Produktionskörper — IG Kultur

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INHALT 01/2012

 

Produktionskörper

Therese Kaufmann

Rassifizierung und Vergeschlechtlichung der Arbeit im kognitiven Kapitalismus.

In einigen jüngeren Texten zu den Bedingungen und Erscheinungsformen des kognitiven Kapitalismus sind immer wieder kritische Töne in Bezug auf die eigene Theoriebildung wahrnehmbar. Diese gelten nicht der analytischen Figur des kognitiven Kapitalismus an sich und stellen auch nicht grundsätzlich jene – abhängig vom jeweiligen theoretisch-politischen Hintergrund – durchaus divergenten Positionen infrage, die das Wissen, die Immaterialisierung von Arbeit und deren affektive und kreative Qualitäten zu den bestimmenden Paradigmen heutiger Produktivität erklären. In Nebensätzen oder einzelnen Hinweisen, seltener in Form einer extensiven Auseinandersetzung, sind es vor allem Zweifel an der Möglichkeit einer bruchlosen und in sich geschlossenen Darstellung der Zusammenhänge von Wissen, Information und Kommunikation als Grundlagen des ökonomischen Wachstums und der sogenannten Kontrollgesellschaft mit ihren veränderten Zeitregimes und Mechanismen der Prekarisierung, die laut werden.

Eine Spurensuche nach den Unebenheiten und Mehrdimensionalitäten innerhalb der Kritik des kognitiven Kapitalismus fragt nicht nur nach seinen globalen, in sich disparaten Machtstrukturen, sondern bringt uns gleichsam „hinunter“ auf seinen materiellen Grund. Sie verweist auf die Materialität der reproduktiven Hintergründe der immateriellen Arbeit, auf die existenziellen Abgründe affektiver Arbeit oder auf die simplen physischen Formen von Ein- und Ausschlussverhältnissen. Was dabei – und nur scheinbar im Gegensatz zum Wissensparadigma – ins Zentrum rückt, sind die körperlichen Dimensionen des kognitiven Kapitalismus. Die Rassifizierung und Vergeschlechtlichung von Arbeit und Produktion verläuft ebenso wie die in ihm so wesentliche Produktion von Subjektivitäten über den rassifizierten, vergeschlechtlichten und subalternisierten Körper. Seine Materialität trägt die Spuren von Geschichte und Gegenwart, von Machtverhältnissen und -gefällen, aber auch die Spuren des Widerstands, der Subvertierung und der Kämpfe.

Unwahrnehmbarkeiten und Brüche

Wenn das Wissensparadigma heute hegemonial scheint, so stehen dahinter sehr unterschiedliche politische, aber auch wissenschaftlich-analytische Motive. Wissen und Wissensarbeit zu den Motoren heutiger gesellschaftlicher Entwicklungen und des ökonomischen Wachstums zu erklären, fungiert nicht nur als Diagnose, sondern – in Überschneidung etwa mit dem Hype um Kreativität und Innovation – auch als Ausdruck eines Desiderats, einer Zielvorstellung neoliberaler Politik. Im Gegensatz zu einer solchen Überaffirmation kritisiert die Theorie des kognitiven Kapitalismus die Bedingungen und Konsequenzen dieses „dritten Kapitalismus“ auf der Basis der Auseinandersetzung mit den sozialen Kämpfen im Italien der 1960er und 1970er Jahre und der Herausbildung der Kategorie der „immateriellen Arbeit“. Zentral ist dabei, dass die in Verknüpfung mit den neuen Arbeitsformen hervorgebrachten Subjektivitäten jene Kommunikations- und Kooperationszusammenhänge produzieren, die heute die Grundlage kapitalistischer Verwertung darstellen.

Gigi Roggero (2011) begreift das Theorem des „kognitiven Kapitalismus“ nicht als fixe Kategorie. Er spricht hingegen von einem „explorativen Konzept“, das dazu entwickelt worden sei, die Rolle des Wissens in heutigen Produktionsformen zu verstehen und zu beschreiben, das aber gleichzeitig einer tieferen Auseinandersetzung bedürfe, um einige seiner „problematischen theoretischen Aspekte“ überwinden zu können. Dies lässt sich lesen als Hinweis auf jene Brüchigkeiten und Dissonanzen, die in generalisierenden Theoriekonzepten allzu leicht übersehen oder in die Unwahrnehmbarkeit verdrängt werden. Wenn beispielsweise Kooperation, Kommunikation und Affekt als die neuen, paradigmatischen Produktionsmodi des kognitiven Kapitalismus dargestellt werden, so kann diesen weder grundsätzliche Neuheit noch eine selbstverständliche, weltumspannende Allgemeingültigkeit attestiert werden.

