Clash of Cultures — IG Kultur

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INHALT 01/2013

 

Powerbomb: Clash of Cultures

@matahari_etc

Mit dem Moment der Besetzung der Votivkirche durch das Refugee Protest Camp Wien häufte sich das buchstäbliche Textwrestling in meiner doch sonst sehr friedlichen Timeline. Eines der Themen, das besonders viel Unmut triggerte, war das Verhältnis von Caritas und Refugee-Unterstützer_innen, das, wie das @MichaelaMoser in einem Gespräch meinte, eher einem Clash of Cultures glich. Und es krachte ordentlich zwischen den oftmals auch chaotischen Formen der Selbstorganisation und der hierarchisch-strukturierten Hilfsorganisation Caritas, vertreten durch ihren Pressesprecher @KlausSchwertner. Die Möglichkeiten der Allianz zwischen den Flüchtlingen, diversen Unterstützer_innen und der Caritas wurden an sich als klein und bis unmöglich eingeschätzt. So meint Dennis Beck (Geschäftsführer der Wiener Gesundheitsförderung, Obmann der AIDS Hilfe Wien) etwa: @DennisBeck_w: „Die Allianz von #Caritas und Autonomen Gruppen trägt Sollbruchstellen in sich, da sich Menschenbilder und Ziele grundsätzlich unterscheiden.“

Der Vorwurf, dass die „Autonomen primär ihre politischen Ziele“ im Auge hätten, wurde nicht nur von Dennis Beck immer wieder ins Feld geführt. Aber wer sind die ominösen „Autonomen“, und gibt es diese Autonomie überhaupt, insbesondere jene der sich organisierenden Geflüchteten? Soll den zeitweilig Hungerstreikenden ihre Form des Protestes ausgeredet, untersagt oder wie im Gesetz verankert durch Zwangsernährung unterbunden werden? Es sind existenzielle Fragen, die uns durch diesen Protest der #refugees gestellt werden. Auch jene, ob es rechtens ist, die Grenzen des Rechtes zu überschreiten, um nicht nur symptombehandelnd, sondern auch politisch tätig zu werden. Diese Frage des zivilen Ungehorsams stellt sich für viele soziale Bewegungen, und gerne wird vergessen, dass wir ohne deren Überschreitungen in der Vergangenheit eine weit aus ungerechtere Gegenwart und auch Zukunft hätten. @KlausSchwertner stieg an dieser Stelle in die Kommunikation ein mit: „für die Caritas heiligt das Ziel aber nicht die Mittel ...“ Wer aber entscheidet über die Heiligkeit eines Mittels (und wahrlich, das ist sehr religiöses Revier, das hier betreten wurde), für @KlausSchwertner jedenfalls sind die Besetzungen, wie sie etwa in Amsterdam oder Den Haag stattfinden, nicht rechtens, obwohl sie im Falle Amsterdams etwa 120 Somalis vor Obdachlosigkeit während der Wintermonate bewahrte. In den Niederlanden jedenfalls scheint die Zusammenarbeit dieser verschiedenen politischen Kulturen zu funktionieren, denn das Thema erweist sich als zu wichtig, um nicht alle Kräfte zu bündeln und gemeinsam an einer zivilgesellschaftlichen Basis zu arbeiten, die dieser Abschottung und ungerechten Verteilung der Lasten, wie sie zum Beispiel durch das Dublin-II-Abkommen eingesetzt wurde, zu bearbeiten und schließlich aufzuheben.

Ist es auch in Österreich möglich, dass die #refugees und ihre Unterstützer_innen, egal ob von kirchlichen Einrichtungen, Parteien, Universitäten, Gewerkschaften oder NoBorder-Kontexten, ihre verschiedenen Formen der Organisation in den Dienst einer sozialen Bewegung stellen, die sehr wohl politische Veränderung anstrebt? Denn ohne diese politische Veränderung machen wir uns alle zu Handlanger_innen einer Festung Europas, an deren Grenzen täglich Menschen sterben, wie etwa im Mittelmeer oder an den Küsten der Kanarischen Inseln. Wir sind gefragt, wie wir es mit unserem eigensten „autonomen“ Subjekt halten.

refugeecampvienna.noblogs.org

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