konvention seines Schreibens.“[9] In anderen Worten forderte ich von der von oben herab helfenden Aktivistin, ihr eigenes Alphabet zu erlernen, indem sie der Romni, der Subalternen innerhalb dieser aus Wohltätigkeit vereinten Gruppe von Griech_innen und Türk_innen, zugesteht, die Singularität des lateinischen Alphabets sichtbar zu machen.

Ich wiederhole heute hier diesen Appell. Ich bin überwältigt von der Arbeit Miraculous Water von Małgorzata Mirga-Tas und Marta Kotlarska. Ich hörte die Euphorie in der Stimme von Birgit Lurz, deren Brillanz und Großzügigkeit ich nicht annähernd beschreiben kann, als es möglich wurde, mit Romani Click hier in einer Wiener Schule einen Workshop zu veranstalten, in dem „15 Romakinder einer Wiener Schule einen Klassenraum in eine große Camera Obscura verwandeln werden.“[10] Dies ist eine enorme Arbeit. Ich bin seit mittlerweile 25 Jahren in der Bildungsarbeit mit Subalternen engagiert. Ich bringe, das, was ich daraus gelernt habe mit, um Romani Click zu unterstützen in einer Allianz im gleichen Kampf. „Das Projekt“, ich zitiere hier die Zeitschrift zur Installation, „reagiert auf die dringende Notwendigkeit, verschiedene Methoden einzusetzen, um die bestehenden Verordnungen und Regeln in der Bildungspolitik für junge Roma zu bekämpfen [...], (zum Beispiel das in Osteuropa weit verbreitete Phänomen, Romakinder in Sonderschulen zu stecken)“.[11] Die Kinder erschaffen sich ihre eigene Welt, bringen die anderen Kinder in der Klasse dazu, sich auch die ihre zu erschaffen. In den Romasiedlungen finden Follow-up-Aktivitäten statt. Um es zu wiederholen, ich bin davon überwältigt. Und ich flehe Sie an, einen Schritt weiter zu tun.

Die 34 Jahre lang herrschende, linksgerichtete Regierung in meinem Geburtsstaat Westbengalen erlebte vor zwei Wochen nach massiven Einbußen bei den Wahlen ihr Ende. Während ich das als Teil der Geschichte des Scheiterns des internationalen Sozialismus sehe, werde ich wiederholen, was ich seit 1978 schreibe und lehre, als ich meinen ersten Kurs über tausend Seiten Marx an der Universität von Texas, Austin, unterrichtete: Es gibt keine direkte Linie zwischen dem Besitz der Produktionsmittel und dem Wunsch nach allgemeiner sozialer Gerechtigkeit, zwischen Eigeninteresse und allgemeiner sozialer Gerechtigkeit. Wir können die Schuld nicht den Ausgebeuteten geben und einfach sagen, sie hätten sich durchsetzen müssen. Aus der Perspektive der liberalen gebildeten Klasse lässt sich das leicht sagen. Doch ich wiederhole: Es gibt keine direkte Linie vom Besitz der Produktionsmittel und dem Verlangen nach allgemeiner sozialer Gerechtigkeit. Die Diktatur des Proletariats findet nicht statt, sie ist zum Scheitern verurteilt. In diesem Sinne sage ich mit Suzana: Es gibt keine direkte Linien zwischen dem „Zugang zu den Repräsentationsmitteln“ (wie sie es ausdrückt) und dem Ende der Subalternisierung der Roma in der ganzen Welt.

