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INHALT 02/2011

 

Arbeit

Martin Wassermair

Der 1. Mai beginnt in der Avenue Kakatare regelmäßig schon am Tag davor. Wie alle anderen Verkehrswege der Innenstadt sollte auch 2011 die lange Achse ins Zentrum wie eine Flaggenallee in Grün-Rot-Gelb erstrahlen. Als Zeichen der Verbundenheit mit der Nation, die ansonsten im geschäftigen Alltag entlang der zerfurchten Straße nicht von vitaler Bedeutung ist. Doch die bunt schillernde Dekoration fand in diesem Jahr nicht die höchste Anerkennung. Der auf einer nahen Anhöhe residierende Gouverneur ließ sich nicht persönlich blicken, sondern entsandte seinen Generalsekretär zu den Maifeierlichkeiten auf der anderen Seite der Stadt, wo nach dem einfachen Volk auf der Straße nun auch die Spitzen aus Politik, Militär und Wirtschaft auf die offizielle Eröffnung warteten.

Endlich erschloss sich dem Telegraphenamt, was diesen Tag aus der Perspektive des Südens so besonders macht. Der 1. Mai steht hier im Sahel nicht in der Tradition des internationalen Kampfes gegen kapitalistische Ausbeutung und die Entrechtung des Proletariats. Die vielen tausenden Menschen sind, so wie auch in den großen Zentren Douala und Yaoundé, schon in den frühen Morgenstunden zum Boulevard der großen Aufmärsche geeilt, um einem Spektakel beizuwohnen, das den 1. Mai zu einem gesellschaftlichen Stelldichein erklärt. Frieden – Arbeit – Vaterland. Die Republik Kamerun hat schon in der Dreifaltigkeit ihrer Verfassungssymbole deutlich aufgezeigt, dass Arbeit nicht durch politischen Dissens auf der Straße geschaffen wird, sondern nur im engen Schulterschluss mit den Herrschenden, die nun auch in Maroua mehrere Stunden lang die ehrerbietende Aufwartung der Werktätigen entgegen nahmen.

Banken, Spitäler, Glücksspielunternehmen, Universitäten, Versicherungen, Ministerien und nicht zuletzt die Müllabfuhr marschierten im Paradeschritt an den Mächtigen vorbei, so als wäre die Zuversicht in deren Wirken unermesslich. Das Gesamtbild der Darbietung erstrahlte in einer einzigartigen Farbenpracht, wobei die Beteiligten auf variantenreich gefertigten Stoffen die enge Verbundenheit mit ihrem Betrieb im wahrsten Sinne des Wortes verkörperten. Umso erstaunlicher, dass noch zu Beginn der Veranstaltung ein Gewerkschaftsvertreter zu Wort gekommen war, der die Aufmerksamkeit dieser Eintracht kurz auf so manche Schattenseite des Arbeitsalltags lenken konnte. Hinter den Goldmedaillen, die an diesem Tag besonders verdienten Beschäftigten in staatsnahen Unternehmen verliehen wurden, offenbaren sich nämlich sehr wohl eine ganze Menge sozialer Unsicherheiten. Noch immer erfolgt die Praxis von Kündigungen weitgehend willkürlich. Kollektivrechte werden zudem ebenso oft ignoriert wie auch Gehaltsvereinbarungen und allfällige Sozialleistungen für die Familienangehörigen. Da können die Regierungsriegen auf den Tribünen noch so oft den unermüdlichen Einsatz der öffentlichen Dienste preisen, die Tatsache bleibt unverrückbar, dass die Säule Arbeit im Gefüge des Staates auf ausgesprochen fragilen Beinen steht.

Der 1. Mai war wie jedes Jahr auch 2011 irgendwann vorüber. Zurück bleiben die Realitäten des täglichen Lebens, in dem es über Arbeit nicht viele Worte zu verlieren gibt. Unweit des Telegraphenamts klopfen junge Frauen Steine zu kleinteiligen Zementbeigaben für den Verkauf entlang der Straße. Zu den Folgen dieser Schinderei zählen schwerwiegende Atemwegerkrankungen, deren medizinische Behandlung für die meisten ohne soziale Absicherung unerschwinglich bleibt. Vielleicht wird dadurch verständlich, warum doch sehr viele Menschen der Stadt dem Festtag der Arbeit schlicht ferngeblieben sind.

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