Überlebensmittel Kultur — IG Kultur

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INHALT 01/2013

 

Überlebensmittel Kultur

Anita Moser

Zur Bedeutung zeitgenössischer Kultur in Tourismusgebieten.

In Tirol ist der Tourismus samt den davon abhängigen Handwerks-, Handels- und Dienstleistungsbetrieben der bedeutendste Wirtschaftsfaktor. Mehr als ein Drittel aller UrlauberInnennächtigungen Österreichs entfallen auf Tirol, wo es mit rund 340.000 Gästebetten mehr als in den drei Bundesländern Salzburg, Steiermark und Wien zusammen gibt – und damit auch rund 30 Prozent mehr als etwa in ganz Portugal. Der 4.200-Seelen-Ort Sölden ist hinter Wien die nächtigungsstärkste Gemeinde Österreichs. Die Ötztaler Gemeinde verfügt mit 2,18 Millionen Gästenächtigungen pro Jahr über eine Tourismusintensität von 530 Nächtigungen je EinwohnerIn. Die tourismusintensivste Gemeinde Österreichs ist jedoch Ischgl im Paznauntal: Hier kommen auf jede EinwohnerIn 863 Gästenächtigungen. (1)

Derartiger Megatourismus zieht nicht nur für Umwelt und Natur problematische Effekte nach sich, sondern vor allem auch für die Menschen, die in den Tourismusgebieten beheimatet sind. Generell niedrige Einkommen im Gastgewerbe stehen in drastischem Kontrast zu einem überteuerten Lebensumfeld. Der gehobene Lifestyle etwa in Ischgl lässt selbst eine mittelmäßige Pizza zum Luxusartikel werden. In den „toten“ Zwischensaisonen flüchten Saisonarbeitskräfte zu anderen ArbeitgeberInnen und wer es sich leisten kann in den Urlaub – und für die wenigen im Ort Verbliebenen werden weder Gasthaus noch Hallenbad aufgesperrt. Zur Verödung gesellen sich Unruhe und Lärm, denn im Ort wird um- und ausgebaut: Skilifte, Parkgaragen, Hotels... für die nächste Saison.

Welchen Stellenwert hat zeitgenössische Kultur in so einem Setting? Auch hier bietet Ischgl interessante Einblicke. Zum Megatourismus gesellen sich im Winter Megakulturevents mit „Top-Acts“ wie Elton John, Pink und Mariah Carey. Und dann gibt es da noch das Seilbahnmuseum, ein Bauermuseum, das privat initiierte Mathias-Schmid-Museum, einen Krampus- und einen Krippenverein, einen wöchentlichen Jazz-Abend, die Landjugend und natürlich die Musikkapelle. In Bezug auf zeitgenössische Kulturinitiativen sieht es trist aus. Und das ist fatal. Warum?

Horizonterweiterung und kritischer Kommentar

Wenn man im Tal lebt, müsse man immer wieder einmal auf die Berge hinaufsteigen, um den eigenen Horizont zu erweitern, betont die Obfrau der Ötztaler Kulturinitiative Feuerwerk. Zu Horizonterweiterungen kommt es aber auch durch zeitgenössische Kunst und Kultur. Nicht zuletzt, weil es probate Mittel sind, um Gesellschaft und Lebensbedingungen kritisch zu hinterfragen, soziale und politische Entwicklungen zu kommentieren, Irritationen auszulösen, Tabus zu thematisieren, Alternativen anzudenken oder Visionen zu entwickeln. Und gerade in Tourismusorten ist das – alles! – dringend notwendig.

Was würde in Gerlos oder Wildschönau wohl sichtbar werden durch ein Projekt, wie es Martin Breindl 2011 in der Graubündner Gemeinde Schiers unter dem Titel „Ich male Ihr Problem“ durchführte, in dem er im Gemeindeamt Sprechstunden für die BürgerInnen abhielt und deren Anliegen künstlerisch visualisierte? Vielleicht etwas über die Situation der Jugend, für die es außer Sportstätten kaum Treffpunkte gibt? Oder über die Erwerbstätigen und deren Bedürfnisse abseits vom Malochen für Hüttengaudi, Schipiste und Nightlife? Oder über Diskriminierungen?