Ich sollte noch viel mehr sagen, um es deutlicher zu machen. Stattdessen möchte ich eine Gesamtübersicht herstellen. Wenn diese Kinder ihre eigene Welt erschaffen, sind sie in der hegemonialen Geschichte Europas gefangen und ich zitiere hier wieder Suzana: „In der Renaissance“ (gibt es nur eine Renaissance auf der Welt? Wir sprechen von der europäischen Renaissance und gehen davon aus, dass es eine universelle Bezeichnung sei.) „begannen Künstler_innen die Camera Obscura als Hilfsmittel zu benützen, um die Welt neu zu entwerfen.“[12] Um welche Welt handelte es sich? Das ist der ferne Beginn von Kants cosmopolitheia, Goethes Weltliteratur. Es ist der Beginn des „erfolgreichen“ Kolonialen. Künstler_innen sind mehr oder weniger unschuldig, doch die Geschichte ist größer als die Kunst, und das ist es, worüber ich spreche; die Imagination ist nicht rassistisch, aber es braucht eine epistemologische Bildung, damit die Imagination zu einer aktivistischen werden kann. Der Neuentwurf der Welt durch die europäische Renaissance ist der Beginn des kapitalistischen Imperialismus, der den Globus heute mit „einer Welt“ überschreibt. Um dies als Medizin und nicht als Gift zu nutzen, muss Romani Click die allgemeine kognitive Bildung ergänzen, statt sich nur als „Gegensatz“ dazu zu verstehen. Von der Kunstgeschichte zur Kunstgeographie zur Geographie zur Umwelt zur Technologie zur Ökonomie bis hin zur Wissenschaft und zur Mathematik – diese Kinder werden auf ihrem Weg in die Welt, während sie aufwachsen, aufrechterhalten, wie man hofft, von intensivem Sprachenlernen, einem Lernen, das der Poesie nicht entgehen kann. Die Globalisierung wird immer eine Insel des Sprachgebrauchs in einem Meer von Spuren sein. Lassen wir es zu, dass sich unsere Romakinder hier als Subjekte bewegen. Nur das Kapital und die Daten werden globalisiert. Alles andere ist Schadensbegrenzung. Lassen wir unsere Romakinder zu Problemlöser_innen für eine gerechte Welt heranwachsen. Der sichere Hafen Europas wird sie dann nicht mehr eingrenzen. Nicht länger wird ihnen ihre Stimme „geschenkt“ werden von den guten Menschen Europas.

Hier komme ich zu Marika Schmiedts Arbeit What Remains.... Die Lehrerin in mir spricht als erste: Nehmen Sie die Zettel auf dem Tisch nicht nur mit, sondern lesen Sie sie: Gefangenenlisten, Transportlisten, Häftlingspersonalkarten, Todesanzeigen, Effektenkarten, Geldverwaltungskarten, Berichte über medizinische Experimente (Auschwitz, Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen, Mauthausen, Ravensbrück), Tabellen über Körpervermessungen, Fotografien von Gefangenen, Zugangslisten, Polizeiprotokolle, Geburtenmeldungen, Todesmeldungen. Sie werden dadurch nicht zu Expert_innen werden, aber Sie werden über unsere gemeinsame Geschichte lernen, indem sie die Beweise bezeugen und sie damit zum Zeugnis werden lassen. Es sind die Beweise, die der Staat, oder wie in diesem Fall, das Nazi-Regime, ansammelt. Marika Schmiedt geht hier vom Dukh ihrer Großmutter aus und ich fühle damit eine besondere Verbundenheit. In „Can the Subaltern Speak?“ ging ich vom Selbstmord der Schwester meiner Großmutter aus. Um mein besonderes Verwandtschaftsgefühl mit Marika Schmiedt herzustellen, möchte ich mich selbst zitieren:

Die Schwester meiner Großmutter gehörte in den 1920er Jahren einer Gruppe von terroristischen Freiheitskämpfer_innen an. Sie beging Selbstmord, weil sie mit der Durchführung eines politischen Mordes betraut worden war und sich nicht in der Lage sah, diesen auszuführen. Nur zu gern möchte ich glauben, dass mein Pazifismus sich in ihrer Unfähigkeit zu töten wiederfindet. Als ich kürzlich in einer öffentlichen Diskussion mit Judith Butler in New York auf die Frage aus dem Publikum, wie ich angesichts der Situation in Palästina Pazifistin sein könne, antwortete, dass das Problem mit der Situation in Palästina darin bestehe, dass die Politik es mir nicht erlaube, ethisch zu sein, wusste niemand im Publikum, dass ich in meinem Herzen daran dachte, dass ich diese Lektion von der Schwester meiner Großmutter gelernt hatte, die erst siebzehn Jahre alt war, als sie starb. Sie war vier Jahre älter als meine Mutter. Und es war meine Mutter, die mir die Geschichte erzählte.[13] Welche plötzliche Wendung wird der Zeugenschaft einer Mutter hier gegeben hinsichtlich seiner Wahrhaftigkeit?

Wo befindet sich dies auf dem Raster zwischen dem Bezeugen und der Beweiskraft? Die ghanaische Dichterin und Kritikerin Abena Busia war sehr freundlich zu mir, als sie meinte, ich hätte die Schwester meiner Großmutter durch das Schreiben des Essays „Can the Subaltern Speak?“ in gewisser Weise zum Sprechen gebracht. Heute stehe ich hier und sage, dass Marika Schmiedt die Subalterne nachdrücklich zum Sprechen gebracht hat, gewiss in einem eigenen Sinne, nämlich durch Repräsentation, doch weitaus nachdrücklicher. Wenn die Subalternen jene Gruppe sind, die keinen Staat erreichen kann – Antonio Gramscis klassische Definition –, schaffte es der Holocaust an den Roma nicht einmal in Hannah Arendts Insistieren darauf, dass die Banalität des Bösen von den Voraussetzungen des Staates ausgeht. Der Holocaust an den Roma hat keinen Platz in dieser allgemein anerkannten These. Darin besteht die Subalternität: nicht nur keinen Staat zu erreichen, sondern nicht einmal in den Bericht über die Banalität des bösen Staates zu gelangen. Nicht das Wort einer Mutter spricht aus dieser Ausstellung, wie in meinem Fall, sondern die Archive des Staates, der Beweis, sichtbar gemacht in der Singularität.