Dies zielt auf das erste der häufig eingebrachten kritischen Argumente in der vorliegenden Diskussion: Die Unterschlagung der „Unterseite“ – um einen Begriff von Enrique Dussel aufzugreifen und aus der dekolonialen Kritik auf diesen Kontext zu übertragen – der Immaterialisierung und Informatisierung der Arbeit. Die „neuen“ Formen affektiver, kognitiver und kommunikativer Arbeit wären nicht zu denken ohne jene in die Unwahrnehmbarkeit verdrängten manuellen, industriellen oder reproduktiven Arbeiten, da auch diese nur mit Nahrung, Kleidung und einer geputzten Wohnung aufrechterhalten werden können.

Eine „neue“ internationale Arbeitsteilung?

Der zweite, sich mit dem ersten überlappende Punkt der Kritik bezieht sich auf die Hierarchisierungen innerhalb von Arbeitsregimen und ihre historischen Traditionslinien. Er wirft die Frage auf, inwiefern innerhalb des kognitiven Kapitalismus bestimmten Arbeits- und Produktionsformen ein geringerer Wert beigemessen wird als anderen und daraus neue Formen der Arbeitsteilung entstehen.

Ebenso wie „neue“ und „alte“ Arbeitsteilungen ineinanderzugreifen scheinen, lassen sie sich nicht mehr an den Modellen von Zentrum und Peripherie festmachen, indem einfach von der Verlagerung der industriellen Produktion in jene Territorien ausgegangen wird, wo sie unwahrnehmbar werden. Stattdessen entsteht in den metropolitanen Zentren der globalen Wissens- und Kreativökonomien und so mancher emerging economies ein unmittelbares, teilweise brutales, arbeitsteiliges Nebeneinander von fordistischen, postfordistischen und teilweise auch feudalen und kolonialen Produktionsformen. Eine spezifische Ausprägung findet dieses Nebeneinander etwa in der affektiven Arbeit, der Pflege und Hausarbeit, kurz: in der reproduktiven Arbeit.

Silvia Federici (2004) zeigte in „Caliban and the Witch“ eindrücklich auf, dass der (re)produktiven Arbeit von Frauen in der Entwicklung vom Feudalismus zum Kapitalismus zwar immer eine spezifische „Arbeitsfunktion“ zukam, sie aber als quasi natürliche Ressource mystifiziert und hinsichtlich ihres Beitrags zur Kapitalakkumulation entwertet wurde. Diese Entwertung und Hierarchisierung innerhalb einer vergeschlechtlichten Arbeitsteilung scheint auch unter den massiv veränderten postfordistischen Produktionsmodi längst nicht überholt. Die partiellen Verschiebungen durch die zunehmende Präsenz von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und eine „neue“ rassifizierte und ethnisierte Arbeitsteilung in Bezug auf Hausarbeit, Pflege und Kinderbetreuung führen vielmehr die Modulationskraft historischer Kodierungen unter veränderten Verhältnissen vor Augen.

Die Entwertung der Hausarbeit und ihre Einschätzung als „unproduktiv“ basiert auf einer kulturellen und gesellschaftlichen Kodifizierung, die über die Feminisierung und Rassifizierung bzw. die Kolonialität in die Körper eingeschrieben ist und sich in ihnen manifestiert. In der postfordistischen Arbeitswelt lassen sich Spuren feudalistischer Strukturen und somit von „Zeitlichkeiten und Bedingungen“ nachzeichnen, „die sich nicht im Skript des modernen Fortschritts und der Prosperität finden“ (Gutiérrez Rodríguez 2011: 217).

Affektive Arbeit

In der affektiven Arbeit bündeln sich die verschiedensten sozialen und kommunikativen Fähigkeiten innerhalb der immateriellen Arbeit, wobei die Produktion von Affekten selbst zum Produkt bzw. zur Ware wird. Es wird ihr einerseits ein extrem hohes Maß an Produktivität und damit Wert zugesprochen, andererseits bringt die kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff einige der zentralen Punkte hinsichtlich der reproduktiven Arbeit erneut zur Sprache. Eigenartig verschwommen und undefiniert scheint das Verhältnis zwischen den für den kognitiven Kapitalismus so zentralen kommunikativen, affektiven und kooperativen Aspekten der Arbeit und der Realität von Haus- oder Sexarbeit unter oft ausbeuterischen Bedingungen und dem Stigma der Wertlosigkeit.

