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INHALT 03/2012

 

forming a band is like finding a home

christina nemec

self-empowerment, feminismus und bestraftes rowdytum

endlich, darauf habe ich gewartet: die freundinnen der nacht melden sich mit einem text zu wort, der das schweigen der deutschen pop- und punk-intellektuellen bzw. deren seltsame artikel zum phänomen „pussy riot“ kritisiert (1): beispielhaft georg diez im spiegel, der von der „erotik der revolution“ und den riot grrrls herbei fantasiert:

„Schon damals benutzten sie die Zeichen eines Sexismus, den sie zu ihren Zwecken umdrehten. Sie waren ja Puppen, die sprechen konnten und mehr oder weniger gut singen – sie waren zierliche, niedliche Spielzeuge, mit schönen Busen, den die Kleider betonten, mit nackten Schultern und nackten Beinen: Schaut her, ihr traurigen, russischen Frauen, schien dieses Kostüm zu sagen, wollt ihr wirklich so dumm sein, wie ihr ausseht?“

selbstverständlich geht es nicht um feminismus, sondern um busen etc.; und darum, zu gefallen – so lautet die analyse der westlichen medienberichte von beate hausbichler in diestandard.at, für die sie auf dem fm4-blog von robert rotifer eines auf den deckel bekommt, weil sie ihn falsch interpretiert? wenn es um feminismus und aktionismus oder riot grrrl (als musikrichtung) geht, da wollen sich viele der indieboys das heft nicht aus der hand nehmen lassen. da kennen sie sich schließlich besser aus, weil sie mittlerweile ja auch die „richtigen“ texte gelesen haben.

wortklauberei sei an dieser stelle nur den mitgliedern von pussy riot gestattet. die machen das nämlich sehr eloquent und clever – auch wenn es sie nicht davor schützt, ins gefängnis oder straflager verbannt zu werden.

solidaritätsaktionen (auch am wiener wallensteinplatz findet sich eine handvoll aktivist_innen ein, die mit „free pussy riot“-schildern und -masken für das video posen, das von peaches initiiert wird – ja, und je mehr prominente feministische unterstützer_innen, zum beispiel madonna, björk, elfriede jelinek usw., desto breiter die öffentlichkeit und das interesse an dem „schauprozess“), aufgerufen über facebook, werden zumindest auf meinem profil auch nur von meinen „freunden“ abwertend kommentiert. by the way: wer sagt denn, dass nur biologische frauen mit masken, schildern, chören etc. auf die straße gehen und fotos oder filmchen machen dürfen? es geht nichts über das gefühl des ausgeschlossenseins – da melden sich die beleidigten leberwürste gerne zu wort.

auch wenn es manchmal so aussieht, als hätte sich – was die repräsentation und partizipation von musikerinnen und performerinnen in den diversen szenen in den letzten 20 jahren (seit lips, tits, hits, power? bzw. der gender-testcard) anbelangt – etwas geändert, es gibt noch viel zu tun. und hier setzen die organisatorinnen des girlsrockcamp 2012 an, das vor einigen tagen in wiener neustadt eine woche lang stattgefunden hat und an dem 16 mädchen und junge frauen teilgenommen haben. insgesamt vier bands wurden formiert, das prinzip des ausprobierens, des respekts und des weitergeben von skills gelebt – und all das endete in einem fulminanten abschlussfest am letzten tag.

eine der bands betritt die bühne mit strumpfmasken – sie nennt sich selbst SCHAPKA (haube). anleitung zur selbstermächtigung bedeutet im rahmen des girlsrockcamp immer, niemals ideologisch über die teilnehmerinnen drüberzufahren. das würden sie sich selbstverständlich auch nicht gefallen lassen. mit dem feminismus ist es eben nicht so leicht und so eindeutig. den organisatorinnen des girlsrockcamp ist dieser spagat sehr wohl bewusst.

ich hoffe, wir werden von der einen oder anderen band künftig mehr hören.

freiheit für pussy riot und alle ihre unterstützer_innen, die verhaftet wurden bzw. auf der flucht sind!

fußnote

(1) siehe: www.doctorellablog.tumblr.com

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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