Um schließlich zusammenzufassen: Theoretisieren ist so wie das Sichtbarmachen und In-Szene-setzen nicht getrennt von der künstlerischen Praxis. Ich versuche, dies zu zeigen, indem ich darauf hinweise, dass Damian und Delaine Le Bas’s fragile Inszenierung der Geschichte und des Lebens der Roma genau das darstellt: Theorie als Theater. Selbst wenn in unserer Geburtsurkunde „Roma“ steht, müssen wir dafür beten, davon heimgesucht zu werden, weil „ich nicht die Stelle des anderen einnehmen kann“, – vor allem historisch, „nicht im Kopf dieser Anderen“ –, selbst wenn es meine eigene Geschichte sein soll, so gehört Geschichte niemandem. In meiner Auseinandersetzung mit Suzana Milevskas Roma Protokoll ging es mir darum zu zeigen, wie die Ausstellung die Singularität der Roma als das Universalisierbare sichtbar macht, und zwar mittels der Ethik des Körpers und der Vergeschlechtlichung als Instrument der Theoretisierung. Ich habe darauf hingewiesen, dass Romakindern der Weg zu einer Neuverortung ihrer kognitiven Bildung ermöglicht werden muss. Außerdem habe ich angeregt, die Trennung zwischen Sozialismus und Ethnizität aufzuheben und die Ergänzung des Unterrichts durch den Avantgardismus. Ich entwickelte die Gemeinsamkeit mit Marika Schmiedt und unseren Vormüttern, um die Subalterne zum Sprechen zu bringen, wenn auch nur in der Repräsentation. Danke, dass ich so viel gelehrt wurde. Alle meine Anmerkungen gehen auf meinen Besuch der Ausstellung zurück und es ist nun an Ihnen, diese Arbeit weiterzuführen...

Anmerkung Dieser Text entstand anlässlich eines Symposiums, das im Rahmen der Wiener Festwochen-Produktion Safe European Home? am 28. Mai 2011 im Architekturzentrum Wien stattfand. Die Ausstellung Roma Protokoll wurde von Suzana Milevska, das Symposium von Birgit Lurz und Wolfgang Schlag kuratiert.

Gayatri Chakravorty Spivak ist Literaturwissenschafterin und Professorin an der Columbia University New York.

Übersetzung aus dem Englischen: Therese Kaufmann und Marty Huber

[1] Die Ausstellung Roma Protokoll wurde von Suzana Milevska kuratiert und von 26. Mai bis 8. Juni im Presseraum des Österreichischen Parlaments gezeigt. Alle Beiträge zählen zu dieser Ausstellung.

[2] Safe European Home? war eine Installation von Delaine und Damian Le Bas auf dem Vorplatz des Österreichischen Parlaments sowie die Ausstellung Roma Protokoll.

[3] Vgl. Emmanuel Lévinas, Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht, München/Freiburg: Karl Alber 1992, S. 140.

[4] William Butler Yeats, „Die tolle Hanne spricht mit dem Bischof”, Werke 1, Hg. Werner Vortriede, Sammlung Luchterhand 1970, S. 221.

[5] Alfred Ullrich, Crazy Water Wheel, 2009-2011, Two-channel video installation, 18’ 38”.

[6] Jacques Derrida, Grammatologie. Übers. Von Hans-Jörg Rheinsberger und Hanns Zischler, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1974, S. 537.

[7] John E. Drabinski, Levinas and the Postcolonial: Race, Nation, Other, Edinburgh: Edinburgh Univ. Press, 2011, S. 101.

[8] Derrida, Grammatologie, S. 216.

[9] Spivak, A Critique of Postcolonial Reason: Toward A History of the Vanishing Present, Cambridge: Harvard Univ. Press, 1999, S. 408.

[10] Roma Protocol, Magazin zum Projekt, S. 12.

[11] Ebd.

[12] Suzana Milevska, Roma Protocol, Magazin zum Projekt, S. 12.

[13] G. C. Spivak, „Foremothers“, in: Susan Gubar, True Confessions: Feminist Professors Tell Stories Out of School, W. W. Norton & Company 2011.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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