The Bigger Picture — IG Kultur

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INHALT 01/2012

 

COPY THIS! SCISSOR KICK: The Bigger Picture

@matahari_etc

User_in @hrstl* schickte dieser Tage einen YouTube-Screenshot über die Kanäle, der Folgendes zeigte: „Leider ist dieses Video, das Musik von UMG (Universal Music Group) enthält, in Deutschland nicht verfügbar. Die GEMA hat die Verlagsrechte hieran nicht eingeräumt.“ Pikanterweise ist es das „Protestvideo“ von @kunsthatrecht namens Musik hat Recht. Ein Film von Harald Sicheritz für Kunst hat Recht. Es ist sozusagen ein Aufschrei gegen Gratiskultur, der an seiner eigenen Maxime scheitert, dass dieser Raub bei den ureigensten Ideen aufhören muss. @kunsthatrechts Antwort war übrigens: „@matahari_etc Ja, wir finden das auch sehr amüsant. Wir haben nichts Böses getan. Ehrlich. @hrstl“

Ein Treppenwitz des Urheberrechtsstreits und der ACTA-Proteste könnte man meinen, aber bei genauerer Betrachtung ist die Chuzpe von @kunsthatrecht erstaunlich. Die Initiative hat einige Künstler_innen um sich geschart, um der Piraterie und dem Ideenklau den Marsch zu blasen. (Zum Glück gibt es schon viele Märsche, die keinem Copyright mehr unterliegen, das ja bis 70 Jahre nach dem Tod die Interessen des zwar Toten, aber Kreativen schützt.) Aus der Sicht der Künstler_innen ist diese Engagement angesichts der sozialen Lage von Künstler_innen verständlich, aber ob die so genau wissen, mit wem sie im Boot sitzen? @kunstgegenueberwachung hat schon hinreichend auf den Forderungskatalog von Kunst hat Recht hingewiesen, der nach Überwachung und entsprechenden Maßnahmen bei dreimaligem Verstoß im Sinne illegaler Downloads lechzt. Doch die Chose geht noch weiter: Über @igkultur kommt die Frage ins Spiel, warum bei einer Kampagne mit mehreren 100.000 Euro budgetärer Ausstattung die Filmemacher_innen nicht bezahlt werden. Auf Anfrage von @georgleyrer kommt diese Antwort von @kunsthatrecht: „Die Kunstschaffenden haben ihre Leistungen für die Filme honorarfrei erbracht, um ,Kunst hat Recht‘ zu unterstützen.“ Von der Skills Group, die den Auftrag zur Kampagnenentwicklung und -durchführung erhalten hat, verlangt man keineswegs, dass sie gratis arbeitet. Gemunkelt wird von Beträgen um die 350.000 Euro für die letzten zwei Jahre. Wirklich sehr interessant und wiederum signifikant für das kranke System, das die Künstler_innen hier selbst reproduzieren. Dabei hat selbst der vormalige Under Secretary of Commerce for Intellectual Property, James E. Rogan, im Film A Remix Manifesto eingeräumt, wirtschaftlich auf die falsche Handelsform gesetzt zu haben – und dass er sich jetzt vorstellen könnte, statt der Idee der Copyrights die Idee des fairen Handels voranzutreiben. Fairpay von Künstler_innen statt verschärfte Durchsetzung von Urheberrechten bei Privatkopierer_innen?

Die Künstler_innen selbst haben auf das falsche Pferd gesetzt. Anstatt sich mit Ökonomie zu befassen, verschwenden sie lieber Ressourcen an die Megaplayer. Mit wem sie dabei (unbedarft) im Boot sitzen und das steigende Wasser anbellen? Das zeigt die Kundenliste der Skills Group, die sicherlich eine kompetente Agentur ist: Wenn es um die Themen „Rechteverwertung, Urheberschutz und Copyright“ geht, zählen neben der IFPI – dem Verband der Österreichischen Musikwirtschaft – Konzerne wie Monsanto, Novartis oder Pfizer zu den bisherigen Kunden. Konzerne, die sich sehr wenig für das Wohl ihrer eigenen Kund_innen interessieren und keine Scheu davor haben, den Zugang zu Saatgut und leistbaren Medikamenten zu blockieren, auch wenn das den Tod von tausenden Menschen bedeutet. Die Regierungen Brasiliens (im Bereich der HIV-Medikamente) und Indiens (bei Krebsmedikamenten) haben sich erfolgreich dagegen zur Wehr gesetzt und die Produktion von Generika erlaubt. Bei uns steht derweil die Rettung von Universal Austria auf der Prioritätenliste ganz oben.

*die mit @ beginnenden usernamen beziehen sich auf user_innen auf
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