Die Stadt gehend lesen, hörend lesen — IG Kultur

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INHALT 03/2012

 

Die Stadt gehend lesen, hörend lesen

Eva Schörkhuber

Literarische Soundspaziergänge als Taktiken des Gehens.

Walking is very calming.
One step after another,
One foot moving into the future and one into the past.
Do you ever think about that?
It's like a body cut in the middle.
The heart bass staying in the present.
Really being here.
Really feeling alive.

Jane Cardiff: Her Long Black Hair (2004, Audio-Walk with photographs)

In diesem Zusammenhang möchte ich Praktiken hervorheben, die dem „geometrischen“ oder „geografischen“ Raum der panoptischen oder theoretischen, visuellen Konstruktionen fremd sind. Diese Art, mit dem Raum umzugehen, verweist auf eine spezifische Form von Tätigkeit (von „Handlungsweisen“), auf eine „andere Räumlichkeit“ (eine „anthropologische“, poetische und mythische Erfahrung des Raumes) und auf eine undurchschaubare und blinde Beweglichkeit der bewohnten Stadt. Eine metaphorische oder herumwandernde Stadt dringt somit in den klaren Text der geplanten und leicht lesbaren Stadt ein.
Michel de Certeau: Die Kunst des Handelns

Wir gehen. Wir gehen in der Stadt. Texte von Autor_innen aus Belgrad, Wien und Zagreb im Ohr, den Wiener Donaukanal vor Augen. „Der“ Donaukanal, so wie er auf den Stadtplänen, den Karten, verzeichnet ist, verliert mit jedem Schritt seine eindeutig zu lokalisierende Fassung. Springende Zeitpunkte. Orte, die ineinander rutschen, sich überlagern, sich zu Räumen – zu „Geflechten von beweglichen Elementen“ (De Certeau 1988: 218) – erweitern und verdichten. Unter unseren Füßen gewinnt er an Raum, der Wiener Donaukanal. Wir setzen einen Fuß vor den anderen. In unseren Ohren pulsieren Erzähler_innen-Stimmen, Geräusche, Musikstücke. Mit einem Fuß in einer Vergangenheit, mit dem anderen in einer Zukunft. Gegenwärtig sind uns die Stimmen, die Erzählungen und Geräusche. Sie spielen Orte an, die vor uns liegen, die hinter uns liegen. Sie bewegen sich entlang ihrer Handlungsstränge, nehmen ihren Verlauf, legen auf unterschiedliche Weisen Wegstrecken zurück und begleiten unsere Schritte, unsere Blicke.

In unseren Ohren gewinnt er an Raum, der Wiener Donaukanal. Mit unseren so gehend lesenden, so hörend lesenden Körpern durchqueren wir einen Raum, spannen ihn auf zwischen uns Gehenden, zwischen uns Hörenden. Wir bilden „Weg-Figuren“ (De Certeau 1988: 195), übersetzen, übertragen uns, nehmen Teile für ein Ganzes, verkürzen und kürzen ab. Der klare und eindeutig zu entziffernde Text – der „geplanten und leicht lesbaren Stadt“, des stringenten, kausal-chronologisch strukturierten Handlungsverlaufes – beginnt zu zittern, zu tanzen. Ein Spiel mit den Räumen, den begangenen und den erzählten. Mit unseren Körpern, unseren Füßen und Ohren, unterwandern wir die Stabilität der Orte als einer „Ordnung (egal welcher Art), nach der Elemente in Koexistenzbeziehungen aufgeteilt werden“ (De Certeau 1988: 217f.), wir unterwandern die Stabilität des Signifikanten, der feststellt, verortet und festschreibt.

Soundspaziergänge

Die Soundspaziergänge, unter anderem inspiriert von Janet Cardiffs Audio-Walks, werden entlang von literarischen Texten konzipiert. Autor_innen aus Mittel- und Südosteuropa durchwandern schreibend bestimmte Orte in Wien. 2011 den Donaukanal. 2012 das Museumsquartier. Neue Geschichten kommen auf diesen Wegen zustande: Sie finden vor Ort statt, ranken sich um diese Orte und stören die in Stadtplänen, Reiseführern und Enzyklopädien verankerten Ordnungsgefüge – führen sie vor, vor Augen; durchbrechen sie und würfeln sie durcheinander. In den literarischen Texten träumen sich die symbolisch besetzten Orte in eine „zweite, poetische Geographie“ (De Certeau 1988: 200), verwandeln sich in Passagen, die von Erzähler_innen-Stimmen, Handlungsverläufen und Figuren durchquert werden.