Die Spuren reproduktiver und affektiver Arbeit verlaufen über die Materialität des Körpers, seiner Rassifizierung und Vergeschlechtlichung, und sind immer gekoppelt an sein Verhältnis zu Grenzen, BürgerInnenrechten, Formen des Ein- und Ausschlusses. Bezeichnenderweise fehlt in der Theorie des kognitiven Kapitalismus die Sexarbeit ebenso wie die Auseinandersetzung mit Sexualisierung weitgehend, wohingegen – teilweise unter Berufung auf frühere feministische Texte zur „emotionalen Arbeit“, die oft verdrängt und vergessen wurden – beispielsweise von einer Pornografisierung der Arbeit die Rede ist (vgl. Preciado 2008: 262).

Embodied Capitalism

„Die Modulation ist ein Modus der Machtausübung. Sie wirkt auf den Körper ein, aber gerade diese verkörperlichte Dimension steht auf dem Spiel“, schreibt Maurizio Lazzarato (2007: 265). Die von ihm vorgenommene Trennung zwischen dem verkörperten Gedächtnis der Disziplinargesellschaft und dem Gedächtnis als „Geist“ in der Kontrollgesellschaft könnte aber selbst im Sinne jenes Modus’ der Modulation gesehen werden, innerhalb dessen Subjekte ebenso produziert werden wie Intellekte und eben auch Körper. Maria Ruido (2011) spricht deshalb von „Produktionskörpern“ und schlägt vor, nicht nur all das, was den Körper diszipliniert und stresst, sondern auch alles, was ihn konstruiert, als Arbeit zu definieren:

„[...] the working body has expanded and diversified. With the dissolution of the usual hierarchies of industrial capital and the imposition of a false reticularity that expands everything that is related to work to all spaces and times, we all have become ‚bodies of production‘.“

Die These eines „verkörperten Kapitalismus“ verdeutlicht diese spezifische Zentralität des Körpers in heutigen Arbeits-, Grenz- und Mobilitätsregimen. Nicht umsonst ist im Kontext einer Analyse der transnationalen Rekrutierung von IT-ArbeiterInnen ganz offen von body shopping die Rede (vgl. Biao 2007). Die kapitalistische Wertproduktion verläuft über die vielfältigen Formen (re-)produzierter, konstruierter Körperlichkeiten im Zusammenspiel mit Kontrolle und Mobilität bzw. deren Zusammenwirken als zentrale Elemente heutiger Produktionsweisen.

Die Frage nach der Konstituierung des Körpers unter dem postfordistischen Paradigma der immateriellen Produktion lässt an Donna Haraways (1988) Forderung aus den späten 1980er Jahren denken: „We need the power of modern critical theories of how meanings and bodies get made, not in order to deny meanings and bodies, but in order to build meanings and bodies that have a chance for life.“

Therese Kaufmann arbeitet am eipcp in Wien.

Anmerkung

Der vorliegende Text ist eine gekürzte Fassung des Texts „Materialität des Wissens“

Literatur

Federici, Silvia (2004): Caliban and the Witch. Women, the Body and Primitive Accumulation, New York: Autonomedia 2004.

Gutiérrez Rodríguez, Encarnación (2010): Migration, Domestic Work and Affect. A Decolonial Approach on Value and the Feminization of Labor, New York: Routledge.

Haraway, Donna (1988): „Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective”, in: Feminist Studies, Vol. 14, No. 3. (Autumn, 1988), S. 575-599.

Lazzarato, Maurizio (2007), „Leben und Lebendiges in der Kontrollgesellschaft“, in: M. Pieper, Th. Atzert, S. Karakayali und V. Tsianos (Hg.), Empire und die biopolitische Wende. Die internationale Diskussion im Anschluss an Hardt und Negri, Frankfurt/New York: Campus, S. 253-268.

Preciado, Beatriz (2008): Testo yonqui, Madrid.

Roggero, Gigi (2011): The Production of Living Knowledge. The Crisis of the University and the Transformation of Labor in Europe and North America, Philadelphia: Temple University Press.

Ruido, María (2011): Just Do It! Bodies and Images of Women in the New Division of Labor. Unter

Stephenson, Niamh/Papadopoulos, Dimitris (2006): Analysing Everyday Experience. Social Research and Political Change, Hampshire, New York: Palgrave Macmillan.

Biao, Xiang (2007): Global „Body-Shopping“: An Indian Labor System in the Information Technology Industry, Princeton: Princeton University Press.

 
 

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