Kulturrisse 03/2012 erschienen
Rauschen muss das Urbane, damit es attraktiv ist für all die künstlerischen, wissenschaftlichen und technologischen Communities, die die “kreative Stadt” bevölkern sollen. Die “kreative Stadt”, die “Wissensstadt” – sie verheißt Revitalisierung und Dynamik. Und hohe Mieten. Und Verlust von Möglichkeiten zur Teilhabe. Bereits 2011 widmeten sich die Kulturrisse in einem Schwerpunkt den urbanen Räumen zwischen Verhandlung und Verwandlung. Einen der damals angesprochenen Aspekte will die nun vorliegende Ausgabe 3/2012 – “Widersprüche der kreativen Stadt” – anhand folgender Fragestellungen eingehender analysieren: Wie lassen sich künstlerische und kulturarbeiterische Praxen entwickeln, die nicht durch Stadtmarketing bzw. Parteipolitik für Gentrifizierungs- oder vergleichbare Zwecke vereinnahmt werden? Welche Strategien und Allianzen sind nötig, um nachhaltige Strukturen der Selbstermächtigung zu schaffen? Wie lassen sich Bündnisse aufbauen jenseits der “eigenen Milieus”?
Klaus Ronneberger analysiert in seinem einleitenden Beitrag das Leitbild der „kreativen Stadt“ vor dem Hintergrund des mit dem flexiblen Kapitalismus der Gegenwart verbundenen Modells der unternehmerisch orientierten “Erlebnisstadt”. Er skizziert das von Ambivalenzen geprägte Feld, in dem KünstlerInnen und KulturarbeiterInnen aktuell in urbanen Kontexten agieren.
Auf der Basis der Erkenntnisse des Forschungsprojekts Kunst macht Stadt setzt Philipp Rodes Text vier Wiener Kunstprojekte in Beziehung zu Prozessen der Stadterneuerung und arbeitet verschiedene Strategien heraus, die seitens dieser Projekte im Spannungsfeld zwischen Eigeninitiative und Vereinnahmung entwickelt werden.
Mit einem zentralen Aspekt der Debatte, nämlich der Zwischennutzung von Leerstand, beschäftigen sich Anna Hirschmann und Raphael Kiczka in ihrem Artikel. Dabei zeigen sie anhand konkreter Beispiele aus Wien auf, wie Kunst- und Kulturprojekte die Einbindung in städtische Aufwertungsprozesse vermeiden und stattdessen Widerständigkeit fördern können.
content.associates, ein interdisziplinäres Team von u. a. KünstlerInnen und ArchitektInnen, fragen nach Möglichkeiten, wie Kulturarbeit in alternativer Form in Stadtentwicklungsprojekte eingebunden werden können und der Bevölkerung öffentlicher Raum zur Verfügung gestellt werden kann. Den Hintergrund dieser Fragestellung bildet das von ihnen kürzlich in der Seestadt aspern, einem der größten Stadtentwicklungsgebiete Europas, realisierte Projekt Publik. Gleichfalls von einem konkreten Fallbeispiel, nämlich dem selbstverwalteten Zentrum für Kunst in Mailand Macao, geht der abschließende Beitrag zum Heftschwerpunkt aus. Emanuele Braga beschreibt darin, wie dieser Versuch der Besetzung und Schaffung kultureller Räume im historischen und lokalen Kontext zu verorten ist.