Die von den Autor_innen oder von Sprecher_innen eingelesenen Texte werden mit Geräuschen, die vor Ort aufgenommen wurden, und Musikstücken unterlegt: ein Geflecht von Stimm- und Tonspuren; ein Hörraum, in den die Akte_n des Vorübergehens eingelagert werden – nicht, um als Referenzpunkte für neue Verortungen und Einbettungen in kulturelle oder inter-kulturelle Grammatiken zu fungieren, sondern: Sie markieren Richtungen, machen Sinn und produzieren Bedeutungen. Diesen Richtungen und Bedeutungen gehen wir nach, hörend lesend, gehend lesend. Die zu Hör-Texten arrangierten Erzählungen von Orten (im doppelten Sinn, in zweifacher Richtung) sind als Audio-Dateien downloadbar, aufs Mobiltelefon, auf den MP3-Player. Die Soundspaziergänge finden sowohl in Gruppen zu bestimmten Terminen während der Buchmesse Wien und der Lesefestwoche als auch zwischendurch statt: zu jeder Zeit, von jeder und jedem können die Audio-Dateien heruntergeladen werden, die mit ihnen zurückgelegten Wegstrecken nachvollzogen, erweitert und abgekürzt werden.

Akte_n des Vorübergehens

Das Gehen in der Stadt, die schrittweise Verschränkung von Räumen, die sich zwischen Gehenden, Hörenden und „Stadt“, zwischen Stimm- und Tonspuren konstituieren, ist als Akt des Vorübergehens eine Taktik, die Bedeutungszuweisungen und -festschreibungen durch Repräsentationsinstanzen, den Verwalter_innen und Verweser_innen des ökonomischen und/oder sozialen Durchsetzungsvermögens, zu umgehen und: umzugehen.

Das Gehverhalten spielt mit der Raumaufteilung, so panoptisch sie auch sein mag: Es ist ihr weder fremd (es bewegt sich nicht woanders) noch konform (es bezieht seine Identität nicht aus ihr). Es erzeugt in ihr Zwielichtigkeit und Zweideutigkeit. Es lässt in sie eine Vielzahl seiner Bezugspunkte und Zitate eindringen (gesellschaftliche Modelle, kulturelle Gebräuche, persönliche Faktoren) (De Certeau 1988: 194).

Vorübergehend werden die Räume neu besetzt. Die changierenden Bezugspunkte machen die Raumaufteilung zwielichtig, zweideutig und setzen sie stellenweise, etwa durch Abkürzungen oder durch das Spiel mit den Eigennamen (der Straßen, der Plätze) und Bezeichnungen, außer Kraft. Eine entlang unterschiedlicher, nicht eindeutig zu verortender Bezugspunkte „herumwandernde Stadt“. Die vorübergehende Neu-Besetzung der Räume erfolgt mit verschiedenen Mitteln – Gehbewegungen und Rhythmen; zurückgelegten Wegstrecken und spontanen Versammlungen (flash mobs, Demos); Bildern und Zeichen (Graffiti, „sprechende Hauswände“), Verfremdungen (von Plakat-Sprüchen und Bildern), Entwendungen und Entstellungen; Erzählungen und Legenden … –, die sich in den Stadt-Raum einschreiben und einer panoptischen, feststellenden Zusammen-Schau entgehen.

Die Spuren, die dabei, in diesem Akt des Vorübergehens, hinterlassen werden, führen nicht zurück auf ein in und mit diesem Akt behauptetes Eigenes, dienen nicht der Repräsentation eines bestimmten, ein für alle Mal eingenommenen Standpunktes. Sie zeigen, dass jemand*// etwas vorübergegangen, dass jemand*// etwas passiert ist. Sie bedeuten, ohne erscheinen zu lassen – ohne die gehend Lesenden, die hörend Lesenden als passive Betrachter_innen vor einen gegebenen Sinn, den sie sich zu vergegenwärtigen haben, zu stellen, sie in Anbetracht des Gegebenen zu stellen, festzustellen. Mit jeder Wegstrecke, die auf einem Gang, der durch die Stadt führt, zurückgelegt wird, erweitert und verdichtet sich der Text „Stadt“. Meistens sind diese Spurengeflechte (etwa persönliche Bezüge zu Straßennamen und -zügen, die vorübergehend hergestellt – erinnert werden) unsichtbar und tauchen nur für die Gehenden vernehmbar auf; Taktiken des Gehens, des Spurenlegens und -lesens sind aber auch Wege, Ordnungsgefüge und Verweis-Zusammenhänge zu entstellen und neu zu besetzen:

Schließlich geht es nicht nur darum, durch Aktivitäten im öffentlichen Raum Aussagen zu treffen, es ist auch wichtig, den „bespielten“ Raum zu verändern und mit neuen Assoziationen zu besetzen (autonome a.f.r.i.k.a. Gruppe et al. 2001: 36f.).

Neu-Besetzungen, in und mit denen feststellende, das heißt verortende und Bedeutungen verleihende Verweis-Zusammenhänge ent-wendet und verfremdet werden. Neue Geschichten kommen auf diesen Wegen zustande: Die Akte_n des Vorübergehens stapeln sich, sie schichten sich zu einem Gedächtnis, welches das als erinnerungswürdig Konstituierte nicht im Namen der Repräsentativität und/oder einer großen hegemonialen Erzählung zusammenhält, sondern streut, „zersplittert“ (De Certeau 1988: 205). Die „Vielzahl der Bezugspunkte und Zitate“, welche durch das Gehen, das Spurenlegen und -lesen in die Raumaufteilung der Stadt „eindringt“, markiert auch eine Vielzahl von Erinnerungsbezügen, die sich aufspannen zwischen dem Stadt-Raum, den in ihm zurückgelegten Wegstrecken und den Bezugsrahmen der unterschiedlichen Gruppengedächtnisse – das Gehen, der Spaziergang als „kollektives Gedächtnis in actu“ (vgl. Halbwachs 1991: 2). Die Vorstellung „des einen“ kollektiven Gedächtnisses einer Stadt, das eindeutige und homogene Stadt-Bewohner_innen-Identitäten herstellt, also beinhaltet, feststellt und produziert, wird durch die Pluralität der Bezugspunkte und Erinnerungsbezüge ebenso unterwandert wie die Annahme eines „klaren Textes“ der „leicht lesbaren Stadt“.

Die Geschichten, die auf diesen Wegen zustande kommen – auf den Wegen der Autor_innen aus Mittel- und Südosteuropa, die sich den Orten in Wien entlang schreiben und auf den Wegen der Spaziergänger_innen, die diese Texte im Ohr, die Stadt vor Augen zurücklegen –, erzählen eine „metaphorische“, eine „herumwandernde Stadt“, eine Stadt, die zwischen unterschiedlichen Bezugspunkten und Erinnerungsbezügen, zwischen verschiedenen Gruppengedächtnissen und Sprachen umherschweift. Wir gehen und erinnern uns, wir gehen und machen Geschichte_n. Die Schauplätze der großen, repräsentativen Erzählungen besetzen wir, wir besetzen sie neu, vorübergehend, immer wieder vorübergehend.

Literatur

autonome a.f.r.i.k.a. gruppe/Luther Blissett/Sonja Brünzels (2001): Handbuch der Kommunikationsguerilla, vierte Auflage. Berlin/Hamburg.

Bal, Mieke (2006): „Das Subjekt der Kulturanalyse“. In: Dies.: Kulturanalyse. Frankfurt am Main, S. 28-34.

Cardiff, Janet (2005): The Walk Book. Wien, New York.

De Certeau, Michel (1988): Die Kunst des Handelns. Berlin.

Halbwachs, Maurice (1985): Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen. Frankfurt am Main.

Halbwachs, Maurice (1991): Das kollektive Gedächtnis. Frankfurt am Main.

Schaub, Mirjam (2007): „Die Kunst des Spurenlegens und -verfolgens. Sophie Calles, Francis AlYs’ und Janet Cardiffs Beitrag zu einem philosophischen Spurenbegriff“. In: Krämer, Sybille/Kogge, Werner/Grube, Gernot (Hg.): Spur. Spurenlesen als Orientierungstechnik und Wissenskunst. Frankfurt am Main, S. 121-141.

Links

Audio-Walks von Janet Cardiff (Stand 11.08.2012)

Wiener Soundspaziergänge (Stand 11.08.2012)

Eva Schörkhuber konzipiert seit 2010 gemeinsam mit Elena Messner Soundspaziergänge.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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