Uniform — IG Kultur

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INHALT 03/2012

 

Uniform

Martin Wassermair

Wer sich entlang der Avenue Kakatare auf und ab bewegt, versinkt in einem babylonischen Gewirr, das auch das Telegraphenamt wie eine phonetische Collage umkleidet. Die Hektik der Straße gleicht einer Philharmonie der Sprachen: Massa, Mundang, Fulfulde, Mafa, Tupuri, Muffu, Gisiga. Sie spiegeln die Vielfalt eines ganzen Landes wider, dessen Zusammenhalt in der Verantwortung der politischen Zentralmacht liegt wie das sprichwörtlich rohe Ei in der von Nervosität geplagten Hand.

Von all dem weiß der kleine Junge nichts, der in seiner unbedarften Neugierde immer wieder auch ganz kurz das Telegraphenamt aufsucht. Mit spitzbübischem Stolz präsentierte er zu Schulbeginn Anfang September die neue anthrazitgraue Uniform, die auf der Brust seinen mit weißem Garn gestickten Namen trägt. Noch ist ihm keineswegs bewusst, dass Kamerun in allen öffentlichen Schulen das Tragen einer einheitlichen Kleidung vorgeschrieben hat. Für die Behörden steht außer Zweifel: Kulturelle, religiöse und vor allem auch soziale Differenzen können wie ein Sprengsatz wirken, den es schon bei Heranwachsenden durch Uniformierung zu entschärfen gilt. Die Verordnung dokumentiert den entschlossenen Willen des Staates, auf dem postkolonialen Erbe nicht die Zügel zu verlieren. Tatsächlich ist das gesamte Afrika das Relikt einer im 20. Jahrhundert durch Gewalt oktroyierten Nachkriegsordnung, die auf dem Reißbrett der europäischen Raffgier entworfen wurde – mit schwerwiegenden Folgen. Die willkürlichen Grenzziehungen haben Familien entzwei gerissen, nicht sesshafte Bevölkerungsgruppen ihrer Bewegungsfreiheit beraubt und Völker mit einer Identität versehen, die ihren Wunsch nach Selbstbestimmung zumeist unnahbaren und befremdlichen Obrigkeiten unterwirft.

Die Avenue Kakatare kann sich mehrmals täglich davon überzeugen, dass auch der Machterhalt auf die Wirkung der Einheitskleidung setzt. Polizei und Militärs sind allerorts zugange. Spezialeinheiten zur Abwehr der Wegelagerei, Luftwaffenoffiziere, Angehörige der Präsidentengarde, in Camouflage gefärbtes Schreibtischpersonal. Sie alle verkörpern die Nation, die sich durch den Waffenrock Respekt verschaffen muss. Abzeichen glänzen in Gold und Silber, Gewehr und Stiefel stets blank geputzt. Das Vaterland duldet keine Makel und verspricht dafür Anerkennung in einer Gesellschaft, die von der Teilnahme am öffentlichen Leben weitgehend ausgeschlossen bleibt. Sichtbarkeit ist ein rares Gut, der Kampf um Aufmerksamkeit jedoch für den Großteil der Menschen so gut wie verloren. Wer hat schon die Möglichkeit, sich gegen die bunt schillernde Warenwelt der großen internationalen Banken und Konzerne durchzusetzen, die auch von der Avenue Kakatare immer mehr Besitz ergreift? Auch hier demonstriert die kapitalistische Usurpation ihre Stärke gerne durch das Branding einer unternehmenseigenen Uniform. Armut, medizinische Unterversorgung und Bildungsnot kennen hingegen keine Marketingeffekte.

Der kleine Junge verweilte am Tag des Schulbeginns länger als gewohnt im Telegraphenamt. In welcher Sprache er auch immer sich mitzuteilen versuchte, die stolze Uniform konnte nicht verhehlen, dass ihm diesmal der Hunger den Weg dorthin gewiesen hatte. Seine ungebrochene Neugierde wird ihn jedenfalls schon bald auf die Frage lenken, warum er durch das am eigenen Körper zur Schau getragene Bekenntnis zur nationalen Einheit nie so richtig satt geworden ist.

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