Die Förderung der kapital- und prestigeträchtigen Seite von Mobilität bei gleichzeitiger Ausgrenzung jener Anteile, die dem „konkreten Geschäft“ abträglich sein könnten, hat in Tirol Tradition. Während keine Kosten gescheut werden, um etwa Innsbruck für TouristInnen so attraktiv wie möglich zu machen, soll die Stadt für „andere Fremde“ (etwa MigrantInnen aus den Maghrebstaaten) abschreckend sein, wie der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter in seiner früheren Funktion als Innenminister kundtat: „Innsbruck muss für diese Leute ein möglichst unattraktiver Standort sein“.(2) Die künstlerische Intervention „Statt Rassismus“ öffnete im Herbst 2010 in der „Hauptstadt der Alpen“ für von Rassismus betroffene Menschen und rassismuskritisch engagierte Initiativen einen Raum der Präsenz und der Auseinandersetzung.

Die genannten Projekte und die Arbeit zeitgenössischer Kulturinitiativen generell richten sich zuallererst an die BewohnerInnen vor Ort. Dass sich die Angebote durchaus mit den Interessen von UrlauberInnen decken und touristischen Mehrwert bringen, ist nicht selten der Fall. Dieses Faktum sollte allerdings als Legitimation für die Förderung von Kulturinitiativenarbeit nicht relevant sein.

Im Einklang mit der geordneten Gesamtentwicklung des Landes“

Dem Tiroler Tourismusgesetz 2006 zufolge hat das Land Tirol „Vorhaben zu fördern, die (...) unter Bedachtnahme auf die ökonomischen, sozialen, kulturellen, ethischen und ökologischen Auswirkungen des Tourismus mit der geordneten Gesamtentwicklung des Landes im Einklang stehen.“ (3) Darüber, dass ein Umdenken im Tourismus stattfinden muss, dass ein Mehr an Liftanlagen und Hotels auf Dauer nicht zielführend ist, herrscht in ExpertInnenkreisen Konsens. Als Ziele einer nachhaltigen Tourismusentwicklung nennt das Institut für Integrativen Tourismus und Freizeitforschung (IITF) unter anderem, ein menschliches Gesellschaftssystem zu gewährleisten und zu entwickeln, Emanzipation der Bevölkerung zu ermöglichen und materielle wie immaterielle Grundbedürfnisse zu befriedigen. (4)

Für Tourismusverbände müsste es also geradezu selbstverständlich sein, künstlerisch-kulturelle Angebote in den Gemeinden massiv zu unterstützen, ohne auf Gästezahlen zu schielen. Tourismusorte brauchen zeitgenössische Kultur, aber nicht als „Dünger für den Tourismus“, wie Kulturlandesrätin Beate Palfrader gerne betont, sondern als Überlebensmittel für ihre BewohnerInnen und die ganze Region.

Anmerkungen:

1 Wirtschaftskammer Tirol (Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft)/Management Center Innsbruck (MCI Tourismus) (Hg.) (o.J.): Tourismus in Tirol – Herzstück der Tiroler Wirtschaft. Innsbruck.

2 http://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=LrT&Gesetzesnummer=20000163 [03.03.2013].

3 http://soziologie.soz.uni-linz.ac.at/sozthe/freitour/FreiTour-Wiki/Nachhaltigkeit_Tourismus.htm [03.03.2013].

Anita Moser ist Geschäftsführerin der TKI – Tiroler Kulturinitiativen/IG Kultur Tirol.

Literatur:

Hattensperger, Stefanie/Sevgi, Selda/Melter, Claus/Arens, Susanne/Thomas-Olalde, Oscar (Hg.) (2011): Perspektiven auf ein politisches Kunstprojekt im öffentlichen Raum – Statt Rassismus. Innsbruck.

Bernhard Kathan (2013): Strategien im ländlichen Raum, in: EIKON, Heft 81.

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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